Infektionen: Exotische Viren breiten sich auch in Österreich aus

Die Asiatische Tigermücke

Die Asiatische Tigermücke

Ob West-Nil-Virus oder Usutu: Enge Verwandte des in Südamerika grassierenden Zika-Erregers breiten sich auch in Österreich aus. Experten heften sich nun systematisch auf die Fährten von Stechmücken, um die Gefahren abzuschätzen.

Vermutlich hat sie sich nicht viel dabei gedacht. Eine lästige, aber harmlose Sommergrippe, wird die 44-jährige Wienerin wohl angenommen haben. Heute weiß man, dass ihre Muskelschmerzen und die Abgeschlagenheit eine ganz andere Ursache hatten. Die Erkenntnis verdankt sich einem zufälligen zeitlichen Zusammentreffen. Drei Tage vor dem Einsetzen der Symptome, am 12. August 2014, hatte die Frau Blut gespendet, und ein Routine-Screening ergab: Im Blut der Patientin kursierte ein Erreger, den man gemeinhin mit fernen Weltregionen verbindet – das West-Nil-Virus.

Die Frau war zwar im Ausland gewesen, aber nur in Barcelona, und auch diese Reise lag schon sechs Monate zurück. Wie also sollte sich die Infektion erklären? Ein Forscherteam, dem der Wiener Virologe Norbert Nowotny und der Ökologe Bernhard Seidel angehörten, hatte rasch einen Verdacht. Um diesen zu erhärten, wurden an fünf Stellen in Wien potenzielle Überträger der Krankheit gesammelt und am Institut für Virologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien untersucht: Gelsen sowie deren Eier und Larven. An zwei Orten verbuchten die Experten Treffer, wie sie im Vorjahr in einem Fachartikel berichteten: Die Insekten trugen das West-Nil-Virus in sich, darunter solche, die vom Ottakringer Friedhof stammten – nur 500 Meter vom Wohnhaus der Patientin entfernt, die sich zudem an mehrere Gelsenstiche während der Gartenarbeit erinnerte.

Bemerkenswert ist, dass sich nicht etwa exotische Stechmücken nach Wien verirrt und das Virus importiert hatten. Vielmehr handelte es sich um Hausgelsen, die bei uns seit jeher heimisch sind. Nicht nur für viele Laien sei dies wohl verblüffend, meint Seidel. Selbst der Fachwelt sei oft wenig bewusst, dass es meist gewöhnliche Hausgelsen sind, die solch virale Fracht beherbergen und damit auch als deren Überträger infrage kommen.

Wenn aber einheimische Insekten exotische Viren in sich vermehren und weitergeben können – und damit „kompetente“ Vektoren sind, wie es im Fachjargon heißt –, bedeutet dies zugleich: Erreger wie das West-Nil-Virus treten inzwischen nicht nur fallweise durch singuläre Einschleppungen auf, sondern sind in Österreich gewissermaßen ansässig geworden. Genau davon geht Norbert Nowotny aus, Professor für Virologie an der Veterinärmedizinischen Universität: „Das West-Nil-Virus breitet sich bei uns aus. Und wo es sich einmal etabliert hat, dort bleibt es auch.“

Virologe Norbert Nowotny

Virologe Norbert Nowotny

Mit dieser Dauerpräsenz in Österreich unterscheidet es sich erheblich von einem engen Verwandten, der ebenfalls zur großen Familie der Flaviviren zählt und zuletzt deutlich mehr Aufmerksamkeit erfuhr: vom Zika-Virus, das in Mittel- und Südamerika seit Monaten enorme Probleme bereitet. Rund 1,5 Millionen Menschen steckten sich allein in Brasilien an, wobei immer noch gerätselt wird, wie es zu diesem bislang größten Ausbruch kam. Lange blieb Zika, das – wie auch das West-Nil-Virus – in Uganda erstmals aufgespürt wurde, auf Afrika, Südostasien und einige Pazifikinseln beschränkt. „Man weiß bis heute nicht, wie das Zika-Virus nach Südamerika gelangt ist“, sagt Nowotny.

Böse Folgen scheint das sonst relativ harmlose Virus für Schwangere haben zu können: Mehr als 5000 Fälle von Schädelmissbildungen bei Neugeborenen wurden mittlerweile erfasst, bei mehreren Hundert davon ist inzwischen eine Zika-Infektion diagnostisch erwiesen. Vorige Woche äußerten Mediziner im Fachblatt „The Lancet“ einen weiteren Verdacht: Im Gefolge einer Zika-Infektion könnte das mysteriöse Guillain-Barré-Syndrom auftreten, eine akute Nervenentzündung, die Lähmungen hervorrufen kann. In Französisch-Polynesien wurden bereits gleichzeitige Häufungen von Zika- und Guillain-Barré-Fällen festgestellt.

So kritisch sich die Situation in Südamerika darstellt, so wenig wahrscheinlich erscheint derzeit ein Überschwappen auf Europa. Zwar wurden hier einige Zika-Infektionen registriert, auch in Österreich. Eine Slowenin musste nach einer Brasilienreise sogar ihre Schwangerschaft abbrechen, im Fötus wurde das Virus gefunden. Doch stets brachten die Patienten die Erreger von ihren Reisen mit, weshalb man bei uns ausschließlich mit einzelnen, isolierten Fällen konfrontiert war – wobei das Virus eliminiert ist, sobald sich die davon betroffene Person erholt hat. Hingegen fanden keine „autochthonen“ (eigenständigen) Infektionen durch Insekten auf europäischem Boden statt, weil der momentan einzig unzweifelhafte Überträger, der ägyptische Tigermoskito, hier nicht heimisch ist. Angenommen wird allerdings, dass die asiatische Tigermücke als Vektor dienen könnte, die inzwischen Südeuropa besiedelt hat.

Hausgelsen als Überträger

Österreichischen Experten verursacht Zika daher derzeit noch wenig Kopfzerbrechen, wohl aber beispielsweise das West-Nil-Virus. Auch andere vormals fremde Erreger tauchen inzwischen mehr oder minder regelmäßig an verschiedenen Stellen Österreichs auf. Dazu zählt etwa Usutu, ebenfalls ein aus Afrika stammendes Flavivirus, das zu Beginn des Jahrtausends ein großes Amselsterben auslöste und in Italien sogar unter Menschen zu Todesfällen führte. Bernhard Seidel spürte mit dem Usutu-Virus infizierte Gelsen 2002 und 2003 besonders in Niederösterreich auf. Auch da waren vor allem Culex-Arten betroffen: die Hausgelsen. Im Burgenland stießen die Forscher gar auf Plasmodien – Parasiten, die zur Gruppe der Malariaerreger gehören.

Ein großes Bedrohungsszenario heraufzubeschwören, wäre dennoch völlig übertrieben. Aber eine Überwachung der Situation und eine Beobachtung der Entwicklung sind allemal sinnvoll. Zwar verlaufen West-Nil-Infektionen in aller Regel – wie auch solche durch Zika und Usutu – recht milde, bei einem gewissen Prozentsatz kommt es jedoch zu schweren Verläufen. Rund 80 Prozent der Infizierten beschert das West-Nil-Virus keinerlei Symptome; sie merken oft nicht einmal, dass sie sich die Mikrobe eingefangen haben. Die restlichen 20 Prozent entwickeln meist Beschwerden, die für grippale Infekte typisch sind: Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, geschwollene Lymphknoten. Bei einem von etwa 150 Infizierten wird jedoch das zentrale Nervensystem angegriffen, was mit Lähmungserscheinungen, Krämpfen und Nervenausfällen einhergehen kann. Selten versterben Patienten an den Folgen der Krankheit. 2010 kam es in Griechenland zu 35 Todesfällen. Besonders gefährdet sind generell Säuglinge und Kleinkinder, schwangere Frauen sowie vor allem ältere, immungeschwächte Menschen.

Seit 15 Jahren richten die Wissenschafter um Nowotny und Seidel daher ihr Augenmerk auf die systematische Dokumentierung all dieser Erreger, seit fünf Jahren im Rahmen eines bundesweiten Projekts der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Welche Erreger lassen sich wo nachweisen, welche müssen bereits als heimisch angesehen werden? Auf welchen Routen stoßen sie mit welchem Tempo wohin vor? Und sind wir, abgesehen von den üblichen Gelsen, womöglich noch mit fremdartigen Insekten konfrontiert, und welche von ihnen konnten bereits in Österreich Fuß fassen?

Bernhard Seidel, Biologe und Gelsenforscher

Bernhard Seidel, Biologe und Gelsenforscher

Antworten auf diese Fragen bedürfen mühevoller Kleinarbeit, was konkret bedeutet: Bundesland um Bundesland, Bezirk um Bezirk Jahr für Jahr erneut besuchen und nach verdächtigen Stechmücken Ausschau halten; Gelsen, Eier, Larven, Puppen identifizieren, archivieren, analysieren; die Virenlast bestimmen, Zeit-Weg-Diagramme erstellen: Was hat sich von einer Saison zur nächsten geändert? Sind infizierte Gelsen übers Jahr in weitere Landstriche vorgerückt? So lassen sich deren Fährten verfolgen.

Besonders dichtes Datenmaterial liegt inzwischen zum West-Nil-Virus vor. Es eroberte sukzessive immer neue Gebiete: Ungarn, Italien, Frankreich, Kroatien, Serbien, die Slowakei, Griechenland, Rumänien. Zu einer „unerwarteten“ wie auch „explosiven Verbreitung“, wie dies die Wiener Forscher in einem Fachjournal nennen, kam es 2008 und 2009, und davon war erstmals auch Österreich betroffen. Allein 2009 brachten die Wissenschafter fast 5000 Stechmücken aus 138 Sammelstellen in Wien, Nieder- und Oberösterreich, dem Burgenland und der Steiermark ins Labor. In sieben dieser „Pools“ vor allem aus östlichen Landesteilen entdeckten sie West-Nil-Viren, und stets waren Hausgelsen die Wirte.

Gleichzeitig untersuchten die Experten verendete Wildvögel – häufige Opfer von Stechmücken. Dabei erwiesen sich speziell Habichte und andere Greifvögel als hochempfänglich für West-Nil-Viren. Auch drei Fälle von infizierten Menschen ließen sich für den Zeitraum 2008 bis 2010 rekonstruieren. Im benachbarten Ungarn waren es mit fast 30 deutlich mehr. Es sind in Summe zum Glück keine beängstigend hohen Zahlen, wiewohl gewiss eine erhebliche Dunkelziffer einzukalkulieren ist.

Klimatische Faktoren

Und in den Folgejahren? Ganz verschieden: 2011 bis 2013 wurde kein einziger humaner West-Nil-Fall erfasst (von zwei importierten abgesehen), im Vorjahr dagegen sogar sieben, alle im Wiener Raum. Ähnlich verhielt es sich bei Usutu: Nach 2003 ebbte das Vorkommen ab, dafür tauchte das Virus in Italien, Ungarn und der Schweiz auf, ab 2011 in Deutschland. Offensichtlich gehen die Ausbrüche schubweise vonstatten. Aber weshalb entstehen solche Zyklen, wenn doch etwa das West-Nil-Virus ohnehin bei uns heimisch ist? Vermutlich sind es vor allem klimatische Faktoren, welche die Gelsenpopulationen steuern und damit auch zu einer schwankenden Virusbelastung vor Ort führen.

Wie aber kann ein exotisches Virus im Allgemeinen erfolgreich neues Terrain erschließen? Es muss zunächst ins Land kommen, sich gleichsam festsetzen und sich bis zu einem kritischen Ausmaß replizieren. Dies könnte folgendermaßen vonstatten gehen: Zugvögel bringen das Virus nach Österreich. Eine heimische Gelse sticht einen der Vögel und saugt über dessen Blut das Virus auf. Beim nächsten Stich reicht sie den Erreger an einen österreichischen Wildvogel weiter. Dieser ist nun ebenfalls infiziert und kann als Virenquelle für weitere Hausgelsen dienen, die wiederum irgendwann einen Menschen für ihre Blutmahlzeit anvisieren. So gerät das Virus zwar in Umlauf, mit einer größeren Verbreitung hapert es aber noch. Dafür bedarf es einer breiteren Streuung, und eine solche erlaubt die Fortpflanzung.

Denn weibliche Gelsen – nur diese saugen Blut, die Männchen nicht – können über die Keimbahn Viren an den Nachwuchs weitergeben, was vertikaler Transfer heißt. So verteilt sich ein Virus mit einem Schlag auf 100 bis 150 Nachkommen, und diese fungieren anschließend ihrerseits als Überträger. Selbst Jahreszeiten kann ein Virus auf diese Weise überdauern: Eine Besonderheit von Hausgelsen ist, dass sie in Behausungen des Menschen überwintern, etwa in Kellern, aber auch in der Kanalisation. Üblicherweise lebt eine Mücke zwar nur vier Wochen, doch im Winter fährt das Insekt den Stoffwechsel massiv herunter und dehnt so die Lebensspanne aus. Nisten sich nun just infizierte Gelsen in einem Keller ein, überlebt in ihnen auch das Virus – das sich spätestens in der nächsten Saison in deren Eiern manifestiert.

„Eine hochinteressante Strategie eines Virus, um in einer neuen Umgebung zu bestehen“, nennt dies Seidel. Der eigentlich trickreiche Part in der Geschichte sei das Virus, das quasi den Körper der Mücke kapert, um möglichst viele Kopien seiner selbst in die Welt zu setzen. Der wahre Überlebenskünstler ist somit das Virus, das Stechmücken als Wirt und Vehikel missbraucht. Aus rein biologischer Sicht spreche, ein Stück weiter gedacht, auch wenig dagegen, dass sich eines Tages nicht auch das Zika-Virus auf diese Weise in Mitteleuropa ansiedeln könne. Zwar ist dies vorerst Theorie, da ja Zika bisher nur in exotischen Mücken nachgewiesen wurde. Dennoch: Nicht nur durch die globale Erwärmung dringen exotische Gelsen vermehrt in unsere Brieten vor, auch unsere Hausgelsen sind nun mal erstklassige Inkubatoren für viele Flaviviren.

Globale Entwicklungen erkennbar

Deutet aber die bisher beschriebene Verkettung von Umständen schon auf einen allgemeinen Trend hin, auf einen wachsendem Zustrom von Krankheiten? Nein, denn Zugvögel erreichten den Kontinent zu allen Zeiten, und zweifellos brachten sie auch früher Viren mit. Es liegt folglich nicht zuletzt am heute präziseren Monitoring, dass Erreger sowie lokale Ausbrüche öfter entdeckt werden. Andererseits lassen sich aber auch globale Entwicklungen benennen, die der Problematik zusätzlich Aktualität verleihen – weniger in Bezug auf Erreger als auf ihre Vektoren. Denn unabhängig von den Viren gelangen inzwischen vermehrt fremde Mückenarten nach Europa, die als Krankheitsüberträger infrage kommen und womöglich in der Lage sind, einheimischen Gelsen Konkurrenz zu machen.

In Österreich hat sich zuletzt vor allem die Japanische Buschmücke (Aedes japonicus) breitgemacht. Mit beachtlichem Tempo dringt das Insekt in immer mehr Landesregionen vor. Momentan ist es im Mittel- und Südburgenland, in fast allen Teilen der Steiermark, in Kärnten, Vorarlberg und ganz aktuell im niederösterreichischen Wechselgebiet nachgewiesen. „In zwei, drei Jahren könnte die Buschmücke Wien erreicht haben“, sagt Seidel. Zum Glück ist sie laut Nowotny „kein so effizienter Krankheitsüberträger wie Aedes albopictus, die asiatische Tigermücke“. Diese hat zwar schon viele Länder Europas in Beschlag genommen, speziell den Mittelmeerraum, aber nicht Österreich. Gerade an zwei Orten – im Tiroler Angath sowie im burgenländischen Jennersdorf – wurden die Wissenschafter ihrer zwischen Mai und Oktober 2012 habhaft. Doch ziemlich sicher handelte es sich quasi nur um Kurzbesuche. Im Sommer desselben Jahres stieß Seidel in den burgenländischen Orten Oggau und Mörbisch außerdem auf eine neue Art der Gattung Anopheles. Dieser Moskito, der gerne in Schaf- oder Pferdeställe einzieht, zählt zu den Überträgern von Malaria.

Wo kommen die Aliens her? Ein wesentlicher Trigger neben dem Klimawandel dürfte der extensive internationale Warenaustausch sein. Dies trifft besonders auf die Japanische Buschmücke zu, die auch mit unwirtlichen Temperaturen gut zurechtkommt und daher nicht auf mehr Wärmeperioden angewiesen ist. Dabei klingt ein Einflussfaktor ziemlich verblüffend: Autoreifen. Beachtliche Mengen davon werden zum Runderneuern nach Asien geschickt. Dort lagern sie im Freien auf riesigen Gewerbeflächen. Sobald es regnet, sammelt sich das Wasser in den Reifen – was einen idealen Nistplatz für Mücken darstellt, die anschließend als Extrabonus nach Europa mitreisen und hier neue Lebensräume erschließen.

Was aber kann man unternehmen, um den vormals unüblichen Erregern zu begegnen? Sollte man das Pech haben, sich bereits ein Virus eingefangen zu haben, kann man gar nichts tun. Gegen das West-Nil-, das Usutu- oder das Zika-Virus gibt es keine spezifischen Behandlungen, man muss die Infektionen also durchstehen wie eine gewöhnliche Erkältung und hoffen, nicht zu jener Minderheit zu gehören, die einen gravierenden Verlauf erleidet. Die Wiener Wissenschafter konzentrieren sich derzeit auf eine möglichst intensive Überwachung sowohl der Einschleppung und Ausbreitung exotischer Mückenarten als auch auf die Viren, die heimische und exotische Gelsen beherbergen. Das Rote Kreuz untersucht überdies seit 2014 jede Blutspende auf West-Nil-Viren.

Zusätzlich mahnen Experten allerdings Strategien zur Eindämmung von Stechmücken ein. Und hier, kritisiert Seidel immer wieder, seien vor allem Politiker und Gesetzgeber säumig, die entsprechende Vorhaben umsetzen müssten. Doch in vielen Köpfen sei immer noch die Vorstellung verankert: Gelsen sind halt lästig, aber sonst nicht der Rede wert.