Ebola-Virus: Der Keim der Angst

Ebola-Virus: Der Keim der Angst

Besonders epidemisch sind am aktuellen Ebola-Ausbruch die mit Hingabe gepflegten Bedrohungsszenarien für alle Welt. Ein Kommentar von Alwin Schönberger .

Generell tut man gut daran, folgende kluge Regel zu beherzigen: Man soll Katastrophen und deren Ausmaß nicht gegeneinander aufrechnen. Dass ein furchtbares Ereignis mehr Leid verursacht als ein anderes, nimmt dem zweiten nicht den Schrecken. Doch manchmal scheint es angebracht, diese Regel kurzfristig außer Kraft zu setzen, und zwar allein zu dem Zweck, die wahre Dimension einer Bedrohung mit nüchternen Fakten abzustecken.
Bis Ende vergangener Woche sind knapp 4000 Menschen an einer Infektion mit dem Ebola-Virus verstorben, das seit einem dreiviertel Jahr in Westafrika kursiert. Das ist grauenvoll für jedes einzelne Opfer, für jeden Angehörigen, grauenvoll für all jene Helfer, die verzweifelt versuchen, der Epidemie in den betroffenen Gebieten Herr zu werden.

Die Grippe, eine uns vertraute und wohl deshalb in unseren Ohren nicht besonders spektakulär klingende Infektionskrankheit, fordert, je nach Stamm, weltweit rund 300.000 Tote. Jedes Jahr. Allein in Österreich sterben daran jährlich etwa 1000 Menschen. Grippeviren haben das Potenzial, zur globalen Bedrohung zu werden: Eine winzige, launische Manipulation der Natur, und das Virus heftet sich plötzlich mit Vorliebe an humane Zellen statt an solche von Vögeln.

Oder Dengue, ebenfalls eine tropische Erkrankung, die sich vermehrt in nördliche Gefilde ausbreitet: 50 Millionen Infizierte jedes Jahr, eine halbe Million schwer Erkrankte, mehr als 20.000 Tote. Zwar sind die Mortalitätsraten bei Weitem nicht so hoch wie bei Ebola, doch auch Dengue kann innere Blutungen verursachen, und ein Impfstoff ist ebenfalls nicht verfügbar.

Und die Erreger von Grippe und Dengue nutzen furchtbar effektive Strategien der Verbreitung: Erstere klammern sich an Tröpfchen, segeln mühelos durch die Luft von Opfer zu Opfer, wobei die Überträger meist gar nicht wissen, dass sie solche sind – denn die höchste Infektiosität geht hier den Symptomen voraus. Zweitere bedienen sich eines anpassungsfähigen und hoch mobilen Spediteurs: Sie lassen sich von Stechmücken durch die Welt tragen, von Insekten wie der Tigermücke, die längst auch europäische Regionen besiedelt.

Ebola dagegen ist, so schaurig die Folgen einer Infektion sind, relativ schwer übertragbar: Atemluft und Gelsen scheiden als Vektoren aus, nur der direkte Kontakt mit Körperflüssigkeiten ermöglicht einen Virustransfer – was eigentlich inzwischen Allgemeinwissen ist, aber vom mit drastischen Worten beschworenen Szenario, eine hochansteckende Seuche umzingle nunmehr auch die westliche Welt, hoffnungslos überlagert wird. Auch ein zweiter Umstand muss unterstrichen werden: Nur wer bereits massive Symptome verspürt, kann das Virus übertragen. Umgekehrt bedeutet das: Die Vorstellung von Ebola-Patienten, die auf Flughäfen oder in sonstigen öffentlichen Räumen großflächig Erreger verbreiten, ist hochgradig abwegig. Wer ansteckend ist, unternimmt im Regelfall keine ausgedehnten Reisen mehr.

Das schließt nicht aus, dass unwissentlich Infizierte nach Europa oder in die USA gelangen und dann an ihrem Zielort erkranken, was ja auch geschehen ist. Sehr wahrscheinlich werden wir von weiteren solchen Fällen erfahren, doch es macht einen gravierenden Unterschied, ob Mediziner mit einzelnen Patienten konfrontiert sind (deren Schicksal wesentlich von Kompetenz und Ausstattung der jeweiligen Klinik abhängt), oder ob die Öffentlichkeit mit dem Eindruck einer „Seuche“ traktiert wird, die vor unseren Toren stünde. Es erzeugt unweigerlich ein bestimmtes Bild in den Köpfen, wenn ständig von „Notfallplänen“ die Rede ist, unsinnige Formulierungen wie „Ein Virus kennt keine Grenzen“ bemüht und „Verdachtsfälle“ auch auf österreichischem Boden vermeldet werden. Letzteres heißt zwar nicht mehr, als dass der Verdacht eben falsch war, doch es klingt so, als wäre es gerade nochmal gut gegangen.

Seltsam erscheint auch die Informationspolitik der WHO. Da wurden vor Wochen 20.000 Ebola-Opfer prophezeit, dann wieder hieß es, die Zahl der Neuinfektionen sei rückläufig, und schließlich erfuhren wir, Ebola sei in Europa „unvermeidlich“. Was insofern stimmte, als es zu dem Zeitpunkt genau einen spanischen Fall gab, wodurch es sich um eine zuverlässige Prognose in die Vergangenheit handelte.

Vielleicht macht die Geschichte der Entdeckung und der früheren Ausbrüche von Ebola den besonderen Thrill aus: ein mysteriöser Erreger tierischen Ursprungs aus dem Dschungel mit exotischem Namen, der immer wieder wie aus dem Nichts aufzutauchen schien, rasch eine hohe Zahl der Befallenen tötete und dann so schnell wieder spurlos verschwand, dass die Wissenschafter seiner lange Zeit nicht habhaft wurden. Das klingt beängstigend, fast wie ein teuflischer Plan, auch wenn wir uns de facto einer, wenn auch für die Betroffenen schrecklichen, Infektionskrankheit regionalen Ausmaßes gegenübersehen.

Freitag vergangener Woche wurde übrigens, eingebettet in diverse Ebola-Nachrichten, vor internationalen Flughäfen als Virendrehscheibe gewarnt. Erst wenn man näher hinsah, wurde deutlich, welcher Erreger dort speziell verteilt werden kann: die Grippe.