<i><small>Martin Puntigam</small></i>
Oktoberfest: Die Sprühpizza als Bürgerpflicht

<i><small>Martin Puntigam</small></i>
Oktoberfest: Die Sprühpizza als Bürgerpflicht

Weitspeiben, Bavaria-Downhill und galaktische Mengen an Schnaps – Martin Puntigam erklärt das Oktoberfest aus streng physikalischer Sicht.

Jedes Jahr, kurz nach der Septembermitte, schallt es unvermeidlich am Fuße der Bavaria über die Münchner Theresienwiese erst „O‘zapft is“ und dann gut zwei Wochen „Oaszwoagsuffa“ et cetera pp., wie gesagt wird. Warum es das Oktoberfest überhaupt gibt, lässt sich nicht verlässlich erklären. Es existiert vermutlich hauptsächlich deshalb, weil vergessen wurde, es in der Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, gleich wieder abzuschaffen. Auch mit physikalischen Mitteln lässt sich die Existenz dieser kommunalabgabenpflichtigen Gruppenintoxikation mit Trachtenanschluss nicht schlüssig erklären, wohl aber einige ihrer Hauptattraktionen.
Die Themen des kommenden Aufsatzes im Überblick:

• Warum müssen wir erbrechen?
• Wird Weitspeiben irgendwann olympisch?
• Wann besiegt die Gleitreibung die Haftreibung?
• Wo gibt es im Weltall Freibier?

Sie sehen, wir haben einiges für Sie auf der Pfanne.

Aufgez!
Komasaufen hat ja grundsätzlich eher einen schlechten Ruf, zumal, wenn Jugendliche über die Stränge schlagen. Wenn es aber Oktoberfest, Silvester oder Kölner Karneval heißt und Erwachsene drüberschlagen, machen auch die politischen Repräsentanten gerne mit. Dann wird der Rausch Staatsbürgerpflicht und die Magensäure gern gesehener Gast vor den Füßen und auf den Schuhspitzen.

Aber warum müssen wir Menschen überhaupt erbrechen?
Weshalb zahlen Menschen, wie am Oktoberfest, viel Geld, um ihren Körper in lächerlichen Verkleidungen erst zu vergiften und anschließend zu entleeren? Und warum können wir Menschen das, während andere Säugetiere wie Pferde und Ratten die Kunst der schwungvollen Magenentleerung durch die Mundhöhle nicht beherrschen? Die Antwort lautet, wie so oft: Wir können es, weil es manchmal günstig für uns ist. Es gibt zahlreiche Gründe, warum sich unser Körper entscheidet, sich rasant von verschlucktem Essen und Trinken wieder zu trennen. Ekel beispielsweise, Platzmangel oder Alkohol. Natürlich kann man auch mit dem Finger nachhelfen oder mit einer Nidation in der Gebärmutter, aber das wollen wir als bekannt voraussetzen.

Warum löst Ekel Erbrechen aus?
Da muss man genauer sein. Wenn wir etwa etwas Verwesendes riechen oder Verschimmelndes oder giftige Dämpfe, so nehmen wir über die Haut und die Lunge sofort ein wenig davon in unseren Körper auf. Es handelt sich aber um Gift, und darauf rea-giert der Körper, wenn er funktioniert, mit sofortiger Ausweisung. In diesem Fall ist Erbrechen quasi eine Spielart der pyrolytischen Reinigung auf hydraulischer Basis.

Wenn Platzmangel der Grund für Übergeben ist, hat das hierarchische Gründe. Den Innenraum unseres Rumpfes teilen sich unter anderem Herz, Lunge und Magen. In dieser Reihenfolge sind sie auch zeichnungsberechtigt. Wenn der Magen prall gefüllt ist mit Nahrung, sodass Herz und Lunge sich beengt fühlen, dann spricht das Herz ein Machtwort. Der Nervus vagus schirgt beim Gehirn, und der ­Magen muss sich stante pede von seinen Gästen verabschieden.

Auch Alkohol und Erbrechen bilden eine jahrtausendealte Erfolgsgeschichte. Alkohol schaut direkt im Gehirn beim Brechzentrum vorbei, und wenn der Smalltalk erledigt ist, dann können mit etwas Glück alle etwas davon ­haben.

Welche Weiten sind dabei möglich? Kommt drauf an, wie man sich anstellt. Zu beachten ist dabei vor allem die Bernoullische-Gleichung für strömende Flüssigkeiten. Die Gleichung lautet:
p ist der Druck, die Dichte der Flüssigkeit und v die Geschwindigkeit. Der Magen sollte klein sein, damit durch Überfüllung großer Druck aufgebaut werden kann. Wenn es losgeht, im Rachenraum, muss man beim Kehlkopf für eine Verengung sorgen, dadurch wird die Flüssigkeit beschleunigt. Und jetzt muss man noch einmal aufpassen. Denn wer glaubt, dass geschürzte Lippen als Düse die Sache beschleunigen, der irrt. Im Gegenteil muss der Mund weit aufgerissen werden, um den Strahl möglichst wenig abzubremsen. Als Munition lädt man am besten etwas Weiches, Pudding, Mus oder Joghurt. Wo liegt dann der K-Punkt, soll heißen, wie weit kann man kommen? Wenn vom Material her alles passt, dann sind bei guter Trainingsvorbereitung bis zu sieben oder acht Meter nicht unrealistisch. Keine schlechte Leistung, und wenn man sich die Gier des IOC nach Sponsorengeldern vor Augen hält, dann kann es nicht mehr lange dauern, bis Weitspeiben als olympische Disziplin Furore machen wird, endlich auch wieder mit Goldchance für heimische Athleten. Bei der Landung wird ein sauberer Telemark allerdings schwierig, da ist es sicher besser, man benutzt ein Kacherl.

Natürlich gibt es auf der Theresienwiese zahlreiche Sanitäranlagen, mitunter sind sie aber überlastet, und oft ist der Weg zu weit. Viele Menschen schaffen es also nicht bis dorthin. Ein besonders beliebter Ort, an dem Menschen die Schleusen ihrer Körperöffnungen weiten, ist der Abhang unter der Bavaria-Statue. Eigentlich ist dieser Abhang nicht sehr steil, laut Bayerischem Landesamt für Vermessung und Geoinformationen weist er eine Steigung von 23 bis 27 Prozent auf, kann also tagsüber und bei guter Witterung ohne Weiteres erklommen werden. Er ist kurz, von Gipfelsieg zu sprechen, wäre aber trotzdem einigermaßen gewagt.

Wenn allerdings die Piste abends und nachts durch die Wiesnbesucherinnen und -besucher präpariert wird, geht es da weit hinunter. Warum? Aus physikalischer Sicht kommen hier die Haftreibung und die Gleitreibung ins Spiel. Reibung ist der Grund, warum wir nicht umfallen, bei geringer Reibung hingegen rutschen wir aus. Es herrscht klare Aufgabenteilung: Wenn man sich nicht bewegt, ist die Haftreibung zuständig, wenn man sich bewegt, die Gleitreibung.

Nun ist die Haftreibung zwar grundsätzlich stets größer als die Gleitreibung, wenn man aber einmal rutscht, gibt es oft kein Halten mehr. Und die Melange aus Erbrochenem, Urin und Kot unter der Bavaria erleichtert die Talfahrt erheblich. Ab wann man ins Rutschen kommt, darüber entscheidet übrigens der Reibungskoeffizient.

Der Reibungskoeffizient ist ein Maß für die Reibung. Das heißt, je größer der Reibungskoeffizient, desto größer ist die Reibung. Er gibt auch die Steigung an, bei der man gerade noch nicht rutscht. Für trockenen Boden kann man eine maximale Steigung von 45 Prozent annehmen, ohne dass man ausrutscht, für nassen, schmierigen Boden jedoch nur 20 Prozent. Und 23 bis 27 Prozent sind diesbezüglich eben drei bis sieben Prozentpunkte zu viel.

Apropos. 6,9 Millionen Maß wurden 2012 während des Oktoberfestes ausgeschenkt, im Jahr davor waren es sogar 7,5 Millionen. Klingt nach einer gigantischen Menge, aber nur, wenn man kein Kosmologe ist.

In den Weiten des Universums gibt es nämlich unter anderem Gas- und Staubwolken mit Molekülen fast aller Art. Diese Wolken tragen klingende Namen wie Adlernebel, Krebsnebel, Entennebel oder Katzenkopfnebel, quasi ein extraterrestrischer Kleintierzoo. Und in Verbindung zu solchen Nebeln befinden sich mitunter offene Sternhaufen. In derartigen Sternhaufen gibt es nicht nur Wasser, Kohlenmonoxid, giftige Substanzen wie Blausäure und andere organische Verbindungen, sondern auch jede Menge Alkohol. Die heißen zwar nicht Freibier- oder Baucherlnebel, haben aber ebenfalls bildhafte Namen. Weihnachtsbaum-Sternhaufen etwa, Schneeflocken-Cluster oder Säulen der Schöpfung.

Letztere werden deshalb so genannt, weil sich an den Spitzen der Säulen riesige Bereiche befinden, in denen ununterbrochen neue Sterne entstehen. Und dort gibt es auch Schnaps, und zwar jede Menge. Die Säulen der Schöpfung sind sozusagen ein galaktischer Branntweiner.
Sie enthalten etwa 10 hoch 19 (10 Milliarden Milliarden Milliarden) Liter Äthylalkohol.Wie viele Oktoberfeste könnte man damit ausrüsten? Fast unendlich viele.

Mit dieser Menge Alkohol würde die gesamte Menschheit, wenn jeder Mensch, vom Säugling bis zum Greis, stündlich ein Stamperl Schnaps tränke, etwa eine Million Jahre auskommen.

Ein Prosit der Gemiatlichkeit sisyphosischen Ausmaßes. Und dann hätte man erst die erste Säule ausgetrunken. Und könnte rufen: „Herr Wirt, bitte die nächste Säule.“ Dagegen wäre das Oktoberfest mit seinem gut zwei Wochen Bierverkosten dann fast ein Workshop der anonymen Alkoholiker.
Ob man sich einen Rausch vom Oktoberfest mit nach Hause gebracht hat oder von anderswo – eines eint viele Menschen mit hohen Blutalkoholwerten, wenn sie sich einmal ins Bett gelegt haben, um der Ausnüchterung freie Bahn zu gewähren, nämlich der einsetzende Schwindel. Plötzlich, wenn alles überstanden scheint, beginnt sich die Welt nur noch um einen selbst zu drehen. Was sonst wünschenswert erscheint, ist in diesen Momenten nicht willkommen und verstärkt die Übelkeit, die man ins Bett mitgebracht hat, in der Regel noch. Wie kommt es dazu?

Durch den Alkohol werden einige Systeme im Gehirn ausgeschaltet beziehungsweise funktionieren sie nicht mehr so richtig. Das Gleichgewichtssystem erhält seinen Input normalerweise von mehreren Sensoren: Das Innenohr informiert über die Lage, das Auge gleicht die Information ab, und die Tastrezeptoren bestätigen die Daten über die Position. Wenn wir betrunken sind, fällt die Information vom Innenohr aus. Legen wir uns nieder, schließen wir die Augen. Damit weiß das Gehirn nicht mehr, wo wir sind und sucht nach einer Lösung. Das empfinden wir nicht als angenehm, es dreht sich alles, wie gesagt wird. Stellen wir aber einen Fuß auf den Boden oder legen wir die Handfläche an eine Wand, dann stabilisiert sich die Lage. Das Gehirn hat nun zumindest wieder eine klare Information, mit der es etwas anfangen kann, die nicht durch den Alkoholkonsum beeinflusst wurde. Das Bein am Boden ist also ein Rettungsanker, nicht nur im übertragenen Sinn. Manche Menschen meinen sogar, sie würden dadurch bremsen, denn schließlich höre das Drehen dann auf. Das stimmt, aber die Bremse befindet sich nicht am Boden, sondern im Kopf. Einzige Bedingung, damit diese Lösung den ersehnten Schlaf bringt: Man darf sich nicht in ein mitten im Raum stehendes Hochbett legen.

Martin Puntigam
ist Solo-Kabarettist und Master of ­Ceremony der „Science Busters“.

Foto: Monika Saulich für profil