Trump-Biograf D'Antonio: "Er will einfach nur herrschen"

"Trump ist ein Novum in der amerikanischen Politik. Ich halte ihn für autoritär."

"Trump ist ein Novum in der amerikanischen Politik. Ich halte ihn für autoritär."

Michael D'Antonio, Biograf von Donald Trump, sieht im Präsidentschaftsanwärter einen Narzissten und beinharten Opportunisten und warnt davor, nur über ihn zu lachen.

INTERVIEW: ANNA GIULIA FINK

profil: Sie haben Trump öfter ausführlich getroffen. Wie ist er im persönlichen Gespräch?
Michael D'Antonio: Ich habe Trump in seinem Büro und seinem Penthouse getroffen. Beide Orte sind dekoriert wie Filmsets: Sein Büro etwa ist lichtdurchflutet, er hat eine spektakuläre Sicht auf den Central Park. Die Möbel könnten direkt aus einem Austin-Powers-Film stammen: viel Samt, viel schimmerndes Metall. Eine große Wand ist voller Magazin-Cover, auf denen er zu sehen ist. In seinem Büro arbeiten vor allem junge Frauen und solche, die augenscheinlich glauben, es sei notwendig, jung auszusehen. Es ist, also würde man einen machtvollen Geschäftsmann aus vergangenen Zeiten besuchen. Das Eigenartigste bei diesen Treffen: Alles scheint planmäßig orchestriert zu sein, selbst die scheinbar zufälligen Momente, in denen wir unterbrochen wurden.

profil: Woran machen Sie das fest?
D'Antonio: Nichts, was er tut, erscheint natürlich. Während des Gesprächs hatte ich ständig das Gefühl, dass jederzeit ein Schminkteam zur Tür hineinkommen könnte, um sein Gesicht nachzupudern. Zwischendurch läutete sein Telefon, er hob ab und wiederholte mehrmals mit eindringlicher Stimme, er könne alles Geld der Welt für drei Prozent Zinsen bekommen. Auf mich wirkte das, als wolle er seinen Gast damit beeindrucken, dass er die Regeln vorgibt. Er prahlt sehr gerne und hat das dringende Bedürfnis, ständig mit seinem Geld und seiner Berühmtheit beeindrucken zu wollen.

profil: Hat sich das im Laufe der Gespräche gelegt?
D'Antonio: Es ist nahezu unmöglich, näher an ihn heranzukommen. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der derart wenig von sich selbst verriet. Er spricht kaum über die Vergangenheit und betont immer, dass er sich ganz auf die Gegenwart und die Zukunft fokussieren möchte.

profil: Sie haben Trump getroffen, weil sie eine Biografie über ihn verfassten. Gibt es in Trumps Umfeld jemanden, auf den er hört?
D'Antonio: Als er erfuhr, dass ich auch Kritiker treffen wollte, brach er den Kontakt ab. Er hat Berater, die ihn zu extremen Positionen drängen. Diejenigen, die Einfluss auf ihn haben, sind von seinem Geld abhängig. Und seine Familie, seine Kinder sprechen von ihm, als wären sie Anhänger eines Kults; sie himmeln ihn regelrecht an. Loyalität - und das gilt durchaus in beide Richtungen - ist Trump überaus wichtig. Es gibt kaum Menschen, die schlecht über ihn sprechen, was vor allem daran liegt, dass sie Angst vor ihm haben. Trump ist ein Meister der Beleidigungen und hat viele teure Anwälte. Wenn Trumps Leute jemanden einschüchtern, fällt ständig das Wort "fuck". Es ist, als würde Tony Soprano (die Hauptfigur aus der Mafia-Serie "Die Sopranos ", Anm.) anrufen.


Trump ist ein Novum in der amerikanischen Politik. Ich halte ihn für autoritär. Er glaubt an seine eigene Überlegenheit, an eine Art angeborenes Recht, die Regeln vorzugeben.

profil: Sie sind ein Kenner jenes Mannes, von dem viele fürchten, dass er Präsident werden könnte.
D'Antonio: Zuletzt habe ich versucht, einer arabischen Tageszeitung eine Antwort darauf zu geben, welche Gefahr Trump als Präsident der Vereinigten Staaten für die muslimische Welt darstellen würde. Der Journalist erzählte mir, dass die arabische Welt tatsächlich sehr besorgt darüber sei, was Trump während des Wahlkampfes von sich gibt. Er fragte mich, ob Trump all die Drohungen gegen Muslime ernst meine, ob er überhaupt echte Ideen habe und über so etwas wie ein Programm verfüge. Trump ist kein Ideologe, er ist ein Narzisst und ein beinharter Opportunist. Er folgt keiner Politik, die ihm nicht gerade nützlich erscheint. Trump glaubt nur an Trump.

profil: Konnten Sie den arabischen Journalisten beruhigen?
D'Antonio: Ich bin ja selbst beunruhigt. Trump ist ein Novum in der amerikanischen Politik. Ich halte ihn für autoritär. Er glaubt an seine eigene Überlegenheit, an eine Art angeborenes Recht, die Regeln vorzugeben. Das beunruhigt mich, auch wenn ich nicht glaube, dass die Mehrheit der Amerikaner sich letztlich für Trump entscheiden wird. Denn er fördert etwas Verstörendes über den Zustand der nationalen Psyche zutage.

profil: Sie waren bei ihm zu Hause und lernten seine Familie und sein Umfeld kennen. Was war für Sie die erstaunlichste Erfahrung dabei?
D'Antonio: Seine komplette Sorglosigkeit, wenn es um Fakten geht. Trump hat keinerlei Interesse daran, sich näher mit einzelnen Themen zu befassen oder Dinge wirklich zu verstehen - er beklagt sich in erster Linie. Bei unseren Treffen betonte er ständig, wie sehr er Barack Obama als Präsidenten für einen Versager hält. Dabei bezog er sich aber nie auf Fakten. Er zieht keine Arbeitslosenzahlen oder Wirtschaftsdaten heran und beschwert sich auch nicht darüber, dass ein Teil der Amerikaner keinen Zugang zum Gesundheitssystem hat. Das alles könnte er anführen, nur interessiert ihn das eben nicht. Er mag Obama einfach nicht, die Kritik an ihm ist also eher eine persönliche.

profil: Über welche Medien informiert sich Trump?
D'Antonio: Trump liest keine Bücher, Analysen oder Hintergrundberichte. Alles, was er weiß, hat er aus dem Fernsehen, ein wenig aus den Zeitungen. Er startet jeden Tag damit, dass er einen Haufen Zeitungsberichte durchgeht, in denen sein Name vorkommt.

profil: Trump liest nur Artikel, in denen es um Trump geht?
D'Antonio: Das ist seine Hauptsorge. Er ist überzeugt davon, dass er so beschäftigt und so wichtig ist und so viel weiß, weil er Donald Trump ist und keinen Input von politischen Beobachtern, Historikern oder Intellektuellen braucht. Ich bin mir nicht sicher, ob Trump überhaupt ein Buch gelesen hat, seit er in den 1960er-Jahren die Universität verlassen hat. Ich glaube, dass er weder die Geduld noch die intellektuelle Neugier dafür aufbringt . Es gibt viele Millionen Wähler, die sich anti-intellektuell einstufen und nicht auf Experten hören wollen. Sie wollen jemanden, der aus dem Bauch heraus spricht, eine klare Linie vorgibt und das dann beinhart durchzieht. Sie wollen keine Vorfelddiskussionen, kein vorsichtiges Abwägen, sie wollen Action.

profil: Trump ignoriert Fragen nach seinen Konzepten und Ideen für das Land und kontert meist mit seinem Leitspruch, er wolle "Amerika wieder großartig machen". Was meint er damit?
D'Antonio: Es gibt eine Reihe von autoritären Führern, die eine Vision für ihr Land haben. Trump will einfach nur herrschen. Dahinter steckt keine Vision. Damit lassen sich allerdings alle Probleme, die unser Land hat, schnell auf andere abwälzen - auf Muslime oder Mexikaner. Er hat ein Talent für Auftritte vor dem Publikum und weiß, wie er den Bauch des Landes trifft. Er hat ein gutes Gespür dafür, was Menschen langweilt. Wann immer das Interesse nachlässt, schießt er einen scharfen Sager nach, um sich die Aufmerksamkeit des Publikums wieder zurückzuholen. Das ist eine bizarre Form des Wahlkampfes. Wäre alles Fiktion, was im Moment in der amerikanischen Politik vor sich geht, würde man sie für unglaubwürdig halten.

profil: Wie viel von dem, was man von Trump sieht, ist echt und wie viel davon Show?
D'Antonio: Es ist alles echt - so echt wie die Welt im Internet. Trump hatte immer schon einen untrüglichen Instinkt dafür, die Medien für seine Zwecke zu nützen: zuerst das Fernsehen und die Zeitungen, dann die Boulevardblätter. Und schließlich kamen die Reality-Shows: Das war pure kapitalistische Pornografie, aber Trump hat verstanden, dass nicht alle Menschen diese Form von Unterhaltung als grotesk empfinden, sondern dass viele solche Programme gerne anschauen.


Trump ist ein Geschöpf der Mediengesellschaft, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist.

profil: Aber auch im echten Leben hat Trump damit viel Geld gemacht.
D'Antonio: Sein ganzes Erwachsenenleben hinweg hat Trump die Medien dafür genutzt, ein Image aufzubauen, das ihm eine Menge Aufmerksamkeit, aber auch viel Geld gebracht hat. In den 1970er-Jahren inszenierte er sich in den New Yorker Medien als großer Player in der Immobilienbranche. Er wurde im Fernsehen interviewt und als junger Immobilienmogul vorgestellt, ohne irgendetwas aufgebaut zu haben. Er manipulierte die Medien damals schon, indem er einfach in eleganten Anzügen und teuren Autos auftrat. Trump ist ein Geschöpf der Mediengesellschaft, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist.

profil: Wie viel von Trumps Erfolg als Unternehmer geht auf sein Marketingtalent und wie viel auf seinen Geschäftssinn zurück?
D'Antonio: Sie können das nicht voneinander trennen. Trump hat kein Interesse daran, Gebäude zu designen, sich Gedanken darüber zu machen, wie Menschen leben wollen. Darüber sollen andere nachdenken. Er will den Namen Trump als Symbol für Erfolg etablieren. Er ist damit reich geworden, sein Ego zu vermarkten. Sales und Marketing sind ein ungemein wichtiger Wirtschaftszweig in den USA geworden: Wir produzieren weniger, als wir verkaufen.

profil: Inzwischen fragen sich politische Beobachter nicht nur, wie gefährlich Trump ist. Darf ich Ihnen die plumpe Frage stellen, ob Sie Trump für verrückt halten?
D'Antonio: Sein Verhalten kann man in psychologischen Werken nachschlagen. Es ist dysfunktional und wirkt verstörend auf andere Menschen. Wenn Psychologen narzisstische Menschen skizzieren, ziehen sie Donald Trump als Beispiel heran. Er weist keine Empathie auf, keinerlei Gespür für die Wirkung seiner Taten und Worte auf andere Menschen. Ich werde oft gefragt, ob ich Trump für einen Rassisten halte. Ich kann nur sagen, dass er zumindest Dinge sagt, die in meinen Ohren rassistisch klingen. Vielleicht hat er schlichtweg keine Ahnung von der Lebensrealität ethnischer Gruppen in den USA. Ich kann nicht sagen, ob er Schwarze oder Latinos tatsächlich hasst. Ich glaube eher, dass er das Konzept von ethnischen Gruppen oder Religion nicht versteht.

profil: Früher stand er Abtreibungen oder strengeren Waffengesetzen positiv gegenüber. Warum hat er diese Positionen nahezu gänzlich revidiert?
D'Antonio: Ich glaube, wenn Trump der Meinung wäre, dass er, um von den Menschen gewählt zu werden, eben für Transgender-Rechte oder eine Politik der offenen Grenzen eintreten müsste, dann würde er für Transgender-Rechte oder eine Politik der offenen Grenzen eintreten. Trump macht mit den Themen und Haltungen Wahlkampf, die bei den Menschen ziehen.

profil: Sie haben Trumps Leben studiert. Woher kommen sein Bedürfnis zu beeindrucken und dieses scheinbar unerschütterliche Selbstbewusstsein?
D'Antonio: Ich denke, das hängt damit zusammen, dass er als Kind vernachlässigt wurde. Seine Mutter war sehr krank und sein Vater so gut wie nie da. Mit elf Jahren schickten ihn die Eltern auf eine militärisch geprägte Schule, in der Aggression und Dominanz die wichtigsten geforderten Eigenschaften waren und nur die Stärksten sich durchsetzten. Trump sagt bis heute, dass ihn diese Zeit stark geprägt hat. Man erkennt es allein schon an seiner Körperhaltung: gerader Rücken, Kinn hoch.

profil: Gibt es irgendetwas aus Trumps Leben, über das er noch stolpern könnte?
D'Antonio: Ich glaube nicht. Trump war drei Mal verheiratet, in den 1990er-Jahren in einen Sexskandal verwickelt. Es gab Vergewaltigungsvorwürfe von einer seiner Ex-Frauen, die sie allerdings wieder zurückgezogen hat. Er soll bei Geschäften Rechnungen nicht bezahlt haben. All das spielt aber keine Rolle. Er ist trotz allem der Vorzugskandidat vieler konservativer Christen.

profil: Hat er auch irgendwelche positiven Eigenschaften?
D'Antonio: Trump hat ein Talent, sich immer und überall Fluchtwege offen zu halten. Er ist pragmatisch. Und er ist nicht dumm. Erfolg ist ihm das Wichtigste, und daher ist er auch bereit, Prinzipien oder Ideen über Bord zu werfen, wenn das Erfolg verspricht. Würde also ein Präsident Trump herausfinden, dass er keinen Erfolg damit haben kann, die elf Millionen Menschen abzuschieben, die sich ohne Aufenthaltserlaubnis in den USA aufhalten, dann wird er eine Erklärung dafür finden, warum er sich doch dagegen entschieden hat. Wäre ein Präsident Trump gezwungen, mit ausländischen Regierungschefs zu sprechen, dann würde er das Rüpel-Image ablegen.


Trump hat weder ein aufrechtes Interesse daran, dem Land zu dienen, noch eine Vision von Amerika.

profil: Ein Präsident Trump wäre also weniger aggressiv, als es der Wahlkämpfer Trump ist?
D'Antonio: Definitiv.

profil: China attackiert Trump immer wieder, für Wladimir Putin hegt er hingegen große Begeisterung. Worauf müsste sich die Welt einstellen, wäre Trump Präsident von Amerika?
D'Antonio: Auf ein sehr maskulines, testosterongesteuertes Amerika. Die USA sind ja nicht nur der Weltpolizist, sondern auch ein wichtiger Mediator in der Welt. Ich glaube nicht, dass Trump in der Lage wäre, für Frieden zu sorgen oder Konflikte zu lösen.

profil: Gibt es einen Bereich, in dem er einen guten Präsident abgeben würde?
D'Antonio: Tatsächlich hat man bisher kaum etwas über Inhalte erfahren. Ich glaube nicht, dass es Bereiche gibt, in denen es große positive Entwicklungen geben könnte. Außerdem würden ihm die Justiz und der Kongress viele Steine in den Weg legen, weil er kaum Verbündete hat, selbst in der republikanischen Partei nicht. Das wäre ein ernsthaftes Problem. Ich kann mir nicht vorstellen, wen er in sein Kabinett holen könnte.

profil: Rächt es sich inzwischen, dass man sich lange nur über Trump lustig machte, anstatt darüber nachzudenken, wie er aufzuhalten wäre?
D'Antonio: Absolut. Die amerikanischen Medien haben ihm in die Hände gespielt, da sie hauptsächlich mit Berichten über seine absurden Äußerungen beschäftigt sind. Trump hat weder ein aufrechtes Interesse daran, dem Land zu dienen, noch eine Vision von Amerika. Und niemand macht ihm deshalb Druck, niemand stellt ihm Fragen dazu.

Michael D'Antonio, 60,
lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in New York. Früher arbeitete er als Journalist, unter anderem für das "New York Times Magazine","Esquire" und das "Los Angeles Times Magazine". D'Antonio erhielt zahlreiche Preise für seine Werke, darunter 1984 den Pulitzer Preis. Er hat über ein Dutzend Bücher verfasst, 2015 erschien seine Biografie über Donald Trump mit dem Titel "Never Enough".