Sodbrennen kann Halsweh auslösen - und Krebs begünstigen

Reflux - Sodbrennen kann Halsweh auslösen - und Krebs begünstigen

Diffuse Beschwerden wie Husten, ständige Heiserkeit und sogar Asthma können durch Reflux verursacht sein, im Volksmund als Sodbrennen geläufig. In seltenen Fällen kann dadurch der Boden für gravierende Krebsleiden bereitet werden.

Von Alwin Schönberger

Manchmal sind es Beschwerden wie anhaltende Heiserkeit, eine ständig belegte Stimme oder das Gefühl eines Fremdkörpers im Hals, welche Diagnostiker auf die falsche Fährte locken; dazu vielleicht der häufige Drang eines Patienten, zu hüsteln und sich zu räuspern. In anderen Fällen berichten Menschen ihren Ärzten von zähem, langwierigem Reizhusten, der sich auch schleimlösenden Präparaten hartnäckig widersetzt. Eine achtlos verschleppte, ins Chronische entglittene Infektion? Eine Kehlkopf- oder Nebenhöhlenentzündung womöglich? Spätestens dann, wenn auch eine Antibiotikatherapie nicht die gewünschten Resultate zeitigt, greift Verwirrung Platz.

Wiener Mediziner weisen nun auf eine andere denkbare Quelle für solche Symptome hin, die den meisten Patienten kaum in den Sinn käme – und auch dem Radar vieler Ärzte mitunter entgeht: Reflux, im Volksmund Sodbrennen genannt, kann nicht nur das lästige, gemeinhin aber als harmlos erachtete Ätzen in der Kehle bewirken, das zwischendurch schnell mal mit ein paar rezeptfreien Pillen unterdrückt wird. Dieser Rückfluss saurer Substanz aus dem Magen in die Speiseröhre, im Fachjargon Ösophagus, kann in seiner „stummen“ Form auch gänzlich ohne das charakteristische Brennen vonstatten gehen – dafür aber von anderen, mitunter gravierenden Begleiterscheinungen flankiert sein.

„Dann sind alle ratlos“
„Die Folgen können den gesamten Respirationstrakt betreffen“, sagt Berit Schneider-Stickler, Fachärztin für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten an der Medizinischen Universität Wien. „Es ist ein chronisches Geschehen, man hat oft das Gefühl, nicht und nicht gesund zu werden.“ Selbst asthmatische Beschwerden und Symptome, die den Verdacht auf eine Mittelohrentzündung schüren, könnten auf Reflux zurückzuführen sein. Typisch dabei: In solchen Fällen geläufige Untersuchungen, auch Allergietests, bleiben zumeist ohne Befund. Schneider-Stickler: „Dann sind alle ratlos.“

Allerdings setze sich in jüngerer Vergangenheit in Medizinerkreisen immerhin die Erkenntnis durch, dass „viele Symptome refluxbedingt sein können“. Auch auf Kongressen rückte das Thema zuletzt vermehrt auf die Agenda – zum Beispiel Anfang Mai dieses Jahres bei einer internationalen Chirurgentagung in München, bei der unter anderem die Aussagekraft diverser Diagnosemethoden erörtert wurde.

Dies aus gutem Grund, wie Experten meinen: Das eigentliche Problem ist, dass die Konsequenzen von Reflux nicht nur unangenehm, sondern fallweise durchaus gefährlich werden können: Denn zwischen 20 und 30 Prozent der Betroffenen, so ergab jüngst eine Studie von Wiener Medizinern, prägen am Ausgang der Speiseröhre Schleimhautveränderungen aus, „Barrett-Ösophagus“ genannt (nach dem britischen Chirurgen Norman Rupert Barrett). Diese Veränderungen wiederum begünstigen den zwar seltenen, aber besonders aggressiven Speiseröhrenkrebs, an dem mehr als 80 Prozent der Patienten innerhalb von fünf Jahren versterben.

Rund 300 solche Tumoren pro Jahr werden in Österreich erfasst, berichtet Martin Riegler, Facharzt für Chirurgie am Wiener AKH. „Es gibt allerdings eine hohe Dunkelziffer. Oft werden offiziell andere Todesursachen vermerkt.“ Überdies würden Experten bis 2020 mit 600 bis 1000 Fällen jährlich rechnen, so Riegler, „weil ja die Statistik der Realität immer ein wenig hinterherhinkt“. Auch müsse man davon ausgehen, dass die heutigen Ernährungsgewohnheiten die Zahl der Erkrankungen tendenziell in die Höhe treiben.

Denn der Ernährungsstil gilt – abgesehen von organischen Beeinträchtigungen, etwa solchen des Zwerchfells – als Hauptauslöser von Reflux, an dem in westlichen Nationen gut ein Viertel der Bevölkerung mehr oder minder regelmäßig laboriert. Im Grunde ist diese „Gastro Esophageal Reflux Disease“ (GERD) ein mechanisches Problem: Üblicherweise verhindert ein ringförmiger Schließmuskel – ein sogenannter Sphinkter – zwischen Speiseröhre und Mageneingang, dass saure Verdauungssäfte in die Speiseröhre strömen. Doch unter bestimmten Umständen versagt dieser Muskel seinen Dienst, wodurch saures Milieu zurück in die Speiseröhre fließt und dort Entzündungen auslösen kann. „Es kommt zu einer Erschlaffung des Muskels“, erläutert Riegler. „Das Ventil wird undicht.“

Sowohl die Konsumgewohnheiten als auch die Zusammensetzung der Mahlzeiten tangieren die Funktionstüchtigkeit des Sphinkters: So kann der verbreitete Usus, tagsüber wenig zu essen, abends dafür stattliche Portionen zu verschlingen, im Wege einer Überdehnung des Magens gleichsam das Schutzventil allmählich ausleiern. Substanzen wie Zucker, Fett, übermäßig Kohlenhydrate und Alkohol wiederum regen die Säureproduktion an. Zudem bewirkt beispielsweise zu viel Zucker eine „Dysbalance des Stoffwechsels“, so Riegler. Die Magenüberdehnung halte dadurch länger an. Negative Effekte haben weiters Nervengifte wie Alkohol und Nikotin, aber auch Medikamente wie bestimmte Schmerzstiller und Entzündungshemmer: Die Intensität der Verdauungsperistaltik wird gebremst, der Druck auf den Schließmuskel im Hals hält länger an.
Schädigungen durch diese Prozesse können auf zweierlei Art entstehen: zum einen durch die direkte Säureätzwirkung in der Speiseröhre sowie – teils über die Verbindung von Speise- und Luftröhre – in den Atemwegen. Dies kann nicht nur in Sodbrennen münden, sondern auch in Stimmproblemen, Heiserkeit und Hustensymptomen. Für chronischen Husten sei Reflux immerhin die dritthäufigste Ursache, so Schneider-Stickler. In Fachkreisen wird zusätzlich auch ein indirekter Wirkmechanismus diskutiert – die sogenannte „Reflex-Theorie“: Diese besagt, dass es über den Umweg einer Beeinträchtigung des Vagus-Reflexes – jener Nervenfunktion, die unter anderem die Kehlkopf- und Speiseröhrenmotorik regelt – zu einer Schwellung der Schleimhäute kommt.
Um festzustellen, ob ein Patient tatsächlich von Reflux betroffen ist, stehen Experten im Wesentlichen zwei Instrumente zur Verfügung: zunächst eine Gastroskopie, eine endoskopische Spiegelung der Speiseröhre, um potenzielle Entzündungsherde zu detektieren. Als weiteres und besonders zuverlässiges Werkzeug kommt die sogenannte ph-Metrie zum Einsatz. Dabei wird über einen definierten Zeitraum – zumeist zwölf, 24 oder 48 Stunden – ein dünner Plastikschlauch über die Nase eingebracht und am unteren Ende der Speiseröhre appliziert. Verbunden mit einem tragbaren Aufzeichnungsgerät, wird auf diese Weise der ph-Wert gemessen, was konkrete Indizien auf Säurevorkommen in der Speiseröhre liefert.

Weniger Zucker, Fett und Alkohol
Für den Fall, dass nach diesem Prinzip tatsächlich eine Refluxerkrankung diagnostiziert wird, raten Mediziner ihren Patienten in einem ersten Schritt zu einer Umstellung der Ernährungsgewohnheiten – basierend auf der simplen, aber nichtsdestoweniger stimmigen Formel: weniger Zucker, Fett und Alkohol. Empfohlen wird zudem vor allem die Konsumation mehrerer, jedoch deutlich kleinerer Portionen. Sollte weder dies noch eine medikamentöse Therapie – gebräuchlich sind Protonenpumpenhemmer – Linderung bringen, kann Schlüssellochchirurgie zur Anwendung gelangen: Im Rahmen eines minimalinvasiven Eingriffs wird dabei eine winzige Kette aus magnetischen Titanperlen am unteren Ende der Speiseröhre fixiert, welche die Funktion des erlahmten Muskels übernimmt. Beim Schlucken weitet sich der künstliche Ring, danach verschließt er sich magnetisch und verhindert Rückfluss. Die Methode, erstmals an einer Universitätsklinik in Mailand erprobt, wird mittlerweile auch von österreichischen Chirurgen wie Martin Riegler am AKH praktiziert.

Sollte auch dieser mechanische Ersatz nicht den erhofften Nutzen bringen, können Ärzte schließlich noch auf die sogenannte Fundoplicatio umschwenken, eine operative Wiederherstellung des geschädigten Schließmuskels, wofür ein kleiner Teil des Magens verwendet wird. Und auch Patienten, bei denen bereits jene Veränderung der Speiseröhrenschleimhaut diagnostiziert wurde, die Krebs begünstigen kann, steht eine Therapie zur Verfügung: Vereinfacht ausgedrückt, schabt der Chirurg die beeinträchtigte Schleimhaut im Rahmen eines maximal 20-minütigen Eingriffs sanft ab und verödet sie. Radiofrequenz-Ablation heißt dieses Verfahren, mit dem angeblich Erfolgsraten von mehr als 90 Prozent erzielbar sind.

Wenn Mediziner solche Eingriffe für angebracht halten, muss der Erkrankungsprozess freilich schon ziemlich weit fortgeschritten sein. Wer indes in Maßen auf seinen Lebensstil achte, kalmieren Experten, müsse kaum ernsthaft befürchten, dass ihm Chirurgen eines Tages unter Narkose die Kehle auskratzen. Neben allzu extensiven Ernährungssünden sei beispielsweise auch permanenter Stress Gift für den Ernährungstrakt. Schneider-Stickler: „Wir reden also auch von einem typischen Zivilisationsproblem.“

Infobox

- Rund 25% der Bevölerung leiden an Reflux.

- 20 bis 30% davon entwickeln krankhafte Speiseröhrenveränderungen

- Krankhafter Zustand: Ist der Schließmuskel in der Speiseröhre aufgrund schädigenden Lebensstils in seiner Funktion gestört, können saure Substanzen aus dem Magen in die Speiseröhre und in den Respirationstrakt zurückfließen

- 300 Fälle von Speiseröhrenkrebs gibt es pro Jahr in Österreich

- 600 bis 1000 Krebsfälle werden für 2020 prognostiziert

- Künstlicher Muskel: Ein kleiner Ring aus magnetischen Titanperlen kann die Funktion des erlahmten Muskels übernehmen