Neurowissenschafter Kölsch: "Stradivari-Geigen werden total überschätzt“

Stefan Kölsch

Stefan Kölsch

Der Neurowissenschafter Stefan Kölsch erklärt, wie Musik die Hirnchemie verbessert, die Nervenleitungen stärkt, bei Alzheimer, Parkinson und Schlaganfällen hilft – und sogar Leben retten kann.

INTERVIEW: TILL HEIN

profil: Sie behaupten, Musik besitze heilende Kraft. Wogegen denn?
Kölsch: Insbesondere nach Schlaganfällen, bei Parkinson, Alzheimer und Depressionen sind positive Effekte durch Musik gut belegt. Und es gibt sogar Hinweise, dass Musikhören das Leben generell verlängert.

profil: Der berühmte Harvard-Psychologieprofessor Steven Pinker sagt, Musik sei „auditory cheese-cake“, Käsekuchen für die Ohren: angenehm, aber unwichtig.
Kölsch: Pinker blickt nicht über den Tellerrand seiner übersättigten US-amerikanischen Kultur hinaus. Dadurch entgeht ihm das Wesentliche. Auch für Bildungsbürger in Mitteleuropa mag ein Besuch im Konzertsaal Luxus sein. Berücksichtigt man, was Musik in Extremsituationen zu leisten vermag, relativiert sich Steven Pinkers Aussage.

profil: Wie meinen Sie das?
Kölsch: Denken Sie an die legendäre Endurance-Expedition: Im Jänner 1915 froren Ernest Shackleton und seine Männer mit ihrem Forschungsschiff in der Eishölle der Antarktis fest. Die Temperaturen sinken dort auf bis zu minus 90 Grad. Das Schiff wurde vom Eis zerquetscht. Den Männern froren Zehen ab. Sie schrien vor Schmerzen, wollten nur noch sterben. Da holte ein Mitglied von Shackletons Team sein Banjo heraus und stimmte Lieder an. Alle sangen gemeinsam und schöpften neuen Mut, immer wieder, wochenlang. Ohne Musik hätten etliche aus seiner Mannschaft diese Expedition nicht überlebt, schrieb Shackleton später.

profil: Stimmt es, dass regelmäßiges Musizieren das Gehirn verändert?
Kölsch: Schon beim Musikhören werden hilfreiche Botenstoffe im Hirn freigesetzt. Die ganze Gehirnchemie verändert sich. Singt oder musiziert man aktiv, sind diese Effekte deutlich stärker, und mit der Zeit ändert sich sogar die Anatomie des Gehirns. Neue neuronale Verknüpfungen bilden sich. Die Nervenleitungen werden dicker und können Informationen schneller übermitteln.

profil: Gibt es ein Musikzentrum im Gehirn?
Kölsch: Das wurde lange vermutet. In Wahrheit aber sind sowohl beim Musizieren als auch beim Musikhören sehr viele unterschiedliche neuronale Netzwerke beteiligt. Die Aktivierung des Neokortex in der rechten Hirnhälfte ist bei Musik allerdings stärker als diejenige in der linken. Bei Sprache verhält es sich genau umgekehrt. Es fällt aber auch auf, dass die komplexen Gehirnstrukturen für Sprache und Musik einander überlappen. Das bietet für Schlaganfallpatienten mit Sprachstörungen Chancen.


Überhaupt gibt es viele Parallelen zwischen Sprache und Musik: Die Grammatiken unterschiedlicher Sprachen ähneln einander ja nur bedingt. Und auch was in der Musik als harmonisch gilt, hängt vom jeweiligen Kulturkreis ab.

profil: Weshalb?
Kölsch: Nach einem Schlaganfall in der linken Hirnhälfte sind die Sprachfähigkeiten meist stark beeinträchtigt. Die rechte Hirnhälfte aber funktioniert weiter normal, und man kann etwa Lieder wie „Fuchs du hast die Gans gestohlen“ noch
abrufen, und zwar sowohl Melodie als auch Text. Trainiert man das gezielt, regenerieren sich mit der Zeit meist auch allgemeine Sprachfähigkeiten. Die Musik hilft der Sprache gleichsam auf die Sprünge. Betroffene beginnen im Alltag, einfache Mitteilungen, die sie nicht aussprechen können, zu singen, etwa: „Ich gehe einkaufen.“ Und über diesen Umweg lernen nicht wenige mit der Zeit, wieder recht fließend normal zu sprechen.

profil: Sie haben Geige studiert. Doch am ersten Tag nach Ihrem Abschlusskonzert am Konservatorium schrieben Sie sich an der Uni für Psychologie und Soziologie ein. Zu viel Lampenfieber für eine Karriere als Musiker?
Kölsch: Während des Musikstudiums kollabierte mein rechter Lungenflügel. Ein ganzes Jahr lang musste ich mich schonen und durfte nur wenig üben. Um mich zu beschäftigen, besuchte ich an der Uni alle möglichen Vorlesungen: Philosophie, Sprachwissenschaft, Psychologie. Eine neue Welt tat sich für mich auf. Und der Wissensdrang ließ mich nie mehr los. Besonders begann mich die Frage zu interessieren, was Musik im Gehirn auslöst. Das war der spätere Hauptschwerpunkt meiner Forschung.

profil: Stimmt es, dass Sie für Ihre Dissertation nur ein Jahr gebraucht haben?
Kölsch: Elf Monate. Und normalerweise ergeben sich im Zuge einer Dissertation im Fach Psychologie zwei bis drei wissenschaftliche Publikationen. Bei meiner Forschung waren es sechs. Einige davon gehören heute zu den meistzitierten Arbeiten in diesem Forschungsbereich.


Was in der Musik als harmonisch gilt, hängt vom jeweiligen Kulturkreis ab.

profil: Was waren Ihre wichtigsten Erkenntnisse?
Kölsch: Als ich Versuchspersonen über Kopfhörer abwechselnd verbale Botschaften und Akkordfolgen vorspielte, sah ich im EEG unter anderem, dass, wenn die Probanden eine unharmonische Akkordfolge hörten, in ihrem Gehirn ganz ähnliche Schaltkreise aktiviert wurden wie beim Hören grammatikalisch falscher Sätze wie: „Die Affen haben Bananen essen.“ Und selbst wenn Testpersonen gar nicht bewusst wahrnahmen, dass eine Akkordfolge seltsam klang, zeigte sich in ihrem Gehirn deutlich dieses Aktivierungsmuster, das auf Irritation hinweist.

profil: Ist das Gespür für musikalische Harmonien also angeboren?
Kölsch: Nein, aber das Potenzial, solche Regeln sehr rasch zu erlernen, ähnlich wie die Voraussetzungen zum Spracherwerb. Überhaupt gibt es viele Parallelen zwischen Sprache und Musik: Die Grammatiken unterschiedlicher Sprachen ähneln einander ja nur bedingt. Und auch was in der Musik als harmonisch gilt, hängt vom jeweiligen Kulturkreis ab. Sprache ist letztlich eine Spezialform von Musik, sozusagen Musik, die von nur einer Person gleichzeitig gemacht wird, mit Klängen, die ganz spezielle Bedeutungen haben.

profil: Träumt jeder Geiger davon, eine Stradivari zu spielen?
Kölsch: Ich mit Sicherheit nicht. Stadivari-Geigen werden total überschätzt. Die einzigartige Qualität dieser Instrumente, die mehrere Millionen Euro kosten, ist ein Mythos. Wissenschaftliche Experimente haben das klar gezeigt: Als Spitzenmusiker durch einen Vorhang verdeckt auf unterschiedlichen Geigen das gleiche Stück spielten, empfand die Mehrheit der Zuhörer, und zwar Profimusiker wie auch Laien, den Klang moderner, deutlich weniger teurer Violinen als voller und schöner als denjenigen einer Stradivari.

profil: Warum hält sich der Mythos dieser Instrumente dennoch?
Kölsch: Das hat mit der Funktionsweise des Gehirns zu tun: Glaubt unser Gehirn, dass etwas ganz toll und kostbar ist, dann nehmen wir es auch als ganz toll und kostbar wahr. Wenn ich Ihnen ein Glas Wein anbiete und erwähne, der Tropfen stamme aus einem weltberühmten Weingut und die Flasche koste 50 Euro, wird Ihnen der Wein besser schmecken, als wenn Sie erfahren, dass er nur fünf Euro kostet.

profil: Sie behaupten, dass Musik spezifisch menschlich ist. Dabei sind Papageien doch auch musikalisch. Und in Thailand gibt es sogar ein Elefantenorchester.
Kölsch: Bei diesem Elefantenorchester machen eigentlich Menschen die Musik, und Elefanten sind darauf dressiert, mit dem Rüssel irgendwelche Rasseln zu schütteln, sodass das möglichst wenig störend auffällt. Und der Papagei auf dem populären YouTube-Video aus Kalifornien? Er bewegt seinen Kopf im Rhythmus der Musik der Backstreet Boys, richtig. Was das Video jedoch nicht zeigt, ist die Besitzerin des Papageis, die ihm hinter der Kamera diese Bewegungen vorturnt.


Genuss entsteht fast immer durch eine raffinierte Mischung aus Erwartbarem und Überraschung.

profil: Aber Sie werden nicht bestreiten, dass Wale eindrucksvoll singen.
Kölsch: Die Lieder dieser Meeressäuger sind in der Tat faszinierend. Das Entscheidende ist jedoch: Wale singen weder im Chor noch zu einem gemeinsamen Rhythmus. Sie schwimmen zwar in Gruppen, singen aber abwechselnd. Außer dem Menschen gibt es keine Spezies, deren Individuen ihre Stimmen zu einem gemeinsamen Rhythmus synchronisieren: weder Papageien noch Singvögel, Wale oder Menschenaffen. Ausschließlich Menschen kommen zusammen, singen gemeinsam „Heijo!“, klatschen im Takt in die Hände und stampfen und tanzen im Rhythmus. Gemeinsames Musizieren ist das, was den Menschen vom Tier unterscheidet.

profil: Warum lieben fast alle Menschen Musik?
Kölsch: Ein wichtiger Faktor ist die Neugierde. Musik spielt mit unseren Erwartungen: Ständig möchte man als Zuhörer wissen, wie es weitergeht: Kommt genau der Ton, den ich erwarte? Das fragt sich das Gehirn unwillkürlich, auch ohne dass es uns bewusst ist. Und Situationen der gespannten Erwartung mag unser Hirn generell sehr. Genuss entsteht fast immer durch eine raffinierte Mischung aus Erwartbarem und Überraschung. Dann wird im Gehirn Dopamin ausgeschüttet, ein Botenstoff, der anti-sklerotisch wirkt, also jung hält.

profil: Hat es genetische Gründe, ob jemand besonders musikalisch ist?
Kölsch: Das halte ich für Mumpitz. Selbst Genforscher kommen immer stärker zur Überzeugung, dass die DNA allein nicht viel aussagt. Viel wichtiger ist die sogenannte Epigenetik, also welche Abschnitte des Erbguts durch Umweltfaktoren aktiviert werden und welche nicht. Musikalisches Talent wird durch sehr viele Dinge geprägt. Bereits Töne, Melodien und Rhythmen, die man im Mutterleib hört, können eine Auswirkung haben – ebenso die ersten Eindrücke nach der Geburt: Wie sprechen die Eltern mit dem Baby? Singen sie mit ihm? Vielleicht läuft auch zufällig ein Song im Radio, für den ein Säugling besonders empfänglich ist.

profil: Wie wird Musik im Gehirn gespeichert?
Kölsch: Da sind noch viele Fragen offen. Interessant ist aber, dass sich manche schwer demente Menschen an fast nichts mehr erinnern können, aber noch immer viele Melodien korrekt erkennen. Vieles deutet darauf hin, dass es ein spezifisches Gedächtnis für musikalische Inhalte gibt. Mit Sicherheit bestehen enge Verbindungen zu anderen neurologischen Strukturen im Gehirn. Studien haben gezeigt, dass sich Alzheimerpatienten an mehr Details aus ihrer Biografie erinnern, wenn im Hintergrund Musik läuft – und zwar auch dann, wenn diese Musik nichts mit den Ereignissen zu tun hat.

profil: Wie erklären Sie sich das?
Kölsch: Ich vermute, es gibt so etwas wie einen Emotions-Gedächtnistunnel: In einer Region im Gehirn liegen Emotionen, Musikverständnis und biografisches Gedächtnis sehr nah beieinander. Stimuliert man dieses Hirnareal mit Musik, die Emotionen auslöst, dann werden automatisch auch biografische Gedächtnisfunktionen mitaktiviert. Man öffnet mithilfe von Musik und Gefühlen also gleichsam einen Tunnel, und wenn die Bahn frei ist, werden selbst bei Alzheimerpatienten in einem späten Stadium allerlei persönliche Erinnerungen zugeschaltet.


Absurderweise gelten in unserer Kultur negative Gedanken und Gefühle oft als schick.

profil: Stimmt es, dass Ihre ersten musikalischen Erinnerungen Mozart-Symphonien und Marschmusik sind?
Kölsch: Mein Vater war Offizier, und wir hatten viele Schallplatten mit Marschmusik zu Hause. Als Kind gefiel mir dieser Musikstil sehr. „Daduffda“ nannte ich ihn. „Daduffda hören“ wollte ich ständig. Meine Eltern liebten aber auch Mozart.

profil: Es soll Berichte über Parkinson-Patienten geben, die kaum mehr gehen können, aber zu Musik das Tanzbein schwingen.
Kölsch: Das hat mich selbst sehr verblüfft. Parkinson wird auch Schüttellähmung genannt. In fortgeschrittenem Stadion zittern die Betroffenen sehr stark. Falls sie überhaupt noch gehen können, kommt es dabei immer wieder zu Blockaden, bei denen die Bewegung vorübergehend stockt. Macht man hingegen Musik an, kann derselbe Patient oft plötzlich Walzer tanzen.

profil: Wie ist das möglich?
Kölsch: Bei Parkinsonpatienten ist unter anderem das Zeitempfinden gestört. Bittet man sie, bis zehn zu zählen, so zählen sie oft sehr langsam und unregelmäßig. Manche machen zwischendurch Pausen, ohne es zu merken. Vieles deutet darauf hin, dass ihr Zeitgefühl durch den Rhythmus der Musik gleichsam wieder getaktet werden kann. Und es gibt im Gehirn auch direkte Wechselwirkungen zwischen Musikverarbeitung und Motorik: Schon wenn ich einen Takt klatsche, werden automatisch Strukturen im Gehirn aktiv, die eine wichtige Rolle bei der Ausführung von Körperbewegungen spielen: Areale des prämotorischen Kortex etwa sowie die Basalganglien. Das scheint die körperliche Agilität zu fördern. Durch Musik gerät der ganze Organismus offenbar in eine Art Schwingung, die vielen Parkinsonpatienten dabei hilft, Bewegungen wieder mit mehr Leichtigkeit auszuführen. Besonders effektiv ist Tanzmusik. Und zwar die Stilrichtung, die den Patienten selbst am besten gefällt. Oft hält die Wirkung übrigens auch nach dem Musikhören noch etwas an, aber das ist individuell verschieden.

profil: Menschen, die an Depressionen leiden, empfehlen Sie Songs der Beach Boys.
Kölsch: Mag sein, dass Depressiven manchmal traurige Lieder helfen, um sich in ihren Gefühlen verstanden zu fühlen. Aber spätestens nach dem dritten Song sollte man zu positiv gestimmter Musik übergehen, auch wenn man sich dafür einen Ruck geben muss. In sehr vielen Fällen hilft fröhliche Musik dabei, die eigene Stimmung aufzuhellen. Absurderweise gelten in unserer Kultur negative Gedanken und Gefühle oft als schick. Dabei schaden sie auf Dauer der Gesundheit. Durch fröhliche Musik hingegen kann man die sogenannte Hippocampusformation stimulieren: eine Struktur, in der bis ins hohe Alter neue Gehirnzellen gebildet werden können. Das hält das Hirn jung, flexibel und fit.

profil: Nördlich der Schweizer Grenze, auf der Schwäbischen Alb, haben Archäologen 2008 das wohl älteste Musikinstrument der Weltgeschichte gefunden: mehr als 35.000 Jahre alt. Wie klingt diese Flöte aus Geierknochen?
Kölsch: Ähnlich wie eine heutige Blockflöte. Die Klangfarbe ist lediglich etwas heller und rauschiger. Aber das älteste Musikinstrument? Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass noch deutlich ältere ausgegraben werden. Denn seit es den Homo sapiens gibt, gibt es auch Musik. Ich denke: Ohne Musik hätte es der Mensch gar nicht durch die Evolution geschafft.

Stefan Kölsch, 51
Der gebürtige Texaner studierte am Konservatorium Bremen Violine, Klavier und Komposition. Ab 1994 absolvierte er an der Universität Leipzig ein Zweitstudium in Psychologie und Soziologie. 2000 promovierte er am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig zum Thema „Musik und Gehirn“. Nach einem Aufenthalt als Postdoc an der Harvard Medical School in Boston leitete er von 2003 bis 2007 die Forschungsgruppe „Neurokognition der Musik“ am Max-Planck-Institut Leipzig. 2010 wurde er Psychologieprofessor an der Freien Universität Berlin. Seit 2015 lehrt und forscht er an der Universität Bergen in Norwegen.

Lesen Sie auch

Hirnchirurg Marsh: "Ich will niemanden mehr umbringen"