Horrorkloster Kremsmünster

Das Benediktinerstift Kremsmünster war für Hunderte Klosterschüler bis in die neunziger Jahre die Hölle. An der Tagesordnung: systematische Gewaltexzesse, sexueller Missbrauch, emotionale Zermürbung. Ein pädophiler, schwer bewaffneter Mönch stand als Konviktsdirektor an der Spitze eines ­sadistischen Regimes. Ihm droht nun die Anklage. profil liegt der Gerichtsakt vor.

Unmittelbar hinter dem Rathausplatz im oberösterreichischen Kremsmünster erhebt sich der Berg mit der überdimensionalen Kulisse des Stifts. „Das Kloster sitzt wie ein Krake auf dem Ort“, sagt Jürgen Öllinger, 46, der in Kremsmünster geboren und im Stift über Jahre sexuell missbraucht und körperlich misshandelt worden sein soll. Heute ist Öllinger evangelischer Pfarrer in Villach. Seinerzeit habe der ganze Ort weggeschaut, weil man nichts Genaues wissen wollte, heute wolle man nicht mehr hinschauen. „Eh vorbei. Net scho wieder stierln“, sagten die Leute.

Die geistliche und wirtschaftliche Macht des Klosters hatte über lange Zeit alles erdrückt, selbst allgemeine Bürgerrechte außerhalb des Klosters schienen außer Kraft, wenn es um die honorigen Herren der „Elite-Anstalt“ ging: Wenn ein zwölfjähriger Zögling nach einem Fausthieb mit dem Kopf gegen einen Heizkörper schlug und eine Platzwunde erlitt, wenn bei den fast täglichen Gewaltexzessen Trommelfelle platzten, wurden sie zwar vom „Hausarzt“ oder im Krankenhaus behandelt, doch vom Wahrnehmen der Anzeigepflicht war nicht die Rede. Wenn die Mutter eines Zöglings wegen Körperverletzung Anzeige bei der Gendarmerie erstatten wollte, wurde sie nicht angenommen. Noch im Jahr 2010 hat das Landesgericht Steyr einen Antrag der Staatsanwaltschaft abgelehnt, Beweisführungen gegen drei mutmaßliche Gewalttäter aus dem Konvikt und dem Gymnasium des Stifts durchzuführen. Die Vorgänge im Stift und die beschuldigten Geistlichen seien nicht Gegenstand öffentlichen Interesses, so der eigentümliche Begründungsversuch des Gerichts in Steyr. In der Beschwerde der Staatsanwaltschaft gegen diesen Beschluss wird klargestellt, dass „die Aufarbeitung dieses bislang tabuisierten Problems von großem gesellschaftlichem und daher öffentlichem Interesse“ sei.

Jetzt wird aufgearbeitet. „Das System ist durchbrochen“, sagt Öllinger, „ein System sadistischer Gewalt, das uns als Kleinkinder zu Hunderten kaputtgemacht hat. 50 Opfer reden heute, aber ich kenne viele, die unbeschreiblich leiden und kein Wort sagen.“ Die Dunkelziffer betrage wohl ein Vielfaches.

Bislang wurden Täter von der durch Trauma verursachten Sprachlosigkeit ihrer Opfer beschützt. Kein einziger der zahllosen Fälle kirchlicher Gewalt, die seit Ausbruch der internationalen Missbrauchsdiskussion bekannt geworden sind, wurde bisher gerichtlich in Österreich angeklagt. Nun könnte es erstmals so weit sein: Eineinhalb Jahre lang hat die oberösterreichische Kriminalabteilung im Auftrag der Staatsanwaltschaft Steyr ermittelt, rund 40 mutmaßliche Opfer einvernommen und teils schockierende Protokolle angelegt, deren Glaubwürdigkeit nicht einmal von gegnerischen Anwälten angezweifelt wird. Gegen zwölf mutmaßliche Gewalttäter aus dem Stift Kremsmünster wurde ermittelt. Elf Verfahren mussten – nicht wegen fehlender Stichhaltigkeit, sondern wegen Verjährung – eingestellt werden. Einer blieb übrig und, wie aus Ermittlerkreisen zu vernehmen ist, „will die Staatsanwaltschaft diesen Herrn“: Pater Alfons ­August Mandorfer, 78, von 1970 bis 1996 Konviktsdirektor (Internatsleiter) und Präfekt (Erzieher) sowie Musiklehrer. Ein schwer bewaffneter Mönch, der in seinem Zimmer über viele Jahre eine Pistole der Marke Glock sowie eine Pumpgun von Winchester illegal aufbewahrte und damit auch Kinder bedroht haben soll. Erst im Vorjahr wurde die Pumpgun beschlagnahmt, nachdem der jetzige Abt Ambros Ebhart die Polizei gerufen hatte. Mandorfer hat sein „erzieherisches“ Wirken bis weit in die neunziger Jahre aufrechterhalten. Jetzt wartet die Staatsanwaltschaft nur noch auf psychologische Gutachten, die klären sollen, ob die mutmaßlichen Opfer Schäden mit Langzeitwirkungen erlitten haben, wovon Betroffene und Beteiligte überzeugt sind.

Liegen Langzeitwirkungen vor, erhöht sich die Strafdrohung, was die Verjährungsfrist verlängert. So werden auch weiter zurückliegende Delikte anklagbar. Bei Sexualdelikten gegen Minderjährige beginnt die Verjährungsfrist mit dem 28. Lebensjahr des Opfers zu laufen.

profil liegt der Gerichtsakt vor. Das Studium der rund 1200 Seiten erweckt den Eindruck, dass es sich in Kremsmünster nicht um gelegentliche Fehltritte einzelner überforderter Erzieher und Lehrer handelte, sondern um ein besinnungsloses Gewaltregime, das sich ohne Gegenwind aus der Abtei verselbstständigt hat. Opfer, die die Ereignisse ihrer Kindheit heute ohne Rachegelüste und auf hohem Niveau reflektieren, sprechen von einem „Nachkriegs-KZ“ und von einem „Vernichtungslager für Kinderseelen“. Die Gewaltrituale aus nichtigen oder gar keinen Gründen erinnern teilweise an Hinrichtungen: Zehn-, zwölfjährige Kinder mussten sich hinknien oder gar die „Bet-Stellung“ einnehmen, bevor sie misshandelt wurden. Und das unter dem Gejohle der Klassenkameraden, denen von Erziehern befohlen wurde, ebenfalls auf die „Delinquenten“ einzudreschen. Eines dieser Opfer erzählte bei seiner polizeilichen Einvernahme, vom Konviktsdirektor abends in dessen Zimmer masturbiert zu werden sei eine Erleichterung gewesen, verglichen mit den systematischen Demütigungen und der erbarmungslosen körperlichen Gewalt, die tagsüber allgegenwärtig gewesen sei. Gab es einen „Grund“ wie einen falsch gesungenen Ton im Chor, sei die Hölle los gewesen. Aber oft blitzte es auch aus heiterem Himmel. Eines der Opfer zu profil: „Pater O.*, ein Alkoholiker, der beim Beten immer lallte, litt an urplötzlichen Aggressionsattacken. Wenn er schlecht drauf war und seine zitternde Hand seitlich weghing, wussten alle, was bevorstand. Vollkommen grundlos stürzte er sich mit Vorliebe auf dickere Kinder und schlug zu, als wollte er sie umbringen.“ Schüler legten „Watschen-Rekordlisten“ an. Kinder wurden als Bestrafung für „vogelfrei“ erklärt und durften von allen anderen misshandelt werden, wobei den Opfern verboten war, sich zu wehren. Taten sie es doch, schritten Erzieher schlagkräftig ein. Andere mussten vor den „gierig heraustretenden Augen“ des Paters K.* nackt Turnübungen vorführen, sich die „blockadelockernden Energieübungen“ des Pädophilen gefallen lassen, wenn er den Schülern die Genitalien streichelte, um „den Bauch zu lockern“. Sie mussten ihm erklären, ob es sie sexuell errege, wenn sie misshandelt würden. Auch über andere „Mitbrüder“ gibt es derartige Erzählungen.

Das Internat bestand aus sieben Abteilungen mit zumindest 200 Zöglingen. Jeder Abteilung stand ein Präfekt als Erzieher vor. Der oberste Chef war Mandorfer. Er galt im Stift als unantastbar. Niemand habe sich je eingemischt. Chefermittler Wolfgang Dirisamer schreibt in einem seiner Berichte, es sei „schwer vorzustellen“, dass andere Stiftsverantwortliche nichts von den Vorgängen gewusst hätten. Bei den Opfern handle es sich vornehmlich um Kinder aus Problemfamilien mit wenig Rückhalt aus dem Elternhaus. profil-Recherchen ergeben, dass es vornehmlich Kinder aus intakten oder angesehenen Familien sind, die sich an keine Übergriffe erinnern.

Die Staatsanwaltschaft verdächtigt den Mönch Alfons Mandorfer, eine ganze Reihe von Delikten begangen zu haben: Schwere Nötigung. Quälen oder Vernachlässigen unmündiger, jüngerer oder wehrloser Personen. Vergehen nach dem Waffengesetz. Körperverletzung. Körperverletzung mit schweren Dauerfolgen. Sexueller Missbrauch von Jugendlichen. Sexueller Missbrauch von Unmündigen. Schwerer sexueller Missbrauch von Unmündigen. Vergewaltigung. Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses. Gefährliche Drohung. Nötigung.

Mandorfer hat ein Gespräch mit profil abgelehnt. Auch vor der Justiz macht er auf Anraten seines Anwalts keine Aussagen. Dem Gerichtsakt liegt freilich eine Beschuldigtenvernehmung Mandorfers bei, die bereits im Jahr 2008 durchgeführt worden war. Damals ging es um einen einzelnen, vergleichsweise harmlosen Fall. Mandorfer erklärt darin, er habe Penisse pubertierender Zöglinge betastet, um ihr Wachstum zu kontrollieren. Ein Arzt hätte das nahegelegt. Über seine sexuelle Orientierung sagt Mandorfer: „Ich würde es als homoerotische Neigung beschreiben. Homosexualität würde ich es aber nicht nennen. Ich würde auch eine pädophile Neigung hier anführen.“

2010, als sich im Zuge der öffentlichen Missbrauchsdiskussion eine Reihe von Kremsmünster-Opfern über einen dafür eingerichteten Blog im Internet gefunden hatte und ihre massiven Vorwürfe gegen das „Kremsmonster“ bekannt wurden, wurde Mandorfer vom Abt „gebeten“, eine Stellungnahme abzugeben. Mandorfer schrieb bedeutungsschwanger: „Ein Sadist wollte ich nie sein! Wenn ich den entsprechenden Eindruck erweckt habe, tut mir das leid! Ich war leider oft gedankenlos, oft launenhaft und allzu oft unbeherrscht. Dafür möchte ich mich entschuldigen! Meine Schüler habe ich ausnahmslos gerngehabt. Mag sein, dass ich meine Gefühle oft zu wenig, manchmal auch gar nicht, bei anderen Gelegenheiten dann wieder zu deutlich und auf unzulässige Weise gezeigt habe. Wenn ich jemand durch mein Verhalten traumatisiert und seelisch verletzt habe, bedaure ich das zutiefst und bitte von Herzen um Entschuldigung. Mehr kann ich im Nachhinein leider nicht tun.“

Was Mandorfer hier andeutet, führen 30 Opfer in ihren Zeugenaussagen detailliert aus. Nicht alle Aussagen betreffen ausschließlich Mandorfer, auch andere Geistliche werden erwähnt. Einige wenige Auszüge (alle Namen wurden von der Redaktion geändert):

Gustav A.: … drohte uns Pater Alfons damit, dass er seine Pumpgun holen werde, wenn zum Beispiel im Chor jemand falsch gesungen hat … Er sagte, eine Notschlachtung steht an. Er ging mit uns in sein Zimmer und zeigte uns die Waffe. Wir waren damals noch Kinder und von der Waffe sehr beeindruckt und neugierig. Ich fragte ihn, ob ich die Waffe einmal angreifen könne, und er hat sie mir in die Hand gedrückt. An diesem Abend wirkte er im Gegensatz zum Alltag eher nett. Ab diesem Zeitpunkt war uns klar, dass seine Drohungen kein Fake waren.“

Karl B.:
„Er misshandelte mich aus nichtigen Gründen, zum Beispiel, wenn ich zu schnell über den Gang gelaufen bin, wenn ich nach dem Tischgebet zu spät zum Essen kam, wenn sich einer seiner Lieblinge über mich beschwert hat. Er verabreichte mir Ohrfeigen, Fausthiebe gegen den Oberkörper und auch Tritte. Ich wurde von Pater Alfons derart geschlagen, dass ich dadurch zu Sturz kam. Als ich am Boden vor der Toilettentür lag, versetzte er mir noch mehrere Tritte. In einem anderen Fall versetzte er mir mehrere Ohrfeigen, sodass meine Lippe rechts unten aufplatzte. Noch heute platzt sie genau dort auf, wenn sie trocken ist. Die dabei zerstörte Brille ersetzte er mir aber.“

Karl W.: „Ich wurde von Pater N. brutal verprügelt. Durch einen dieser zahlreichen Faustschläge bin ich gegen den Heizkörper gefallen. Ich habe mir dadurch eine stark blutende Wunde am Kopf zugezogen … musste alleine zum Arzt in den Ort gehen. Die Wunde wurde mit acht Stichen genäht. Zu Pater Mandorfer und Pater K. kann ich nur angeben, dass diese beiden die Kinder täglich geschlagen haben. Auch gab es Folter durch Schlaf- und Essensentzug. Auch andere Kinder wurden meines Wissens schwerer verletzt.“

Franz D.: „Nach Ansicht meiner Mutter war ich ein Problemkind, ich bin nie mit der Scheidung meiner Eltern zurechtgekommen. Ich bin noch nicht so weit, alles in Worte fassen zu können, was Pater Alfons mir angetan hat. Er hat immer wieder körperliche und seelische Gewalt ausgeübt. Pater Alfons hat einzelne Schüler für vogelfrei erklärt oder damit gedroht. Darunter verstand man, dass andere Schüler berechtigt waren, sanktionsfrei diese Schüler zu misshandeln. Wenn Pater Alfons etwas nicht passte, tat er mit beiden Händen so, als würde er ein Gewehr halten, und machte eine Repetierbewegung. Damit kündigte er eine bevorstehende Sanktion an. Es war ein Martyrium. Ich war dem System als Zehnjähriger völlig ausgeliefert, konnte gleichzeitig nicht auf Hilfe meiner Eltern hoffen. Ich schäme mich, über diese Dinge zu sprechen.“

Herbert K.: „Ich kann bezeugen, dass in meiner Zeit mindestens 50, 60 Schüler von Pater Alfons misshandelt wurden. Er sagte oft: ‚Hey du Jude, ich hol meine Pumpgun und erschieß dich.‘ Ich glaube, er war ein alter Nazi. Das Geschirr, aus dem wir essen mussten, war aus der Nazi-Zeit und mit Hakenkreuzen verziert.“

Julian H.: „Ich habe eine schwere Kindheit gehabt und immer unter den Schlägen meines Vater gelitten. Konviktsdirektor Pater Alfons hat mich wiederholt aus nichtigem Anlass in sein Zimmer geschleift und dort mit einer Ochsenpeitsche und auch mit der flachen Hand heftig geschlagen. Er nützte meine familiäre Situation aus und sagte, wenn ich etwas erzählte, würde mir ohnehin niemand glauben.“

Eduard D.: „Ich war damals 15. Es war so, dass er mich entweder gleich im Stehen oder auf seinem Schoß sitzend entkleidete. Danach vollzog er an mir den Oralverkehr bis zum Orgasmus. Wobei ich in seinem Mund abspritzte und er das Ejakulat schluckte … Weiters erinnere ich mich, dass es häufig vorgekommen ist, dass er mir während des Oralverkehrs einen zehn bis 15 Zentimeter langen Gegenstand in den After einführte und immer hin- und herbewegte. Auch ich musste ihm in die Hose greifen und seinen erigierten Penis masturbieren, bis er zum Orgasmus kam … Durch diese Handlungen hatte ich eine Sonderstellung bei ihm, und es ging mir gut. Ich habe das damals nicht als Missbrauch empfunden. Sonst hätte ich das sadistische System, die grauenvolle Umgebung im Stift, die Gewalt durch Lehrer und ältere Klassenkollegen nicht bewältigen können. Ich hatte unzählige schlaflose Nächte und ununterbrochen Angst. Das waren keine Pädagogen, sondern Sadisten, die ein perfektes Umfeld gefunden haben, um sich auszuleben, da jeder einfach nur wegschaute. Dagegen war der Umgang mit Pater Alfons wie Balsam, da er der Einzige war, der mir nicht das Gefühl gab, ein vollkommener Versager und Idiot zu sein.“
Einem Zehnjährigen soll Mandorfer als Gegenleistung für Sexualdienste versprochen haben, ihn gegen ältere Zöglinge zu beschützen. 1995 schrieb ein Sexopfer einen Brief an Mandorfer, schilderte ihm sein verpfuschtes Leben und bat um Unterstützung bei der Finanzierung seiner Therapie. Mandorfer drohte im Antwortbrief mit seinem eigenen Selbstmord, sollte sein Opfer sich an die Öffentlichkeit wenden.

Andere Opfer berichten von mehreren Selbstmorden durch Schüler, die während oder im Anschluss an die „Kremsmünsterer Zeit“ begangen worden sein sollen. Schwere Vorwürfe richten sich auch gegen Pater Christian Haidinger, damals Religionslehrer und Präfekt in Kremsmünster, heute Abt des Stifts Altenburg und seit 2009 als „Abtpräses“ höchster Benediktiner Österreichs. 1988 hatte ein damals 17-jähriger Klosterschüler beschlossen, Selbstmord zu begehen. Mitschüler fanden leere Tablettenverpackungen in seinem Zimmer und schwärmten aus, um ihn zu suchen, fanden ihn aber nicht. Am Abend schleppte er sich mit aufgeschnittenen Pulsadern ins Internat, vor dessen Tür er liegen blieb. Mehrere Augenzeugen erzählen, dass Haidinger als Erster am Ort des Geschehens eintraf. Doch anstatt medizinisch Hilfe zu leisten, habe er „sich hingekniet und gebetet, um eine letzte Ölung zu erteilen“. Dann sei ein Arzt eingetroffen, und der Schüler sei gerettet worden. Seine Aussage liegt profil vor.

Christian Haidinger kann sich im profil-Gespräch nicht an diese Situation erinnern. Dennoch hält er die Schilderungen der damaligen Schüler gegenüber der Polizei und im Internet-Blog allesamt für glaubhaft: „Das werden keine Fantasien sein.“ Er sagt weiter: „Ich war kein guter Religionslehrer, wir haben die Zeichen, die es gegeben hat, nicht erkannt. Wir hatten für die Sexualität keine Sprache, waren selbst nicht aufgeklärt. Und pädagogisch unausgebildet.“

Niemand bezweifelt die Glaubwürdigkeit der Opferschilderungen. Seit ein Medienprofi die Beratung der Verantwortlichen im Stift übernommen hat, wird nichts mehr geleugnet. Bloß eines: dass man vom Internatshorror gewusst hat. Es habe Gerüchte gegeben, denen man nicht nachgegangen sei. Das sei der Fehler, den man begangen habe. Diese Rechtfertigung glauben weder Opfer noch Ermittler.

Florian Oppitz war bis Ende der achtziger Jahre „dort oben“. Er sagt: „Alfons war hauptverantwortlich, über ihm gab es nichts mehr. Er ist himmlisch über den anderen Präfekten gestanden. Die allgegenwärtige Gewalt war jedem bekannt. Jedem Einzelnen.“ Noch schlimmer als die Gewalt sei die Angst vor der Gewalt gewesen. Niemals habe es Schutz vor den größeren Schülern gegeben: „Am Krampus-Tag wurden die Größeren mit Masken, Ketten und Ruten ausgerüstet und von den Präfekten auf die Jagd nach den Schwächeren geschickt. Die sind durch das Haus gestürmt und haben alle misshandelt, die sie erwischen konnten. Präfekten haben extra noch einzelne Opfer bestimmt, die sich dann gegen die Hiebe nicht wehren durften.“ Das sei Sitte im Internat gewesen. Oppitz: „Es war eine dunkle, kalte Zeit. Über Kremsmünster werde ich niemals ein gutes Wort verlieren.“

Lesen Sie im profil 12/2012 ein Interview mit Ambros Ebhart, Abt des Stifts Kremsmünster, über Gewalt, sexuellen Missbrauch, Pumpguns und Dinge, die er sich gar nicht vorstellen kann.