Gastkommentar von Jérôme Segal: „Aber es steht in der Tora!“

Gastkommentar von Jérôme Segal: „Aber es steht in der Tora!“

Wer ein Verbot der rituellen Beschneidung von Kindern fordert, stellt die jüdische Identität nicht in Frage.

Gastkommentar von Jérôme Segal

Vor ziemlich genau zwei Jahren verurteilte ein deutsches Gericht die rituelle, medizinisch nicht begründete Genitalbeschneidung unmündiger Buben. Seit dem „Kölner Urteil“ ist die öffentliche Debatte nicht abgerissen. Der Ehrenpräsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, hatte sich mit einem unseligen Vergleich in den Diskurs eingebracht. Ein Verbot der Beschneidung sei für ihn „dem Versuch einer neuerlichen Shoah, einer Vernichtung des jüdischen Volkes, gleichzusetzen – nur diesmal mit geistigen Mitteln“. Nach dieser schamlosen Respektlosigkeit den Opfern dieser Vernichtung gegenüber – eine Verharmlosung von historischem Ausmaß – hatte das jüdische Stadtmagazin „Wina“ vor einigen Monaten die Debatte als „populistische Polemik“ abgestempelt. Der Wiener Rabbi Schlomo Hofmeister verglich den Eingriff, der jedes Jahr in den USA über 100 Todesopfer fordert, mit dem „Haareschneiden“. In dem Artikel kam es nicht einmal zu einer kritischen Betrachtung der Meziza, einer von den streng orthodoxen Gemeinden praktizierten Beschneidungsart, bei der das Blut direkt mit dem Mund des Mohels (des Beschneiders) abgesaugt wird, wobei es zu lebensgefährlichen Infektionen kommen kann, wenn der Mohel beispielsweise Träger des Herpesvirus ist.
Seit ich als Humanist und Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde die Beschneidung von Babys und Kindern kritisierte, wurde ich beschuldigt, die „Vernichtung von Juden zu befürworten“ und ein „Selbsthasser“ zu sein. Nicht-Juden sehen sich bei solchen Gelegenheiten mit Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert. 70 Jahre nach der Vernichtung der europäischen Juden sollte es aber doch möglich sein, Reformen im Judentum zu befürworten, ohne die jüdische Identität grundsätzlich in Frage zu stellen.

Das Gegenargument lautet häufig: „Aber es steht in der Tora als Zeichen der Allianz mit Gott!“ Natürlich könnte man sich zunächst fragen, warum Frauen kein Zeichen dieses Bundes mit Gott (Brit Mila) haben dürfen. Davon abgesehen lohnt es sich aber auch anzumerken, dass das Judentum einige Stellen in der Tora ablehnt. Im 3. Buch Mose steht zum Beispiel: „Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben.“ Kein vernünftiger Jude würde aber heute versuchen, Homosexuelle zu ermorden. Im 5. Buch ist die Strafe für Menschen, die Ehebruch begehen, nicht besser: „Ihr sollt sie steinigen, und sie sollen sterben, das Mädchen, weil es in der Stadt nicht um Hilfe geschrien hat, und der Mann, weil er sich die Frau eines andern gefügig gemacht hat.“
Heute gibt es immer mehr Juden, vor allem in Israel und in den Vereinigten Staaten, die statt der „Brit Mila“ eine „Brit Shalom“ praktizieren, bei der man Neugeborene in der Gemeinde ohne Verstümmelung willkommen heißt. In Österreich sind Piercing-Eingriffe erst ab 14 Jahren erlaubt, Tattoos ab 16 – warum gestattet man die Vorhautamputation im Alter von acht Tagen oder sieben bis neun Jahren bei den Muslimen? Maimonides, der wichtigste Philosoph, Rabbi und Arzt des 12. Jahrhunderts, hatte schon gewarnt, dass die Beschneidung eine dämpfende Wirkung auf den Sexualtrieb ausübe. Quäker haben aus eben diesem Grund die Beschneidung in den Vereinigten Staaten eingeführt; der Sensibilitätsverlust des Penis sollte dem Verlangen nach Masturbation entgegenwirken. Schon zuvor, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es bereits eine bedeutende jüdische Bewegung, die dieses Ritual ablehnte.

Theodor Herzl, der Begründer des politischen Zionismus, kritisierte nicht nur die Meziza, sondern ließ auch seinen Sohn Hans nicht beschneiden. Franz Kafka wurde von der Beschneidung seines Neffen so sehr erschüttert, dass er am nächsten Tag beschloss, über Beschneidungen in Russland zu berichten. Sigmund Freud sah seinerseits in diesem Ritual einen „Ersatz für die Kastration“, Ausdruck der Unterwerfung unter den Willen des Vaters.
Nach der Halacha, dem rechtlichen Teil der jüdischen Überlieferung, kann man durchaus Jude sein, ohne beschnitten zu sein. Es zählt nur das Judentum der Mutter oder die Konversion. Für eine Mitgliedschaft in der Israelitischen Kultusgemeinde wird eine Beschneidung zum Glück auch nicht verlangt. Die notwendige Trennung von Staat und Religion sollte die Kinderrechte in den Vordergrund stellen, insbesondere den Artikel 19 der Konvention über die Rechte des Kindes, der die physische Unversehrtheit zum Inhalt hat. Wie kann es sein, dass die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, seit 2007 in Wien angesiedelt, bis zu drei Vollzeit-Experten für die Rechte des Kindes anstellt, ohne jemals eine Zeile über Zwangsbeschneidung publiziert zu haben? Die letzte Resolution des Europäischen Rates gegen rituelle Beschneidung bringt etwas Hoffnung, und das kürzlich erschienene Buch „Die Beschneidung von Jungen – Ein trauriges Vermächtnis“ (Hrsg. von Matthias Franz, V & R) verschafft einen kritischen Überblick. Ferner wird am 19. Mai eine öffentliche Diskussion zu diesem Thema im Wiener Depot stattfinden. Die Aufklärung bleibt im Gang.

Zur Person
Der jüdisch-französische Publizist Jérôme Segal ist Koordinator eines Doktoratskollegs an der Universität Wien und Assistenzprofessor an der Universität Paris-Sorbonne. Er schreibt für französische Zeitungen und Zeitschriften. Seit zwei Jahren forscht er über die Geschichte der Beschneidung; im März veröffentlichte er einen Artikel über „Die Beschneidung aus jüdisch-humanistischer Perspektive“.