Oliver Sacks: "Ich will keinesfalls ein Guru sein"

Oliver Sacks: "Ich will keinesfalls ein Guru sein"

Anlässlich des Todes des britischen Star-Neurologen und Schriftstellers Oliver Sacks verweisen wir an dieser Stelle noch einmal auf ein profil-Interview aus dem Jahr 2002 (Nr. 8/2002).

Interview. Seine Fallgeschichten über neurologisch Kranke wurden Bestseller und Hollywood-Dramen. Jetzt hat der Psychiater und Neurologe Oliver Sacks, 69, seine Erinnerungen "Onkel Wolfram" veröffentlicht.

INTERVIEW: ANGELIKA HAGER

profil: Während andere Kinder von ihren Müttern Bonbons kriegen, wurden Sie von Ihrer Mutter im Alter von elf mit toten, missgebildeten Föten erfreut. So steht es jedenfalls in Ihren Kindheitserinnerungen "Onkel Wolfram".
Sacks: Das klingt jetzt möglicherweise schrecklich, aber sie hat es wirklich gut gemeint. Meine Mutter war Gynäkologin, und sie wollte meinen Forschungsgeist anstacheln. Ich sollte an den toten Babys sezieren üben. Die Idee, dass ich zu jung und zu verletzlich für solche Experimente sein könnte, kam ihr gar nicht.

profil: Wurden Sie dadurch für Ihr späteres emotionales Leben traumatisiert?
Sacks: Sie kommen aus der Stadt von Sigmund Freud und haben einen psychoanalytischen Ansatz. Natürlich habe ich meine Neurosen, wie jeder andere auch. Ich bin aber kein Borderline-Patient. Als ich damals an den kleinen Körpern herumschnipselte, stellte ich mir schon die Frage, ob ich je imstande sein würde, die warmen Körper der Lebenden zu lieben.

profil: In Ihrem Buch enthüllen Sie eine bisher unbekannte Passion: Ihre Leidenschaft für Chemie.
Sacks: Ich war als Kind fasziniert von der Vision, einmal so ein romantischer 19.- Jahrhundert-Chemiker zu werden. Ich betrachtete die Elemente als die wunderbarsten Dinge auf dieser Erde.

profil: Man gewinnt den Eindruck, dass Sie fast ein bisschen zornig auf Ihre Eltern waren, als sie Ihnen diesen Weg verwehrten.
Sacks: Meine Eltern, beide Ärzte, haben mich in die Medizin gedrängt. Ein bisschen zornig war ich anfangs schon.

profil: War die Geisteskrankheit Ihres Bruders Michael, die Sie erstaunlich kurz schildern, ausschlaggebend für Ihre spätere Karriere?
Sacks: Das mag mitgespielt haben. Rückblickend würde ich es mit "überproportional anregend" beschreiben.

profil: Dass der eigene Bruder plötzlich nachts durch die Gänge geisterte und rief, dass er "von einer sadistischen Vorsehung" als Messias auserkoren wurde, muss doch für ein Kind sehr prägend gewesen sein.
Sacks: Es hat mich geängstigt, aber gleichzeitig brennend interessiert. Sein Wandel hat in mir eine große Neugierde ausgelöst.


Das Wichtigste, was Eltern und Lehrer leisten können, ist es, ihre Kinder dazu zu ermutigen, ein Individuum zu werden.

profil: War die Neugierde größer als das Mitgefühl?
Sacks: Ich weiß nicht. Das ist schon wieder sehr psychoanalytisch.

profil: Sie schildern auch die schrecklichen Erfahrungen, die Sie mit Ihrem Bruder in einem englischen Internat machen mussten. Was ist denn, auf die Gegenwart bezogen, der Kardinalfehler der Pädagogik?
Sacks: Das Wichtigste, was Eltern und Lehrer leisten können, ist es, ihre Kinder dazu zu ermutigen, ein Individuum zu werden. Einen unabhängigen Geist jenseits von Konformismus und Standards zu entwickeln. Der Zwang zur Konformität und die damit verbundene Unterdrückung der Vorstellungskraft können unglaublich zerstörerisch wirken.

profil: Sie wurden berühmt durch Ihre Fallgeschichten von Patienten mit neurologischen Störungen. Wie erklären Sie sich die weltweite Faszination von z. B. "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" oder der Autisten-Geschichte "Eine Anthropologin auf dem Mars" auf ein Publikum, das sich großteils noch nie mit Neurologie befasst hat?
Sacks: Die Faszination des Unglücks liegt in der Natur des Menschen. Im 18. Jahrhundert sind die Leute in Irrenanstalten und Gefängnisse gepilgert. Menschliche Wesen in Extremsituationen interessieren eben. Noch dazu sind die von mir geschilderten Schicksale nachvollziehbar. Schließlich sind meine Patienten nicht in der Antarktis eingefroren oder wurden in einem Konzentrationslager gequält. Nein, sie werden durch neurologische Veränderungen aus ihrer Normalität gestoßen.

profil: Können Sie sich in die Welten Ihrer Patienten hineinversetzen?
Sacks: Begrenzt. Wir können uns hineinfühlen in Dinge wie Eifersucht oder auch Wahnsinn. Wir können zwar nicht König Lear sein, aber wir können uns doch vorstellen, was er durchmacht. Die Welt der neurologischen Veränderungen ist in dieser Weise nicht nachfühlbar. Sie ist das gänzlich Fremde.

profil: Sie verwandeln Ihre wissenschaftlichen Fallstudien in Reality-Novellen. Ist das nicht auch ein bisschen ausbeuterisch?
Sacks: Ich hege einen großen Respekt für meine Patienten. Vor dem Schriftsteller will ich vor allem der Arzt sein, der die Leiden seiner Patienten respektiert.

profil: Hollywood bedient sich gerne Ihrer Geschichten. Die Filme "Rain Man" mit Dustin Hoffman in der Rolle eines Autisten oder "Awakenings", die Tragödie eines Schlafkranken, dargestellt von Robert De Niro, basierten auf Ihren Arbeiten ...
Sacks: Mein letzter Beitrag für Hollywood hieß "At First Sight". Es ist die Geschichte eines Blinden, der plötzlich wieder sehen kann. Mit dem kleinen Unterschied, dass mein Patient zweihundert Kilo wog und wenig Haare hatte. Im Film wurde er dann doch von dem sehr attraktiven Val Kilmer dargestellt. Eine Romanze durchlebte mein Patient übrigens auch nicht.


Ich kann Sentimentalität nicht ausstehen. Ich liebe wahrhaftige Gefühle.

profil: Wie empfinden Sie die doch recht simplifizierten Hollywood-Porträts von neurologisch Kranken?
Sacks: Die filmischen Resultate gehen mich eigentlich nichts mehr an. Ich muss aber mein höchstes Lob für Dustin Hoffman und Robert De Niro aussprechen, die beide unglaubliche Torturen auf sich genommen haben, um ihre Figuren wahrheitsgemäß zu verkörpern. De Niro hat hunderte Stunden in der Klinik mit meinen Patienten verbracht. Natürlich wurde dann auch noch der Zuckerguss der Sentimentalität über den Film gelegt.

profil: Mögen Sie Sentimentalität?
Sacks: Ich kann sie nicht ausstehen. Ich liebe wahrhaftige Gefühle.

profil: Was empfinden Sie angesichts des Neopatriotismus, der die USA nach dem 11. September befallen hat?
Sacks: Das macht mir Angst. Als erste Reaktion war das verständlich. Schließlich hat hier eine Attacke auf die Identität stattgefunden. Erstmals haben sich die Menschen Fragen gestellt wie "Warum werden wir so gehasst?" oder "Erzürnt unser Leben die Armen dieser Welt so?". Aber jetzt nimmt dieser Patriotismus bereits pathologische Formen an. Ich habe eine Patientin, eine 16-jährige Kuwaiterin, die sich seit Monaten aufgrund ihres arabischen Aussehens nicht mehr aus dem Haus traut.

profil: Kann man von der Warte des Neurologen und Psychiaters abschätzen, welche Konsequenzen diese kollektive Traumatisierung für die Menschen haben wird?
Sacks: Dafür ist es noch zu früh. Ich habe selbst in England den Zweiten Weltkrieg erlebt. Im Gegensatz zu diesen Geschehnissen ist bei einem Krieg der Feind und der Zweck klar definiert. Ein Krieg zeichnet sich durch eine moralische Sicherheit aus. Seit dem 11. September hat sich eine fundamentale Unsicherheit in unserem Leben breit gemacht. Natürlich haben wir es heute in New York mit einem weit größeren Aufkommen von Angststörungen, Depressionen und Panikattacken zu tun.

profil: In New York gibt es die höchste Psychiaterdichte der Welt. Inzwischen beginnt die Selbstinspektion und Analyse auch in unserem Kulturkreis langsam zum Alltag zu werden. Begrüßen Sie das?
Sacks: Ich bin bitte sicher kein Guru und sitze auf keiner allgemein gültigen Weisheit. Aber mir hat die Psychoanalyse sicherlich das Leben gerettet. Ich war sehr selbstzerstörerisch, und meine Freunde hätten früher nie geglaubt, dass ich älter als 40 werde.

profil: Wie äußerte sich das Zerstörerische?
Sacks: Das ist eine zu lange Geschichte. Aber ich gehe seit 35 Jahren zweimal die Woche zu meinem Analytiker. Heute morgen war ich gleich nach dem Schwimmen dort. Ich schwimme täglich. Manchmal bis zu fünf Stunden am Tag.

profil: Erzählen Sie noch, warum für den berühmtesten Psychiater und Neurologen der Welt die eigene Psychoanalyse so wichtig ist?
Sacks: Weil es für mich ein Privileg, aber auch eine Notwendigkeit ist, jemanden zu haben, der meine inneren Kämpfe besser kennt als ich selbst. Und dabei neutral ist.

profil: Was sind für Sie die größten Denkfehler, die Sigmund Freud begangen hat?
Sacks: Ich bete ihn an. Aber in der Sache mit dem Penisneid bin ich nicht bei ihm. Ich glaube auch, dass er die Frauen nicht wirklich verstanden hat. Und er hatte kein Gefühl für Musik und ist bei Opern immer eingeschlafen. Unvorstellbar für mich.

profil: Woran arbeiten Sie gerade?
Sacks: Da ich selber alt werde, denke ich über ein Buch über das Altern nach. Es ist doch grauenhaft, dass in unserer Kultur die alten Menschen in solch grässlichen Heimen weggesperrt werden.

profil: Welche Inschrift soll einmal Ihren Grabstein schmücken?
Sacks: Er hat es versucht ...

Das Interview wurde ursprünglich im profil-Heft Nr. 8/2002 veröffentlicht.

Oliver Sacks wurde am 9. Juli 1933 als Sohn eines Arztehepaars in London geboren. Er wuchs in einem jüdischen Intellektuellen-Universum auf, in dem es von Mathematikern, Medizinern, Physikern, Soziologen und Biologen nur so wimmelte. In seiner Autobiografie "Onkel Wolfram" nennt er dieses Universum "meinen sozialen Uterus". Auch seine drei älteren Brüder wählten später den Arztberuf. Sacks wuchs im jüdischen Traditionsbewusstsein auf, wurde aber bereits mit sechs Atheist. Studium der Medizin in Oxford. Ab 1958 war Sacks als Arzt in einem Londoner Spital tätig, wo er sich mehr und mehr der Neurologie zuwandte. 1960 wanderte er in die USA aus. Seit 1966 wirkt er am New Yorker Albert Einstein College of Medicine, wo er sich anfangs mit dem Spezialgebiet Migräne auseinander setzte.

Weltberühmt wurde Sacks 1969, als er in einem Asyl für geistig schwer Behinderte 80 fast vergessene Opfer der Europäischen Schlafkrankheit "entdeckte". Die meisten Patienten waren in Lethargie erstarrt, kaum ansprechbar und zeigten nur wenig Reflexe. Unter dem Einsatz von L-Dopa, einem Medikament, das sich bei Parkinson als effektiv erwiesen hatte, wurden die Patienten plötzlich zu euphorischen, überschwänglichen Menschen. Doch leider nur für kurze Zeit; die wenigen intakten Neuronen waren nur begrenzt zu Hochleistung fähig. Sacks' Bericht über das Experiment, "Awakenings" (1973), wurde zum Weltbestseller und 1990 mit Robert De Niro verfilmt. Sacks' Arbeitsmethode, die Geschichten seiner Patienten zu Reality-Novellen mit literarischem Anspruch zu verdichten, beruht auf der Tradition der "Pathografien" des Hippokrates und den Krankheitsgeschichten des russischen Neuropsychologen Alexander R. Lurija im 19. Jahrhundert. Er verstarb am 30. August 2015 in New York.