<i><small>Martin Puntigam</small></i>
Brauchen wir im 21. Jahrhundert noch Sex?

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Brauchen wir im 21. Jahrhundert noch Sex?

Seit vielen Millionen Jahren ist Sex sehr beliebt. Martin Puntigam erlaubt sich die Frage: Haben wir das wirklich nötig?

Herzlich willkommen in diesem Artikel der Zeitschrift profil wissen , der mit einer Überschrift beginnt, in der „21. Jahrhundert“ vorkommt, aber so very much 20. Jahrhundert ist, dass es nur so eine Art hat – Letzteres übrigens eine Redewendung, die schon fast wieder ins 19. Jahrhundert verweist. Was dürfen Sie sich von diesem Aufsatz erwarten? Halten Sie sich fest: nichts weniger als die Antwort auf die Frage: „Warum gibt es Sex?“

Sie werden staunen, darauf gibt es tatsächlich eine sinnvolle Antwort. Auch wenn Sie manchmal tags darauf nicht mehr wissen, warum Sie am Vorabend mit der Person, neben der Sie gerade aufwachen, Sex gehabt haben: Warum es Sex grundsätzlich und überhaupt gibt, ist bekannt: weil es beim Überleben hilft und nicht nur beim Weiterleben.

Sex in der geschlechtlichen Fortpflanzung zwischen Männchen und Weibchen ist ziemlich aufwändig und kostet viel Energie. Zärtlichkeit, Überredung, Protzerei, Angeberei, Schmeichelei, Verführung, aber auch Gewalt und Unterwerfung – Pflanzen, Tiere und insbesondere Menschen drücken ihre sexuelle Anziehung zum anderen Geschlecht durch unterschiedliche Formen und Aspekte aus. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, und was zum Touchdown führt, wird mitunter ins Repertoire aufgenommen.

Warum aber treiben wir in der geschlechtlichen Liebe einen derart großen Aufwand zur Erzeugung von Nachkommenschaft? Was bringt das ganze Getue und Brimborium um Sex, wo sich doch Lebewesen mit wesentlich weniger Anstrengung und ungeschlechtlich, mithin sogar ohne Männchen fortpflanzen können?

Sexuelle Vermehrung bringt einen eminenten biologischen Vorteil in der Evolution und ist deshalb in der Pflanzen- und Tierwelt weit verbreitet. Die weithin akzeptierte Erklärung ist, dass bei der sexuellen Fortpflanzung das Erbmaterial von zwei Eltern vermischt wird. Dadurch können biologische Arten schnell und effektiv auf veränderte, neue, stressige und nachteilige Umwelt- respektive Lebensbedingungen reagieren.

Eine dieser rasch wechselnden Umweltbedingungen ist der wenig beachtete, aber eigentlich immerwährende Kampf von Lebewesen gegen sich schnell verändernde Parasiten. Praktisch jedes Lebewesen wird von Parasiten geplagt, angefangen von Viren und Bakterien bis zu parasitären Pflanzen und Tieren. Etwa 80 Prozent aller Geschöpfe leben auf diese Weise parasitär und beziehen Nahrung, aber auch andere Ressourcen wie Körpersubstanz, Sauerstoff oder Wärmeenergie von so genannten Wirten.

Der Wirt wehrt sich dagegen auf mannigfache Weise. Am wirkungsvollsten kann er gegenüber Parasiten bestehen, wenn er ihren wechselnden Tricks möglichst schnell mit einem Wechsel seines eigenen Erbguts begegnet. Eine solche Anpassung macht den Wirt fitter gegenüber den Parasiten. Jetzt die Preisfrage: Kann man das auch überprüfen, oder klingt das nur gut?

Man kann. An Caenorhabditis elegans. Das ist ein zirka einen Millimeter langer Fadenwurm, der sich sowohl gleichgeschlechtlich als auch zwischengeschlechtlich vermehren kann und normalerweise im Erdboden lebt. Ein krankheitserregender Parasit für diesen Wurm ist das Bakterium Serratia marcescens. Auf den Befall durch den Parasiten reagiert der Fadenwurm mit einer erstaunlich effizienten Taktik. Er stellt auf Sex um. Wenn man die Würmer und die Bakterien dem natürlichen evolutionären Wettstreit überlässt, dominiert auf Dauer die sexuelle Fortpflanzung beim Fadenwurm, weil er sich dadurch an die sich verändernden Tricks des Bakteriums schnell anpassen kann. Wenn der Befall nachlässt, lässt auch die sexuelle Aktivität wieder nach. Stimmt das Ergebnis? Machen wir die Gegenprobe. Wenn man durch genetische Manipulation beim Fadenwurm nur noch gleichgeschlechtliche Vermehrung erlaubt, stirbt er unter der Einwirkung der schädigenden Bakterien rasch aus.

Normalerweise ist geschlechtliche Liebe viel zu aufwändig, um vom evolutionären Gesichtspunkt aus sinnvoll zu sein. Es scheint demnach so, dass wir die Vergnügungen des Sex und die Existenz von Männchen Parasiten verdanken. Denn durch sexuelle Vermischung der Gene werden die Widerstandskraft und die Fitness des Wirts gegenüber Parasiten enorm gestärkt. Ob es für all jene Frauen, die das Gefühl haben, von ihren Männern ausgenutzt zu werden, ein Trost ist zu wissen, dass es da einen Zusammenhang gibt, muss allerdings dahingestellt bleiben.

Und wo Männchen nicht notwendig sind, gibt es sie auch nicht. Nicht nur bei Würmern. Eine in der Wüste lebende Eidechsenpopulation etwa besteht ausschließlich aus Weibchen.

„Na, sicher“, mögen Sie nun einwerfen, „eine Eidechsenart in der Wüste, wahrscheinlich mit eingebautem WLAN und unbegrenztem Download­volumen, haha, und wenn man hinschaut, ist sie immer grad weg, wie das Christkind. Ich glaube kein Wort!“ Fakt ist aber: Der Name der Echse lautet Schienenechse, und dort, wo sie vorkommt, nämlich in Amerika, nennt man sie entweder Whiptail Lizard oder Lagartos de Cola Látigo. Die Umweltbedingungen, beispielsweise in der kalifornischen Mojave-Wüste, sind sehr stabil, der Überlebenskampf wird hauptsächlich gegen die Witterung ausgefochten, es gibt kaum Gegner, deshalb verzichten diese Reptilienweibchen auf Männchen. Die Vermehrung erfolgt über Jungfrauenzeugung, was dort tatsächlich funktioniert. Die Weibchen werden danach aber keine Gottesmütter und ihre Söhne später nicht gekreuzigt. Und zwar nicht nur deshalb, weil es gar keine Söhne gibt. Die Schienenechsenweibchen brauchen also nicht nur keine Männchen – mehr noch, es sieht sogar so aus, als ob sie sich bei der Fortpflanzung über die abwesenden Männchen lustig machten. Denn es gibt zwischen den Weibchen sehr wohl Balzrituale, sie besteigen einander gurrend, aber dann lassen sie es auch wieder und legen jede ein paar Eier, aus denen genetisch idente Töchter entstehen.

Aber auch wo es Männchen gibt, entscheiden sehr oft die Weibchen, wer sich fortpflanzen darf. Ein besonders ausgeklügeltes System hat die Evolution für Enten entwickelt. Diese Vögel gelten als zahm und wohlschmeckend und eignen sich somit hervorragend als Ziertiere im Park und Speisetiere auf dem Teller. Was viele indes nicht wissen, wenn sie Enten im Teich mit altem Brot füttern: Sie füttern Vergewaltiger. Würde ein Erpel bei Sandra Maischberger einmal die Karten auf den Tisch legen, wäre der Teufel los. Erpel können zwar auch sanft, aber eben auch anders. Und anders bedeutet mitunter, dass sie sich nehmen, wovon sie der Meinung sind, dass es ihnen zusteht, nämlich ein Sexualakt mit einer Ente und eine Zukunft für ihre Gene.

Die Ente hat keine Chance, seiner Liebe zu entkommen, aber sein Ei unter dem Herzen austragen muss sie immerhin nicht. Und das kommt so: Erpel haben Penisse. Das klingt unspektakulär, aber Penisse sind bei Vögeln eine Rarität. Man sagt zwar, alle Vögel hätten einen, aber die meisten nennen ihn nur so, es handelt sich vielmehr um einen Penis non-protrudens. Wie kann man sich das vorstellen? Wenn Menschenmänner, oft in Tateinheit mit Alkohol, etwa nach einem Slibowitz-Aufguss in der Sauna, einander herabwürdigen wollen, dann bezeichnen sie das Geschlechtsorgan eines anderen als Soachwarze. Für die meisten Vögel ist das Normalität. Ihr Penis besteht aus einem Höckerchen und Falten, im Erektionsfalle formen sie eine Art Rinne für die Samenflüssigkeit, stülpen ihre Kloake, also den Gemeinschaftsausgang von Verdauungs- und Fortpflanzungstrakt, etwas nach außen und pressen, was sie zu bieten haben, an die Kloake des Weibchens.

Da lacht der Erpel nur. Er hat nicht nur einen echten Penis, sondern manchen Arten eignet sogar ein Riesenglied. Der ausgerollte Penis der Argentinischen Schwarzkopfruderente misst bis zu 42,5 cm. Dass sein Profilname auf Facebook Ron Jeremy lautet, ist wissenschaftlich allerdings nicht belegt.

Was passiert nun, wenn sich ein Erpel mit einer derartigen Grundausstattung eine Ente vornimmt? Manche sagen, der Herrgott habe sich auch dabei etwas gedacht, anderen dagegen ist die Gotteshypothese zu kompliziert. In der Regel gilt aber: je länger der Penis des Enten-Männchens, desto verzweigter die Vagina des Opfers. Eine solche Vagina kann bis zu drei Seitenarme aufweisen, die von der StVO alle als Sackgassen klassifiziert sind. Und am Ende der Vagina, noch vor dem zu befruchtenden Ei, ist ein spiralartiger Verschluss eingebaut, den die Ente bei Bedarf dicht machen kann. Denn wenn sie sich schon nicht gegen den Erpel wehren kann, so bestimmt sie wenigstens, ob er auch Nachwuchs mit ihr produzieren darf. Wenn ihr der Begatter nicht passt, dann leitet sie sein Ejakulat in eine Sackgasse und verwendet es nicht zur Befruchtung. Für sie ist das wahrscheinlich ein kleiner Sieg, und man sollte ihr wohl eher nicht sagen, dass es auch Populationen ganz ohne Männchen gibt.

Dass menschliche Parkbesucherinnen und -besucher, die derartig ruppiges Fortpflanzungsgebaren beobachten, empört zu Stock- und Steinwurf greifen, um moralisches Kopulieren von den Enten einzufordern, ginge aber entschieden zu weit. Diese Praxis gehört als normale Spielart zur Lebensweise der Tiere, für die sie nicht verantwortlich zu machen sind. Und Sie würden ja auch nicht wollen, dass Ihnen jemand, der zuerst „Wulli, Wulli, Wulli!“ ruft, während er sein altes Brot in Ihre Wohnung wirft statt auf den Mist, danach unter Mineralienbeschuss vorschreibt, welche Sexualposition ihre bevorzugte zu sein hat.

Martin Puntigam
ist Solo-Kabarettist und Master of ­Ceremony der „Science Busters“. Sein neues Kabarett-Solo „Supererde“ ist vom 21.–23. November und vom 28.–30. November im Wiener Kabarett Niedermair zu sehen.

Lesen Sie im neuen profil wissen : Mit Nachdruck versuchen Forscher zu entschlüsseln, warum der Mensch altert – und wie man diesen Prozess bremsen oder sogar stoppen könnte.

Foto: Monika Saulich für profil