Saufkundschaft: Die Science Busters brauen Asteroidenbier

Saufkundschaft: Die Science Busters brauen Asteroidenbier

Die Hefe hat soeben den Nobelpreis bekommen, und die Science Busters stoßen darauf mit selbst gebrautem Asteroidenbier an.

Heute back ich, morgen brau ich,
und übermorgen hol ich der Königin ihr Kind.
(Rumpelstilzchen, nach Diktat verreist)

Der dichte Zeitplan des Herrn Rumpelstilzchen aus dem Märchenwald fasst gut zusammen, wofür die Bierhefe seit Jahrtausenden bei uns Menschen beliebt ist: Erst ordentlich essen, dann trinken, bis der Notarzt kommt, und im Rausch Sachen machen, die strafrechtlich relevant werden könnten. Dafür hat die Hefe vorige Woche als kleines Dankeschön den Nobelpreis für Medizin oder Physiologie bekommen - respektive der Japaner Yoshinori Osumi, der unter fleißiger Mitwirkung der Bäckerhefe Zellstoffwechselvorgänge studierte.

Grund genug, mit dem ersten Asteroidenbier der Welt anzustoßen, zur neuen Show der Science Busters eigenhändig von Martin Puntigam, Florian Freistetter und Helmut Jungwirth gebraut (siehe Kasten Seite 91). Prost, alter Pilz, nimm dir was aus der Naschlade! Denn das ist es, was die Hefe bekanntlich macht, wenn sie uns beim Brauen einen Gefallen tut: Sie verarbeitet Stärke, also langkettige Zuckermoleküle, und hinterlässt CO2 und Ethanol, also Alkohol.


Das derzeit stärkste Bier der Welt enthält mehr als 60 Prozent Alkohol

Wie kommt man zu Asteroidenbier? Ganz einfach: In jedem Bier sind Asteroiden, ohne Asteroiden gäbe es gar kein Bier. Bier besteht hauptsächlich aus Wasser, und das muss ja irgendwann auf die Erde gekommen sein, sonst wäre es nicht da. In ihren jungen Jahren war die Erde allerdings ein Heißsporn, und so gut wie alles Wasser ist bei der Planetenentstehung verdampft. Es musste also nachträglich geliefert werden. Wer hat geliefert - der Bofrostmann? Das ist gar nicht so falsch, wie es klingt. Ein Großteil des Wassers, das wir heute zur Verfügung haben, ist mit Asteroiden oder Kometen auf die Erde gekommen. Was eigentlich dasselbe ist beziehugsweise kann man sagen, Kometen sind eigentlich auch nur aufgetaute Asteroiden, also uncoole Asteroiden.

Besser wird das Asteroidenbier aber, wenn man beim Brauen noch zusätzlich einen Meteoriten ins Bier hängt wie einen Teebeutel. Meteorit nennt man einen Asteroiden nach Erreichen der parking position. Solange er durchs All düst, heißt er Asteroid, wenn er in der Atmosphäre leuchtet, ist er kurz ein Meteor, und nach der Landung wird er als Meteorit ins Namensregister eingetragen. Es ist aber immer derselbe Stein. Ein Bankräuber ist erst Bankräuber, dann ein Verbrecher auf der Flucht, und wenn er gefasst wird, sagt man Häftling. Es handelt sich aber um ein und dieselbe Person.


Reiner Alkohol friert erst bei minus 144°C

Nicht nur das Wasser fürs Bier kommt aus dem All, sondern auch die Kalorien, von denen Bier bekanntlich sehr viele hat, was dazu führt, dass es nicht nur erstklassig berauscht, sondern auch erstklassig dick macht. Das glauben jedenfalls viele Menschen, und zahllose Bierbäuche geben angeblich eindrucksvolles Zeugnis davon. Hier tut man dem Bier aber unrecht. Es hat nämlich erstaunlicherweise nicht nur deutlich weniger Kalorien als Wein, sondern auch weniger als Fruchtsäfte oder Milch. Trotzdem hat der Bierbauch einen schlechten Ruf, während der Apfelsaft- oder Milchbauch unerkannt auf Urlaub fahren kann. Es handelt sich beim Bierbauch allerdings nicht um eine optische Täuschung, den gibt es sehr wohl. Aber nur selten ist das Bier Einzeltäter, meistens hat es Hintermänner: Schweinsbraten, Stelze, Laugenbrezeln - die Liste der Verbündeten ist lang.

Wenn man Bier trinkt, dann oft in Wirtshäusern oder Festzelten, wo das Essen appetitlich aussieht, verlockend duftet und leicht zu bekommen ist. Vielleicht stellt sich sogar umgekehrt der Hunger erst ein, weil man Bier trinkt. Denn erstens entspannt Alkohol, und wer Zeit hat, in Ruhe ein Bier zu trinken, hat auch Zeit, in Ruhe zu essen. Darüber hinaus können Hopfen, Alkohol und die Kohlensäure den Appetit anregen. Und weil Bier sehr leicht verdaulich ist und nicht lange sättigt, ist es möglich, dass der Körper irgendwann signalisiert, dass er jetzt bitte die berühmte feste Unterlage nachgereicht haben möchte. Und wenn man die feste Unterlage nachreicht, nachdem man sie aber bereits vorausgeschickt hat, ist der Saldo beträchtlich.


Ein trinkgeübter Mann mit rund 80 Kilo Körpergewicht schafft etwa 0,2 Promille Alkoholabbau pro Stunde … für Frauen mit 55 Kilo nimmt man einen Alkoholabbau von 0,1 Promille pro Stunde an.

Außerdem neigt der Mensch zum Aufessen, und die Portionen in Bierlokalen und Festzelten bestehen selten ausschließlich aus einem kleinen Fitnesssalat mit Croutons. Beim Gössermuskel handelt es sich in der Regel also eher um einen Hendlfriedhof. Die verbliebenen Kalorien des Bieres stammen übrigens von der Sonne, und zwar alle. Praktisch die gesamte Energie auf der Erde kommt von dort. Bevor sie Bier werden kann, muss sie allerdings den Weg zwischen Sonne und Erde zurücklegen, und der ist weiter als die 150 Millionen Kilometer vom Zentrum der Sonne bis zur Oberfläche unseres Heimatplaneten. Wenn nämlich ein Photon, also ein Lichtteilchen, durch Kernfusion im Inneren der Sonne entstanden ist, will es zwar hinaus in die Welt, kann aber nicht. Das Zentrum der Sonne ist extrem dicht besiedelt. Überall, wo es sich vorbeischlängeln will, ist schon wer und wirft es zurück - und noch einmal und noch einmal und noch zwei Fantastilliarden Mal. Wie die Kugel von den Bumpern im Flipper abprallt, so werden die Photonen immer wieder abgelenkt und stolpern, ähnlich wie Betrunkene, durch den Stern. "Drunkard’s Walk“ nennt man das Torkeln der Photonen auch in der wissenschaftlichen Literatur.

Vom Zentrum der Sonne bis zur Oberfläche wäre es eigentlich nicht so weit, wenn man mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs ist, aber durch diesen Hindernisparcours wird die Strecke erheblich länger. Aus knapp 500.000 Kilometern werden auf diese Weise ein paar Zehntausend Lichtjahre. Ein Photon braucht im Schnitt 100.000 Jahre dafür. Im Gegenzug ist der Flug zur Erde schnell vorbei, nur acht Minuten Flugzeit, das ist so kurz, dass nicht einmal Getränke serviert werden. Erinnert ein wenig an Kinder, die auf dem Heimweg von der Schule trödeln und die letzten Kilometer laufen, damit sie außer Atem sind beim Eintreffen zu Hause.


Alkoholfreies Bier kann bis zu 0,5 Prozent Alkohol enthalten

Nach dieser ausgedehnten Butterfahrt gelangt die Energie über die Pflanzen schließlich ins Bier. Wenn wir also Bier trinken, dann trinken wir 100.000 Jahre alte, weitgereiste Energie aus dem Zentrum der Sonne, quasi Rausch gewordene Astronomie - wobei in den vergangenen Jahren nicht vor allem das berauschende Bier immer beliebter wird, sondern das alkoholfreie. Das hatte vor ein paar Jahrzenten noch einen sehr schlechten Ruf und musste immer am Katzentisch Platz nehmen. Mittlerweile schmecken alkoholfreie Biere aber sehr viel besser. Warum? Dazu muss man erst einmal wissen, dass Bier nur dann Bier heißen darf, wenn auch eine Gärung stattgefunden hat, egal, wie lange. Das gilt auch für alkoholfreie Biere und ist vom Gesetzgeber so festgelegt. Früher hat das bedeutet, dass für alkoholfreies Bier mit der Gärung begonnen wurde, aber nur kurz, dann war Spielabbruch und der Spaß gleich wieder vorbei. Es war dadurch zwar nur sehr wenig Alkohol im Bier, aber auch nur sehr wenig Geschmack. Aus diesem Grund darf alkoholfreies Bier auch bis zu 0,5 Prozent Alkohol enthalten. Heute wird der Brauvorgang nicht mehr unterbrochen, sondern der Alkohol im Nachhinein entfernt. Das wirkt sich ausgesprochen vorteilhaft auf den Geschmack aus.

Wenn aber im alkoholfreien Bier noch Alkohol zu finden ist, wie viel davon muss man trinken, bis man nicht mehr Auto fahren darf? Das wurde berechnet und im Experiment überprüft, und das Ergebnis lautet: Man muss etwa zwölf Liter alkoholfreies Bier pro Stunde trinken, um 0,5 Promille Blutalkohol zu erreichen. Viel Vergnügen!

Es ist aber ohnehin kaum zu schaffen, denn der Körper sammelt ja den Alkohol nicht und bringt dann alles auf einmal zur Leber, damit er nicht zweimal fahren muss, sondern baut ihn permanent ab. Gemeinhin gilt, dass 0,1 Promille pro Stunde unschädlich gemacht werden können. Das ist aber nur ein grober Richtwert und gilt für einen Menschen, der im Alkoholkonsum maximal in der unteren Kreisliga spielt (und dort vielleicht nur auf der Ersatzbank). Ein trinkgeübter Mann mit etwa 80 Kilo Körpergewicht schafft vermutlich etwa 0,2 Promille pro Stunde, für Frauen mit 55 Kilo nimmt man 0,1 Promille an. Das entspricht etwa einem Viertel Bier pro Stunde fürs Herrenräuscherl und einem Pfiff pro Stunde für den Damenspitz. Falls die Frau groß und schwer ist und der Mann klein und schmächtig, gelten die Richtewert natürlich invers. Starke Trinker bauen eventuell tatsächlich schneller ab, brauchen aber wegen der erhöhten Füllmenge länger zur Ausnüchterung.


Man muss etwa zwölf Liter alkoholfreies Bier pro Stunde trinken, um 0,5 Promille Blutalkohol zu erreichen

Das gilt allerdings nur für Menschen. Nicht für das Federschwanz-Spitzhörnchen, das man auf der malaiischen Halbinsel, Sumatra und Teilen Borneos findet. Es ist gut zehn Zentimeter groß und kann extrem gut saufen. Es trinkt fast jede Nacht eine Art Palmbier, das einen Alkoholgehalt von rund 3,8 Prozent vorweisen kann. Das Spitzhörnchen nippt dabei nicht, sondern tschechert richtiggehend, täglich rund zwei Stunden, ohne allerdings unter den Folgen des Alkoholkonsums zu leiden: keine Orientierungslosigkeit, keine Probleme mit der Schwerkraft, kein Erbrochenes am Hosenbein. Das ganze Leben eine einzige Lokalrunde ohne Hangover. Das Bemerkenswerte daran ist, dass die Hörnchen sehr wohl betrunken sein sollten. Untersucht man die Haare der Tiere, kann man feststellen, dass sie wirklich viel Alkohol trinken. Aber sie bauen ihn offenbar sehr schnell im Körper ab, viel schneller als wir. Leider weiß man nicht, wie sie es machen, und die Hörnchen hüllen sich in Schweigen. Aber es muss sehr effektiv sein, denn betrunkene Hörnchen hätten evolutionär wohl nicht lange überlebt. Ob man Federschwanz-Spitzhörnchen und Menschen kreuzen kann, ist noch Gegenstand der Forschung.

Wie schaut es eigentlich auf der anderen Seite der Skala aus? Wie viel Alkohol kann man in Bier unterbringen? Beliebig viel? Nein. Denn so routiniert die Hefe Alkohol auch herstellt, irgendwann ist bei ihr auch Sperrstunde. Ab 23 Prozent Alkohol stirbt die Hefe an Alkoholvergiftung. Das ist zwar nicht wenig, bedeutet aber nur, das bei 23 Prozent Schluss mit der Hefegärung ist. Mit anderen Methoden kann man die Volumsprozente in lichte Höhen treiben, und zwar mit Kälte. Der Ursprung dieser Technik findet sich der Legende nach im fränkischen Kulmbach im späten 19. Jahrhundert. Ein Brauergeselle soll ein Fass Bockbier im Winter im Freien vergessen haben, woraufhin das Bier gefror. Aus Wut ließ der Braumeister seinen Untergebenen die Neige, die nicht gefroren war, austrinken und dachte, ihn dadurch ausreichend bestraft zu haben. Das Gegenteil war der Fall, das Lackerl schmeckte vorzüglich, und der Eisbock war geboren. Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, ist zweifelhaft, aber als sicher gilt, dass Wasser bei 0°C friert, Alkohol aber viel später - wenn Sie wollen, reiner Alkohol erst bei minus 144°C. Und was als Letztes einfriert, taut als Erstes wieder auf. Wenn man Bier abkühlt, bleibt der Alkohol am längsten flüssig. Man muss ihn nur noch extrahieren, und schon hat man ein sehr starkes Bier. Es wird umso stärker, je weiter man das Bier abkühlen kann. Allerdings wird dann die Trinkmenge auch immer geringer. Das hat in den vergangenen Jahren zu einem Wettstreit geführt, unter anderem zwischen einer fränkischen und einer schottischen Brauerei, und die Prozentgrenze weit hinaufgeschraubt.

Begonnen hat Schorschbock, das deutsche Bier, mit 31 Prozent, Brewdog aus Schottland hat nicht nur auf 32 Prozent erhöht, sondern mit "Tactical Nuclear Penguin“ auch den deutlich originelleren Namen für ihr Gebräu zu bieten. Schorschbock hat zwar den Namen daraufhin nicht geändert, aber die Prozente, nämlich auf 34 Prozent. Schottland wollte daraufhin ein Zeichen setzen und brachte mit "Sink the bismarck“ 41 Prozent auf die Waage - und natürlich wieder den viel besseren Namen. Der Wettstreit wogte eine Zeitlang hin und her, mittlerweile liegt die Prozentmarke zwar jenseits der 60 Prozent, aber Größe ist auch hier nicht alles. Den Eisbock mit dem überzeugendsten Bier zzgl. Flaschendesign hat nämlich wieder Brewdog vorgelegt mit einem Bier, das mit "The End of History“ eigentlich auch das letzte seiner Art sein hätte sollen. Und das in einer Flasche mit Futteral in stark limitierter Auflage auf den Markt kam. Das Besondere daran: Das Futteral wurde aus Roadkill hergestellt, also aus auf der Straße zusammengeführten Tieren. Darunter waren auch Hörnchen, womit den Schadnagern aus Sumatra auch gleich ausgerichtet wurde, dass wir Menschen uns sicher nicht frotzeln lassen und Rettungsfolter in Ausnahmefällen für angebracht halten.

Bier Review
Den vorliegenden Text verfassten Martin Puntigam, Florian Freistetter und Helmut Jungwirth (v. li. n. re.) für profil anlässlich des neuen Programms der Science Busters. "Bierstern, ich dich grüße“ wird die Wissenschaft vom Bier in allen Facetten beleuchten und die wichtigsten Fragen über Vollmondbier oder auch Komasaufen bei Kometen beantworten. Premiere der Show ist am Montag, 17. Oktober, im Wiener Stadtsaal, Details dazu und zu den weiteren Auftritten: sciencebusters.at, Rubrik Termine.