Ebola: Was man über die Epidemie wissen muss

Ebola: Was man über die Epidemie wissen muss

Kaum ein Tag ohne spektakuläre Details zur aktuellen Ebola-Epidemie. Doch vieles ist übertrieben – die Vorstellung hochinfektiöser Weltreisender, welche die Seuche global verbreiten, ebenso wie aufkeimende Begeisterung über vermeintliche Wundermittel. Eine überfällige Faktensammlung.

Was genau ist Ebola?
Ebola zählt zur Familie der Filoviren. Markant ist die fadenförmige, verschlungene Form. Das Virus kann bis zu 14.000 Nanometer (0,014 Millimeter) lang werden, der Durchmesser beträgt stets 80 Nanometer. Der Gattungsname leitet sich vom Fluss Ebola im Kongo her, in dessen Nähe 1976 die ersten Infektionen registriert wurden. Gegenwärtig sind fünf Virustypen erfasst, benannt nach den Regionen ihres ersten Auftretens: Zaire-Ebolavirus, Sudan-Ebolavirus, Reston-Ebolavirus, Bundibigyo-Ebolavirus sowie Tai-Forest-Ebolavirus. Der Reston-Typ ist insofern ein Sonderfall, als er nicht-menschliche Primaten befällt, nicht aber Menschen, wie sich nach einer Erkrankungsserie unter Affen in einer US-Quarantänestation herausstellte.

Bei Ebola handelt es sich um eine Zoonose: eine Infektionskrankheit, die plötzlich vom Tier auf den Menschen überspringt, oft über den Umweg eines Zwischenwirts – etwa von Fledermäusen auf Nutztiere und von diesen auf den Menschen. Auch HIV ist eine Zoonose, die Vogelgrippe ebenfalls. Üblicherweise schadet das Virus dem ursprünglichen Wirt, dem Reservoirwirt, nicht. Erst die nachfolgenden Spezies erkranken und stellen eine Art Irrtum dar – denn sonderlich praktisch ist es für das Virus nicht, die eigene Existenzgrundlage zu zerstören, indem es seinen Wirt tötet.

Wie gefährlich ist Ebola?
Aufgrund der generell hohen Sterblichkeitsraten zählt Ebola zu den gefährlichsten Erregern, deutlich übertroffen nur durch die Tollwut. Das lebensbedrohliche Potenzial hängt einerseits vom jeweiligen Subtyp ab, wobei der aktuell grassierende Stamm Zaire als der bedenklichste gilt. Allerdings schwanken die Todesraten je nach Region: In Sierra Leone lag sie per Stand Ende August bei 41 Prozent, in Liberia bei 66 Prozent. Im Schnitt aller betroffenen Länder starben knapp mehr als 50 Prozent der Erkrankten. Bei früheren Ausbrüchen betrug die Letalität bis zu 88 Prozent. Tatsächlich hängt die Mortalitätsrate einer Epidemie aber keineswegs nur vom Erregertyp ab, sondern auch von anderen Faktoren – vor allem von der Qualität und dem Ausmaß der medizinischen Versorgung vor Ort.
Wie erfolgt die Infektion?

Ebola ist zwar hochinfektiös, dennoch braucht es deutlich engeren Kontakt zu Infizierten als beispielsweise bei der Grippe, um sich anzustecken. Während Grippeviren in Tröpfchen der Atemluft umherschwirren, wird Ebola mittels Blut, Körperflüssigkeiten oder durch den Verzehr infizierten Fleisches übertragen. Die typischen Ansteckungswege: wenn Pfleger oder Mediziner unzulänglich geschützt die Körpersekrete Infizierter aufwischen oder Behandlungen durchführen; wenn Dorfbewohner, einer kulinarischen Tradition folgend, einen toten Affen aus dem Busch schleppen und ihn verzehren (eine häufige Ursache für die Stunde null solcher Ausbrüche); oder wenn Menschen, ebenfalls einem Ritus gehorchend, vor der Beerdigung ihre Toten waschen, welche die Epidemie bereits dahingerafft hat. Leichen sind in der Phase unmittelbar nach dem Tod besonders infektiös, weil keine Immunreaktionen mehr vorhanden sind, welche die Virenaktivität bremsen könnten. Deshalb mahnen Experten massive Aufklärungstätigkeit in den häufig betroffenen Gebieten ein, um das Risiko solcher Gepflogenheiten zu verdeutlichen.

Die Inkubationszeit beträgt zwei bis 21 Tage, zumeist acht bis zehn Tage. Typische Symptome sind hohes Fieber, Hals-, Kopf- und Muskelschmerzen sowie Erbrechen. Besonders schauerlich für Erkrankte, Angehörige und Helfer sind die inneren Blutungen, die Ebola verursacht. Sie werden durch einen Prozess namens Disseminierte Intravasale Koagulation ausgelöst, der die Blutgerinnung beeinflusst.

Warum überstehen manche Menschen die Infektion?
Mitunter klingt an, es gebe Leute, die eine Art angeborenen Virenschutz besäßen, gleichsam immun gegen Ebola seien. Das trifft nicht zu. Allerdings überstehen gar nicht wenige Menschen eine Infektion und genesen wieder. Vermutlich entfalten hier verschiedene Faktoren ihre Wirkung: der generelle Gesundheitszustand und Immunstatus einer Person, deren Alter, Lebens- und Ernährungsweise sowie nicht zuletzt die Virusdosis, die diese Person abbekommen hat. Zudem entwickelt eine beachtliche Anzahl von Menschen nicht einmal Krankheitssymptome. Analysen bei früheren Ausbrüchen zeigten, dass in Krisengebieten bei bis zu 20 Prozent der Untersuchten Ebola-Antikörper im Blut zirkulierten, ohne dass diese Personen an Symptomen litten. Was bedeutet: Die Todesrate unter den bereits Erkrankten ist zwar im Schnitt hoch, aber unabhängig davon prägt ein Fünftel der Menschen gar kein Erkrankungsbild aus.

Woher stammt das aktuelle Virus?
Dies ist die detektivische Frage, die sich bei allen Epidemien stellt: Woher kam das Virus? Auf welchen Routen breitete es sich aus? Wer ist der Indexpatient, jener erste Erkrankte, der sich den Erreger durch einen Tierkontakt einfing und dann andere Menschen ansteckte? Ein paar Antworten liegen bereits vor, weil ein Forscherteam der Universität Harvard 99 Virenproben von 78 Patienten genetisch analysierte, die im Mai und Juni in Sierra Leone erkrankten. Der genetische Abgleich mit früheren Stämmen ergab, dass der aktuelle Typ vor zehn Jahren aus Zentral- nach Westafrika eingeschleppt wurde, vermutlich von einem Tier. So kam es zu ersten Infektionen in Guinea. Von dort nach Sierra Leona gelangte das Virus laut weiteren Recherchen durch zwölf Frauen, die einer Beerdigung von Ebola-Opfern beiwohnten und dann ins Nachbarland reisten. Nach Nigeria kam es im August durch eine einzige Person: einen Diplomaten, der aus einem Krisengebiet in Liberia nach Lagos fuhr, um dort bessere medizinische Versorgung zu erhalten.

Die genetischen Analysen zeigen auch, dass sich das Virus wandelt: In 341 Mutationen weicht es von den Erregern früherer Ausbrüche ab, und 55 weitere Mutationen belegen, dass sogar im Verlauf der aktuellen Epidemie bereits Änderungen im Viruserbgut auftraten. Fünf jener Forscher, die Daten für die Studie sammelten, leben nicht mehr: Sie infizierten sich während der Erhebungen vor Ort.

Wie kam Ebola überhaupt in die Welt?
Diese Frage beschäftigt die Wissenschaft seit fast 40 Jahren – seit zwei Ebola-Stämme im Jahr 1976 erstmals im Norden des damaligen Zaire sowie im Sudan (heute Südsudan) auftraten und in Summe 430 Tote forderten. Die Fachwelt stand vor einem Rätsel: Der Erreger war völlig unbekannt, tötete rasch und grausig und verschwand dann fast so plötzlich, wie er gleichsam aus dem Nichts aufgetaucht war, was es extrem erschwerte, die Spur des Virus zu verfolgen. Und nach einer ersten Serie von Ausbrüchen bis 1979 verschonte Ebola die Menschheit 15 Jahre lang – bis Goldarbeiter in Gabun erkrankten oder starben.

Endgültig bewiesen ist die ursprüngliche Quelle noch immer nicht, doch es liegen starke Indizien dafür vor, dass es sich beim Reservoirwirt um Flughunde handelt. 2006 gelang es einer Forschergruppe, drei Arten dieser fledermausähnlichen Tiere als wahrscheinliche Überträger zu identifizieren. Im Serum der Flughunde fanden die Experten ebolaspezifische Antikörper und, in Leber und Milz, auch Fragmente des Virusgenoms. Die Flughunde selbst waren nicht erkrankt, was die Annahme plausibel macht, dass sie als Virusreservoir dienen.

Die weitere Infektionskette könnte wie folgt verlaufen sein: Die Flughunde infizierten Affen, die verendeten und von Menschen aus den Wäldern mitgebracht und gegessen wurden. Auch einer der drei untersuchten Flughunde steht in manchen Regionen auf dem Speisezettel.

Wie wahrscheinlich ist eine weltweite Verbreitung?
Sehr unwahrscheinlich. Zwar wurden immer wieder Verdachtsfälle gemeldet, wonach möglicherweise Infizierte nach Europa gelangt seien, etwa nach Schweden und in zwei Fällen auch nach Österreich. Doch stets war rasch klar, dass es sich um Fehlalarm handelte. Das im Grunde niedrige Risiko für Europa erklärt sich aus dem Infektionsverlauf: Anders als zum Beispiel Grippe ist Ebola erst dann infektiös, wenn sich bereits massive Symptome einstellen – bis zu diesem Zeitpunkt kann das Virus nicht weitergegeben werden. Gravierende Symptome unterbinden eine extensive Reisetätigkeit jedoch praktisch vollends. Folglich wäre es theoretisch wohl denkbar (wenn auch aufgrund der doch eher komplexen Ansteckung nicht unbedingt wahrscheinlich), dass ein unwissentlich Infizierter Afrika verlässt, doch während der Reise könnte er niemanden anstecken – und dadurch eine breite Streuung infektiösen Materials verursachen. „Es wäre eine extrem ausgerissene Vorstellung, dass ein Ebolakranker unbeschwert durch die Flughäfen spaziert“, sagt Herwig Kollaritsch, Professor für Tropenmedizin an der Medizinischen Universität Wien. „Das sind apokalyptische Endzeitszenarien.“

Ist der aktuelle Ausbruch tatsächlich einzigartig?
Ja, aus zwei Gründen. Erstens betrafen bisherige Ausbrüche meist relativ abgegrenzte Landstriche einzelner Länder, nun wurden seit Februar nach und nach sechs Länder heimgesucht: Guinea, Liberia, Sierra Leone, Nigeria, Senegal und die Republik Kongo. Zweitens ist die Opferzahl vergleichsweise hoch. Per Stand Ende August wurden 3069 Erkrankungs- und 1552 Todesfälle registriert, von denen allerdings nicht alle offiziell bestätigt sind. Damit ereilte Ebola in den vergangenen Monaten annähernd so viele Menschen wie bei sämtlichen bisherigen Ausbrüchen insgesamt: Von 1976 bis Jahresbeginn 2014 erkrankten, addiert man die Zahlen aller Epidemien, 2825 Menschen, 1728 Personen starben. In Summe verursachte Ebola damit im Verlauf der vergangenen 38 Jahre weltweit knapp 6000 Erkrankungs- und fast 3300 Todesfälle.

Mit ein Grund für das Ausmaß der aktuellen Epidemie dürfte sein, dass dichter besiedelte Gebiete betroffen sind, in denen sich Menschen mit relativ hoher Mobilität aufhielten. Verschärft wurde das Problem durch die infolge der hohen Fallzahlen eingetretene Überlastung der Helfer, Ärzte und Forscher, verbunden mit Engpässen an Infrastruktur für Desinfektion und Isolation sowie an Schutzbekleidung. Es erkrankten mit rund 240 Personen auch auffallend viele Beschäftigte des Gesundheitswesens. Die Beschaffenheit und Aggressivität des Virus selbst ist nach gegenwärtigem Stand des Wissens nicht ausschlaggebend.

Prognosen, wonach die Zahl der Erkrankten bis auf 20.000 ansteigen könnte, hält Experte Kollaritsch dennoch für höchst spekulativ: „Das ist so seriös wie Kaffeesudlesen.“

Ist eine Behandlung in Sicht?
In den vergangenen Wochen machten zahlreiche Berichte über Therapeutika oder Impfstoffe die Runde, die gegen Ebola wirken könnten. So präsentierten die US National Institutes of Health und der Pharmakonzern GlaxoSmithKline einen potenziellen Impfstoff gegen den Virustyp Ebola-Zaire, der eine Immunantwort hervorrufen und noch im September an 140 Freiwilligen getestet werden soll. Aus kanadischen Labors stammt ein weiteres Präparat, das bereits erfolgreich an Affen erprobt wurde. Japan entwickelte ein Arzneimittel namens T-705, das auf einem Wirkstoff gegen Grippe basiert. Die größte Aufmerksamkeit erntete eine Entwicklung namens ZMapp, die auf einer passiven Immunisierung beruht: Der Patient produziert keine eigenen Antikörper, sondern bekommt eine hohe Dosis von ebolaspezifischen Antikörpern verabreicht. Zudem wurde vorgeschlagen, Erkrankte mit dem Serum oder Plasma von Überlebenden zu behandeln, deren Blut naturgemäß Antikörper gegen das Virus enthält – eine zwar sinnvolle, jedoch praktisch schwer umzusetzende Idee, weil neben der Frage, wie man in dem Chaos der grassierenden Epidemie passende Spender identifiziert, auch hygienische Risiken zu bewältigen wären.

Gemeinsam ist sämtlichen Ansätzen: Kein Präparat ist zugelassen, sämtliche Präparate befinden sich in Stadien der Entwicklung und werden allenfalls in Tierversuchen getestet, ZMapp zum Beispiel an 18 Rhesusaffen, die trotz bereits ausgeprägter Erkrankungssymptome geheilt werden konnten. Allerdings sind Resultate aus Tierstudien nicht einfach auf den Menschen übertragbar. Angesichts der dramatischen Situation wurde dennoch gestattet, ZMapp als experimentelles Serum humanen Patienten zu verabreichen – mit Teilerfolgen: Zwei amerikanische Erkrankte zeigten eine deutliche Verbesserung ihres Zustandes binnen weniger Stunden, ein Spanier dagegen, der in Liberia tätig gewesen war, verstarb trotz der Behandlung.

„Der Ansatz ist zweifellos gescheit“, urteilt Kollaritsch. „Aber es mangelt schlicht an Erfahrung. Ob es wirklich wirkt, ist aus klinischer Sicht nicht zu sagen.“ Von entscheidender Bedeutung könnte sein, zu welchem Zeitpunkt der Erkrankung die Arznei verabreicht wird. Möglicherweise können die Viren nur unschädlich gemacht werden, solange sie gleichsam frei im Körper kursieren. Hat indes die Vermehrung des Virus in Organen begonnen, könnte es zu spät sein. „Das Zeitfenster ist vielleicht sehr schmal“, so Kollaritsch. Überdies gebe es sogar Infektionen, etwa mit Dengue-Fieber, bei denen vorhandene Antikörper einer Erstinfektion sogar schädlich seien. Schließlich ist unklar, ob die jüngst diagnostizierten Mutationen des Virus die Behandlung tangieren, auch wenn Kollaritsch dies eher nicht annimmt: „Die Mutationen müssen nicht zwangsläufig jene Strukturen betreffen, auf welche die Antikörper abzielen."