Interview mit Claudia Bandion-Ortner zum Alltag in Saudi-Arabien: "Nicht jeden Freitag wird geköpft"

Interview mit Claudia Bandion-Ortner zum Alltag in Saudi-Arabien: "Nicht jeden Freitag wird geköpft"

Ex-Justizministerin Claudia Bandion-Ortner über ihre Arbeit als Generalsekretärin des umstrittenen "König-Abdullah-Dialog-Zentrums“ in Wien und ihre durchaus positiven Eindrücke von Saudi-Arabien. Plus: Auszüge aus dem Gespräch als Audiofiles.

Bandion-Ortner über Hinrichtungen und die Todesstrafe

Bandion-Ortner über die schwarze Abaya

Bandion-Ortner über einen Ladys Abend

profil: Die ganze Welt spricht über den Terror der islamistischen IS-Brigaden. Was macht das von Saudi-Arabien finanzierte "König-Abdullah-Zentrums“ in Wien dazu?
Claudia Bandion-Ortner: Es wird am 18. und 19. November eine Konferenz zum Thema "Religionsführer gegen Gewalt im Namen der Religion“ geben. Wir versuchen, hohe religiöse Repräsentanten aus dem Mittleren Osten herzuholen. Wichtig ist, dass die zusammenhalten. Wir haben Zusagen von den Vereinten Nationen. Ich kann im Vorfeld nicht mehr bekanntgeben. So eine Konferenz ist ja auch ein Sicherheitsrisiko.

profil: Erst nach Aufforderung von Außenminister Sebastian Kurz veröffentlichte Ihr Zentrum eine Verurteilung der "abscheulichen Taten“ der IS. Warum so zögerlich?
Bandion-Ortner: Das war anders. Unsere Erklärung war unsere eigene Initiative und stand schon über ein Monat vorher auf unserer Homepage. Aber ich freu mich wirklich, dass Kurz so fest hinter dem Zentrum steht.

profil: Das "King Abdullah Bin Abdulaziz International Centre for Interreligious and Intercultural Dialogue“, wie es offiziell heißt, wird als verlogene Angelegenheit kritisiert, weil in Saudi-Arabien alles außer dem Islam verboten ist. Wie ist da ein Dialog möglich?
Bandion-Ortner: Wir haben sehr viel gemacht in den vergangenen zwei Jahren. Wir gehen damit nicht immer gleich an die Öffentlichkeit, weil wir sehr heikle Themen behandeln. Wir hatten zum Schwerpunkt Bildung viele kleinere Workshops in Äthiopien, Argentinien, Indien und eine Konferenz in Wien: Wie kann man verhindern, dass Kinder bereits Vorurteile haben gegen andere Kulturen. Diese Vorurteile gibt es auch in Schulbüchern, bei uns in Europa, was den Islam betrifft, aber natürlich auch in Arabischen Staaten, was das Christentum betrifft. Wir machen friedensstiftende Aktionen, die wir nicht an die große Glocke hängen.

profil: Bei Dialog denkt man in unseren Breiten sofort an Lessing und Nathan den Weisen …
Bandion-Ortner: Ja, das passt sehr gut für uns.

profil: Aber das Geld kommt aus Saudi-Arabien.
Bandion-Ortner: Also ich muss ganz ehrlich sagen: Saudi-Arabien mischt sich in unsere Arbeit überhaupt nicht ein. Unsere Organisation gibt es nur ein Mal in der Welt. Keine Entscheidung fällt ohne die Vertreter der fünf Weltreligionen, und gleichzeitig haben wir Spanien, Österreich, Saudi-Arabien - vertreten durch die Außenminister - und den Vatikan, der einen speziellen Beobachterstatus hat, an Bord. Aber sie haben recht: Die Finanzierung in den ersten drei Jahren geht allein über Saudi-Arabien, wobei Österreich mithilft durch Infrastrukturleistungen und gewisse Steuererleichterungen. Unser laufendes Budget beträgt im Jahr 17 Millionen. Wir sind dabei, das Zentrum auf eine breitere finanzielle Basis zu stellen. Es gibt interessierte zahlungskräftige Staaten.

profil: Wer wird von Ihnen gesponsert?
Bandion-Ortner: Wir dürfen niemanden sponsern, nur Kooperationen eingehen. Mit der Weltpfadfindervereinigung - das sind immerhin 40 Millionen Mitglieder - haben wir eine solche Kooperation. Wir haben auch guten Kontakt zu verschiedenen Unis. Bei uns gehen immer wieder Universitäts-Professoren ein und aus.

profil: Bei der Eröffnung im November 2012 sagte ein religiöser Vertreter aus Saudi-Arabien in einem Grußwort auf Arabisch: Das Zentrum sei dafür gedacht, den Islam in Europa zu verbreiten.
Bandion-Ortner: Was? Um Gottes willen. Also das kann ich mir nicht vorstellen. Wir sind eine internationale Organisation und keine Glaubensgemeinschaft.

profil: Waren Sie schon einmal in Saudi-Arabien?
Bandion-Ortner: Ich war vergangenes das erste Mal in Saudi-Arabien. Es war sehr aufregend. Es ist ja kein übliches Reiseziel. Aber ich war angenehm überrascht. Als Frau dort zu leben, ist sicher nicht einfach. Ich bin auch eine emanzipierte Frau und hätte sicher meine Schwierigkeit dort. Aber ich bin sehr gut und nett behandelt worden. Die ganz normalen Leute dort, die waren wahnsinnig lieb und nett. Ich war wirklich überrascht.

profil: Konnten Sie so reisen, wie Sie hier gekleidet sind?
Bandion-Ortner: Ich musste keine Kopfbedeckung tragen. Aber die schwarze Abaya ist Vorschrift. Die muss man schon im Flugzeug anziehen. Aber ich muss sagen: Die ist praktisch. Ein angenehmes Kleidungsstück. Sie hat mich ein bisschen an den Talar erinnert, den bin ich ja gewöhnt. Ich war überall willkommen. Ich war bei der Menschenrechtskommission. Ich habe dort sehr interessante Gespräche geführt. Ich war an einer Universität der Sicherheitsakademie eingeladen. Vor drei Wochen gab es den Retourbesuch. Eine ganze Abordnung von Richtern und Staatsanwälten war hier im Haus. Ich war in Saudi-Arabien zu einem Abendessen bei einem Sohn des Königs eingeladen. Ein Abend war ein sogenannter Ladys Abend. Da habe ich nur Frauen getroffen. Ich war umgeben von gebildeten, hochintelligenten Frauen, Managerinnen, Universitätsprofessorinnen. Ich bin mir vorgekommen wie in Österreich bei einer Damenrunde. Da war eigentlich kein Unterschied. Das hat mich sehr fasziniert.

profil: David Rosen, eines Ihrer Vorstandsmitglieder, dürfte in Saudi-Arabien als Jude gar nicht einreisen.
Bandion-Ortner: Da bin ich mir nicht ganz sicher. Aber das ist Politik. (Pressesprecher Peter Kaiser teilte tags darauf mit, Rabbi Rosen werde einreisen dürfen)

profil: Kürzlich wurde in Saudi-Arabien ein Gesetz erlassen, wonach Atheisten als Terroristen zu behandeln sind.
Bandion-Ortner: Das ist schon eine ältere Geschichte. Ich habe keinen Einblick in die genaue Gesetzeslage. Aber: Ich bin gegen die Todesstrafe und für die Gleichberechtigung der Frau. Was viele Leute hier übersehen: Keine internationale Organisation der Welt darf sich in die nationalen Angelegenheiten eines Landes einmischen. Ich glaube, durch die Dialog-Bereitschaft in Saudi-Arabien - der König steht da wirklich sehr dahinter, ich habe mit dem König persönlich darüber gesprochen -, dass sich dadurch langsam etwas verändert. Das geht nicht von heute auf morgen, weil die Gesellschaft noch nicht so weit ist. Da muss man geduldig sein. In Saudi-Arabien tut sich einiges. In der Schura, das ist eine parlamentsähnliche Institution, sind jetzt 30 Frauen. Zwei von ihnen haben mich in Wien besucht und mir von großen Fortschritten berichtet.

profil: Mit saudi-arabischen Geldern wurde eine Zeit lang die IS finanziert, viele radikale Prediger, die heute die Jugend aufhetzen, wurden in Saudi-Arabien ausgebildet.
Bandion-Ortner: Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass die saudische Regierung enorme Summen in die Hand nimmt, um die IS zu bekämpfen, und es ist Saudi-Bürgern strengstens verboten, irgendetwas mit IS zu tun zu haben.

profil: Was die Welt bei der Terrormiliz IS verurteilt, ist in Saudi-Arabien Alltag. Mit scharfen Krummschwertern wurden 2014 bereits 60 Menschen hingerichtet. An Freitagen nach dem Gebet wird öffentlich geköpft und ausgepeitscht.
Bandion-Ortner: Das ist nicht jeden Freitag. Natürlich bin ich gegen die Todesstrafe.

profil: Haben Sie persönlich etwas dazugelernt, was Religionen betrifft?
Bandion-Ortner: Die zwei Jahre waren bereichernd wie keine Jahre vorher. Wenn man mit Leuten aller Weltreligionen zusammentrifft, lernt man viel für sich persönlich. Man wird zufriedener. Man belächelt die Vorkommnisse in der Politik.

profil: Eine Selbstvergewisserung?
Bandion-Ortner: Bevor man andere Kulturen versteht, muss man sich selbst einordnen. Was jetzt wirklich wichtig ist, ist, dass sich der Westen nicht in eine neue Islamophobie hineinbegibt. Das könnte auch Sinn und Zweck der IS sein. Der Islam ist eine friedliebende Religion. Ich arbeite viel mit Muslimen zusammen. Die verabscheuen Gewalt genauso wie wir. IS hat mit Religion nichts zu tun.

profil: IS beruft sich aber auf den Islam.
Bandion-Ortner: Ich glaube, man könnte denen eins auswischen, wenn man einfach den Namen ändert. Wieso sagt alle Welt "islamischer Staat“? Ja, sie bezeichnen sich selbst so. In Wirklichkeit ist das ein Witz. Warum tut sich die Staatengemeinschaft nicht zusammen und sagt: Wir bezeichnen die jetzt anders. Es ist ungerecht gegenüber dem Islam und den Moslems.

profil: Die Scharia, die IS in den eroberten Gebieten praktiziert, gilt auch in Saudi-Arabien. Frauen etwa dürfen sich nur mit Erlaubnis ihres Ehemannes oder Vaters und auch dann nur verhüllt in der Öffentlichkeit sehen lassen. Auch die Menschenrechtskonvention wird von Saudi-Arabien nicht akzeptiert.
Bandion-Ortner: Ich arbeite hier. Die Menschenrechte stehen bei uns im KAICIID in der Präambel. Das ist wichtig. Der Dialog wird auch in Saudi-Arabien geführt. Unser Chef ist auch dort der Chef des nationalen Dialog-Forums.

Klarstellung: Interview mit Bandion-Ortner ordnungsgemäß autorisiert (Auszug aus E-Mail-Austausch und Audiofiles)

"profil" dementiert mit aller Entschiedenheit die Behauptung des KACIID, das Interview mit Claudia Bandion-Ortner, stellvertretende Generalsekretärin des KACIID, in der aktuellen Ausgabe des "profil" sei nicht autorisiert worden. Der Interview-Text war Donnerstag Abend per Mail an Bandion-Ortners persönlichen Pressesprecher Christoph Hasslböck geschickt worden. Von der Mail-Adresse des Pressesprechers des KAICIID, Peter Kaiser, wurde das Interview spät am Abend mit kleinen Änderungen retourniert. In dieser Fassung fehlte der Satz bezüglich der Todesstrafe, der sich so am Tonband befand: "Das ist nicht jeden Freitag, das ist ein Blödsinn. Natürlich bin ich da dagegen".

Am Freitag um 10.16 Uhr wurde eine Mail an Herrn Kaiser, mit der Bemerkung, man habe "fast alle Änderungen akzeptiert" und das gesamte Interview, wie es dann auch gedruckt wurde, retourniert. Die entsprechende Passage lautete nun: "Das ist nicht jeden Freitag. Natürlich bin ich gegen die Todesstrafe". In der Antwort von Peter Kaiser um 11.36 Uhr hieß es: "Ich habe verstanden." Er werde "in etwa 20 Minuten Frau B-E (sic!)" erreichen können. Um 11.52 Uhr kamen ein Dankeschön und freundliche Grüße.