Wie ein Vulkanausbruch vor 200 Jahren das weltweite Klima veränderte

Wie ein Vulkanausbruch vor 200 Jahren das weltweite Klima veränderte

Vor 200 Jahren explodierte in Indonesien der Tambora. Die Auswürfe des Vulkans veränderten das Klima rund um den Globus für mindestens zwei Jahre und führten weltweit zu Hunger, Elend, Krankheit und Tod. Ein Lehrstück über die Vernetztheit und die Verletzlichkeit der Welt.

Frühling in Wien. Zehn Grad zeigt das Thermometer am frühen Nachmittag des 10. April, heiteres Wetter. Im stillen Kämmerlein teilen die Granden der europäischen Politik ganze Regionen wie Spielkarten untereinander auf: Innviertel, Hausruck, Zillertal zu Österreich, Darmstadt, Baden, Hanau zu Bayern.

Während der Wiener Kongress um einen europäischen Frieden ringt, rumort im weit entfernten Indonesien immer bedrohlicher ein Vulkan. Während Napoleon überraschend aus seinem Exil auf Elba nach Paris zurückkehrt, spuckt der Tambora gewitterschwarze Aschewolken. Und während sich England, Preußen, Österreich und Russland gegen den Korsen verbünden und Soldaten einzuziehen beginnen, die ihm in zwei Monaten sein Waterloo bescheren werden, bricht auf der kleinen Insel Sumbawa ein Inferno los.

Eruption am 5. April 1815

Schon länger hat sich der Tambora ab und zu bemerkbar gemacht. Doch am 5. April 1815 zerreißt ein Donnerschlag die abendliche Ruhe. Für drei Stunden - so gibt der Radscha von Sanggar, ein regionaler Herrscher, im einzig erhaltenen Augenzeugenbericht später zu Protokoll - steigen Lavafontänen und Aschewolken in den Nachthimmel, unter Getöse, das körperlich Schmerz bereitet. Dann, unvermittelt, Stille. Die Menschen von Sanggar im Osten und dem kleinen Königreich Tambora im Westen am Fuße des Vulkans ignorieren die Zeichen. Statt Reißaus zu nehmen, versuchen sie die Ernte zu retten.

Es ist das Letzte, was sie tun: Am 10. April 1815 gegen 19 Uhr explodiert der Berg. Für mehrere Stunden, erzählt der Rascha, der mit seiner Familie als einer von wenigen entkommen konnte, stehen kilometerhoch drei Feuersäulen am Himmel. Es hagelt fußballgroße Bimssteinbrocken. Pyroklastische Ströme aus Gas, Asche und flüssiger Lava schießen die Hänge herab. Wo sie auf Wasser treffen, dehnen sich die Aschewolken in Explosionen aus, die bis Sumatra und Borneo zu hören sind, mehr als 2600 Kilometer entfernt. Viele Menschen halten den Krach für Kanonenfeuer von Piraten. Ein Vulkansturm schleudert brennende Baumriesen, Menschen, Tiere weit hinaus aufs Meer. Das Land um den Vulkan beginnt abzusacken, mindestens ein Tsunami fegt über die Küsten bis Flores und Timor. Der Berg tobt bis zum 11. oder 12. April, speit bis zu 150 Kubikkilometer vulkanisches Material, weit über 100 Milliarden Tonnen Lava, Asche, Gase aus. Dann klappt er in sich zusammen und kommt zur Ruhe.

Wo früher ein 4300 Meter hoher Doppelgipfel stand, weithin sichtbarer Orientierungspunkt für die Seefahrt, klafft seither eine Caldera, ein Kessel, 1200 Meter tief, sechs Kilometer weit.

Es ist der größte Vulkanausbruch, über den es Berichte gibt. Mit einem Schlag löscht er ein Königreich , Tambora, mit eigener Sprache und Kultur und wahrscheinlich 10.000 Menschenleben aus. Zwei Tage lang herrscht im Umkreis von 600 Kilometern absolute Finsternis. Nach Westen geweht, gehen auf Sumbawa, Lombok, Bali, sogar bis Java, Sumatra, Borneo, dicke Ascheschichten nieder, vernichten die Ernten, verderben das Wasser, was mindestens 60.000 weitere Tote durch Hunger und Krankheiten fordert. Balis Strände säumen Kinderleichen, hingebettet von Eltern, die die Kleinen umgebracht haben, bevor sie eines grausamen Hungertodes sterben. Über Monate dringt kaum Sonne durch die partikelschwere Luft; Baumringanalysen zufolge herrschen in weiten Teilen Indonesiens noch lange nach dem Ausbruch Dürre und Kälte.

Die schwefelhaltigen Gase, die der Tambora weit hinauf in die Stratosphäre gejagt hat, verwandeln sich dort in sonnereflektierende Aerosolpartikel. Sie breiten sich rasch um den Globus aus und kühlen Land und Wasser darunter vielerorts drastisch ab.

"Das Jahr ohne Sommer"

Zahllos und entsetzlich sind die historischen Berichte über das "Jahr ohne Sommer", das Europa ab 1816 heimsucht und eigentlich bis 1817 dauert. Ein meteorologisches Frühwerk, der Almanach "Climate of London" des englischen Quäkers Luke Howard, verzeichnet Anfang 1816 Temperaturen bis minus 20 Grad im sonst so milden Südengland, monatelange "Orkane" und Stürme nie gekannter Stärke im ganzen Land, die manches Schiff in Bedrängnis bringen. Londons Jahresdurchschnittstemperatur liegt mit 3,3 Grad fast sieben Grad unter den ohnehin schon kühlen Vorjahren (wegen des "1809 Unbekannt", eines noch nicht zugeordneten Vulkanausbruchs, war schon das ganze Jahrzehnt ungewöhnlich kühl). Im Juli 1816 fällt Schnee in Schottland, in Irland verfaulen die Kartoffeln auf den durchweichten Feldern. Es kommt zur ersten großen irischen Hungersnot im 19. Jahrhundert. William Carleton hat ihr mit seinem Buch "The Black Prophet" später das einzige Denkmal gesetzt. 80.000 Menschen sterben. Weil Torf, das Heizmaterial der Armen, im Dauerregen nicht trocknet, drängen sich die Geschwächten frierend aneinander, wodurch sich Läuse sprunghaft vermehren und eine Fleckfieberepidemie mit 1,5 Millionen Kranken und 65.000 Toten auslösen.

Ähnlich das Bild auf dem Kontinent: Dörfer, Städte und Äcker handbreit unter Wasser, Hurrikans in Amsterdam und Norddeutschland, Eiseskälte in Portugal , schwerer Hagel in ganz Frankreich, Dauerregen und wiederholte Überschwemmungen in der Schweiz, Schnee bis in den Sommer - während in Skandinavien und in der Region um Petersburg Dürre herrscht.

Das Vulkanwetter trifft Europa hart: Nach über zwei Jahrzehnten Napoleonischer Kriege ist die Bevölkerung ausgemergelt, die Landwirtschaft liegt darnieder. Es gibt keine Vorräte und zu wenige Bauern. "Betteljahr","Hungerjahr" - Ernterückgänge um mindestens 75 Prozent lassen die Preise explodieren. Der Militärstratege Carl von Clausewitz sieht 1817 im Rheinland ein "stark geschwächtes Volk, kaum mehr menschlich, das auf der Suche nach halb verfaulten Kartoffeln über die Äcker" läuft. Endzeitpropheten lösen Hysterie aus in Bologna, dem belgischen Gent, in England und Paris.

Besonders dramatisch ist die Situation in der Schweiz, die angesichts drohender Hungersnot eigenartigerweise ihre Grenzen schließt. Chronisten berichten, dass "wandernde Skelette" dort "gierig Tierkadaver und stinkende Nesseln" verschlingen, Heu, Schnecken, Hunde, Katzen essen. Kinder "weiden im Gras wie Schafe", Epidemien raffen Tausende dahin. Mütter setzen ihre Babys auf Feldern aus oder töten sie, bevor sie Hungers sterben. Der russische Zar Alexander I. ist so entsetzt über die Zustände, dass er 100.000 Rubel und Getreide spendet.

Weltungergangsstimmung inspiriert legendäre Geschichten

Am Genfer See gewittert, regnet und stürmt es im Juni 1816 ohne Unterlass. In der noblen Seeblickvilla Diodati langweilen sich der englische Dichter Lord Byron und seine Gäste. Die jungen Leute beschließen deshalb, Gruselgeschichten zu erfinden. Es sind Tage, die Literaturgeschichte schreiben: Die 18-jährige Mary Godwin, seit zwei Jahren skandalös mit dem verheirateten Poeten Percy B. Shelley liiert (den sie - nach dem Selbstmord seiner Frau im Dezember heiraten wird), wird von der Weltuntergangsstimmung zu "Frankenstein" inspiriert, und Byron skizziert eine Untotenerzählung, die sein Leibarzt William Polidori später aufgreifen und weiterentwickeln wird: zur ersten Vampirgeschichte der Weltliteratur.

Auch die Malerei nutzt die spektakulären Himmelsstimmungen. An den wenigen schönen Tagen zaubert die Asche in der Atmosphäre farbenprächtigste Sonnenuntergänge, die Landschaftsmaler wie William Turner und Caspar David Friedrich auf leuchtende Gemälde bannen. Noch populärer sind nur Wolken.

In Österreich zeigen meteorologische Messreihen "eine ungewöhnlich lange Aneinanderreihung zu kühler Monate", so Ingeborg Auer, Leiterin der Abteilung Klimaforschung der ZAMG in Wien. In Innsbruck liegt die Temperatur zwischen Februar und September 1816 um 2,3 Grad unter dem Mittel des 19. Jahrhunderts, während es in Wien mit 1,4 und Kremsmünster mit 1,1 Grad unter dem Jahrhundertschnitt fast schon warm ist. Da hierzulande eine systematische Klimageschichte wie in der Schweiz fehlt, geben anekdotische Berichte ein Gefühl für die Zustände: Eine oberösterreichischen Gedenkmünze vermerkt, "Spekulanten hatten von dem wenigen, was die Heere übrig gelassen hatten, aufgekauft, was sie konnten (die Bestie im Menschen!); dazu wurde das Jahr 1816 fürchterlich durch Hagelschlag, späte Schneefälle, Überschwemmungen und Kälte". Die Kommission zur Unterstützung der Armen in Salzburg erwähnt im Dezember 1816 eine Teuerung, die "bis zu einem in der Geschichte unseres Vaterlandes beispiellosen Grade gestiegen" ist. Im Vorarlberger Montafon gibt es nach kaltem Sommer und lawinenreichem, langem Winter 1816/17 Hungertragödien. Und in der "Geschichte der Stadt Ried" erzählt Konrad Meindl 1899: "Es wurden Brennnessel gekocht und aus Kleie Brot gebacken. Viele Menschen starben an schlechter Nahrung, Mangel und Kummer. Sicher wären Tausende durch Hunger zugrunde gegangen, wenn nicht die Schiffzüge große Massen von Hirse aus Ungarn in die oberen Donaugegenden heraufgebracht hätten."

Das Elend lässt viele die Heimat verlassen. Tausende ziehen gen Osten, wie die Schwaben aus Württemberg nach Russland, vor allem aber in die Neue Welt, wo 1817 erstmals über 20.000 Menschen aus Europa landen. Dabei leiden riesige Gebiete in Nordamerika selbst den ganzen Sommer unter Frösten und Dürre, die Obst, Mais, Getreide vernichten. Verarmte Oststaatler und Neuankömmlinge aus Europa rumpeln deshalb in endlosen Planwagenzügen über die Appalachen, einem scheinbar goldenen Westen entgegen. 1820 sind fünf Bundesstaaten neu besiedelt, die indianische Urbevölkerung verdrängt.

Für sein akribisch recherchiertes Buch "Vulkanwinter 1816" hat Gillen D'Arcy Wood von der Universität Illinois erstmals auch Berichte über die Tambora-Folgen in Asien zusammengetragen. Demnach schwenken in Yunnan im Südwesten Chinas die Bauern nach drei Hungerjahren vom traditionellen Reis- auf den Mohnanbau um; drei Jahrzehnte später ist die Region Chinas Hauptlieferantin von Opium.

Kein Monsun in Indien

In Indien fällt 1816 - das einzige Mal in der Geschichte - der Monsun komplett aus und setzt 1817 viel zu früh ein. Die Cholera, im Lande schon immer heimisch, bricht azyklisch aus und zeigt einen neuen, ungewöhnlich rasanten Verlauf: Scheinbar gesunde Menschen brechen mitten im Satz zusammen, liegen schwer krank oder tot in schleimigen Exkrementen, die Haut oft blau verfärbt. Neueste Erkenntnisse der Choleraforschung ließen den Schluss zu, so Wood, das veränderte Klima habe die Rahmenbedingungen für eine folgenschwere Mutation geschaffen:

Durch den Tambora-Ausbruch wird das wandlungsfähige Bakterium Vibrio cholerae zum gefürchtetsten Killer des 19. Jahrhunderts. Während der ersten Cholera-Pandemie 1817-1824, der allein in Indien Hunderttausende zum Opfer fallen, darunter 10.000 Mann der britischen Armee, breitet sich der "Blaue Tod" vom Ganges nach Südostasien, Ostafrika und in den Mittelmeerraum aus. Während der zweiten Pandemie erreicht er um 1830 Europa.

"Große Vulkanausbrüche zeigen, welch heikles System das Klima ist", sagt Verena Winiwarter von der Alpen-Adria-Universität, Standort Wien. "Damals sanken die Sommertemperaturen nur für zwei Jahre und nur um durchschnittlich 0,7 Grad. Und wir diskutieren heute allen Ernstes, ob globale zwei Grad Plus problematisch werden."

Mehrere Dinge führe der Tambora beispielhaft vor Augen: "Dass es schlau wäre, Warnsignale ernst zu nehmen", so die Umwelthistorikerin angesichts der bereits überall wahrnehmbaren Veränderungen durch den Klimawandel. "Der Tambora hat lange vorher gerumpelt, aber die Leute sind gesessen und haben gewartet, dass es von alleine wieder aufhört. So ähnlich machen wir es auch gerade."

Vor allem aber sollte eine Naturkatastrophe derartigen Ausmaßes demütig machen. In den vergangenen 10.000 Jahren gab es mindestens sechs Ausbrüche von der Gewalt des Tambora, und Dutzende weitere sehr große Eruptionen. Und es kann jederzeit wieder passieren. "Wir glauben gern, dass wir alles im Griff haben. Aber wir sind verletzbar. Und wir sind es mehr als früher, was unsere technische Infrastruktur angeht", so Winiwarter. Ohne Zweifel hätte ein Mega-Ausbruch die Macht, unsere so komplex verflochtene Welt zu destabilisieren, wirtschaftlich, politisch und sozial. "Zwei Jahre Ernteausfälle in Asien, Amerika und Europa? Das gäbe ähnliche Tragödien wie vor 200 Jahren", ist Winiwarter überzeugt.