Kosmetik: Bio-Sonnenschutzmittel geraten in Verruf

Kosmetik: Bio-Sonnenschutzmittel geraten in Verruf

Wer gut zu seiner Haut und zur Umwelt sein will, verzichtet auf Chemie und packt im Sommer den Bio-Sonnenschutz ein. So lautet immer öfter die Empfehlung. Doch selbst passionierte Öko-Fans kapitulieren inzwischen vor der fragwürdigen Qualität vieler Naturkosmetika.

Von Ruth Reitmeier

Es klingt zwar eher nach einem Luxusproblem, aber dennoch schlagen sich nicht wenige Leute damit herum: Wie findet man eine Sonnencreme, die ebenso wirksam wie verträglich ist? Von der Qual der Wahl zeugen rechtzeitig zur Sommer- und Feriensaison veröffentlichte Produkttests der Konsumentenmagazine sowie enorme Aufmerksamkeit, wenn in einschlägigen Internetblogs neue Sonnenschutzprodukte vorgestellt werden. Von besonderem Interesse sind zurzeit Bioerzeugnisse, wobei vor allem eines rasch klar wird: Die Bio-Sonnencreme, deren Anwendung in jeder Hinsicht zumutbar ist, wurde offenkundig noch nicht erfunden.

Klassische Sonnenschutzprodukte mit chemischen Lichtschutzfiltern werden immer wieder als gesundheitlich und ökologisch bedenklich kritisiert. Jüngst kam etwa eine deutsch-dänische Studie zum Ergebnis, dass die Chemikalie 4-Methylbenzylidene Camphor, die als UV-Filter in Sonnencremen verwendet wird, die Spermien schädigen kann. Bei Untersuchungen wie dieser handelt es sich allerdings um reine Labortests, weshalb sich alsbald Skepsis in der Fachwelt regte, inwieweit sich die Ergebnisse tatsächlich auf den Menschen übertragen lassen. Dem Konsumenten nutzen solche Debatten wenig. Um das Problem einzugrenzen, kann er allenfalls ganz auf chemische Filter in der Sonnencreme verzichten. Was ihm dann bleibt, sind zertifizierte Naturkosmetikprodukte, die versprechen, weder die Haut noch die Gewässer zu belasten – und zudem suggerieren, mit deren Anwendung liege man im Trend.

Schutzschild zwischen Haut und Strahlung
Bio-Sonnencremen basieren ausschließlich auf physikalischem Lichtschutz. Sie liegen wie ein Schutzschild zwischen Haut und Strahlung. Dabei reflektieren mineralische Mikropigmente in der Creme das Sonnenlicht wie winzige Spiegel. Der Sonnenschutz basiert auf Titandioxid, das allein oder in Kombination mit Zinkoxid eingesetzt wird. So formulierte Cremen haben den Vorteil, dass sie unmittelbar nach dem Auftragen wirken. Ihr Nachteil: Sie hinterlassen einen unschönen weißen Film auf der Haut. Je höher der Lichtschutzfaktor, desto stärker der Weißeffekt.

Deshalb kommt man selbst in der Biokosmetik nicht an der inzwischen heftig umstrittenen Nanotechnologie vorbei. Um die mineralischen Pigmente geschmeidiger zu machen, werden sie zunehmend nanotechnologisch bearbeitet, also zerkleinert. Als Nanopartikel gelten laut EU-Definition Teilchen, die nicht größer als 100 Nanometer sind – also fast unvorstellbar klein. Der europäische Konsument hat bei der Produktauswahl immerhin die Sicherheit, dass „nano“ nur drinnen ist, wo auch „nano“ draufsteht. Denn seit dem Vorjahr müssen kosmetische Nanorohstoffe in der Liste der Inhaltsstoffe gekennzeichnet werden.

Die winzigen Teilchen sind aber vielen Konsumenten nicht ganz geheuer, und tatsächlich hinkt die wissenschaftliche Forschung zur Nanotechnologie in der Kosmetik augenscheinlich der Vermarktung hinterher. „Es ist ein Graubereich. Noch gibt es keine wirklich große Studie dazu“, sagt André Gazsó von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Nach aktuellem Wissensstand geht zwar prinzipiell keine gesundheitliche Gefahr von Nanoteilchen in Kosmetika aus, sofern sie auf gesunde Haut aufgetragen werden. Allerdings ist Nanoprodukten in Tuben oder Flaschen gegenüber Zerstäubern der Vorzug zu geben, um ein versehentliches Einatmen von Titandioxidpartikeln zu vermeiden.

Bei lädierter Haut gibt es dagegen zumindest keine Entwarnung seitens der Experten, zumal kaum Erkenntnisse vorliegen, ob Nanopartikel beispielsweise über wunde Hautstellen in den Körper eindringen können. Noch weniger evident ist, was sie dort theoretisch anrichten könnten. Einige Naturkosmetikhersteller lassen deshalb vorsorglich weiterhin die Finger von der Nanotechnologie.

Womöglich aus gutem Grund: In der Praxis zeigt sich, dass Nanotechnologie in der Bio-Sonnencreme trotz aller behaupteten Vorzüge wenig bringt: Denn ob mit oder ohne Nanotechnologie – die Naturprodukte ziehen generell schlecht ein und fordern dem Sonnenanbeter enorme Zugeständnisse bei Anwendung und Komfort ab. Eine angenehme Sonnencreme mit rein mineralischen Filtern in naturkosmetischer Qualität ist augenscheinlich noch nicht machbar.

Skepsis selbst bei Ökofans
Der Sonnenschutz gehört damit zu jenen Produktkategorien, bei denen selbst hartgesottene Ökofans an ihre Zumutbarkeitsgrenze stoßen. Auf dem populären Naturkosmetikblog PuraLiv gestand eine Bloggerin kürzlich, dass sie im Urlaub statt ihrer Bio-Sonnenmilch den herkömmlichen Spray ihres Partners verwendet habe. Ihre Begründung: „Trotz der vielen positiven Punkte konnte mich das Bioprodukt nicht überzeugen, da die Creme nie ganz in die Haut einzieht. Was den Tragekomfort betrifft, ist konventioneller Sonnenschutz dem natürlichen noch um Längen voraus.“

Eine Alternative steht noch im Regal: das Bio-Sonnenöl. Es erspart dem Träger beides – Nanotechnologie und auch den weißen Film auf der Haut. Das leistungsstärkste Bio-Sonnenöl am Markt hat immerhin Lichtschutzfaktor 30. Der Haken dabei: Mit 28 Euro für nur 50 Milliliter ist es definitiv in der Luxusklasse angesiedelt.

Die Produktsparte der Sonnenschutzmittel steht bloß stellvertretend für die wachsenden Zweifel an einem ganzen Segment: Rund 1,5 Milliarden Euro gaben die Österreicher 2013 für Kosmetik- und Pflegeprodukte aus, der Anteil an Naturkosmetik am Gesamtmarkt beträgt zirka zehn Prozent, Tendenz steigend. Die Entscheidung, generell von konventioneller auf natürliche Kosmetik umzusteigen, leitet neben ethischen und Lifestyle-Motiven letztlich die Überzeugung, dass, was natürlich ist, nicht schaden könne. Und genau diese Annahme ist ein ziemlicher Irrglaube. „Es sind vor allem natürliche Stoffe, die Allergien auslösen“, sagt Stefan Wöhrl, Dermatologe und Allergiefacharzt im Floridsdorfer Allergie Zentrum in Wien.
Wenn die Haut mit roten, juckenden Stellen reagiert, kann das durchaus am Ringelblumenextrakt in der Bio-Creme liegen. Zu den Pflanzen, die in der Naturkosmetik häufig Einsatz finden und Kontaktekzeme auslösen können, zählen vor allem Korbblüter – insbesondere Arnika, Ringelblume und die römische Kamille. Auf der Hitliste der Kontaktallergene, die der Informationsverbund Dermatologischer Kliniken (IVDK) jährlich publiziert, sind Wollwachsalkohol und Propolis fix vertreten. Beides sind klassische naturkosmetische Rohstoffe. Wollwachsalkohol ist ein Emulgator, der Cremen und Lotionen zusammenhält. Bienenharz wiederum wird Pflegeprodukten vor allem seiner antibakteriellen Eigenschaften wegen beigemischt.

„Solange es keine Probleme gibt, ist es eigentlich egal“
Auch den in der Bioszene fast kultartigen Status von Naturseifen beobachten Mediziner mit einiger Sorge. Ob handgesiedet oder nicht, die pH-neutrale Seife ist noch nicht erfunden. Seife jedweder Art erhöht vorübergehend den pH-Wert, trocknet damit auf Dauer die Haut aus und schwächt deren Barrierefunktion. Als ebenfalls problematisch gilt die Konservierung. Damit Cremedosen nach dem Öffnen im warmfeuchten Badezimmer nicht binnen kürzester Zeit zum Tummelplatz für Bakterien und Pilze werden, müssen Kosmetika konserviert werden. Und das stellt Hersteller zertifizierter Bio-Kosmetik, die ein anerkanntes Gütesiegel tragen, vor eine ziemliche Herausforderung. Denn sie dürfen nur ein Handvoll Konservierungsmittel einsetzen. Wird auf synthetische Konservierung verzichtet, kommt in den Rezepturen Alkohol in hoher Dosis sowie ein Reigen ätherischer Öle zur Anwendung. Und beides kann Probleme verursachen. Die Datensätze des IVDK zeigen, dass allergische Reaktionen auf ätherische Öle relativ ausgeprägt sind.
Andererseits ist die Konservierung ein starkes Argument für Naturkosmetik. Jedes Jahrzehnt hat seine chemischen Konservierungsstofftrends samt neuer Allergien. „In den 1980er-Jahren waren es die Formaldehyd-Abspalter, in den 1990er-Jahren die Parabene, nun sind es MI und MCI: Methylisothiazolinon und Methylchloroisothiazolinon“, sagt Wöhrl. Beide Innovationen haben Blitzkarrieren als Kontaktallergene gemacht. Und zumindest dieses Problem erspart sich, wer auf Naturkosmetik setzt, zumal dort all diese Konservierungsstoffe nicht erlaubt sind. Was aber nicht bedeutet, dass für Naturkosmetik zugelassene Konservierungsmittel wie Benzylalkohol harmlos wären.

Was also tun, ob nun speziell im Hinblick auf den Sonnenschutz oder auf Kosmetika allgemein? Der Experte rät zur Gelassenheit: „Ich sehe das pragmatisch. Solange es keine Probleme gibt, ist es eigentlich egal, was man verwendet“, sagt Wöhrl. Die Dermatologie wird schließlich erst dann konsultiert, wenn es bereits juckt und schuppt, unterhalb der Schwelle zur Erkrankung bleibt die menschliche Haut der Kosmetikindustrie mit ihren Verheißungen und ihrem immer weniger überschaubaren Warenangebot überlassen – segensreiche Erfindungen wie einen Fußreinigungsschaum in Biokosmetikqualität eingeschlossen.

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Chemie­unterricht
Nach Plänen der EU soll der ­Verbraucher über eine große Zahl allergener Substanzen in Kosmetika Bescheid wissen.

Für Duftstoffallergiker ist die Körperpflege ein Minenfeld. Deshalb wird zurzeit eine weitere Verschärfung der EU-Kosmetikverordnung hinsichtlich der Deklarationspflicht von synthetischen Duftstoffen und ätherischen Ölen in Parfums, Makeup, Sonnencremen und auch in vielen Naturkosmetika geprüft. Ende Juni hat das Scientific Comittee on Cosmetic Products, das die EU-Kommission berät, einen Bericht vorgelegt, wonach 82 Duftstoffe, darunter 54 einfache Chemikalien und 28 natürliche Extrakte, allergenes Potenzial bei Menschen besäßen, zwölf Chemikalien und acht Naturextrakte sogar eine hohe Allergiegefahr darstellten. Die Empfehlung des Scientific Comittee: Statt der bisher bloß 26 Substanzen, die auf den Kosmetikverpackungen deklariert sein müssen, sollen in Zukunft noch viele weitere Inhaltsstoffe kenntlich gemacht werden.