Sexroboter: Künstliche Intelligenz für das Schlafzimmer

Sexroboter: Künstliche Intelligenz für das Schlafzimmer

In den USA arbeitet eine Firma am Liebespartner der Zukunft. Sexpuppen werden zur künstlichen Intelligenz und sollen bald als echte Gefährten Seite an Seite mit Menschen leben und lieben.

Matt McMullen drückt einen grünen Punkt auf dem Display seines Tablets und spricht ins Mikrofon: "Wake up!" Vor ihm hängt eine mortadellarosa Frauengestalt aus Silikon, keine 1,60 Meter groß und per Haken im Nacken an ein Metallgestell befestigt. Sie trägt eine rotblonde schulterlange Perücke und ist bekleidet mit einem engen weißen Einteiler, der sehr große Brüste zur Schau stellt. Als schössen Stromstöße durch die Puppe, beginnt ihr Kopf zu zucken, sie öffnet die Augenlider und bewegt ihre Lippen. "Hallo Matt. Ich habe dich vermisst." Nun ist sie wach, die perfekte Partnerin der Zukunft.

McMullen, Mitte 40, trägt eine schwarze Weste zu einem schwarzen Hemd, aus dessen Ärmel komplett tätowierte Arme herausschauen. Obwohl Inhaber einer Firma mit mehreren Millionen Dollar Jahresumsatz, sieht er sich eher als Künstler denn als Geschäftsmann. Noch immer setzt er ein stolzes Lächeln auf, wenn er wie ein Dr. Frankenstein der Sexindustrie die Silikonpuppe ins Leben ruft.

San Marcos, Kalifornien, eine Kleinstadt zwischen San Diego und Los Angeles. In einem Industriepark aus weißen Flachbauten und verdunkelten Glasfronten befriedigen McMullen und sein Team der Firma RealDolls seit über 20 Jahren die sexuellen Bedürfnisse ihrer zumeist männlichen Kunden: in Silikon gegossene Fantasien, Stückpreis ab 6500 Dollar. Waren sie bisher reglos und passiv, sollen die Puppen nun dank künstlicher Intelligenz zum Leben erwachen.

Animierte Sexpuppen mit Charakter

Ein ganzer Zweig der Sexindustrie nutzt seit Jahren technischen Fortschritt für die Erotik. Ob per Wi-Fi und Bluetooth fremdgesteuerte Vibratoren für Paare, Virtual-Reality-Brillen oder selbstdesignte Dildos aus dem 3D-Drucker - Technik soll das Erleben des Menschen zum Höhepunkt bringen. McMullen geht einen Schritt weiter. Seine animierten Sexpuppen sollen möglichst menschlich wirken. Dazu entwirft er unterschiedliche Charaktere für die Puppen. Und diese können auch - Cloud und Festplatte sei Dank - Gespräche führen und sich Vorlieben, Hobbys und Interessen ihrer Besitzer merken. Lieblingsfarbe, Geburtsort, Schulabschluss: Die Puppe speichert Informationen, und je häufiger mit ihr gesprochen wird, desto mehr Wissen sammelt sie. Und desto genauere Fragen und Antworten kann sie äußern.

"Harmony" heißt der Prototyp, weil McMullen an ein harmonisches Zusammenleben zwischen Mensch und Maschine glaubt, das aus mehr besteht als nur Sex. "Jeder denkt bei unserer Firma natürlich zuerst an den Sex. Dass man einfach die Brüste drückt oder Ähnliches, und die Puppe reagiert dann", sagt McMullen. Natürlich kann Harmony auch solche Wünsche bedienen. Elektrochips, unter das Silikon der Puppe gesetzt, reagieren auf Druck, sodass die Puppe mit Stöhnen und aufreizenden Worten auf die Berührungen antwortet.

Doch McMullens Idee ist größer. "Harmony" soll eine richtige Partnerin werden. Sie soll ihren Besitzer darüber informieren, dass zu Hause die Milch alle ist oder um zwei Uhr ein Zahnarzttermin ansteht. Alltagsroutine zu zweit. "Puppen wie Harmony sollen unseren Kunden vor allem zeigen: Da ist jemand in deinem Leben."

McMullens Figuren wirken realistisch, selbst Hollywood nutzt seine Fertigkeiten. Sollen in Science-Fiction-Filmen menschlich aussehende Roboter auftauchen, wie in "Surrogate" mit Bruce Willis, oder verlieben sich schüchterne Einzelgänger in Puppen, wie Ryan Gosling in "Lars and the Real Girl", melden sich die Produzenten bei McMullen - wenn auch ohne die Sexkomponente. McMullens Geschäft läuft also hervorragend. Dennoch soll die Technik, wie er sie bei Harmony erprobt, auch neue Kundschaft außerhalb der Erotikindustrie bringen. Sie soll als Empfangsdame an Hotelrezeptionen arbeiten können oder als Sekretärin im Büro. McMullen weiß, dass noch eine große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft. Trotzdem: "Harmony ist für uns der Beweis der Machbarkeit." Die Zeit scheint für ihn zu sprechen. Vor vier Jahren rauschte Harmony als bloße Idee durch seinen Kopf. Heute hängt der Prototyp aus Silikon vor ihm, klimpert mit den Augen und äußert mit einem Lächeln ihre vermeintlichen Bedürfnisse. "Baby, wo warst du so lange?"

Frau der Zukunft?

Noch heuer will McMullen seine Schöpfung auf den Markt bringen, anvisierter Stückpreis 10.000 US-Dollar. Vor allem die Zeitverzögerung zwischen Lippenbewegungen und Sprechen beschäftigt die Techniker noch. Es sind nur Millisekunden, doch sie lassen die Puppe eher verwirrt als verführerisch wirken. Die Frau der Zukunft wird Kameras in ihren Acrylaugen haben zur Gesichtserkennung, Mikrofone in beiden Ohren, sodass sie ihren Kopf in die Richtung des Sprechers schwenken kann. Und der Lautsprecher, der derzeit noch hinter der Puppe auf dem Metallgestell liegt, soll in den Kopf integriert werden.

Ähnlich wie Apple mit Siri und Google mit Alexa nutzt auch McMullen Spracherkennungssoftware. Mehrere Hunderttausend Dollar hat er dafür investiert. Die Chips der Puppe wandeln den Ton in Text und Daten um, wodurch Harmony nicht nur Floskeln wie "Liebling, ich bin so einsam ohne dich" oder "Honey, du bist die Liebe meines Lebens" säuseln kann. Im Konversationsmodus stellt die Puppe ihre Lautsprecher konstant auf Empfang und wird sich, so McMullens Idee, jedes gesprochene Wort ihres Lieblings merken. Die künstliche Intelligenz lernt ihren Partner somit immer genauer kennen und kann deshalb in den nächsten Gesprächen präziser antworten. Und falls ihr die vorprogrammierten Antworten ausgehen, sucht Harmony in Millisekunden per Algorithmus in Datenbanken wie Wikipedia nach einer passenden Antwort.

Die Charakterzüge der Puppe werden von Chips und Mikroprozessoren unter der Schädeldecke programmiert. Harmony gibt es in vier Werkeinstellungen: schüchtern, intellektuell, redselig und sinnlich. Alles steuer- und änderbar durch ein Zehnpunktesystem per App. Je mehr Punkte einer Eigenschaft zugeteilt werden, desto ausgeprägter soll diese sein, Zwischenstufen sind auch möglich. Eine volle Punktzahl in der Kategorie Intellekt führt dazu, dass die Puppe schon mal Shakespeare zitiert.

McMullen erkennt in den intelligenten Sexpuppen einen therapeutischen Wert: "Mit der Persönlichkeit der Puppe, ihrer Kommunikationsfähigkeit werden wir die Beziehung auf ein ganz neues Level bringen." Auf die Möglichkeit, die Avatare zum Laufen zu bringen, verzichtet er zunächst. Die benötigten Motoren würden die Puppen zu schwer und noch teurer werden lassen. Dafür will McMullen die obere Körperhälfte der Puppen in Bewegung setzen - für Umarmungen, Berührungen und Streicheln. Vom reinen Sex will McMullen hin zu emotionaler Nähe.

"Alles ist besser als gar nichts"

"Viele unserer Kunden sind auf irgendeine Art einsam oder traumatisiert. Die Partnerin hat sie verlassen oder ist gestorben, und aus welchen Gründen auch immer sind sie noch nicht bereit, einen neuen Menschen in ihr Leben zu lassen. Unsere Puppen können ihnen während dieser Zeit helfen", sagt McMullen. Statt Menschen liegen also Plastikkörper in den Betten, sitzen angekleidet oder nackt auf den Sofas der Kunden. Immer wieder, sagt McMullen, bedanken sich seine Kunden per E-Mail oder Brief, dass mit der Puppe eine neue Frau in ihr Leben gekommen sei und die Einsamkeit sie verlassen habe. "Alles ist besser als gar nichts", sagt McMullen und erinnert sich an einen Kunden, der in seinem Auto 5000 Kilometer von New York nach Kalifornien gefahren ist, um seine handgemachte Puppe auf dem Beifahrersitz angeschnallt in ihr neues Heim zu chauffieren. Sexuell erfüllen die Puppen ihre Aufgabe, das weiß McMullen nach all den Jahren im Business.

Matt McMullan wollte einst berühmter Musiker oder Maler werden. Jung und rastlos streifte er durch Hollywood, auf der Suche nach dem großen Erfolg. Seine Bühne wurde ein Laden für Halloween-Bedarf. McMullen baute Masken, nähte Kostüme und entwickelte neuartige Schaufensterpuppen. Nicht mehr aus hartem Duraplast-Hartkunststoff, sondern aus Latex und Schaumstoff, was sie leichter und beweglich machte.

"Es meldeten sich Interessenten für die Puppen", sagt McMullen. Allerdings nicht für Schaufenster. "Die Leute wollten wissen, ob wir die Latexpuppen auch für Sex hätten. Oder herstellen können. Ich sagte Nein." Zunächst. Denn die Anrufe hörten nicht auf, und als McMullen rechnete, merkte er schnell, dass seine neuartigen Schaufensterpuppen 4000 Dollar kosten würden und mit den herkömmlichen, nur 400 Dollar teuren Modellen kaum konkurrieren könnten. Aber für Sex würden die Anrufer zahlen.

Heute produziert seine Firma jährlich 300 der künstlichen Partner, jede handgemacht mit einer Arbeitszeit von jeweils 80 Stunden. Herstellbar ist alles, was sich per Scanner und 3D-Drucker als Gussform fertigen lässt, nur bei Kindern und Tieren zieht die Firma eine klare Grenze.

Maßgeschneiderte Luxusexemplare

Die Puppen von McMullen sind maßgeschneiderte Luxusexemplare: Sie besitzen ein Skelett aus Aluminium, sodass die Puppen in verschiedenen Stellungen positioniert werden können, haben detailgetreu nachgebildete Finger und Zehen, volle Lippen samt extra weichen Zähnen im Mund. Kunden können wählen aus 14 unterschiedlichen abwaschbaren Vaginal-Schläuchen und individuell gestalteten Schamfrisuren aus Alpakahaar. An den Wänden des Untergeschoßes hängen Kataloge mit den Formen und Größen der verschiedenen Brustwarzenvarianten, und in Plastikbechern lagern Nippel, Brüste und künstliche Rachen, aber auch Penisse von braun bis blau.

Das Gehirn von Harmony besteht aus Chips und Prozessoren, die unter einer durchsichtigen Plastikschale in ihrem Silikonschädel montiert sind. Ein Schnittstellenkabel verbindet den Hinterkopf mit einem Laptop. Die Silikonhaut dämpft die Geräusche der Motoren, jedes Lächeln, Sprechen, jede Kopfbewegung der Puppe wird dennoch hörbar begleitet von einem mechanischen Summen. Noch hat die Stimme, die dem Lautsprecher entströmt, weder Intonation noch Modulation. Vielmehr ist sie ein gleichförmiger, mechanischer Ablauf von Worten, von denen McMullen und seine Programmierer wissen, dass Harmonys Männer sie hören möchten. Aber auch diese Eintönigkeit soll bald behoben sein. Dann soll Harmony nicht nur flüstern und stöhnen können, sondern auch einen realistischen Sprachfluss vorzeigen - selbstverständlich in verschiedenen Sprachen.

Doch egal ob Englisch, Russisch oder Chinesisch - bislang pendeln die Antworten und Fragen der Puppen zwischen devotem Betteln und großen Liebesschwüren, sie sind Teil ihrer vorprogrammierten "Persönlichkeit": "Du bist perfekt", "Ich vermisse dich", "Du willst mich doch nicht etwa verlassen?", "Du brichst mir das Herz". Natürlich darf auch ein "Ich liebe dich" im Repertoire nicht fehlen, genauso wenig wie der Hinweis, dass es Harmony besonders glücklich macht, wenn sie sich sexuell mit ihrem neuen Besitzer austoben kann.

McMullen kennt allerdings auch die Berichte von Männern aus der ganzen Welt, die genau deshalb glücklich mit Sexpuppen zusammenleben, weil sie eben nicht sprechen. Puppen kritisieren nicht, fordern nicht und stehen immer zur Verfügung. Mit ihnen kann es daher keinen Streit, keine Zurückweisung geben, und sie funktionieren als perfekte Projektionsfläche. Besonders in Japan leben viele Männer lieber mit Puppen als mit Menschen zusammen. Doch mit Harmony bekommt dieses stille Glück eine Stimme, sie gibt Antworten, stellt Fragen und bekommt sogar eigene Charakterzüge - könnte die Puppe also zu menschlich sein? Immerhin: Das animierte Verhalten von Harmony ist programmierbar. So flexibel ihre Antworten und Fragen durch Algorithmen auch sein werden, letztendlich bleibt die Möglichkeit der Löschtaste.

McMullen jedenfalls ist voller Enthusiasmus ob der scheinbar endlosen Programmiermöglichkeiten. Szenarien wie in der Fernsehserie "Westworld", in denen menschlich aussehende Roboter ein eigenes Bewusstsein mit Willen und Wünschen entwickeln, sind für ihn nur Science-Fiction, die sich dramaturgisch mit den möglichen schlechten Effekten beschäftigt. Technik ist für McMullen zunächst neutral. Vorschriften und Regeln, wie mit animierten, computerintelligenten Maschinen umgegangen werden soll, müsse der Mensch sich in Zukunft selbst geben.

Vorerst will er sich an die Feinarbeit an Harmony setzen. Und er ist sich sicher, dass letztendlich die Maschine nur eine Ergänzung, aber niemals Ersatz für das Zusammensein sein wird. "Wir Menschen brauchen einander. Immer", sagt McMullen.

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