Peter Michael Lingens: Das Handy-Gesundheitsrisiko

Peter Michael Lingens: Das Handy-Gesundheitsrisiko

Wiener Wissenschaftler waren entscheidende Sachverständige in einem ersten US-Prozess zu einer der heikelsten Fragen der Gegenwart: Fördert Handystrahlung Gehirntumore?

Die Summen, die VW zurückstellen muss, um allfällige Schadenersatzansprüche auf Grund seines Abgas-Betruges zu befriedigen, sind ein Trinkgeld, gemessen, an den Milliarden, die die Handy-Industrie und ihr verwandte Industrien zurückstellen müssen, wenn sie einen der Prozesse verlieren, die demnächst mit beträchtlicher Wahrscheinlichkeit in den USA gegen sie stattfinden dürften: Wenn ein Kläger vor einem Schöffengericht glaubhaft machen kann, dass sein Gehirn -Tumor auf die intensive Nutzung eines Handys zurückzuführen ist.

Die Antwort auf diese Frage ist eng mit Forschungsergebnissen aus Wien verbunden – und bis zu einem gewissen Grade auch mit Berichten des profil: Wiener Wissenschaftler sind nämlich unter den wichtigsten Sachverständigen, die bei den angeführten Schadenersatz-Prozessen gehört werden müssten bzw. schon gehört worden sind – und im Wissenschafts-Teil des profil hat dessen Mitarbeiterin Tina Göbel die heftigen Angriffe denen sie 2008 ausgesetzt waren, schon damals als Intrigen entlarvt.

Vielleicht aus diesen beiden Gründen lud der Deutsche Wissenschaftsjournalist Klaus Scheidsteger letzte Woche im Wiener Votiv- Kino zu einer Vor-Vorführung seiner filmischen Dokumentation dieses Streit-Themas ein: „Thank you for calling.“ wird im Februar kommenden Jahres als Dokue-Film in die Kinos kommen und soviel Aufsehen erregen, dass es mir gerechtfertigt scheint, schon jetzt darauf einzugehen.

Denn es geht gleich mehrfach um denkbar brisante Fragen:

O erstens und vor allem natürlich um die Frage ob Handystrahlung tatsächlich geeignet ist, Krebs zu erzeugen
O zweitens ob das Risiko besteht, dass wir in dreißig, vierzig Jahren auf Grund der derzeit so häufigen so intensiven Nutzung von Handys immer mehr Tumoren beobachten könnten. Denn so lange kann es dauern, bis ein heute grundgelegter Tumor sich tatsächlich herausgebildet hat.
O Und Drittens, aber nicht zuletzt: ob in einem Bereich, in dem eine schon jetzt riesige, aber rasant weiter wachsende Industrie jede Woche Milliarden umsetzt, Risiko-Forschung überhaupt noch möglich ist – oder ob eine solche Industrie von vorherein „too big to fail“, gegen jede Kritik immun ist.


Sein Beruf brachte es nämlich mit sich, dass er Handys oft durch Stunden ans Ohr halten musste: er war unter den Personen, die das Funktionieren der Handys für Motorola testen sollten.

Scheidsteger Dokumentation beginnt mit einem eindrucksvollen Krankheitsfall und einem eindrucksvollen Dokument: Ein Mitarbeiter des Handy-Erzeugers Motorola hat hinter dem Ohr, an das er sein Handy zu halten pflegte, einen Gehirntumor entwickelt und Motorola deshalb geklagt.

Sein Beruf brachte es nämlich mit sich, dass er Handys oft durch Stunden ans Ohr halten musste: er war unter den Personen, die das Funktionieren der Handys für Motorola testen sollten.
Noch kritischer ist freilich eine Patent-Anmeldung, die Scheidsteger zugespielt wurde: In diesem Dokument berücksichtigt Motorola –Konkurrent Nokia den Verdacht, dass Handystrahlung zu malignen Tumoren führen könnte und begründet damit auch die Einreichung eines Patents für einen Strahlenschutz –Apparat.

Weder Motorola noch Nokia haben die patentierte Schutzvorrichtung freilich je eingebaut und begründen das vermutlich damit, dass es sich nicht als notwendig erwiesen habe. Was man glauben kann oder auch nicht: Der so intensiv telefonierende Motorola-Mitarbeiter ist mittlerweile verstorben -seine Ansprüche werden von seinen Erben verfolgt.
Lange Zeit, so zeigt die Scheidsteigers Dokumentation, hatte die Handy- Industrie offenbar ein ehrliches Interesse daran, die Wirkung der Handy-Strahlung auf menschliches Gewebe zu prüfen: Es wurde ein gemeinsamer Verband gegründet und mit einem Budget von 25 Millionen Dollar ausgestattet, um diesbezügliche Forschung zu betreiben.

Zum Kopf des Forschungsteams wurde mit Professor George Carlo ein renommierter Fachmann bestellt und durfte durch Jahre unbeeinflusst Daten sammeln.
Bis er zu dem Schluss kam, dass es tatsächlich einen begründeten Verdacht gibt, dass die elektromagnetische Strahlung von Handys tatsächlich Krebs auslösen kann.
Der Verband publizierte zwar weiterhin Teile seiner Ergebnisse – aber in einer Form, die den Eindruck erwecken musste, dass es keinerlei signifikantes Risiko gäbe.
Bis Carlo trotz seines hohen Gehaltes den Entschluss fasste zu protestieren: Er gab einem Fernsehsender ein Interview, in dem er erklärte, er habe im Gegenteil eindeutige Indizien dafür entdeckt, dass Handystrahlung sehr wohl mit einem erhöhten Krebs-Risiko verbunden sei.

Seit damals ist Carlo nicht mehr Auftragnehmer der Handyindustrie sondern Kronzeuge gegen sie: Wichtigster Zeuge und Sachverständiger in den Prozessen, die eine US-Anwaltskanzlei auf eigene Rechnung (und zu horrenden Kosten) gegen die Handy-Industrie und verwandte Industrien angestrengt hat.


Sie zeigten, dass die elektromagnetische Strahlung, wie Handys sie empfangen und weiterleiten, eindeutige Einfluss auf Zellen haben.

Dass auch Wiener Forscher bei diesen Prozessen eine wesentliche Rolle spielen, liegt daran, dass die EU mit der „Reflex“-Studie eine große internationale Untersuchung der allfälligen Gesundheitsschädlichkeit von Handy-Strahlung in Auftrag gegeben hat, und dass dabei aus Wien Ergebnisse eintrafen, die Aufsehen erregten: sie zeigten, dass die elektromagnetische Strahlung, wie Handys sie empfangen und weiterleiten, eindeutige Einfluss auf Zellen haben.

Professor Hugo Rüdiger legte Zahlen vor, aus denen abzulesen war, dass in der DNA von Zellen, die mit Handystrahlung in Berührung kommen, signifikant mehr „Strangbrüche“ auftreten.

Solche Brüche gibt es zwar ständig und ohne dass sie gesundheitlichen Schaden anrichten müssen - aber je häufiger sie auftreten, desto größer ist die Gefahr, dass sehr wohl ein solcher Schaden eintritt: dass das Gewebe krebsig entartet. (Wobei es, um die Dinge zu komplizieren, so ist, dass dieses Risiko in verschiedenen Arbeitsphasen der Zelle verschieden groß und bei manchen Zellen aus noch nicht erforschten Gründen gar nicht gegeben ist.)

Es ist also nicht so, dass man behaupten könnte: Handystrahlung ist die Ursache von Strangbrüchen und Strangbrüche verursachen Krebs, sondern eine erhöhte Zahl von Strangbrüchen, wie Handystrahlung sie meist verursacht, erhöht das Risiko krebsiger Entartung.
Kaum präsentierte Rüdiger dieses durchaus vorsichtig gehaltene Ergebnis, setzte ein wissenschaftliches Kesseltreiben gegen ihn ein: Auf seinem Gipfel wurde behauptet, eine seiner Mitarbeiterinnen hätte, um seine Sympathie zu erringen, in Prüfbögen falsche Zahlen eingetragen, die seine These bestätigen. Die Mitarbeiterin habe die Fälschung eingestanden, die Studie sei damit wissenschaftlich ohne jeden Wert.

Der Deutsche Wissenschaftler, Professor Alexander Lerchl, nannte sie eine Fälschung.
Auch ich habe mich der Kritik an der Studie im Zweifel angeschlossen: Man könne sie erst ernstnehmen, wenn alle Zweifel daran beseitigt seien.


Sie sah daher die mögliche Gefahr eines Handy-Risikos und wollte sein Ausmaß abschätzen können.

Tina Göbel unterwarf sich dieser undankbaren, zeitaufwendigen Aufgabe. Sie recherchierte durch Wochen und Monate und entlarvte die Zweifel an Rüdigers Arbeit in einem großen Profil-Text als ungerechtfertigte Schmutzkübel-Kampagne. Die Sache ist mittlerweile sogar gerichtsnotorisch: Professor Lerchl wurde von einem deutschen Gericht rechtskräftig verurteilt, die Behauptung einer Fälschung (bei sonstiger Zahlung von 200 000 €) zu unterlassen.

Rüdigers Arbeit wird in den USA die ihr angemessene Rolle spielen.

Ebenso die Untersuchungen des Wiener Krebsforschers Wilhelm Mosgöller, der zu ähnlichen Schlüssen wie Rüdiger kam. Die halbstaatliche „Allgemeine Unfall Versicherungsanstalt“ stellte ihm das Geld dafür zur Verfügung: Im Gegensatz zu allen privaten Lebensversicherungen kann die AUVA die Schädigung durch Handy-Strahlung in Lebensversicherungsverträgen nämlich nicht kleingedruckt ausschließen, sondern ist zur Leistung verpflichtet, wenn jemand zu Schaden gekommen ist.
Sie sah daher die mögliche Gefahr eines Handy-Risikos und wollte sein Ausmaß abschätzen können. Mosgöllers Ergebnisse mahnten sie zur Vorsicht.

Auch sie wurden freilich sofort von Kollegen angezweifelt.
So wurde etwa eingewendet, das sie bisher nicht reproduzierbar gewesen seien - auch wenn das nicht stimmte: zwei weitere Studien anderer Forscher bestätigen seinen Verdacht.

Ich habe die Art und Weise, wie Zweifel an Industrie-Kritischen Studien angemeldet wurden, hier beschrieben, weil Scheidstegers Film auch dazu ein eindrucksvolles Dokument präsentiert: Einen Vertrag der Handy-Industrie mit einer der erfolgreichsten PR-Agenturen der USA. Die darin formulierte Strategie:

O Jede kritische Studie ist sofort zu dementieren.
O Es ist sofort zu suggerieren, dass ihr andere Studien widersprechen. Es muss zumindest der Eindruck entstehen, dass die aufgeworfene Frage wissenschaftlich höchst strittig sei – dass hier Meinung gegen Meinung steht und ein seriöses Urteil nicht möglich ist
O es ist sofort zu behaupten, dass die Studie noch nie reproduziert und daher wissenschaftlich nicht verwertet werden kann.

Ausgehend von Dokumenten dieser Art, vor allem aber den Zeugenaussagen George Carlos, seinen Untersuchungen und den Untersuchungen Rüdigers, Mosgöllers und einer Reihe weitere Forscher, die nicht selten ihre Universität wechseln mussten, um weiter forschen zu können, behauptet die befasste US- Anwaltskanzlei dass die Handy- Industrie, ähnlich der Tabakindustrie, in Wirklichkeit immer über das Risikopotential ihrer Geräte Bescheid wusste, dass sie Gesundheitsschäden also wissentlich in Kauf genommen hat.


Dabei bin ich so wenig wie Carlo oder Mosgöller ein fanatischer Handy-Gegner: Ich möchte es als Arbeitsgerät nicht missen.

Davon geht sie auch von ihren Schadenersatzprozessen aus, musst freilich zuerst einmal gegen die Handy-Industrie durchsetzen, dass ein Schadenersatz-Prozess überhaupt geführt werden kann – denn von deren Seite wurde behauptet, die Indizien für eine Gesundheitsschädlichkeit seien so dürftig, dass sich ihre Erörterung vor einem Gericht verbiete. Die Öffentlichkeit würde dadurch nur sinnlos beunruhigt.

Doch der befasste Richter hat nach Anhörung der Gutachter und Zeugen beider Seiten anders entschieden: Die Schadenersatzprozesse seien zulässig. Gerichte bei denen sie geführt würden, hätten bei ihrer Entscheidung auf die von den Professor Carlo & Co vorgebrachten Argumente einzugehen.
Die Handy-Industrie hat gegen dieses Urteil erwartungsgemäß berufen.
Wie ich hoffe bleibt sie damit ohne Erfolg. Ich traue den USA auch nach „Irak“ seriöse Wahrheitsfindung zu.

Dabei bin ich so wenig wie Carlo oder Mosgöller ein fanatischer Handy-Gegner: Ich möchte es als Arbeitsgerät nicht missen. Wie Carlo oder Mosgöller ist mir klar, dass viele Geräte, vom Röntgenapparat über die Höhensonne bis zur Mikrowelle, Gesundheitsrisiken bergen, ohne dass wir sie deshalb verbieten und verbannen – denn wir wissen auch um ihren unbestreitbaren Nutzen.

Beim Handy ist dieser Nutzen extrem und die ganze drahtlose Kommunikation aus der Zukunft unmöglich wegzudenken.
Aber der Industrie ist vorzuschreiben, die Geräte die dazu dienen so sicher wie möglich zu machen - die Risiken so weit wie irgend möglich zu minimieren. Und die Bevölkerung ist ausreichend über diese Risiken aufzuklären, bzw. darin zu schulen, wie sie die Geräte nutzen kann, ohne ein unverhältnismäßiges Risiko einzugehen.

So ist die mögliche Gefährdung nach Carlos wie Mosgöllers Überzeugung ungleich geringer, wenn man die Telefone zwei Zentimeter vom Ohr weghält oder noch besser ein Kabel bzw. eine Freisprechanlage benutzt. Und so ist dieses Risiko für Kinder ungleich höher, weil ihre dünnere Schädeldecke die Strahlung viel tiefer ins Gehirn eindringen lässt und ihre Zellen sich öfter in einem Zustand befinden, der sie angreifbar macht.

Es ist wesentlich, ihnen beizubringen, das Handy eher weit vom Kopf vor sich in der Hand zu halten, wenn sie damit spielen. Denn Hand-Krebs ist noch nie beobachtet worden – es sind eben offenkundig nicht alle Zellen gleich empfindlich.
Im finnischen Oulu arbeiten ehemalige Nokia- Techniker vorerst noch spielerisch an einer App, die das Handy abschaltet, sobald die Strahlenbelastung-etwa weil man in einem Lift telefonieren will - eine kritische Größenordnung überschreitet. Sie kamen auf diese Idee, nachdem sie festgesellt hatten, dass die Strahlung im praktischen Gebrauch bis zum Fünffachen des im Zulassungs-Test ermittelten Wertes ausmacht. (VW ist allgegenwärtig.)

Warum sollte Motorola nicht dort weitermachen, wo es seinerzeit aufgehört hat: ein Patent für ein Handy mit minimaler Strahlung einreichen.

Freitag 4. Dezember: Anmerkung zur Stellungnahme von Professor Lerchl:
Gemäß dem zitierten Urteil müssen Sie u.a. folgende Behauptungen unterlassen:
„Die Laborantin aus Wien erfand jahrelang Daten für etwa 10 Publikationen. (Sie) schaffte es, ihrem Chef Arbeitsmediziner Hugo Rüdiger, die gefälschten Daten unterzujubeln. Alle Autoren, bis natürlich auf die Fälscherin, haben nicht gesehen oder wollten nicht sehen, dass die Daten viel zu gut waren, um stimmen zu können.“
Wenn Sie der Laborantin also keine Fälschung mehr unterstellen dürfen, aber weiterhin behaupten, dass es sich um eine Fälschung handelt, muss es interessieren, wem Sie diese behauptete Fälschung denn unterstellen.