Wolfgang Schütz: „Wissen Sie, wie es bereits vor der Einsparung zuging?“

Wolfgang Schütz: „Wissen Sie, wie es bereits vor der Einsparung zuging?“

Wolfgang Schütz, Rektor der Medizinischen Universität Wien, über budgetäre Zwänge, die Krise der akademischen Medizin – und geplatzte Kondome, die zu Überlastungen in der Notaufnahme führen.

Interview: Tina Goebel

profil: Seit 1. Jänner werden Journal-Nachtdienste eingespart, wogegen Ärzte des AKH sogar öffentlich demonstrierten. Warum mussten diese Dienste gestrichen werden?
Wolfgang Schütz: Der Protest war sehr unehrlich, denn in Wahrheit geht es den Ärzten um ihr Gehalt. Die Nachtdienste sind ein wesentlicher Bestandteil ihres Einkommens. Sie haben ein niedriges Grundgehalt, und ich verstehe den Groll. Sie sollen es aber zugeben. Im Allgemeinen Krankenhaus Wien arbeiten rund 1500 Ärzte in 173 Journal-Nachtdiensträdern. Das ist eine international einzigartig hohe Zahl. Im Jahr 2001 waren es überhaupt 230 Journaldienste. Die Streichungen damals hatten keinerlei Auswirkungen. Und wir haben noch immer zu viele Journaldienste. Zusätzlich hat sich die Situation durch die neue Betriebsvereinbarung verschärft, die seit letztem September in Kraft ist.

profil: Die ja theoretisch eine Verbesserung in der Arbeitssituation der Ärzte bringen hätte sollen.
Schütz: Ja. Aus arbeitsrechtlichen Gründen haben wir uns mit dem Betriebsrat geeinigt, dass Ärzte nun nicht mehr 32, sondern nur noch 25 Stunden durchgängig im Dienst, das heißt am Patienten, tätig sein dürfen. So lauten auch die Richtlinien der Europäischen Union. Zuvor mussten sie nach einem Nachtdienst noch acht Stunden arbeiten. Wir wollten menschenwürdige Arbeitszeiten für die Mediziner schaffen und gleichzeitig verhindern, dass durch Übermüdung Kunstfehler passieren.

profil: Doch wenn die Ärzte weniger arbeiten, bräuchte es ja nun eine Aufstockung des Personals?
Schütz: Korrekt. Wenn die 172 Ärzte, die im Nachtdienst arbeiten, nun am Tag nicht mehr verfügbar sind, so fehlen genau diese untertags. Doch wir können uns unmöglich so viele Neueinstellungen leisten. Ein Journaldienst bringt ungefähr drei Arztstellen und kostet im Jahr ungefähr 270.000 Euro. Deshalb haben wir mit den Klinikleitern vereinbart, dass sie überprüfen sollen, ob sie nicht Journaldienste einsparen können. Dafür würden sie zwei Arztstellen erhalten und hätten so untertags drei Mitarbeiter mehr zur Verfügung, da ja ein Nachtdienst wegfällt. Die Vorschläge zu den Journaldiensteinsparungen wurden von den Klinikleitern eingebracht.

profil: Ich habe aber mehrere Briefe an Sie vorliegen, in denen sich Oberärzte und Abteilungsleiter beschweren, dass sie nicht einmal über die Streichungen der Nachdienste informiert wurden und diese unverantwortlich finden. Der Betriebsrat behauptet außerdem, dass noch keine einzige der versprochenen Stellen nachbesetzt wurde.
Schütz: Die Stellen mussten natürlich erst ausgeschrieben werden. Ich schätze aber, dass bis März alle besetzt sind. Und was die Beschwerden betrifft, so muss ich sagen, dass ich selbst ja keine Einsparungen vorschlagen kann. Die Klinikchefs mussten die Evaluierungen durchführen, schließlich haben sie den Überblick. Und natürlich echauffieren sich manche Abteilungsleiter, deren Bereich betroffen ist. Jedoch sind das meist reine Eitelkeiten. Es wurden viele Gerüchte verbreitet, vor allem was die Patientenversorgung betrifft. Doch wir bieten nach wie vor dieselben Leistungen an.

profil: Aber da weniger Ärzte im Dienst sind, müssen diese nun mehr arbeiten. Einige berichten, dass deshalb viel Routinearbeit in die Nacht verlegt werden muss, wo sich die Dienstradeinsparungen noch einmal gravierender auswirken. Ist das vertretbar?
Schütz: Ein Journaldienst schreibt arbeitsrechtliche Ruhezeiten vor. Wenn diese nicht mehr eingehalten werden können, so müssen wir reagieren und notfalls auf einen Schichtbetrieb umstellen. Damit wäre der Betrieb aber kaum mehr aufrechtzuerhalten, da wir noch viel mehr Ärzte brauchten.

profil: Sie sind als Rektor der MedUni eigentlich nur für die Forschung und Lehre zuständig. Haben Sie nicht Angst, dass durch diese Überforderung die Forschung völlig auf der Strecke bleibt und die MedUni in den weltweiten Rankings abstürzen wird?
Schütz: Unser Output ist relativ hoch, die MedUni hat sich in den weltweiten Rankings in den letzten zehn Jahren markant verbessert. Die Ärzte können die Wahl treffen, ob sie nach dem Nachtdienst noch drei bis vier Stunden wissenschaftlich arbeiten oder nach Hause gehen. Früher musste alles in der Freizeit erledigt werden. Aber es stimmt, vor allem in der Chirurgie sind die Nachtdienste extrem anstrengend. Die akademische Medizin befindet sich aus den angesprochenen Gründen überhaupt in einer weltweiten Krise. Viele schaffen den Spagat zwischen Patientenversorgung und Forschung nicht mehr.

profil: Viele Ärzte berichten, dass sie nun in der Nacht ohne Pause durcharbeiten, was schlimmer ist als die früheren 32-Stunden-Dienste. Außerdem kommt es zu Versorgungsengpässen und sogar belegbaren Todesfällen, da eben zu wenige Ärzte im Einsatz sind.
Schütz: Der bekannte Fall, der am 3. Jänner passiert ist und den Sie wohl meinen, wäre vermutlich auch vor den Dienstradstreichungen so passiert. Die Frau des Patienten hat darauf bestanden, dass ihr Mann ins AKH eingeliefert wird, obwohl dem Notarzt mitgeteilt worden war, dass kein Gefäßchirurg verfügbar ist. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass plötzlich die Patientenversorgung wegen der Einsparung von zwölf Diensträdern zusammenbricht. Ich habe noch keine diesbezüglichen Informationen vom ärztlichen Direktor oder den Klinikchefs gehört. Wissen Sie, wie es bereits vor der Einsparung zuging?

profil: Schon damals lief die Patientenversorgung nicht optimal. Aber ich weiß, dass einige Klinikchefs seit Langen um einen Termin bei Ihnen ansuchen, um wohl zu erläutern, dass es nun nicht mehr akzeptabel ist. Viele sagen auch, dass eine Uniklinik überhaupt nicht
so viele Patienten versorgen müsste. Doch wie viele wären maximal notwendig?
Schütz: Wir sind gerade dabei, gemeinsam mit der Stadt Wien eine Evaluierung durchzuführen. Ich glaube, diese wird ergeben, dass wir zu viele Journaldienste betreiben. Und natürlich denke ich, dass die sechs Gemeindespitäler der Stadt mehr Primär- und Sekundärversorgung, also ambulante Tätigkeit und einfache stationäre Versorgung, übernehmen sollten. Doch die Patienten wollen zu uns, da sie wissen, dass wir die besten Ärzte haben. Die teuersten Mitarbeiter, also die Ärzte, bezahlen ja außerdem wir und damit der Bund. Deshalb sieht es auch die Stadt Wien gerne, wenn die Patienten zu uns kommen.

profil: Wäre es nicht klüger gewesen, gravierende Einsparungen erst auf Basis einer solchen Erhebung durchzuführen? Oder zumindest den Patientenstrom umzulenken?
Schütz: Wir haben in Österreich generell das Problem, dass die Patienten viel zu oft in die Ambulanz kommen. Hier sind wir europäischer Spitzenreiter. Doch da der niedergelassene Bereich so darniederliegt, wird sich daran nicht viel ändern, fürchte ich.

profil: Es wird auch immer wieder beklagt, dass das AKH mit sogenannten Bagatellfällen zugemüllt wird.
Schütz: Ich schlage seit Jahren vor, dass der Notfallambulanz zumindest ein Allgemeinmediziner vorgeschoben wird, der eine Sichtung durchführt. Bei der Kindernotfallambulanz gibt es seit dem Vorjahr endlich so einen Posten, der eine enorme Entlastung bringt. Doch für eine effiziente Struktur bin nicht ich zuständig, sondern der Spitalserhalter. Die Hälfte der Patienten, die in der Nacht selbst ins AKH kommen, sind keine Notfälle. Es kommen sogar Personen wegen eines geplatzten Kondoms her. Doch für jeden muss ein Facharzt gerufen werden, den die jeweiligen Abteilungen entbehren müssen. Wir müssten diesbezüglich die Patienten besser informieren. Das liegt aber vor allem am politischen Willen.

profil: Die Patienten werden alleine durch die Überalterung der Bevölkerung und dem Zuwanderungsstrom mehr. Sind nicht gröbere Engpässe zu befürchten?
Schütz: In unserem Gesundheitssystem wird noch jeder gleich behandelt und bekommt dieselbe Versorgung. Das hat seinen Preis, und das muss es der Politik wert sein. Wir sind zum Glück noch weit davon entfernt, dass alten Menschen medizinische Leistungen vorenthalten werden. In anderen Ländern werden etwa älteren Patienten keine Organe mehr transplantiert.

profil: Glauben Sie, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis es bei uns so weit ist?
Schütz: Das kann ich schwer voraussagen. Ich befürchte nur, dass Sie wahrscheinlich Recht haben, wenn man dem Bereich Gesundheit nicht die ihm zustehende Priorität einräumt.

Foto: Philipp Horak für profil