Knieschmerzen: Neue Methoden gegen schmerzende und lädierte Kniegelenke

Schmerzende Knie plagen fast 40 Prozent der Österreicher, 80.000 Menschen kommen deshalb jedes Jahr unters Messer. Hightech-Medizin und immer bessere Implantate sollen das hochkomplexe Gelenk kurieren. Welche Methoden heute Hilfe verheißen – und wo die Ärzte immer noch an Grenzen stoßen.

Die 67-jährige Pensionistin Christa Strasser aus Baden bei Wien war eine große Sportlerin: Kajakfahrerin, Schilehrerin, mehrfache österreichische Staatsmeisterin im Luft- und Sportpistolenschießen, dreimal schaffte sie die Qualifikation für die Europameisterschaften. Aber sie hat ein genetisch bedingtes Problem mit den Knien. Schon der Vater hatte zwei Knieprothesen, jetzt ist sie selbst soweit. Im April des Vorjahres erhielt sie rechts ein Implantat, seit der Vorwoche hat sie nun auch links ein künstliches Knie. Übergewicht und O-Beine führten im Gelenk zu einer einseitigen Abnützung von Meniskus und Knorpel, sodass blanke Knochen aneinanderrieben. „Beim Stiegensteigen hatte ich entsetzliche Schmerzen“, sagt Strasser. Völlig schmerzfrei war auch das künstliche Knie nicht, aber dennoch deutlich besser. Daher auch die Entscheidung zur Operation des zweiten Knies.

Knieleiden gehören zu den häufigsten Erkrankungen des Bewegungsapparats. Rund 75 Prozent der Österreicher klagen über Gelenksbeschwerden, die Hälfte davon über Knieprobleme. Laut Statistik des Gesundheitsministeriums gab es im Jahr 2012 in Österreich 81.275 Knieoperationen, darunter 55.637 Arthroskopien (Eingriffe mittels Schlüssellochchirurgie) und 18.461 implantierte Teil- oder Vollprothesen – Tendenz weiter steigend. Damit sind Knieoperationen die dritthäufigsten chirurgischen Eingriffe.

Doch während etwa Hüftgelenksimplantationen weitgehend unproblematisch verlaufen, ist das beim Knie keineswegs immer der Fall. Freilich: Wenn das Gelenk einmal kaputt ist, hilft nur noch ein Kunstimplantat, das bei Patienten über 60, die sich nicht mehr so viel bewegen wie Junge, etwa 20 Jahre lang hält. Erfahrene Chirurgen bauen das Implantat in der Regel so ein, dass es keine Probleme verursacht. Aber das gelingt nicht immer. Fraglich ist auch, ob jede Neuerung in der Endoprothetik – darunter versteht man dauerhaft eingesetzte Implantate – sinnvoll ist, und ob bei jedem Schmerzzustand gleich der Operateur mit Endoskop oder Messer anrücken muss. Bei vielen Kniebeschwerden hilft Physiotherapie oder schlicht moderater Sport. Denn, so sagt Reinhard Windhager, Vorstand der Universitätsklinik für Orthopädie an der Medizinischen Universität Wien: „Bewegung ist die beste Medizin fürs Knie. Es gibt viele Studien, die das belegen.“

Dennoch steigt von Jahr zu Jahr die Zahl Knieoperationen. Denn die Menschen werden immer älter, dazu kommt die wachsende Anzahl dicker Menschen in den Industriestaaten. Übergewicht ist einer der wesentlichen Risikofaktoren für Kniearthrosen, weil die Belastung des Gelenks mit jedem Kilogramm Körpergewicht zunimmt. „Sie können einem Patienten hundertmal sagen, dass er abnehmen soll, es wird nicht passieren“, sagt Windhager. „Wenn einmal das Stadium der Übergewichtigkeit und Bewegungsarmut erreicht ist, bleibt das so das ganze Leben.“ Dicke Eltern haben dann auch häufig fettleibige Kinder. Und da in Österreich schon jedes vierte Kind übergewichtig ist, ist die Prognose für die Kniegesundheit eher düster. Dazu kommt, dass viele Kinder stundenlang vor dem Computer oder Fernseher sitzen, was für den gesamten Bewegungsapparat, insbesondere aber fürs Knie schädlich ist. Bewegung in freier Natur, bergauf und bergab, besonders barfuß, ist die beste Methode, damit sich der Halterungs- und Bandapparat des Knies frühzeitig festigt und gesund entwickelt.

Viele Kinder zeigen in den ersten Lebensjahren eine leichte X-Stellung der Beine, was sich normalerweise bis zum siebenten Lebensjahr von selbst auswächst. Aber bei Kindern, die bewegungsarm aufwachsen und/oder zu starkem Übergewicht neigen, kann sich die Fehlstellung der Beinachse verstärken, was zu einer einseitigen Belastung im Kniegelenk und zur Arthrose in späteren Lebensjahren führt. Noch schlimmer als beim X-Bein ist die einseitige Belastung beim O-Bein. Beides können orthopädische Chirurgen heute durch einen kleinen Eingriff beheben: Sie blockieren einseitig die Wachstumsfugen in Ober- und Unterschenkel mit Hilfe eines kleinen, an den Knochen angeschraubten Metallplättchens, bis das Bein wieder im Lot ist. Fehlstellungen der Beinachse lassen sich auch bei Erwachsenen noch korrigieren, allerdings mit größerem chirurgischem Aufwand. Und beim Implantieren eines künstlichen Knies wird die Beinachse gleich mitkorrigiert, um einseitige Belastungen zu vermeiden, welche die Lebensdauer des Implantats verkürzen können.

Das Kniegelenk ist nicht nur größer und komplexer als etwa das vergleichsweise einfache Hüftgelenk, als Beuge-, Streck- und Drehscharnier ist es auch höheren Belastungen ausgesetzt. Der Mensch legt im Lauf seines Lebens auf seinen Beinen durchschnittlich etwa 80.000 Kilometer zurück – das entspricht einer zweimaligen Erdumrundung ...

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