Sterbehilfe: Dürfen Pflegefälle beim Freitod unterstützt werden?

Sterbehilfe: Dürfen Pflegefälle beim Freitod unterstützt werden?

Eine neue Studie erkundet eine brisante Frage: Wie stehen die Österreicher zur Sterbehilfe für Pflegefälle?

Am Ende seines Lebens steht der Mensch vor vielen gewichtigen Fragen und wenigen endgültigen Antworten. Unter Umständen lautet eine dieser Fragen, und es ist gewiss nicht die leichteste: Was macht das Leben eigentlich noch lebenswert, wenn man selbst es nicht mehr leben will? Die Antworten darauf mögen individuell dramatisch verschieden ausfallen, haben aber eines gemeinsam: Sie bewegen sich auf einem verminten Terrain namens "Sterbehilfe-Debatte", einer weltanschaulich, politisch und gesellschaftlich dramatisch verfahrenen Diskussion.

Die Rechtslage in Österreich ist relativ eindeutig: Aktive Sterbehilfe (alias "Tötung auf Verlangen", Paragraf 77 des Strafgesetzbuchs) sowie assistierter Suizid ("Mitwirkung am Selbstmord", § 78 StGB) sind Straftatbestände und werden mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet. Passive Sterbehilfe dagegen - die Unterlassung lebensverlängernder medizinischer Maßnahmen - ist im Rahmen des Patientenverfügungsgesetzes erlaubt. Zur Einstellung der Bevölkerung kursieren unterschiedliche Umfrageergebnisse, tendenziell zeichnet sich aber eine mehrheitliche Befürwortung von Sterbehilfe ab. In einer im Frühjahr publizierten Studie der Medizinischen Universität Graz sprachen sich fast 60 Prozent für eine Legalisierung der aktiven Sterbehilfe in Österreich aus, 34 Prozent für ein grundsätzliches Verbot. Vorbedingungen für die Zustimmung waren in diesem Fall ein "unerträgliches schweres Leiden ohne Aussicht auf eine Genesung" sowie der "wiederholte Wunsch nach aktiver Sterbehilfe" des Betroffenen.

Untersuchung mit neuem Kontext

Wolfgang Freidl, Vorstand des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie der Grazer Med Uni und Mitautor jener Untersuchung: "Es gab zu dem Thema in der Vergangenheit verschiedenste Studien mit unterschiedlichen Methoden und unterschiedlichen Ergebnissen, durchaus auch abhängig vom aktuellen politischen Diskurs. Es wurde dabei bis dato aber immer die Gesamtbevölkerung befragt, wobei junge Menschen eher dazu neigen, Sterbehilfe zu befürworten. Wir haben nun versucht, das neu zu kontextualisieren."

Für ihre noch unpublizierte Nachfolgestudie ließen Freidl und seine Co-Autoren deshalb ein repräsentatives Sample der österreichischen Bevölkerung über 50 Jahren befragen und erweiterten das Thema außerdem um einen höchst brisanten Punkt: Wie steht es eigentlich um die Zustimmung der Bevölkerung zu Sterbehilfe für Pflegepatienten - also Menschen, die nicht notwendigerweise sterbenskrank, aber eben doch dauerhaft pflegebedürftig sind?

Das Forschungsinteresse ist berechtigt: In Österreich befinden sich derzeit fast 456.000 Menschen in Pflege, das entspricht etwas mehr als fünf Prozent der Bevölkerung. Die demografische Entwicklung ist nicht dazu angetan, die Problematik zu entschärfen: Sind in Österreich derzeit nur rund fünf Prozent der Bevölkerung über 80 Jahre alt, wird sich dieser Anteil bis zum Jahr 2050 mehr als verdoppeln - und damit auch die Zahl der Pflegepatienten signifikant steigen. Das Hilfswerk rechnet bereits mit etwa 10.000 zusätzlich Pflegebedürftigen pro Jahr.

Relativ wenig Angst vor sozialer Isolation

Die Grazer Forscher erkundeten in einem zweistufigen Fragebogentest zuerst die Sorgen der Bevölkerung, das eigene Alter betreffend. Die Resultate überraschen zunächst nicht: Über 80 Prozent haben Angst davor, im Alter ihre Unabhängigkeit zu verlieren, auf Hilfe anderer angewiesen zu sein oder dement zu werden; ebenso weit verbreitet ist die Sorge vor chronischen Schmerzen, während die Angst vor dem Pflegeheim oder der sozialen Vereinsamung mit etwa 50 Prozent vergleichsweise geringer ausgeprägt ist. Was man, so Freidl, als gutes Zeugnis für den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft, aber auch für das österreichische Pflegesystem werten dürfe: "Im Grunde ist das Ausdruck dessen, dass sich die Leute in der Gesellschaft relativ sozial kohärent fühlen. Sie haben wenig Angst davor, ins Pflegeheim zu müssen oder sozial isoliert zu sein. Im Vordergrund steht wirklich der körperliche Verfall."

Der wesentlich brisantere zweite Teil der Studie erkundete, inwieweit diese Sorgen für die Befragten ein Grund sein könnten, als Pflegefall nicht weiterleben zu wollen. Hier zeigen sich interessante Differenzen: Chronische Schmerzen wären für 56,2 Prozent der Befragten tatsächlich ein Grund, den eigenen Tod zu wünschen, gefolgt von geistigem Abbau (36,9 Prozent), körperlichen Einschränkungen (30,2 Prozent) und der Befürchtung, eine Belastung für die Familie zu werden (28,3 Prozent). Die im ersten Schritt am höchsten eingeschätzte Sorge, nämlich die eigene Unabhängigkeit zu verlieren, wird allerdings nur von einem Fünftel der Befragten als Grund angesehen, nicht mehr weiterleben zu wollen. Der Autonomieverlust im Alter wird also gefürchtet, aber hingenommen - wie auch die Einweisung in ein Pflegeheim (die nur für 15,8 Prozent ein Motiv für Sterbehilfe wäre).

Stellt man der Bevölkerung nun die hypothetische Frage, was mit einer Person, die als schwerer Pflegefall nicht mehr länger weiterleben will, geschehen sollte, beharren 62 Prozent auf deren Recht, den Todeszeitpunkt selbst zu bestimmen. Allerdings befürworten in diesem Kontext nur 49 Prozent passive Sterbehilfe, 42 Prozent den assistierten Suizid und 34 Prozent aktive Sterbehilfe. Das klingt nicht nach einer gewichtigen Mehrheit. Ist aber eben doch - aufgrund des Samples und der sehr weitgehenden Auslegung von Sterbehilfe - ein deutliches Signal. Wenn für ein Drittel der in Zukunft prognostizierten schweren Pflegefälle Sterbehilfe zu einer echten Alternative wird, muss man von mehreren Zehntausend konkret Betroffenen ausgehen. Wolfgang Freidl mahnt deshalb auch vor voreiligen Schlüssen: "Es spricht einiges dafür, dass man das Autonomieargument der Menschen nicht vom Tisch wischt und einfach damit löst, dass man ein Verbot in die Verfassung schreibt. Unsere Ergebnisse sollten ein Plädoyer für eine differenzierte Debatte sein."

HILFE

Was soll einem Menschen, der als Pflegefall nicht mehr leben möchte, zugestanden werden?

62% Diese Person sollte selbst über den Zeitpunkt ihres Todes entscheiden dürfen

49% Bei dieser Person sollte auf mögliche lebensverlängernde medizinische Behandlungen verzichtet werden

42% Es sollte dieser Person der Wunsch zum Sterben erfüllt werden, indem ihr ein Mittel zur Selbsttötung zur Verfügung gestellt wird

34% Es sollte dieser Person der Wunsch zum Sterben erfüllt werden, indem ihr vom Arzt ein Mittel verabreicht wird, das ihren Tod herbeiführt

ÄNGSTE

Welche Alterserscheinungen bereiten über 50-Jährigen Sorgen?

83% Auf Hilfe anderer angewiesen zu sein

83% Unter starken chronischen Schmerzen zu leiden

80% Geistig abzubauen/dement zu werden

77% Körperfunktionen nicht mehr kontrollieren können

72% Belastung für Familie/Umfeld zu sein

64% Hobbys nicht mehr nachgehen zu können

63% Sich die Pflege nicht leisten zu können

63% Allein zu sein

56% Von sozialen Aktivitäten ausgeschlossen zu sein

54% In Pflegeheim ziehen zu müssen

MOTIVE

Und welche dieser Sorgen wäre ein Grund, nicht mehr leben zu wollen?

56% Unter starken chronischen Schmerzen zu leiden

37% Geistig abzubauen/dement zu werden

30% Körperfunktionen nicht mehr kontrollieren können

28% Belastung für Familie/Umfeld zu sein

27% Allein zu sein

23% Sich die Pflege nicht leisten zu können

22% Auf Hilfe anderer angewiesen zu sein

18% Von sozialen Aktivitäten ausgeschlossen zu sein

17% Hobbys nicht mehr nachgehen zu können

16% In Pflegeheim ziehen zu müssen