<i><small>Martin Puntigam</small></i>
Alle Jahre wieder

<i><small>Martin Puntigam</small></i>
Alle Jahre wieder

Warum in der Weihnachtskrippe, streng wissenschaftlich ­betrachtet, ein Bärtierchen liegen ­müsste. Und wieso das ­vermutlich auch heuer eher selten der Fall sein wird. ­Außerdem im brandaktuellen Aufsatz von Martin Puntigam : Erzengel als magersüchtige Skispringer und ­fliegende Schwangerschaftstests.

Jedes Jahr, immer zirka drei Tage nach der Wintersonnenwende, freuen sich viele Menschen, dass der vielleicht berühmteste Außerirdische der Welt wieder einmal auf der Erde vorbeischaut. Die Christenheit nennt das Weihnachten, und der sogenannte Handel hofft, dass bei den Menschen rund um diese größte Geburtstagsparty des Globus die Lust auf den Binnenkonsum nicht versiegt, bevor zwischen den Jahren alle die Hosenknöpfe nicht mehr ganz zubekommen.

Doch wie sieht es aus wissenschaftlicher Sicht aus, wie kann Leben aus dem All, also auch vom Himmel, auf die Erde kommen? Und ist das schon einmal passiert, ist es überhaupt möglich, dass Lebewesen sich durchs All bewegen können, ohne Rakete und Raumanzug?

Im Weltraum ist es nicht gemütlich, sondern kalt, dunkel und leer. Zumindest in weiten Teilen. Wer dort unterwegs sein möchte, muss sich warm anziehen oder anders präpariert sein für die äußeren Bedingungen. Menschen ohne Rakete oder Raumanzug ist ein auch nur kurzer Aufenthalt im Vakuum des Alls nicht zu empfehlen, aber es gibt Lebewesen, denen das nichts auszumachen scheint.

Der Popstar unter den Extremophilen ist sicherlich das Bärtierchen. Extremophil klingt vielleicht ordinär, bedeutet aber nur, dass man außerordentlich außerordentliche Lebensverhältnisse aushalten kann. Und das Bärtierchen lässt sich da nichts nachsagen. Der Name kommt daher, dass Bärtierchen in Aussehen und Bewegung ein wenig an Bären erinnern. Auch als Wasserbär sind sie der Kripo schon untergekommen, und im Englischen nennt man sie darüber hinaus noch Moos-Ferkel, weil sie gerne im Moos wohnen, aber man findet sie praktisch überall, auch an den extremsten Orten und Gebieten auf unserer Erde. Warum sie so viele Decknamen benützen, ist nicht genau geklärt, Scheckbetrug kann aber ausgeschlossen werden, denn Bärtierchen sind zu klein, um einen Stift zu halten.

Wie sehen sie aus, damit sich auch alle ein Bild machen können? Mit freiem Auge sind sie eher nicht zu erkennen, 0,1 Millimeter messen die kleinsten Exemplare, ausgewachsene Bärtierchenbullen bringen es auf bis zu 1,5 Millimeter . Oder Rüden. Oder Hengste. Da ist die Nomenklatur ungenau. Darüber hinaus haben sie aber fast alles zu bieten, was andere Tiere auch in der Welt ausstellen. Trotz ihrer Kleinheit sind sie ziemlich hoch entwickelt. Sie besitzen Beine, Krallen, Muskeln, Augen, Magen, Mund, Nerven, aber alles rund tausendmal kleiner als bei uns Menschen. Wie ein echtes Tier, nur extrem komprimiert, quasi gezippt.

Was haben sie nun den Bedingungen im Weltall entgegenzusetzen? Einiges, wie Forscher aus Stuttgart staunend beobachten konnten.

Als man Wasserbären mit einer Rakete in das Weltall schickte, war ihnen die Kälte, immerhin um die minus 270 Grad Celsius , wie gesagt wird, wurscht. Da gehen die praktisch noch kurzärmlig. Auch das Vakuum und die gewaltige Radioaktivität durch die kosmische Strahlung sind keine Gegner für sie, bis zu 5700 Gray bieten sie mit, ein Zehner-Gutschein Lungenröntgen wäre mithin ein schönes Weihnachtsgeschenk für ein Bärtierchen. Können sie auch Hitze oder nur Kälte? Sie können beides.

Bärtierchen, von denen es weltweit mehr als tausend Arten gibt, können Temperaturen bis zu 150 Grad Celsius ertragen. Ein Bärtierchen, das sich in der Sauna beim Aufguss runtersetzen muss, können Sie lange suchen. Vielmehr wird es den Handtuchhubschrauber verlangen und den Aufgießenden lautstark verhöhnen, ob das ein Aufguss sein solle, mit Worten, die der Volksmund dafür im Angebot hat, wie Lulu, vollbaby und dergleichen mehr.

Wie lange leben Bärtierchen? Weiß man nicht genau, die ältesten Exemplare sind aber zumindest 120 Jahre alt. Das weiß man, weil man in einem botanischen Museum in Italien in einer Schachtel, die seit 120 Jahren nicht mehr geöffnet worden war, gänzlich ausgetrocknete Moosproben fand. Man legte diese Moosreste ins Wasser, und schon wenig später wimmelte es von wiederbelebten Bärtierchen, die zuvor mehr als ein Jahrhundert lang Beamtenmikado gespielt hatten. Denn Trockenheit ist auch ein Steckenpferd, das diese Tierchen reiten. Wie machen sie das, so widrige Umstände zu überleben? Sie gehen ins sogenannte Tönnchenstadium.

Sie schrumpfen und stellen alle Lebensfunktionen ein. Kein Herzschlag mehr, kein Stoffwechsel, nichts. Sie verglasen richtiggehend, wie kleine Kugeln, und wem sich das Wortspiel Murmeltiere aufdrängt, der darf zwei Felder vorrücken.

Und so können sie Jahrhunderte überleben. In kompletter Dürre, weit und breit kein Tropfen Feuchtigkeit. Knäckebrot wäre einem Bärtierchen im Tönnchenstadium vermutlich deutlich zu nass. Und aber wenn man sie dann wieder befeuchtet, egal wie lange sie Tönnchen waren, nach ein paar Stunden erholen sich die Tierchen, gehen auf wie eine Rose von Jericho bei Hochwasser. Und nehmen ihr früheres Leben wieder auf. Aber das gelingt nicht allen. Manche Bärtierchen kommen nie wieder aus dem Tönnchenstadium raus, die bleiben auf diesem Trip hängen. Für immer. Die sterben quasi, während sie tot sind. Sicher ein interessantes Thema für den Ethikunterricht in der Bärtierchenschule.

Was machen die anderen, die es wieder in die Welt ­geschafft haben? Abwesenheitsnotiz aufheben, Status­meldungen checken? Weiß man nicht. Was man weiß, ist, sie machen das, was alle Lebewesen machen: Sie pflanzen sich fort. Und wenn man schon einen so extravaganten Lebensstil pflegt wie die Wasserbären, lässt man sich auch diesbezüglich nicht zum Mainstream zählen.

Bärtierchen sind bei der Vermehrung je nach Art sehr flexibel. Man unterscheidet drei Fortpflanzungsweisen: sexuell, asexuell und Selbstbefruchtung.

Bei der Selbstbefruchtung sparen sich die Bärtierchen die Zweisamkeit und zeugen als Hermaphroditen. Die Ei- und Samenzellen reifen in derselben Keimdrüse heran, quasi Ich-AG.

Wenn die Fortpflanzung asexuell vonstatten geht, findet sie sehr häufig in rein weiblichen Populationen statt. Bei dieser ungeschlechtlichen Paarung reifen nur die Eier, die sich ausschließlich wieder zu Weibchen entwickeln. Es werden immer nur Töchter geboren. Männchen sind an solchen Weibchen übrigens total desinteressiert, sie wissen, dass es da nichts zu holen gibt. Sie schleichen höchstens herum und rufen den Weibchen was Blödes zu und beschäftigen sich ansonsten still.

Wenn sich eine Wasserbärenart für Sex zwischen Männchen und Weibchen entscheidet, kann die Befruchtung sowohl außer- als auch innerhalb des Körpers der Weibchen stattfinden. Bei manchen Arten umkreist zunächst das Männchen das Weibchen, das sich währenddessen kaum bewegt. Der männliche Minibär macht sich dann besonders am Vorderende des Weibchens zu schaffen und berührt oder betupft es mit seiner Mundöffnung. In dieser Stellung können die Tiere längere Zeit verharren.

Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass dabei die Spermien durch den Mund in das Weibchen gelangen. Das gibt es bei Menschen auch, zur Befruchtung kommt es dadurch allerdings nur sehr selten, der ehemalige Tennisspieler Boris Becker stand allerdings eine Zeitlang im Ruf, mit dieser Methode zum dritten Mal Vater geworden zu sein.

Nach allem, was in der Schrift steht, ist der Heiland aber nicht in Form eines Bärtierchen auf die Erde gekommen, sondern als Heiliger Geist. Zumindest das Y-Chromosom. Aus welcher Substanz ein Heiliger Geist besteht, ist noch Gegenstand der Forschung, und die Ergebnisse dürften noch länger auf sich warten lassen, auch weil es sehr schwierig ist, freilebende Exemplare, die man erforschen könnte, überhaupt zu finden.

Was man aber untersuchen kann, ist, wie ein Erzengel ausschauen muss, und ein solcher hat ja dem Vernehmen nach damals der Jungfrau Maria die baldige Ankunft des Heiligen Geistes als Herold angekündigt. Und dann war es bis zur Niederkunft nicht mehr weit.

Die Frage, wie viel Sprit ein Erzengel verbraucht, lässt sich nicht schlüssig beantworten, aber man kann untersuchen, wie er gebaut sein hätte müssen, um überhaupt fliegen zu können. Wenn man der Ikonografie glaubt, sind Engel ordentliche Mannsbilder. Kraft und Ausdauer müssten also ausreichend vorhanden sein. Das Problem ist, dass das Gewicht mit dem Volumen zunimmt, der Auftrieb nur mit der Flügelfläche: Wenn zum Beispiel die Größe eines Vogels um den Faktor 10 zunimmt, nehmen das Volumen und das Gewicht um den Faktor 10·10·10 = 1000 zu, während die Flügelfläche nur um den Faktor 10·10 = 100 zunimmt. Es gibt daher ein Maximalgewicht.

Die Großtrappe, der größte lebende flugfähige Vogel, wird bis zu einem Meter groß, hat eine Flügelspannweite von 2,6 Metern und bringt bis zu 18 Kilogramm auf die Waage. Das wäre aber ein sehr kleiner Erzengel, der sicher kaum jemandem imponierte. Der könnte quasi bei der Katzenklappe reinkommen.

Früher gab es allerdings auch größere flugfähige Tiere. Vor 70 bis 80 Millionen Jahren lebte ein Flugsaurier namens Quetzalcoatlus. Mit neun Metern Größe, zwölf Metern Flügelspannweite und etwa 40 Kilogramm Gewicht/Masse hatte er die Ausmaße eines Kleinflugzeugs. Sein Geheimnis waren luftgefüllte Röhrenknochen. Er konnte vor allem im Gleitflug fliegen und nur bei äußerst günstigen Windverhältnissen starten.

Wenn also tatsächlich ein Erzengel zu Maria geflogen sein sollte, dann hätte er eher ausgeschaut wie ein magersüchtiger Skispringer mit einer Flügelspannweite von acht bis zwölf Metern. Um Maria die frohe Botschaft zu überbringen, wäre er vielleicht heruntergeglitten, hätte kurz „Du bist gebenedeit!“ gerufen, worauf er sofort durchstarten und die Schnauze hochziehen hätte müssen, um wieder in den Himmel zurückzukommen.

Auch wenn diese Erzählung, in der ein Erzengel als fliegender Schwangerschaftstest die Ankunft des Christenheilandes zu Weihnachten ankündigt, aus naturwissenschaftlicher Sicht deutlich unwahrscheinlicher ist, als dass ein Bärtierchen zur Rechten Gottes sitzt, wird sie doch von den meisten Menschen bevorzugt und allgemein anerkannt. Deshalb wird auch heuer wieder unter den Christbäumen in den Krippen kein Bärtierchen liegen, sondern ein Knabe, gebettet auf Heu und auf Stroh, und die gesetzlich anerkannten Erziehungsberechtigten betrachten es froh.

Martin Puntigam
ist Solo-Kabarettist und Master of ­Ceremony der „Science Busters“. Sein neues Kabarett-Solo „Supererde“ ist vom 21.–23. November und vom 28.–30. November im Wiener Kabarett Niedermair zu sehen.

Lesen Sie außerdem im neuen profil wissen : Mit Nachdruck versuchen Forscher zu entschlüsseln, warum der Mensch altert – und wie man diesen Prozess bremsen oder sogar stoppen könnte.

Foto: Monika Saulich für profil