Erbsünden: Der Hauptgrund für mangelnde Leselust ist sozialer Natur

Erbsünden: Der Hauptgrund für mangelnde Leselust ist sozialer Natur

Der Hauptgrund für mangelnde Leselust ist sozialer Natur – Konkurrenz durch elektronische Medien ist zweitrangig.

Zumindest auf den ersten Blick suggerieren die meisten Daten, dass Lesen beständig an Stellenwert verliert – und damit auch die Leseleistung sinkt. Nicht einmal eine Viertelstunde täglich, so zeigen Umfragen, bringen die Österreicher für Lektüre auf, dagegen sitzen sie fast zwei Stunden vor dem TV-Apparat. Für mehr als die Hälfte der 14- bis 15-jährigen Mädchen hat Lesen einen niedrigen Stellenwert, bei den Buben in dem Alter sind es sogar fast 80 Prozent.

Doch die Defizite sind kein Phänomen unserer Tage: Zwar attestierte die jüngste PISA-Studie einem Fünftel der österreichischen Schüler, am Ende der Pflichtschulzeit nicht in der Lage zu sein, den Sinn gedruckter Information zu erfassen – doch vergleichbare Untersuchungsreihen unter Erwachsenen zeigen, dass die Lesekunst früher keineswegs ausgereifter war. Besonders miserabel las die Nachkriegsgeneration, seit damals steigt die Lesefähigkeit kontinuierlich an. Allerdings fällt es heute mehr ins Gewicht, wenn Menschen geschriebenen Text unzulänglich verstehen. Kaum mehr ein Job in der Ära des allgegenwärtigen Computers, in dem dies nicht bedeutsam sei, argumentiert die Salzburger Germanistin Doris Schönbaß.

Aus all dem ergibt sich aber auch der Schluss, dass nicht die Nutzung digitaler Geräte die Leseleistung schmälert – auch wenn die beträchtlich erweiterten Möglichkeiten der Freizeitgestaltung durch Handys oder Computerspiele das Lesen konkurrenzieren. Der wichtigste Faktor ist jedoch sozialer Natur: Haben schon die Eltern kaum Freude am Buch, überträgt sich dies meist auch auf den Nachwuchs, wie Erhebungen zeigen, wonach die Lesekompetenz mit der Zahl der Bücher im Haushalt der Eltern korreliert. In dieser Studie sagten 13 Prozent der Jugendlichen, bei ihnen daheim gebe es maximal zehn Bücher, bei einem Drittel zwischen standen 25 bis 100 Werke im Regal. Nur neun Prozent berichteten von 500 oder mehr Büchern.