Das dramatische Doppelleben des "Hitlerjungen Salomon"

Videostill aus "4 x Sally"

Videostill aus "4 x Sally"

Sally Perel führte in der NS-Zeit ein Doppelleben als Täter und Opfer. Die Vita des berühmten "Hitlerjungen Salomon“ wird in Wien neu beleuchtet.

Ein Leben wie ein Schatten. Sally, der 16-jährige Jude aus dem deutschen Peine, floh mit seinen Eltern und seinem Bruder 1938 ins polnische Lodz. Im Jahr darauf entkam er in einem sowjetischen Kinderheim den deutschen Truppen. 1941 nahmen ihn schließlich Wehrmachtssoldaten bei Minsk fest. Er wird Zeuge, wie ein stahlhelmbewehrter Wachposten darüber entscheidet, wer in der langen Reihe leben darf und wer nicht. "Er schielte von unten hoch und fragte mich lauernd und drohend:, Bist du Jude?‘ Ohne zu zögern, antwortete ich mit normaler, fester Stimme:, Ich bin kein Jude, ich bin Volksdeutscher.‘“ Instinktiver Scharfsinn, Entschlossenheit und Glück ließen Sally Perel, der die Episode 1990 in seinen Memoiren "Ich war Hitlerjunge Salomon“ schilderte, am Leben bleiben. "Seit Kriegsende und noch heute sehe ich mich in meinen Träumen am Rand einer frisch ausgehobenen Grube stehen. Mir gegenüber wird exekutiert … die Kugeln pfeifen … sie treffen oder treffen nicht … ich falle … und wache in meinem Bett auf. Ich bin schweißgebadet, starr vor Schreck, ich ringe nach Luft, aber ich lebe, bin wohlauf.“

Unter dem Namen Josef - Spitzname Jupp - wurde Perel, der Russisch sprach, zum Hilfsübersetzer und zum Maskottchen seiner Kompanie befördert. Man trat ihm Kuchenstücke ab, verabreichte ihm Heilmittel für seine schmerzenden Knie. Vier lange Jahre war er Hitlerjunge. 1942 kam er auf eine NS-Eliteschule in Braunschweig. Das Kriegsende überlebte er als Volkssturm-Soldat. Bis heute führt er ein Doppelleben am Rande der Schizophrenie: Wer mit Perel spricht, unterhält sich zugleich mit Sally, dem mit knapper Not geretteten Juden und ehemaligen Stalin-Verehrer, und Jupp, dem strammen Hitlerjungen. Jupp hat Sally vor dem Holocaust gerettet. Er musste Hakenkreuze tragen, um Sally zu helfen. "Ich liebe jemanden, den ich eigentlich hassen müsste.“ Das hat Perel in den vergangenen 25 Jahren oft gesagt. Wie diesen Satz: "Ich habe nur vier Wochen gebraucht, um ein ordentlicher Hitlerjunge zu werden, aber ein ganzes Leben, um wieder ein achtbarer Jude zu sein.“

Am kommenden Montag wird Perel, inzwischen 91, ein freundlicher Herr mit rundlichem Gesicht und grauem Haarkranz, Wien besuchen, um über sein Leben zu erzählen. Hunderte Male hat er seine Geschichte, die als Buch zum Bestseller avancierte und zu einer umstrittenen Kinoadaption führte, bereits wiedergegeben, in Schulklassen, auf Lesung und Diskussionen. Mit seinem Lebensdrama ist Perel in den Reigen der großen Überlebensgeschichten in der Zeit des Nationalsozialismus eingegangen. In Anwesenheit von Perel wird, für einen einzigen Abend nur, im Jüdischen Museum die Videoinstallation "4 x Sally“ des Wiener Filmemachers Friedemann Derschmidt, 49, und des israelischen Künstlers Shimon Lev, 54, gezeigt werden, die ein neues Licht auf die Vita eines Davongekommenen zu werfen sucht.

Erinnerung als dehnbare Konstruktion

"4 x Sally“ verwebt Hommage und Forschergeist. Über vier Stunden lang befragten Derschmidt und Lev ihr Gegenüber, in Deutsch und Hebräisch, als Jupp und Sally. Die vier Erzählungen erweisen einem beredten Zeugen der Zeit Reverenz - und weisen auf die gern vernachlässigte Tatsache hin, dass Erinnerung bisweilen eine dehnbare Konstruktion ist, gespeist aus den Echokammern des Hörensagens, unterminiert durch die Leerstellen jahrzehntelanger Vergangenheit. "Synoptische Porträts“ nennt Derschmidt seine Methode, nach der Zusammenschau der Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas, deren Berichte ebenso oft parallel wie voneinander abweichend verlaufen. "Diese Art der Befragung bietet die Möglichkeit, durch die Schichten eines festgefügten Narrativs zu weniger bekannten Aspekten vorzudringen“, erklärt Derschmidt, der seit 25 Jahren auch die nationalsozialistischen Verstrickungen seiner eigenen Großfamilie erforscht. "Die vier Erzählungen offenbaren kleine Differenzen, die wie Risse wirken, durch die man hinter festgefügte Bilder blicken kann.“

In den auf Deutsch geführten Gesprächsteilen offenbart Perel seine freundschaftliche Nähe zu den Wehrmachtssoldaten. "Als Kind von 16 Jahren fühlte ich mich wohl. Ich wollte nie weg von der Hitlerjugend.“ Perel informiert über Sommerlager, Ausflüge, erste Küsse mit Mädchen, Opernbesuche. Stundenlang Wagner, bis heute höre er den in Israel verpönten Komponisten. Auf Hebräisch gibt er dagegen unumwunden zu, dass er in allen Deutschen Mörder sah. "Alle waren meine potenziellen Henker. Als Jude hätten sie mich erschossen. Als Jupp haben sie mich behandelt wie ein in Pflege genommenes Kind.“ Sein Zerrissensein in zwei Persönlichkeiten schildert Perel in "4 x Sally“ so drastisch wie schonungslos: "Sally hat sich vor Jupp gefürchtet. Er war sein Todfeind! Um zu überleben, musste Sally sein eigener Feind werden.“ In Perels Leben überlagern sich konträre Segmente der Geschichte: Opfer und Täter, Betroffener und Beschuldigter. Die Geschehnisse werden in "4 x Sally“ nie zur Fiktion. Perels wiederholtes Erzählen verfeinert seine Geschichte, die stets authentisch bleibt, auch wenn einzelne Teile im Detail voneinander abweichen. "4 x Sally“ vermittelt historische Stimmungslagen, die erhellender sind als jeder bloße Tatsachenbericht. "Im Holocaust waren alle Juden Opfer. Die Täter waren Deutsche und Österreicher. Ich war beides“, sagt Perel im Gespräch mit profil. "Mit 16 wohnten zwei Seelen in meinem Körper. Ich spielte keine Rollen. Ich fühlte mich als Antisemit.“


Ich musste warten, bis ich nach den Dekaden der Verdrängung endlich ein neues Leben beginnen konnte. (Sally Perel)

Oft schickt Perel seinen Erzählungen ein Lächeln hinterher. Man weiß nicht, wie viel Schrecken hinter seiner Fröhlichkeit steckt. Es scheint, als sei er inzwischen in seinem zweiten Leben angekommen, das 1948 mit der Emigration nach Israel begann. 40 Jahre lang leitete er in Tel Aviv eine Reißverschlussfabrik. Genauso lange verlor er gegenüber seiner Familie kein Wort von seinem Leben in Hitlers Jugendbataillonen. Er habe, ließ er lediglich wissen, mit arischen Papieren überlebt. "Damals bereits Notizen zu machen, wäre mir gefährlich erschienen“, erinnert er sich. "Ich musste warten, bis ich nach den Dekaden der Verdrängung endlich ein neues Leben beginnen konnte.“ Mit Pensionsantritt drängten die Traumata der Vergangenheit an die Oberfläche. Bald sortierte sich die alte Zeit auf den Seiten seiner Erinnerungen "Ich war Hitlerjunge Salomon“, die ihm Einladungen auf alle Kontinente einbrachten. "Aus Bösem versuchte ich mit meiner Geschichte etwas Gutes zu machen“, sagt Perel, der die Namen seiner ehemaligen NS-Kameraden bis heute wie ein Stoßgebet herunterrattern kann. 1987 wurde er als Ehrengast zum Veteranentreffen seiner ehemaligen Panzerdivision eingeladen.

In "Ich war Hitlerjunge Salomon“ schrieb er von einer Schülerveranstaltung, bei der einige Buben applaudierten, als Perel das Datum 1. September 1939 erwähnte, Deutschlands Überfall auf Polen. "Ich habe sie gefragt, warum sie das täten. Ich habe mit ihnen geredet. Ich habe ihnen nicht nur die Schreckenszahlen des Naziterrors vor Augen gehalten, 50 Millionen Tote, sechs Millionen ermordete Juden, sondern ich habe ihnen vor allem von Jupp erzählt. Sie müssen erfahren, wie sie verführt werden, wie sie geblendet und schließlich geopfert werden.“

"4 x Sally“, 5.12., 19 Uhr, Jüdisches Museum, 1010 Wien