Soylent: Wie Rob Rhinehart das Essen abschaffen will

Soylent: Wie Rob Rhinehart das Essen abschaffen will

Ein Jungunternehmer verfolgt einen bizarren Plan: Er will das Essen abschaffen. Dafür hat er ein Getränk entwickelt, das den Menschen nach streng wissenschaftlichen Kriterien mit Nährstoffen versorgen soll. Wie erstrebenswert ist es, Mahlzeiten nur als Ärgernis zu betrachten?

Von Georges Desrues

Rob Rhineharts Erfolgsgeschichte beginnt wie so viele in unserer Zeit: Ein Computerfreak und Softwareentwickler, Amerikaner und noch keine 25 Jahre alt, hat eine zündende Idee, startet eine gelungene Fundraisingkampagne im Internet und wird quasi über Nacht reich und berühmt. Doch hat Rhinehart keine neue Software entwickelt, keine Smartphone-App und auch kein soziales Netzwerk – was sich der junge Mann aus dem Silicon Valley ausgedacht hat, ist nicht mehr und nicht weniger als ein Produkt, mit dem er das althergebrachte Lebensmittel ersetzen will.

„Essen war so eine große Belastung“, erzählt Rhinehart dem Magazin „The New Yorker“ von seiner Zeit in einem Team von Softwareentwicklern. „Es kostete Zeit und Mühe. Wir hatten eine sehr kleine Küche und keine Spülmaschine.“ Also begann er im Internet zu recherchieren, wie er sich so gesund wie möglich und zugleich effizient ernähren könnte, um Zeit, Aufwand und Geld zu sparen. Er befasste sich mit Ernährungswissenschaften, informierte sich über Proteine, Kohlenhydrate und sonstige Nährstoffe, bestellte diese in Form von unterschiedlichen Pulvern und Pillen und mixte schließlich alles zu einem Drink zusammen, den er Soylent taufte.

Glaubt man der Website seines Unternehmens, so stellt Rhineharts Erfindung die beste Nahrungsquelle aller Zeiten dar. Erstens, weil sie dem Körper alles gibt, was er braucht, um gesund zu bleiben. Zweitens, weil sie dem Verbraucher Zeit erspart, die bisher für den Einkauf und die Zubereitung von Lebensmitteln sowie für das Aufräumen und Abwaschen verloren ging. Und drittens, weil sie ihm hilft, Geld zu sparen, da eine Packung Soylent inklusive Zustellung in den gesamten USA (in Europa und der restlichen Welt ist das Produkt derzeit noch nicht erhältlich) lediglich zehn Dollar kostet – mit seinen 2000 Kalorien aber angeblich auseichend Energie für einen ganzen Tag liefert.

„Inzwischen erhalten wir Bestellungen von durchschnittlich 10.000 Dollar täglich“, berichtete der Jungunternehmer in einem kürzlich ausgestrahlten Fernsehinterview. Und als der Moderator ihn daraufhin herausfordernd fragte, wie er sich das eigentlich erkläre, wo doch Lebensmittel so ziemlich das Letzte seien, an dem es heutzutage mangle im Konsumland Amerika mit seiner großen Anzahl an Übergewichtigen, antwortete Rhinehart schlau, dass es den Amerikanern keineswegs an Kalorien fehle, sondern an einer ausgewogenen Ernährung, zu der ihnen Soylent und seine zuvor genannten Vorteile eben verhelfen würden.

Das ist gut beobachtet. Denn selbst wenn es einerseits stimmt, dass in den vergangenen Jahren in den USA wie in Europa das Bewusstsein für gesündere Ernährung gestiegen ist, Bauernmärkte und Bioläden boomen und Veganismus immer stärker im Trend liegt, so sind das andererseits Entwicklungen, die in erster Linie eine gebildetere und wohlhabendere Elite betreffen, Verbraucher also, die auf einen bewussten Lebensstil Wert legen und ihn sich auch leisten können. Nahezu spurlos vorübergegangen sind diese Trends indes an den sozial schwächeren Schichten. Unter ihnen steigt die Fettleibigkeitsrate weiterhin und mit dramatischer Geschwindigkeit an – und damit auch die Rate der mit ihr verbundenen Krankheitsbilder wie beispielsweise Diabetes.

Ersatz für Tiefkühlpizza
Ob allerdings ausgerechnet diese sozial schwächeren Schichten zu dem bräunlichen, dickflüssigen und weitgehend geschmacksfreien Getränk greifen werden, bleibe dahingestellt. Jedenfalls beteuert Rhinehart, dass Soylent nicht als Ersatz für genussvolles Essen dienen soll, das man inklusive Einkaufen und Kochen als eine Art Freizeitbeschäftigung zelebriert, sondern als Ersatz für Tiefkühlpizza und sonstiges ungesundes Fast- und Convenience-Food, das in der Regel viel zu große Mengen an Salz, Zucker und Fett enthält und das man in erster Linie zu sich nimmt, um den Magen zu füllen und dabei Zeit zu sparen. „Wir erwarten nicht, dass die Leute ausschließlich davon leben“, so Rhinehart. „Vielmehr denken wir, dass Soylent das Vergnügen eines Essens mit Freunden sogar noch unterstreichen wird, weil man sich wegen seiner täglichen gesunden Ernährung weniger Gedanken machen muss, wenn man ausnahmsweise einmal etwas weniger Gesundes isst.“

Ein weiterer Vorteil von Soylent sei, dass für die Herstellung kaum landwirtschaftliche Produkte nötig seien, weswegen er an einer Formel arbeite, die künftig völlig ohne Landwirtschaft auskommen soll. In ihr wird etwa das in Soylent verwendete Omega-3-Öl aus Algen statt aus Fischtran gewonnen. Auch das ist ein interessanter Ansatz angesichts des bekanntlich gewaltigen Inputs an Rohstoffen, dem hohen CO2-Ausstoß und sonstigen für die Umwelt verheerenden Auswirkungen, welche die industrialisierte Landwirtschaft mit sich bringt.

Schließlich würde sich Soylent als Erstversorgung in Krisengebieten eignen, etwa um Hungerepidemien und Unterernährung zu verhindern. Doch solche karitativen Einsatzmöglichkeiten erwähnt Rhinehart viel seltener, weswegen anzunehmen ist, dass sie ihm weniger am Herzen liegen als die erfolgreiche Markteinführung eines Zeitgeistprodukts, das sich in erster Linie an schwer arbeitende und zahlungskräftige Computer-Nerds richtet.

So wirklich neu ist die Idee von künstlicherer Nahrung allerdings auch nicht, darum ist der Erfolg von Soylent auch eher in der provokanten Marketingstrategie seines Erzeugers zu suchen. Das zeigt allein schon der makabre Name, der auf einen Science-Fiction-Film namens „Soylent Green“ verweist, in dem sich die Menschen der Zukunft von Pillen ernähren, von denen sich schließlich herausstellt, dass sie aus Menschenfleisch erzeugt werden. Dann ist da die schmucklose schwarz-weiße Verpackung, die Zweckhaftigkeit und Genussverzicht vermittelt und zweifellos die Hightech- und Apple-Generation ansprechen soll – und nicht etwa die üblichen Zielgruppen für künstliche Ernährung, wie Bodybuilder im Fitnessstudio oder Kranke im Pflegeheim. Zudem bekennt Rhinehart, dass es ihm Spaß bereite, sich mit seinem naturfremden und weitgehend artifiziell hergestellten Nahrungsmittelersatz über sogenannte Foodies lustig zu machen: „Natürlich, frisch, bio, strahlend: Soylent ist das Gegenteil“, sagt er.

Ist der Ernährungscocktail wirklich gesund?
Die entscheidende Frage aber ist, ob der Ernährungscocktail tatsächlich so gesund ist, wie das sein Entwickler behauptet, und ob es wirklich gefahrenfrei ist, sich ausschließlich oder auch nur hauptsächlich davon zu ernähren. „Es scheint tatsächlich so, dass das Getränk alles enthält, was für eine angemessene Versorgung des Körpers mit Nährstoffen notwendig ist“, sagt dazu der Ernährungswissenschafter Jürgen König: „Nur fürchte ich, dass das allein nicht ausreicht.“ Denn Ernährung sei nun einmal eine sehr komplexe Materie, die sich keinesfalls auf Nährstoffe reduzieren lasse, fährt der Leiter des Departments für Ernährungswissenschaften an der Universität Wien fort.

So existierten beispielsweise auch sogenannte Sekundärstoffe, die vor allem in pflanzlichen Lebensmitteln vorkommen und von denen die Wissenschaft zwar wisse, dass sie in der Ernährung eine wichtige Rolle spielen, ohne bis jetzt aber herausgefunden zu haben, welche genau das ist. „Das erklärt auch, warum die summierten Nährstoffe, die in einer Karotte enthalten sind, nicht unbedingt dieselben Auswirkungen auf den Körper haben, wie sie die Karotte selbst hat“, so der Wissenschafter. Im Übrigen könne die Wissenschaft bislang noch nicht mit Sicherheit bestimmen, ob in einem solchen Cocktail wirklich von allen Nährstoffen ausreichende Mengen enthalten sind, um die ideale Ernährung für jeden Einzelnen zu garantieren. So brauchten beispielsweise schwangere Frauen mehr von bestimmten Nährstoffen, ältere Personen wiederum weniger.
„Hinzu kommt, dass auch das gesamte Umfeld eine wesentliche Rolle spielt“, sagt König: „also beispielsweise, wie wir essen, ob im Sitzen oder Stehen, mit wem wir essen, wie viel Zeit wir uns dafür nehmen, ob es uns schmeckt. Alle diese Dinge haben einen wesentlichen Einfluss darauf, wie unser Körper die Lebensmittel verarbeitet, die wir zu uns nehmen.“ Und genau das seien Faktoren, die bei einer reinen Nährstoffeformel, wie sie für Soylent angewandt wurde, viel zu kurz kommen. „Zudem gibt es gewisse körperliche Faktoren, die völlig vernachlässigt wurden“, fährt König fort: „etwa Bewegung, aber auch das Kauen oder der Füllvorgang des Magens, beides gleichfalls körperliche Tätigkeiten, die Signale an das Gehirn senden. Zum Beispiel, dass es nun Zeit wird, aktiv zu werden.“

Weiters wäre da der psychologische Aspekt, der in der Regel mit dem physiologischen zusammenspielt, diesen in vielen Fällen sogar überlagert. Essen verschafft Genuss und setzt somit Glücksgefühle frei, die eine belohnende und entspannende Wirkung haben. Zum anderen ist Essen auch ein sozialer Akt, bei dem man sich mit Familienmitgliedern, Freunden, Bekannten, Kollegen oder Geschäftspartner, trifft und Gespräche austauscht, die sich nicht selten um den Genuss selbst drehen. Und damit um etwas durch und durch Persönliches, das man von sich preisgibt und mit seinem Gegenüber teilt. Nicht zuletzt deswegen galten und gelten gemeinsam eingenommene Mahlzeiten in nahezu allen Gesellschaften als Kleister des familiären oder sozialen Zusammenhalts, als Zeichen der Anerkennung, sogar als Symbol der sozialen Integration. Erst in jüngerer Zeit setzten sich vor allem in den westlichen Gesellschaften Mahlzeiten durch, die man auch allein einnimmt, etwa im Stehen oder Gehen, in der U-Bahn oder im Auto oder während der Arbeit am Computer.

Essen als kultureller Akt im digitalen Zeitalter
Es muss irgendwann in den 1980er-Jahren gewesen sein, als in den Regalen der Supermärkte Convenience-Produkte auftauchten, deren hauptsächliches Verkaufsargument die in ihnen enthaltenen oder nicht enthaltenen Inhaltsstoffe waren. Einer breiten Masse bis dahin weitgehend unbekannte Begriffe waren in aller Munde: Ballaststoffe, Cholesterin, gesättigte Fettsäuren – inzwischen abgelöst durch Laktose, Gluten oder Omega-3-Fettsäuren. In den Jahrtausenden davor ernährte man sich von konventionellen, langweiligen Lebensmitteln, die irgendwann jedoch als zeitaufwendig, rückschrittlich und unwissenschaftlich galten.

Stattdessen versprach die Lebensmittelindustrie dem Konsumenten im Labor erforschte Nährstoffe, die ihm Gesundheit und ein langes Leben garantieren würden. Das Problem mit einer Ernährungswissenschaft, die sich ausschließlich mit der Aufsplittung von Nährstoffen beschäftigt, besteht darin, dass sie „die Nährstoffe aus dem Kontext der Lebensmittel herausnimmt, die Lebensmittel aus dem Kontext der Ernährung und die Ernährung aus dem Kontext des Lebensstils“, schreibt die Ernährungswissenschafterin Marion Nestle von der New York University in ihrem Buch „What to Eat“.

Vermutlich ist es ein Zeichen der Zeit, dass es ein junger Softwareentwickler war, der sich Soylent ausgedacht hat. Obwohl Lebensmittel und Essen zu den wenigen Elementen gehören, die den modernen Menschen noch mit der Natur verbinden, werden sie im digitalen Zeitalter zunehmend als unnötiger Zeitaufwand verstanden, als Wettbewerbsnachteil, als Hemmschuh auf dem Weg zum Erfolg. Doch steht Essen nicht nur für unseren Bezug zur Natur, indem es uns verdeutlicht, dass die Lebensmittel, die wir zu uns nehmen, seit jeher Teil einer Nahrungskette sind, die von Klima, Bodenbeschaffenheiten und Evolution abhängig ist. Essen ist auch ein kultureller Akt, der uns an unsere Vorfahren bindet, die Pflanzen und Tiere über Jahrhunderte selektiert haben, damit sie sich an die jeweiligen natürlichen Bedingungen anpassen, und um ihren Nährwert zu steigern.

Kultur ist nicht zuletzt das über Generationen weitergegebene Wissen darüber, was, wie viel und wann wir wie essen sollen, damit es uns guttut. Es sind sowohl dieser Bezug zur Natur als auch das kulturell gewachsene Wissen, die Rhineharts vermeintlich fortschrittliche Erfindung überflüssig machen will: Fortschritt also dort, wo es in Wahrheit einer Rückbesinnung bedarf. „Soylent gibt vor, dass man sich über seine Ernährung keine Gedanken mehr zu machen braucht“, sagt der Ernährungswissenschafter König. „Aber ich fürchte, dass man sich so leicht nicht aus der Affäre wird ziehen können.“

Das Rezept

Welche Inhaltsstoffe in Soylent im Detail enthalten sind.

Kohlenhydrate (400 g) in Form von Oligosacchariden wie Maltodextrin
Proteine (50 g) in Pulverform wie etwa Resiproteine
Fett (65 g) in Form von Olivenöl
Natrium (2,4 g) als Tafelsalz
Kalium (3,5 g)
Chloride (3,4 g)
Ballaststoffe (5 g)
Kalzium (1 g) in Form von Kalziumcarbonat
Eisen (18 mg)
Phosphor (1 g)
Iod (150 μg)
Magnesium (400 mg)
Zink (15 mg)
Selen (70 μg)
Kupfer (2 mg)
Mangan (2 mg)
Chrom (120 μg)
Molybdän (75 μg)
Vitamin A (5000 IU)
Vitamin B6 (6 μg)
Vitamin C (60 mg)
Vitamin D (400 IU)
Vitamin E (30 IU)
Vitamin K (80 μg)
Thiamin (1,5 mg)
Riboflavin (1,7 mg)
Niacin (20 mg)
Folsäure (400 μg)
Biotin (300 μg)
Pantothensäure (10 mg)
Cholin
Omega-3-Fettsäuren (750 mg)

Nicht-essentielle Inhaltsstoffe
Leukopin (500 μg)
Ginseng (50 μg)
Ginkgo (100 μg)
Lutein (500 μg)
alpha-Karotin (140 μg)
Vanadium (100 μg)

μg = Mikrogramm
IU = International Unit (internationale Einheit)