Marc Janko: Der Fußball-Nationalheld, den die Nation nicht liebt

Marc Janko: Der Fußball-Nationalheld, den die Nation nicht liebt

Marc Janko, Österreichs erfolgreichster Stürmer, war bei Experten, Fans und Trainern lange verpönt – bis Teamchef Marcel Koller seine Karriere rettete. Porträt eines späten Nationalhelden.

Es ist nicht lange her, da lag Marc Jankos Karriere in Trümmern. Bei seinem türkischen Klub Trabzonspor durfte er nicht mehr mitspielen. Noch schlimmer: Er durfte nicht mehr mitessen. Janko saß vor vollem Teller, als der Kapitän der Türken neben ihm murmelte: „Der Trainer möchte dich nicht mehr hier haben.“ Erst dachte Janko an einen Scherz. Als niemand lachte, stand er auf und ging. „Du bist schuld“, hatte ihm sein Coach kurz davor zugefaucht und auf eine Niederlage gegen Fenerbahce Istanbul angespielt. „Ein Kaliber wie du muss solche Spiele alleine gewinnen.“ Danach durfte er nur noch alleine trainieren. Heute, zweieinhalb Jahre später, sagt Janko: „Ich dachte damals: Das war es jetzt mit meiner Karriere. Wer nimmt denn noch einen Spieler, der ein halbes Jahr nur einzeln trainiert?“

Ein Jahr vor seinem Wechsel in die Türkei hatte der große FC Porto dem Österreicher noch eine fixe Ablöse in den Vertrag geschrieben. Wer ihn kaufen wollte, musste 20 Millionen Euro auf den Tisch legen. Marc Janko ist Österreichs international renommiertester Stürmer und stellte jahrelang einen Rekord nach dem anderen auf. In der heimischen Bundesliga schoss er 39 Tore in einer Saison und wurde zum weltbesten Torjäger gewählt. Bei seinem Wechsel in die Niederlande 2010 war er der teuerste Transfer der österreichischen Fußballgeschichte. Janko wurde zur personifizierten Torgarantie. Wer Janko kaufte, erhielt Tore.


Wenn Janko spielte, traf er wie am Fließband. Und trotzdem wurde er von Experten, Fans und Trainern lange verschmäht.

Und trotzdem war sein Karriereweg nie barrierefrei ausgebaut. Er glich eher einer holprigen Buckelpiste denn einem breitem Boulevard. Wenn Janko spielte, traf er wie am Fließband. Und trotzdem wurde er von Experten, Fans und Trainern lange verschmäht. Aktuell ist Marc Jankos Karriere wieder im Höhenflug. Mit sieben Treffern in der Qualifikationsrunde schoss er das österreichische Nationalteam zur Europameisterschaft. Und in der Schweizer Liga hat in dieser Saison kein Stürmer mehr Tore erzielt als der schlaksige Sturmtank für den FC Basel. Trotzdem kämpft der erfolgreichste aktive Stürmer des Landes bis heute um Anerkennung.

Janko ist so etwas wie ein Toni Polster der Neuzeit: ein Vollstrecker vor dem Tor, häufig kritisiert und im Herbst seiner Karriere plötzlich Nationalheld. Er sitzt in TV-Shows, lacht von Titelblättern und wird mit Lob überschüttet. An einem nasskalten Winternachmittag sitzt Janko, 32, in einem Wiener Kaffeehaus. Er wirkt zufrieden, aber nicht euphorisch. In seiner Karriere musste er sich oft zurückboxen, dem vermeintlichen Happy End traut er noch nicht ganz. Marc Janko, 1,96 Meter groß, ist kaum zu übersehen, als er das Café Museum in der Wiener Innenstadt betritt. Seit seinen wichtigen Toren für die Nationalmannschaft sprechen ihn die Leute ständig an. In der U-Bahn, auf der Straße, im Kaffeehaus. „Würden Sie unserem Haus eine Widmung hier reinschreiben?“, fragt der Ober fast ehrfurchtsvoll, während er ihm das Gästebuch reicht. Ob ihm die aktuelle Aufmerksamkeit zu viel werde? „Nein“, winkt Janko ab. Viel eher scheint sie ihm zu gefallen.

Janko erzählt, dass er stolz sei. Er hat Titel in Österreich, Portugal, Holland und Australien gewonnen. Mit dem Nationalteam fährt er zur Europameisterschaft. Wirklich erwähnenswert jedoch findet er eine andere Leistung. „Ich wurde sehr oft abgeschrieben“, sagt er, um kurz abzusetzen. „Aber ich bin immer noch da – das macht mich stolz.“


Rückschläge dürften auf Janko eine ähnliche Wirkung haben wie Zaubertrank auf Gallier.

Wer Jankos Stolz verstehen will, muss seine Karriere durchleuchten, die mit 16 fast vorbei gewesen wäre. Janko wuchs innerhalb eines Jahres um 14 Zentimeter. Während er davor seine Gegenspieler einfach überrannte, torkelte er ihnen jetzt wie auf Stelzen entgegen. Bis 21 wohnte er bei den Eltern. Mit dem Fahrrad fuhr er von seinem Heimatort Mödling in die Südstadt zum Training. „Willst du nicht doch was studieren?“, fragten seine Eltern. Janko inskribierte Jus, wurde aber kurz darauf in der Kampfmannschaft von Admira Wacker Mödling eingesetzt und begann Tore zu schießen. Janko wechselte zur Millionentruppe des FC Red Bull Salzburg und tauschte seinen Mazda gegen einen Audi – samt gut dotiertem Profi-Vertrag. Janko fiel auf: groß, schnell, trickreich, abschlussstark. In Österreich damals ein Unikat. Auch in Salzburg traf er regelmäßig, bis ihn eine schwere Verletzung stoppte. „Wir wissen erst in ein paar Monaten, ob du überhaupt wieder schmerzfrei gehen kannst“, orakelte der Arzt am Krankenbett. Janko kämpfte sich zurück.

Obwohl längst wieder fit, nominierte ihn Teamchef Josef Hickersberger nicht für die Heim-Europameisterschaft. Als die Österreicher im Turnier eine Flanke nach der anderen in den Strafraum droschen, dort aber partout keinen Abnehmer fanden, fragte eine Journalistin, ob man Janko nicht vielleicht doch hätte brauchen können. „Ja“, antwortete Hickersberger „aber es ist zu spät.“ In der folgenden Saison traf Janko in Salzburg 39 Mal.

Aus einem Holz geschnitzt: Teamchef Marcel Koller schätzt Jankos Kämpfernatur

Aus einem Holz geschnitzt: Teamchef Marcel Koller schätzt Jankos Kämpfernatur

Eine typische Janko-Reaktion. Rückschläge dürften auf ihn eine ähnliche Wirkung haben wie Zaubertrank auf Gallier. Janko kommt noch stärker zurück. Vielleicht liegt die Konsequenz, mit der er Widerständen entgegentritt, in seiner Familie begründet. Beide Eltern waren Leistungssportler. Mutter Eva Janko gewann bei den Olympischen Spielen 1968 eine Bronzemedaille im Speerwurf, Vater Herbert Janko war mehrfacher Hochsprung-Staatsmeister. „Mein Elternhaus hat mir mitgegeben, dass Verzicht und Disziplin zum Leistungssport dazugehören.“ Über Disziplin spricht Janko sehr nüchtern. Wie sein eigener Lehrmeister erklärt er, „dass man früh entscheiden muss, was man will und was man dafür opfern möchte“. Fast streng wird er, wenn er betont, sich nicht das Beste aus beiden Welten herauspicken zu können. Er blieb zu Hause, wenn andere es krachen ließen. „Habe ich es mir halt daheim gemütlich gemacht“, sagt Janko und macht ein ernstes Gesicht. Janko schien nie den Verlockungen von Geld, Ruhm, Frauen zu erliegen. Er ist kein protziger Partyfußballer, mehr ein Musterprofi. Während Arnautovic und Alaba beim Aufwärmen blödeln, sucht Janko das ernste Gespräch.


Im internationalen Fußball sozialisiert und mit wissenschaftlichen Trainingsmethoden aufgezogen, gibt Janko den mündigen Kicker.

Umso überraschender, dass er mit vielen seiner Trainer Probleme hatte. Mit Huub Stevens, einem knorrigen Niederländer, wollte er bei Red Bull Salzburg am Ende nicht mehr zusammenarbeiten. Der aufbrausende Coach stellte Janko nach Niederlagen an den Pranger. Als Jankos bester Freund bei einem Autounfall ums Leben kam, ließ der Trainer ihn nicht zum Begräbnis fahren. Janko fuhr trotzdem und wechselte ein Jahr darauf zum holländischen Spitzenklub Twente Enschede. Während er dort ein Tor nach dem anderen erzielte, lief es im Nationalteam nicht rund. Mit Didi Constantini, dem urigen Tiroler, kam er auf keinen grünen Zweig. Constantini war kein Freund von Taktiktraining, Janko aber aus den Niederlanden präzise Matchvorbereitungen gewohnt. Mehrmals forderte er den Tiroler auf, mehr Taktikeinheiten einzubauen. Constantini reagierte forsch ablehnend und verwies auf Kämpfen. Immer öfter saß Janko auf der Ersatzbank.

Janko ist Teil einer neuen Kicker-Generation. Im internationalen Fußball sozialisiert und mit wissenschaftlichen Trainingsmethoden aufgezogen, gibt Janko den mündigen Kicker, der sich seine Meinung selbst bildet und zum Widerspruch neigt. Als ihn Robert Palfrader zum ORF-Quotengaranten „Wir sind Kaiser“ einlud, sagte Janko ab. Palfrader finde er gut, die Show aber nicht lustig.

Janko trägt zum Interviewtermin ein dunkelblaues Shirt, eine graue Weste und Hornbrille. Er sieht darin mehr wie ein Schriftsteller als ein Fußballer aus. Janko spricht geschliffenes Deutsch. Er sagt „affin“, „amikal“ und „rudimentär“. Wäre er Schauspieler, er würde einen britischen Adeligen ganz gut hinbekommen. Janko ist mehr Opernball als Würstelstand. Mehr Richard Gere als Charlie Sheen. Mehr Esterházytorte als Faschingskrapfen. Janko bedient das Image des intellektuellen Fußballers nicht ungern. Sein Musikgeschmack: Klassik. Bevorzugtes TV-Programm: Sendungen mit Niveau. Man kann mit Janko über Gott und die Welt plaudern. Flüchtlingskrise? „Ich warne davor, dass man den Islam generell verdammt.“ Rauchergesetz? „Es ist nicht okay, wenn Nichtraucher den Rauch einatmen müssen.“ Gott? „Ich glaube an einen höheren Sinn.“


Während Arnautovic oder Alaba als Burschen von der Straße bejubelt werden, wurde Janko oft kritisch beäugt.

Oft wurde ihm Arroganz unterstellt. Seine Größe, seine Art zu sprechen, sein Blick, der zwangsläufig von oben herab kommt. Das alles hat sein Bild in der Öffentlichkeit geprägt. Janko taugt nicht zur Identifikationsfigur für die breite Masse. Während Arnautovic oder Alaba als Burschen von der Straße bejubelt werden, wurde Janko oft kritisch beäugt. Wenn er mit Nackenproblemen beim Nationalteam pausierte, nannten sie ihn in Internetforen Mimose. Konterte Janko seinen Kritikern dann in geschliffenem Hochdeutsch, wurden die Kommentare im Netz nur noch wütender.

Als Janko in der Türkei nicht mehr spielte, meckerten Fußball-Legenden wie Herbert Prohaska: „Er hat sich nirgends durchgesetzt. Wir bräuchten einen Krankl oder Polster.“ Janko ärgerte das. Seine Bilanz sprach auch damals für ihn. In Österreich zerschoss er die Tornetze, in Holland traf er in jedem zweiten Spiel. Auch beim FC Porto traf er in seinen ersten zehn Spielen fünf Mal, ehe er plötzlich auf die Bank verbannt wurde, sich verletzte und der Verein kurzerhand einen neuen Stürmer holte. Später netzte er in Sydney und in der Schweiz in Serie. Nur sein Wechsel in die Türkei stand unter keinem guten Stern. „Dort wusste man nichts über mich. Der Trainer fragte: Wer bist du? Welche Position spielst du?“

Teamchef Marcel Koller fragte Janko so etwas nie. Koller und Janko sind aus demselben Holz geschnitzt. Der Schweizer hatte als Spieler acht schwere Verletzungen. Wie Janko kann er kämpfen. Beide sind nachdenklich, diszipliniert, erfolgsorientiert. Koller brachte Taktikeinheiten ins Training. Janko ist ihm bis heute dankbar dafür. „Ich kann wahnsinnig gut mit ihm“, sagt er. Als er Koller aus der Türkei anrief und ihm von seiner Ausbootung berichtete, rechnete er mit keiner Teameinberufung mehr. Aber Koller
antwortete: „Mach das Beste daraus. Ich brauche dich.“ Er schickte ihm Trainingspläne und aufmunternde Worte. „Er ist unser Stürmer mit internationaler Erfahrung und hat überall bewiesen, dass er Tore schießen kann.“


Zu den Größen von einst hat Janko kein Naheverhältnis aufgebaut.

Janko beschreibt sich als sensibel. In den Zeitungen stand vor jedem Länderspiel: Warum wird Janko einberufen und nicht ein anderer? In Internetforen potenzierte sich der Spott über ihn. Während der Teamchef Janko Spiel für Spiel in die Startelf stellte, zahlte dieser es ihm mit Toren zurück. Janko traf so regelmäßig wie nie davor im Nationalteam. Er wechselte von der Türkei nach Sydney. Das war kein Transferkracher, brachte ihm aber Spielpraxis. Janko schoss sich auch dort in die Rekordbücher, wurde Schützenkönig und zum Spieler des Jahres geadelt. Eine Vertragsverlängerung bekam er nicht.

Beim vorentscheidenden EM-Qualifikationsspiel in Russland war Janko vereinslos, als er per Fallrückzieher Österreich quasi zur EM ballerte. Janko hat sich damit nicht nur zurückgekämpft, sondern sein eigenes Denkmal geschossen. Das Konterfei seines Treffers ziert mittlerweile Fanshirts. Bei seinem aktuellen Verein, dem FC Basel, nennen sie ihn Strafraumkobra. Im Nationalteam hält er nach 50 Länderspielen bei 25 Toren – vier Treffer trennen ihn von Platz drei der ewigen Bestenliste österreichischer Torjäger. Wenn er so dasitzt im noblen Wiener Café, dann erzählt er die Geschichte fast wie ein Märchen. Wie viel Druck er verspürte, als er ohne Lobby auflief. „Hätte ich nicht getroffen, wäre nicht nur ich, sondern auch der Teamchef unglaublich in der Kritik gestanden.“

Russland - Österreich (Tor Janko, 0:1)

Heute loben, von Herbert Prohaska abwärts, die meisten heimischen Kicker-Legenden Kollers Mut, auf Janko gesetzt zu haben. Zu den Größen von einst hat Janko aber kein Naheverhältnis aufgebaut. „Man sagt brav und artig ,Servus!‘. Aber wir führen keine längeren Gespräche.“ Für Janko ist eine gewisse Distanz wichtig. In einem Land der Freunderlwirtschaft und Kumpelei beinahe eine frevelnde Haltung. Im Dezember wählten die Trainer der österreichischen Bundesliga den Fußballer des Jahres. Jeder nannte drei Spieler. Am Ende landeten die Publikumslieblinge Alaba, Dragovic, Junuzovic und Arnautovic auf den ersten Plätzen. Janko, der
Österreich mit sieben Treffern nach Frankreich geschossen hatte, wurde kein einziges Mal genannt. Als Toni Polster vor 18 Jahren Österreich mit sieben Toren zur WM schoss, reichte das zum Fußballer und Sportler des Jahres. Bei der Publikumswahl der „Kronen Zeitung“ vor wenigen Tagen erhielt Sieger David Alaba 431.000 Stimmen, Janko 16.400.

Jetzt will Janko auch bei der Europameisterschaft wichtige Tore erzielen. Damit würde er zur Legende aufsteigen, wohl aber nicht zum Bussi-Bär der Nation. Janko könnte in Frankreich österreichische Geschichte schreiben. Fußballgeschichte. Keine Liebesgeschichte.

Marc Janko, 32. Der gebürtige Wiener und Sohn zweier Hochleistungssportler wurde mit 21 Jahren Fußballprofi bei Admira Wacker Mödling. Er spielte für Red Bull Salzburg, Twente Enschede, den FC Porto, Trabzonspor, Sydney und den FC Basel.
Janko ist Österreichs erfolgreichster Torjäger. Er absolvierte bislang 50 Länderspiele und erzielte dabei 25 Tore – 16 unter Teamchef Marcel Koller.