© Agnieszka Mrowka

Wissenschaft
03/27/2020

Leben als Tourguide: Die Ice-Ranger

Ihr Arbeitsplatz formt sich regelmäßig neu, den Klimawandel erleben sie hautnah mit und das Wetter diktiert ihren Alltag. Eine Wienerin und ein Niederösterreicher erzählen profil von ihrem Leben als Tourguides und dem schmelzenden Eis in Island.

Zwischen Eis, Schnee und Vulkanasche

Tamara Rašić ist im Juni 2016 nach Island gezogen. Sie ist Tourguide und Mitbegründerin von "heading north". Ihre Touren führen aber nicht durch Museen oder durch eine Altstadt, sondern durch Gletscherhöhlen, über Eis und die größte und bekannteste Gletscherlagune Islands: Jökulsárlón, der tiefste See des Inselstaates (über 284 m). Wo sie genau arbeitet, welche Tour sie macht und ob sie überhaupt arbeiten kann, hängt von der Jahreszeit und dem Wetter ab.

"Jährlich müssen am Beginn der Winterzeit die Höhlen gefunden werden und können sich auch während der Saison verändern." Die Höhle, die Rašić zurzeit besucht, hatte vor zwei Wochen noch mehr Volumen. "Man konnte an manchen Stellen aufrecht stehen. Jetzt kam aber ein schwacher Wasserfluss, der noch mehr Geröll hinein geschwemmt hat. Man muss sich jetzt ducken und es ist kleiner geworden." Auch ist nicht jede Höhle betretbar. "Es gibt Höhlen, wo Eisbrocken herunterbrechen, die die Größe eines Autos haben." Als Guide kann und muss Rašić die Höhlen daher vorher inspizieren. Außerdem besucht sie das Eis auch in ihrer Freizeit und steht trotz Rivalität in ständigem Kontakt mit den anderen Tour-Firmen, die sich gegenseitig auf dem neuesten Stand halten.

Eishöhlen entstehen hauptsächlich durch Flüsse bzw. Schmelzwasser, das unter oder durch einen Gletscher fließt. Je mehr Wasser, desto größer die Höhle. Das bestehende Eis taut aufgrund des Temperaturunterschiedes und ein Hohlraum entsteht. Innerhalb der Gletscher bieten sich wunderbare Einblicke, die Menschen aus aller Welt anziehen. Das Gletschereis kann dabei je nach Sonneneinstrahlung bzw. dessen Reflexion und je nachdem wie viel Geröll, Vulkanasche und Luftbläschen enthalten sind, blaue, türkise, graue, bräunliche oder gar schwarze Farbe aufweisen. Die Form und das Erscheinungsbild sind in konstantem Wandel.

In der Sommersaison können keine Höhlentouren angeboten werden. Die Höhlen sind nämlich von Schmelzwasser überflutet. Stattdessen fährt Tamara als Guide und Captain mit bis zu zwölf Gästen auf einem sechs-Meter-langen 250 PS-starken Speedboot bis zur Gletscherwand. Auch hier sind keine beständigen Rahmenbedingungen gegeben. "Manchmal ändert sich allein in zwei Stunden alles. Es bricht so viel Eis herunter, dass wir uns einen neuen Weg suchen müssen. Oder der Wind pustet das Eis bis zu unserem Dock. Dann ist es blockiert und eine Abfahrt nicht möglich."

Stephan Mantler hat auch seine eigene Tour-Firma an der Lagune. Seine Freundin und ihn zogen die Suche nach Selbstbestimmtheit, das Leben in der Natur und seine Faszination für die isländischen Pferde nach Island. Die Umgebung und ihre Unvorhersehbarkeit machen den Berufsalltag für den 45-Jährigen besonders. "Das ist auch ein Teil, der die Faszination für dieses Land ausmacht. Man hat nicht jahraus, jahrein dasselbe." Nach sieben Jahren in Island stuft er seinen Beruf als Tourguide nicht als besonders gefährlich ein. "Die Unfälle lassen sich an einer Hand abzählen. Da waren auch banale Sachen wie Stolperunfälle dabei." Es sei laut Mantler wie bei jedem anderen Job im Outdoor-Bereich: "Ein gewisses Gefahrenpotenzial ist gegeben".

Rašić sieht das ähnlich. "Nicht gefährlich würde ich auch nicht sagen - du bist in der Natur, die hier gewaltig ist und bis zu einem gewissen Grad unberechenbar. Man ist abgeschieden und muss auf alles gefasst sein." Neben dem Equipment ist auch Kenntnis über das Gelände und die Tour-Gäste sehr wichtig. Daher nehmen die Guides, auch schon vor Anreise, mit ihnen Kontakt auf. "Gletscherwanderungen und Flusshöhlen-Expeditionen können physisch anspruchsvoll sein", sagt sie aus eigener Erfahrung.

Das Wetter spielt auch eine große Rolle – nicht nur für Outdoor-Guides. Laut Rašić müsste auch der Bankangestellte in der Stadt genau wissen, was der Wetterbericht bedeutet. "Das ist kein Schmäh. Wenn es richtig fetzig wird, fliegen hier die Dächer weg. Das passiert jedes Jahr". Bei hohen Windstärken von 25 Meter pro Sekunde parkt man sein Auto in der Garage oder hinter bzw. vor dem Haus, je nachdem woher der Wind kommt. Mistkübel und alles, was lose ist, müssen ins Haus. "In Wien fragt man sich, ob die Frisur sitzt. Hier die Wettervorhersage nicht zu lesen, kann tödlich enden." Auch für Mantler ist die Wetterlage seiner neuen Heimat mit der alten nicht vergleichbar. "Wenn man in Österreich schon über Stürme und Orkanstärke spricht, sind die Isländer noch entspannt. Wir hatten hier schon Stürme, die den Asphalt vor meiner Farm von der Straße geweht haben. Das Wetter diktiert, was ich heute machen kann und was nicht".

Das große Schmelzen

Wenn Tamara Rašić bei der Tour ihren Gästen zeigt, wo der Gletscher Vatnajökull einst war, sind sie schockiert. Viele sagen dann "im Winter kommt er eh wieder zurück". Das verneint sie. Denn der Gletscher, der von der Fläche her zehn Mal so groß wie New York ist, schmilzt immer weiter weg. "Wenn man sich Fotos von 1930 ansieht, reichte der Gletscher fast bis zum Meer. Jetzt sind es circa 7,5 km Entfernung," meint Rašić. Die Auswirkungen sind auch in Filmen, die in Island gedreht wurden, ersichtlich. "Die James-Bond-Filme ("View to kill" / "Die another day") haben mich extremst schockiert. Dort sieht man hinter dem Gletscher nur die Bergspitze, ich kann den Berg jetzt fast komplett sehen".

Etwa ein Zehntel der Landoberfläche Islands besteht aus Eis. Mit den Auswirkungen der Klimakrise, wird das nicht mehr so lange bleiben. Der Inselstaat verliert jährlich 11 Milliarden Tonnen Eis-Wissenschafter befürchten, dass im Jahr 2200 alle Gletscher (mehr als vierhundert) Geschichte sein werden. Bald könnten Touren, wie sie Rašić und Mantler anbieten, nicht mehr möglich sein. "Wir verlieren jedes Jahr 100 Meter - jedes Jahr musst du 100 Meter weitergehen", erklärt Mantler. "Vor fünf, sechs Jahren hat es Eishöhlen gegeben, wo man direkt vor dem Eingang parken konnte. Jetzt sind manchmal die sehenswertesten Höhlen anderthalb Stunden Fußmarsch vom Auto entfernt. Wenn das dann mal zwei oder drei Stunden sind, stellt sich die Frage, wie groß die Bereitschaft der Gäste ist, bei starkem Sturm noch solche Touren zu machen."

Mantler möchte die Veränderungen auch anderen sichtbar machen. In Kooperation mit dem anliegendem Nationalpark macht er etwa alle zwei Monate ein Bild und stellt sie online zur Verfügung. Die Bilder zeigen einen Ausschnitt des Gletschers und machen die Veränderungen in kurzer Zeit deutlich.

Das Eis schmilzt einem wortwörtlich unter den Füßen weg. An der Ostseite, wo Rašić früher zur Gletscherwand spazieren konnte, musste mittlerweile eine Brücke gebaut werden. Dort wo Eis war, ist jetzt ein Fluss. 1975 hatte die Gletscherlagune Jökulsárlón eine Fläche von 7,9 km². Die steigenden Temperaturen und das dadurch verursachte Schmelzen haben die Lagune auf 18 km² ausgeweitet. Trotz allem hatte Rašić schon Gäste, die dezidiert vor der Tour darauf bestehen, nichts über den Klimawandel hören zu wollen. "Die meinen das ist alles Blödsinn".

Auch Mantler machte Erfahrungen mit Gästen, die dem Thema skeptisch gegenüberstehen. "Doch da, wo ich mit allen meinen Gästen übereingekommen bin, ist, dass es keine wirkliche Rolle spielt, ob der Klimawandel hausgemacht ist. Die Konsequenzen bleiben die gleichen". Eine Eishöhlen-Expedition bringe, laut Mantler, auch einen emotionalen Zugang für den Schutz der Umwelt. "Wenn man mal in der Höhle war, denkt man: Das ist etwas, von dem ich mir wünsche, dass es meine Kinder, Enkelkinder und deren Enkel auch noch sehen können."

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