Toxoplasmose kann fast alle Spezies befallen.
Wissenschaft

Toxoplasmose: Ein Parasit, der mutig macht

Der Toxoplasmose-Erreger nimmt Mäusen die Scheu vor Katzen – und macht Managerinnen und Start-up-Gründer risikofreudig.

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„… als ein brutaler Knall im Heck das Boot erschüttert. Er spürt das Vibrieren, hastet zurück an Deck, … spürt, wie sie mit längeren Pausen abwechselnd das Ruder oder den Rumpf rammen. … Die Orcas machen mit dem Boot weiter, was sie wollen. Packen das Ruder, rammen das Ruderblatt. Drehen das Boot mit ihrem schweren Kopf …“

Dieser Angriff von Orcas auf ein Segelboot, den Thomas Käsbohrer in seinem Buch „Das Rätsel der Orcas“ beschreibt, ist typisch für solche Attacken. Schon seit einigen Jahren greifen Schwertwal-Gruppen immer öfter Boote an, von der Biskaya bis nach Gibraltar.

Aber warum? Dazu gibt es zahlreiche Vermutungen. Eine davon, wenn wohl auch nicht die wahrscheinlichste, kommt von dem Meeresbiologen Jörn Selling. Er beobachtete, wie sich die Tiere im Hafen von Tarifa vor den Mündungen von Abwasserrohren tummelten. Seine Annahme: Die Schwertwale hätten sich dort durch die Überreste von Katzenkot mit Toxoplasmose angesteckt und dadurch ihre Scheu vor Booten verloren.

Toxoplasmose führt zu allgemeiner Verhaltensänderung

Genialer Kreislauf: Katze, Maus, Katze

Denn der Parasit Toxoplasma gondii, der sich nur im Darm von Katzen vermehren kann, macht seine Opfer mutig. Das funktioniert folgendermaßen: Die Katzen scheiden die Sporen des Erregers aus, die sich auf Böden und in Gewässern verteilen, bis sie einen Zwischenwirt finden. Über dessen Blutkreislauf verteilen sie sich in Muskeln, Leber und Gehirn. Im Gehirn angelangt, manipulieren die Einzeller den Wirt, wodurch dieser angstloser und risikofreudiger wird. Noch ist nicht geklärt, wie der Parasit das anstellt, aber es ist ein durchaus genialer Schachzug: Infizierte Mäuse stellen sich der Katze, anstatt die rettende Flucht zu ergreifen. Zurück im Darm der Katze, beginnt das Spiel von vorn.

Unter Menschen ist der Parasit ebenfalls weitverbreitet – wenn auch meistens unbemerkt. Zwei Milliarden Menschen weltweit tragen den Erreger Schätzungen zufolge in sich. In Europa ist meist der Konsum von ungenügend erhitztem oder rohem Fleisch, vor allem von Schweine-, Schafs- und Ziegenfleisch, die Infektionsquelle. Gefährlich wird der Erreger hauptsächlich Ungeborenen, wenn sich ihre Mutter während der Schwangerschaft ansteckt. Gibt sie den Parasiten weiter, kann dies beim Kind zu Augenentzündungen und Hirnschäden führen.

Was Start-up-Gründern die Angst nimmt

Bei den meisten Menschen verläuft die Infektion ohne Krankheitssymptome. Jedoch manipuliert Toxoplasmose gondii nicht nur Mäuse, sondern auch uns Menschen. Junge Infizierte studieren 1,4-mal häufiger Betriebswirtschaftslehre als Nichtinfizierte, und 1,7-mal so viele wählen Management als Hauptfach, wie Daniel Lerner von der IE Business School in Madrid feststellte. Außerdem ist die Bereitschaft, ein Unternehmen zu gründen, unter Infizierten 1,8-mal höher. Und: Unter Start-up-Gründern herrscht offenbar eine besonders hohe Infektionsrate.

Sollte man sich Toxoplasmose also wünschen? Lieber nicht. Wie der tschechische Parasitologe Jaroslav Flegr herausfand, steigt bei infizierten Menschen zwar die Risikobereitschaft, allerdings gepaart mit einer verringerten Reaktionsfähigkeit. Damit erhöht sich etwa die Wahrscheinlichkeit, in einen Autounfall verwickelt zu werden. Zudem vermuten Medizinerinnen einen Zusammenhang zwischen Toxoplasmose und der Entwicklung von Demenz, Depressionen und Schizophrenie.

Möglicherweise ist Angstlosigkeit ohnehin der falsche Weg, erfolgreich zu werden. Mark Twain sagte einmal: „Mut ist Widerstand gegen die Angst, Sieg über die Angst, aber nicht Abwesenheit von Angst.“