Sonnenfinsternis: Warum ein Naturereignis so fasziniert

Partielle Sonnenfinsternis über Wien

Partielle Sonnenfinsternis über Wien

Götterdämmerung: Georg Hoffmann-Ostenhof über die Frage, warum ein längst geheimnisloses, kurzes und oft beobachtetes Naturereignis Millionen von Menschen nach wie vor fasziniert.

Wir wissen alles. Warum die Sonne scheint und wärmt, warum sie sich zuweilen verdunkelt. Wir sind auf die Mondberge geklettert. Und wir kennen den genauen Zeitpunkt, wann sich der Mond vor die Sonne schiebt. Eine Sonnenfinsternis ist längst kein Mysterium mehr. Ein, zwei, vielleicht drei Minuten lang wird es dunkel, ein wenig kälter. Nicht viel anders, als wenn sich eine große Wolke vor die Sonne schiebt. Besonders selten ist das Himmelsphänomen Sonnenfinsternis auch nicht. Fast jedes Jahr tritt es irgendwo auf der Erde auf.


Unter den Sternen war die Sonne immer Primus inter Pares

Es bleibt dennoch die Frage, was die Menschen an diesem Schauspiel so faszinierend finden.

Es geht letztlich um die Götter. Der archaische Mensch sah in den Sternen jene himmlischen Mächte, die sein Schicksal bestimmten. In diesem Olymp wurde geliebt, gekämpft, getötet. Und die Bewegungen der Gestirne produzierten Heil und Unheil, gute Ernte und Katastrophen, Fluten und Dürre. Unter den Sternen war die Sonne immer Primus inter Pares.

Die Sonnenfinsternis jedenfalls war für die meisten Völker der Welt ein Unheil kündendes Omen. Alle möglichen Plagen schrieb man ihr zu: Kriege, Aufruhr, Seuchen, Hungersnöte und Erdbeben.

Die Sonnenfinsternis fand Eingang in die Mythen vieler Kulturen. In Südamerika glaubte man einen Puma am Firmament zu erspähen, der die Sonne verschlingt. In China war es ein gefräßiger Drache. Den man - um den strahlenden Stern zu besänftigen - mit Trommelschlägen und wildem Geschrei verjagen konnte: Was immer gelang, da ja die Finsternis nur kurz dauerte.

"Die Sonne wird schwarz"

Die Germanen sahen es ähnlich: Da war es ein Dämon in Wolfsgestalt, welcher dem Lichtgestirn auf den Leib rückte: "Die Sonne wird schwarz", heißt es in der Heldensage "Edda". "Es stürzen herab die strahlenden Sterne, der Himmel zerspringt."

Eine spätere germanische Sage sieht die ganze Angelegenheit bereits weniger furchterregend. Der glühende Sonnengott und die kalte Mondgöttin heirateten: Die Hochzeitsnacht konnte nur zum Desaster werden. Die beiden trennten sich und vereinbarten eine Gütertrennung: Der Mond bekam die Herrschaft über die Nacht, die Sonne die über den Tag. Dann und wann treffen sie wieder aufeinander. Es gibt Zoff. Der Himmel verfinstert sich, der Sonnengott zieht dann Zornesröte auf. Schlecht für die Menschen.

Im Laufe der Zeit verblassen die Sterne im Götterhimmel, die Sonne wird immer wichtiger. 1350 vor Christus entmachtete der Pharao Amenophis fast alle Götter. Nur der Sonnengott Aton allein sollte in all seiner strahlenden Pracht herrschen. Am Nil hielt sich der Monotheismus nicht lang. Die alten Götter wurden nach dem Tod des Reform-Pharaos wieder in ihre Rechte eingesetzt.

Aber - so berichtet nicht nur Sigmund Freud - ein frustrierter Aton-Anhänger namens Moses hatte eine besonders gute Beziehung zum einzigen und inzwischen gestürzten Gott. Und der führte sein Volk aus Ägypten, aus dem Land hinaus, das ihn so schmählich behandelt hatte: die Juden.

Deren Gott wurde zwar immer abstrakter, löste sich immer mehr von seiner Sonnengestalt: Aber ihre Propheten sahen in der Sonnenfinsternis nach wie vor die Katastrophe schlechthin. Immer wenn sie den Menschen Böses wahrsagten oder eine Strafe für die so Sündigen versprachen, verfinsterte sich die Welt, ließ "der Herr alle Lichter am Himmel dunkel werden" (Hesekiel 32, 6-8). Die Propheten sollten auch Recht bekommen, wenn die Evangelisten berichteten, dass eine Sonnenfinsternis zu sehen war, als Jesus am Kreuz hing. Die hatten offenbar die Propheten studiert. Schließlich verkündete Johannes von Patmos in seiner "Apokalypse", dass eine Sonnenfinsternis dem Weltuntergang vorangehen würde: "... und die Sonne wurde finster wie ein schwarzer Sack, und der Mond wurde wie Blut, und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, wie ein Feigenbaum seine Feigen abwirft, wenn er von starkem Wind bewegt wird."

Götterdämmerung

Nur: Was hat dieser alte Mythenwust, was haben diese Geschichten von der Götterdämmerung mit uns modernen, aufgeklärten Menschen der Jahrtausendwende zu tun?

Im 19. Jahrhundert jedenfalls war man noch nicht ganz frei von transzendentalen Ahnungen. So etwa der Österreicher Adalbert Stifter, der in seiner in diesen Tagen oft zitierten Beschreibung der über Wien beobachteten Sonnenfinsternis 1842 versicherte: "Nie in meinem Leben war ich so erschüttert - es war nicht anders, als ob Gott auf einmal ein deutliches Wort gesprochen, und ich hätte es verstanden."

Und hören wir nicht ein fernes Echo jener archaischen Erzählungen von den die Sonne verschlingenden Dämonen, wenn der österreichische Schriftsteller schildert: "Seltsam, dass dies unheimliche, klumpenhafte, tief schwarze, vorrückende Ding, das langsam die Sonne wegfraß, unser Mond sein sollte ..."?


Wir sagten: Das ist der Schatten, und dachten, jetzt ist es vorbei.

Auch später sollten Beschreibungen einer Sonnenfinsternis den alten Menschheitsschrecken nachklingen lassen. Die britische Schriftstellerin Virginia Woolf etwa trägt 1927 in ihr Tagebuch ein: "Schnell, sehr, sehr schnell verblassten die Farben. Es wurde dunkler und dunkler, wie zu Beginn eines Sturmes; das Licht wurde schwächer. Wir sagten: Das ist der Schatten, und dachten, jetzt ist es vorbei. Da ging das Licht aus. Wir waren gefallen. Auslöschung. Die Farben waren verschwunden. Die Erde war tot." So mancher Zeitungsbericht unserer Zeit klingt ähnlich eindringlich wie die Wahrsagungen der Propheten.

Offenbar stecken die alten Mythen tief in uns, sehen wir das Naturereignis durch den Filter der geerbten - und in der Sprache präsenten - Bilderwelt unserer Ahnen. Genau das macht das Faszinosum aus, das uns erfasst, wenn wir ein völlig gefahrloses, immer wiederkehrendes und längst geheimnisloses Himmelsphänomen beobachten.

So aufgeklärt ist der moderne Mensch nämlich doch nicht. Zwar spazierte er bereits am Mond herum, macht er ungeheure Fortschritte in der Erforschung der unendlichen Weiten der Galaxien. Eine überwältigende Mehrheit aber - selbst in den entwickeltsten Gebieten der Erde - glaubt an den Einfluss der Sterne und ihrer Konstellationen auf unser Leben. Obwohl wissenschaftlich mehrfach bewiesen wurde, dass an der Astrologie wirklich nichts dran ist.

Apokalypse-Boom

Auch die Perspektive des Weltuntergangs hat nicht viel Realitätsgehalt. Zwar wurde angesichts der totalen Sonnenfinsternis im Jahr 1999 mit der nahenden Jahrtausendwende ein Apokalypse-Boom ausgerufen. Er blieb freilich nur eine marginale Geschäftsgrundlage der Esoterikszene. Die Mehrheit der Leute hielt es realistischerweise trotz allem mit einer etwas lichteren Zukunft. Ein wenig Bedürfnis nach Weltuntergang ist aber bis heute erhalten geblieben. Die Apokalypse hat immer Konjunktur.

Und wie stellt man sich so eine Katastrophe vor? Sowohl ein Meteoriten-Einschlag wie ein Atomkrieg würden, so sagen uns die Fachleute, den Himmel verdunkeln. Die Temperatur müsste sinken. Das Leben der Tiere ersterben. Liest man die Beschreibungen von Sonnenfinsternissen - genau so spielt sich's ab.

Freilich nicht lang. Und das ist das Schöne daran. Man erlebt mit Angst-Lust eine virtuelle und kurze Apokalypse. Aber man kann sicher sein: Bald schiebt sich die Sonne in den Vordergrund. Es wird wieder Licht, es wird wärmer, und die Vogerln beginnen zu zwitschern.

Der Artikel "Götterdämmerung" wurde erstmals im August 1999 veröffentlicht und entsprechend redigiert.