Leberkrankheiten entwickeln sich zu einer neuen Epidemie

Leberkrankheiten entwickeln sich zu einer neuen Epidemie

Ein Fünftel der Österreicher leidet an ­einer Fett­leber. ­Ursachen sind Überernährung und Über­gewicht. Die von ­Ärzten lange ­unterschätzte Krankheit gilt als ­unabhängige Ursache für ­Diabetes und ­Herzinfarkt. ­Experten warnen vor einer ­neuen Epidemie.

Die heute 69-jährige Wiener Pensionistin Edith Freistädter hatte seit Jahren erhöhte Leberwerte. Da sie nie Alkohol trank, sah ihr Arzt kein Problem. Erst als Freistädter die Ordination wechselte, kam ihr Leiden ans Licht: Aufgrund hohen Zuckerkonsums hatte sie stark erhöhte Triglyzeridwerte, aber keinen Diabetes, stattdessen eine hochgradige Fettleber mit beginnender Zirrhose.

Auf Anraten der behandelnden Ärzte der Wiener Medizinischen Universität stellte sie ihre Ernährung um – kein Zucker, wenig Salz, viel Gemüse, kaum Fett – und nahm innerhalb von 15 Monaten 30 Kilo ab. Außerdem hatte sie sich angewöhnt, fast alle Wege zu Fuß zu erledigen und regelmäßig schwimmen zu gehen. Heute hat sie auch ohne Tabletten normale Blut- und Leberwerte. Bis zu ihrer Genesung gehörte Freistädter zu einer rasch wachsenden Zahl von Patienten, die an gravierenden Leberproblemen leiden, vielfach ohne es zu wissen. Experten schätzen, dass bereits 20 bis 40 Prozent der Österreicher an einer sogenannten „nichalkoholischen“ Fettleber laborieren; in den USA sollen es schon 30 bis 50 Prozent sein. Das Attribut „nichtalkoholisch“ soll darauf hinweisen, dass die Krankheit sehr oft auch ohne Alkohol entsteht, vor allem aufgrund des empfindlich gestiegenen Zuckerkonsums. In den USA zum Beispiel ist der Zuckerverbrauch pro Kopf und Jahr seit 1980 um 25 Kilo angewachsen. „Der Durchschnittsamerikaner nimmt täglich 192 Gramm Zucker zu sich, davon 55 Prozent Fructose, mehr als das Doppelte dessen, was noch gesundheitsverträglich ist“, erklärt Hermann Toplak, Leiter der Fettstoffwechselambulanz an der Grazer Medizinuniversität. Und was viele Menschen nicht wissen: Der Zucker wird von der Leber in Fett verwandelt.
Dem deutschen Ernährungswissenschafter Nicolai Worm zufolge entwickelt sich das Leiden schleichend aufgrund von Überernährung, Übergewicht und allmählicher Insulinresistenz. Mit der Zeit lagert sich immer mehr weißes Fett in der Leber ein, bis das Organ seine Rolle im Stoffwechsel immer weniger erfüllen kann. In etwa 20 Prozent der Fälle geht die Krankheit in eine entzündliche Form über, was zu Arteriosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Leberzirrhose und einem erhöhten Risiko für Leber- und Darmkrebs führt. „Die Fettleber ist die nächste große Epidemie“, warnt Michael Trauner, Leiter der Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie der Wiener Medizinuni.

Bis dato gibt es noch keine medikamentöse Behandlung für das Leiden, aber an vielen Zentren versuchen Forscher, neue Diagnosewerkzeuge und wirksame Therapien zu entwickeln. Bis solche Behandlungsmethoden klinisch anwendbar sind, werden aber noch Jahre vergehen. Inzwischen raten Ärzte den Betroffenen, ihre Kalorienaufnahme erheblich zu drosseln, ihr Gewicht zu reduzieren und regelmäßig Bewegung zu machen. Schon eine Gewichtsabnahme um fünf Prozent kann bei vielen Patienten Wunder wirken.

Fehlernährung industriellen Ausmaßes
Die Tragweite des Problems Fettleber wurde erst in den vergangenen Jahren erkannt. Viele Ärzte ignorieren das Leiden nach wie vor, weil sie in ihrer Ausbildung nur von einem einzigen gravierenden Leberproblem gehört haben – der Leberzirrhose als Folge übermäßigen Alkoholkonsums. Aber Nahrungsmittel und Ernährungsgewohnheiten haben sich in den vergangenen Jahrzehnten derart verändert, dass es „zu einer Fehlernährung industriellen Ausmaßes gekommen ist“, wie Trauner konstatiert. Im Zentrum dieser Fehlernährung steht vor allem billige Fructose, die unsere Nahrungsmittel zu wahren Zuckerbomben macht.
Ausgangspunkt für die problematische Veränderung unserer Nahrung war der Fettmythos der 1970er- und 1980er-Jahre. Der dadurch ausgelösten Cholesterin-Hysterie folgte die Low-Fat-Welle, die von den USA nach Europa schwappte. Fett ist aber ein Geschmacksträger, also suchte die Nahrungsmittelindustrie nach Ersatz und fand ihn in Zucker und anderen Süßstoffen, die sich ins Essen schlichen. Nur wenige kritische Konsumenten wissen, dass sich selbst in jenen Nahrungsmitteln, die von der Werbung als besonders gesund gepriesen werden, oft erhebliche Zuckermengen verstecken. Zucker konditioniert aber nicht nur das Belohnungssystem im Gehirn, sodass es immer mehr davon will; er ist wie Alkohol Gift für die Leber. Er wird unverdaut sofort vom Darm resorbiert und von der Leber in Fett umgebaut, vor allem in jene Triglyzeride, welche neben den Cholesterinwerten das eigentliche Problem darstellen. Sie bilden das ­sogenannte ektope Fett, das sich an Blutgefäßen festsetzt und dort Entzündungsprozesse ankurbelt, die Auslöser von Arteriosklerose, Herzinfarkt und Schlaganfall sind.

Bis in die 1970er-Jahre war in den USA Rohrzucker der meistverwendete Süßstoff. Lebensmittel für Diabetiker wurden aber nicht mit Rohrzucker, sondern mit Fructose gesüßt, die einen geringeren glykämischen Index hat, weil sie schneller ins Blut geht, was ihr einen gesundheitsfördernden Nimbus verschaffte. Das machte sich die Industrie zunutze, indem sie eine hochkonzentrierte, billige Form der Fructose als Süßmittel entdeckte, den aus Maisstärke gewonnenen „high fructose corn syrup“ (HFCS). Als Coca-Cola im Jahr 1984 dazu überging, seine Drinks mit dem neuen Stärkesirup zu süßen, war der Weltmarkt für den Turbozucker erobert.
Parallel dazu wuchs der Markt für Softdrinks, eine Produktgruppe, die mittlerweile in Supermärkten zu den Waren mit dem größten Flächenbedarf gehört. Der Fructoseanteil der vor allem von Kindern und Jugendlichen geschätzten süßen Gebräue kommt pro Flasche oder Packung oft auf den Gegenwert von mehr als 20 Stück Würfelzucker. Hoher Zucker- und damit Kaloriengehalt ist das Kennzeichen der meisten heutigen Getränke.

Der hohe Softdrinkkonsum fordert seinen Tribut: „Fünf bis 25 Prozent der übergewichtigen Jugendlichen haben eine Fettleber“, berichtet der Wiener Kinderarzt und Ernährungsmediziner Kurt Widhalm. „Wir haben auch Fälle bei Kindern, aber da gibt es noch kaum Daten.“ Widhalm vermutet einen Zusammenhang mit einer gestörten Glukosetoleranz, die mit einem ­höheren Diabetesrisiko verbunden ist. Auffallend ist, dass die betroffenen Jugendlichen auch Anzeichen von Arteriosklerose zeigen. Es gibt aber auch übergewichtige, stoffwechselgesunde Jugendliche, die keine Fettleber haben. „Letztlich ist nicht geklärt, ob die Krankheit Folge einer Kohlenhydratüberlastung, einer Übersekretion von Insulin oder von genetischen Faktoren ist“, meint der Mediziner.

Widhalm leitet derzeit an der privaten Salzburger Paracelsus-Medizinuniversität ein großes EU-Forschungsprojekt, das die genauen Ursachen der Fettleber im Kindes- und Jugendalter erhellen soll. Auffallend ist, dass Jugendliche, deren Großmutter einen Altersdiabetes hatte oder hat, ein höheres Fettleberrisiko tragen. „Wir untersuchen alle Aspekte. Sicher gibt es auch genetische Faktoren.“ Immer mehr Stoffwechselexperten vermuten auch einen Zusammenhang mit der Darmflora, etwa indem Darmbakterien in die Leber gelangen. Das Mikrobiom im Darm gehört heute zu den heißesten Themen der Biomedizin, mit einer stetig wachsenden Zahl von Forschungsarbeiten.

Medzin neu schreiben
Der menschliche Darm ist von etwa 100 Billionen Keimen und bis zu 1000 Keimarten besiedelt. Jeder Mensch verfügt – aufgrund seines individuellen Erbguts und seiner Ernährungsweise – über eine sehr persönliche Komposition der Darmflora, ähnlich einem Fingerabdruck. Mittlerweile gibt es Hinweise darauf, dass die Zusammensetzung des Mikrobioms im Darm auch darüber bestimmt, ob jemand dick oder schlank ist, weil es unter den unzähligen Bakterienarten schlechtere und bessere Futterverwerter gibt. „Wir glauben, dass die Zusammensetzung der Darmbakterien darüber entscheidet, was sich in der Leber, in Blutgefäßen und im Herz abspielt“, sagt Herbert Tilg, Vorstand der Innsbrucker Universitätsklinik für Innere Medizin I. „Wir glauben, dass dort der Schlüssel für viele Erkrankungen liegt. Da wird die Medizin neu geschrieben.“

Da die Fettleber lange keine Symptome zeitigt, ist die Diagnose nicht immer leicht. „Im Blutbefund ist oft nicht viel zu sehen“, berichtet Gastroenterologe Trauner. Der klassische Leberwert Gamma-GT ist zumeist leicht erhöht. Aber das ist ein ebenso unspezifisches Merkmal wie die gefährlicheren Transaminasen. Das sind Enzyme, die bei undichter Zellmembran ins Blut gelangen, aber bei einer Fettleber trotz Gewebsschädigung im normalen Bereich bleiben können. Eine höhere diagnostische Aussagekraft hat der Ultraschall. Normalerweise zeigen Niere und Leber den gleichen Dichtewert. Ist das Echo bei der Leber stärker, deutet das auf eine Fettleber hin. Aber eine Messung des eingelagerten Fettanteils ist mit der Sonografie nicht möglich.

Dazu benötigen die Mediziner einen sogenannten Fibroscan (Fibroelastografie), ein neuartiges Diagnosegerät, über das nur Spezialkliniken wie die Medizinuniversität Wien verfügen. Mit dieser sensiblen Technologie lassen sich Bindegewebs- und Fettgehalt der Leber exakt messen, was in Zukunft die Leberbiopsie ersetzen könnte. In der Normalbevölkerung haben laut Experten etwa 20 bis 30 Prozent eine Fettleber, bei Risikogruppen mit Übergewicht und Diabetes sind es bis zu 80 Prozent. „Die Leber ist aber nicht nur Opfer, sondern auch Täter“, erklärt Trauner. Einerseits verwandelt sie Zucker in Fett, andererseits gibt sie auch Zucker und Fett ins Blut ab. Sie beeinflusst auf diese Weise die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse und damit den Insulinstoffwechsel. „Die Insulinwirkung stumpft ab“, so Trauner.

Da Glukose in Form von sogenanntem viszeralem Fett rund um die Gedärme eingelagert wird, wächst der Bauchumfang – deshalb ist ein großer Bauch oft Anzeichen für eine mögliche Fettleber. Als Richtwert für den beginnenden Krankheitsprozess gilt ein Bauchumfang von mehr als 102 Zentimetern bei Männern und mehr als 88 Zentimetern bei Frauen. Deshalb ist ein Abbau des Bauchfetts oft der beste Weg, einem groben Leberschaden zu entgehen, wie das Beispiel des 40-jährigen Wiener Autoverkäufers Johannes Baier zeigt. Aufgrund von Verletzungen in Knie und Schulter musste er seine sportlichen Aktivitäten aufgeben. Nach zweijähriger Bewegungsabstinenz hatte er sich mit Schnitzeln, Schweinsbraten, Süßspeisen und Cola auf 107 Kilo hochgefuttert. Im vergangenen Juni zeigte dann ein Blutbild hohe Leberwerte. Die Ärzte im Wiener AKH verordneten Ernährungsumstellung – Salate, kein Fett, nichts Süßes – und Bewegung. Innerhalb von acht Wochen verlor er 13 Kilo und hat heute fast wieder normale Blutwerte. „Ich bin richtig stolz auf mich“, sagt Baier.

Infobox
Fettfinanzen
Sonderabgaben auf ungesunde ­Lebensmittel zeigten bisher keine erkennbare Wirkung. In Dänemark endeten sie mit einem Fiasko.
Gemessen an der Einwohnerzahl, verzeichnet Mexiko bereits mehr Fettleibige als die USA. Um die Fettsucht einzudämmen, wird das Land ab 2014 eine Sondersteuer auf jene Lebensmittel einheben, die pro 100 Gramm mehr als 275 Kalorien enthalten. Doch die bisherigen Erfahrungen mit Sonderabgaben auf ungesunde Lebensmittel sind wenig ermutigend. So war Dänemark 2011 das erste Land der Welt, das eine Fettsteuer einführte. Die Maßnahme verfehlte ihr Ziel: Die Preise von Fleisch, Milchprodukten und Margarine stiegen, viele Dänen fuhren ins benachbarte Deutschland, um sich dort mit billigeren Nahrungsmitteln einzudecken. Im November des Vorjahres entschloss sich die Regierung, die Fettsondersteuer wieder abzuschaffen.

Ungarn hatte 2011 eine Sondersteuer auf Salz, Zucker, Energy Drinks sowie auf besonders fetten Käse eingeführt. Um die dadurch ausgelösten Preissteigerungen zu kompensieren, wichen die Konsumenten auf billigere und nicht unbedingt gesündere Nahrungsmittel aus. Kritiker sagen, die Steuer treffe vor allem die ärmeren Schichten. Forscher der britischen Universität Oxford fordern dennoch eine Sondersteuer von 20 Prozent auf stark zuckerhaltige Softdrinks. Die Wissenschafter errechneten, dass sich dadurch allein in Großbritannien die Zahl der Fettleibigen um 180.000 verringern ließe. Fragt sich nur, ob das Phänomen Überernährung, Übergewicht und Fettleibigkeit nicht ein weit komplexeres Problem darstellt, als dass ihm allein durch eine Steuer beizukommen wäre.

+++ Lesen Sie hier: Der deutsche Ernährungswissenschafter und Buchautor Nicolai Worm über die kaum beachtete Volkskrankheit Fettleber +++