Kommentar von Alwin Schönberger: Schmerzen? Einfach ignorieren!

Kommentar von Alwin Schönberger: Schmerzen? Einfach ignorieren!

Alwin Schönberger über drei Jahre chronische Schmerzen - und die beste Lösung, dem grausamen Begleiter zu begegnen.

Es gab drei Jahre, in denen ich dachte, das bisherige Leben sei gelaufen. Eine heute fast irreal erscheinende Phase, in der ich mich ernsthaft damit abzufinden begann, dass nichts mehr so sein würde wie früher: Bewegung war plötzlich nichts Unbefangenes, Unbedachtes, sondern ein zaghaftes Herantasten an ein sehr langsames, behutsames Abspulen motorischer Abläufe - und jeder Moment begleitet von latenter Furcht, in Erwartung des nächsten jäh aufflammenden Schmerzes. Dinge, an die kein Mensch einen Gedanken verschwenden würde, wurden zum Problem: das Öffnen einer schweren Türe, das Bücken, längeres Sitzen, Autofahrten, das Aufheben zu Boden gefallener Gegenstände. Manchmal griff ich mit den Zehen danach und reichte, was ich gekrallt hatte, an eine Hand weiter, damit ich den Rücken nicht krumm machen musste. Manchmal ließ ich das Zeug einfach liegen, und erst wenn genug herumlag, rutschte ich auf den Knien über die Dielen und sammelte es ein. Die größte Angst erzeugte der Gedanke an die Nacht: Würde Schlaf möglich sein? Oder würde wieder das Feuer in die Beine schießen, die Nerven vibrieren lassen und das Gefühl hervorrufen, die Gliedmaßen seien an die Stromleitung angeschlossen?

Es begann mit einem Bandscheibenvorfall im Lendenbereich. Nichts Dramatisches. Gut, die konkrete Bandscheibe ist hinüber, aber damit lässt es sich leben. Ein wenig Akutbehandlung, ein paar Einheiten Physiotherapie, ein bisschen Geduld, Fall gelöst.


Der physische Schaden war vermutlich längst Geschichte, doch der Schmerz blieb nicht nur, er wuchs.

Nicht bei mir. Der physische Schaden war vermutlich längst Geschichte, doch der Schmerz blieb nicht nur, er wuchs. Er wanderte vom Rücken in die Beine, wo hysterische Nerven die Muskeln in unkontrolliertes Zucken versetzten und pulsierende Beulen und Täler hinterließen. Manchmal erinnerte das an krabbelnde Ameisen, dann wieder an Eis oder Wassertropfen, oft an Strom. Jedenfalls raubte es den Schlaf und trieb mich dazu, mitten in der Nacht durch die Straßen zu laufen.

Ich ging zu Ärzten. Sie schoben mich in die Röhre des Computertomografen. Sie verschrieben Schmerzmittel und Antiepileptika. Sie stachen mir eine dicke Nadel ins Kreuz, um krankhaft übererregte Nerven zu betäuben. Sie behielten mich drei Tage im Krankenhaus und schleusten mich durch alle erdenklichen Diagnosestraßen, sogar inklusive Herz, Darm, Lunge. Ich lernte eine Menge über Diagnostik und den Umstand, dass Befunde selten anzeigen, worunter man leidet, dafür aber oft Schäden ausweisen, von denen man bisher keinerlei Notiz genommen hat (ich hatte einen Bandscheibenvorfall im Nacken; nie was davon gemerkt). Ich lernte auch viel über Anatomie, konnte alle Bandscheiben und eine stattliche Zahl von Nerven benennen. Ich erfuhr sogar, was mein Problem war: ein Bandscheibenvorfall in Kombination mit einer Engstelle in der Wirbelsäule (und vielleicht einem Gleitwirbel, aber da waren sich die Ärzte nicht einig). Das Einzige, was ich nicht erfuhr, war, wie ich die scheußlichen Schmerzen wieder loswerden und in ein normales Leben zurückfinden konnte. Ich hatte nicht vor, künftig gut ein Drittel meiner Zeit damit zu verbringen, von Arzt zu Arzt und von Therapeut zu Therapeut zu laufen.


Irgendwann beschloss ich, dass mir das alles entsetzlich auf die Nerven ging. Ich beschloss, die Schmerzen und die latent immer mitschwingende Vorstellung von lädierten Bandscheiben und Wirbeln fortan zu ignorieren.

Nach wie vor passte ich bei jeder Bewegung höllisch auf, vermied das Tragen schwerer Dinge, legte beim Autofahren häufig Pausen ein, suchte verzweifelt nach einer erträglichen Schlafstellung, geriet in Panik, wenn der Hund an der Leine zerrte, und mühte mich halbherzig an ein paar ebenso sanften wie sinnlosen therapeutischen Übungen ab.

Irgendwann beschloss ich, dass mir das alles entsetzlich auf die Nerven ging. Ich beschloss, die Schmerzen und die latent immer mitschwingende Vorstellung von lädierten Bandscheiben und Wirbeln fortan zu ignorieren. In Wirklichkeit dachte ich Folgendes: Scheiß drauf.

Das war die Lösung.

Ich zog aufs Land, arbeitete am Haus und im Garten. Ich trug und schlichtete Festmeter von Brennholz, schleppte Pflastersteine und Zementsäcke. Ich tue das bis heute und nehme keinerlei Rücksicht darauf, ob ich damit eine Bandscheibe beleidigen könnte. Manchmal zwickt es im Kreuz, manchmal brennen die Beine, aber was soll’s - tags darauf ist es meist vorbei.

Bisher bin ich mit dieser Strategie gut gefahren. Wer weiß, ob sich die Sorglosigkeit eines Tages rächt. Aber: Ich lasse von einer Bandscheibe sicher nicht mehr mein Leben beherrschen.