Konrad Paul Liessmann: "Kompetenzorientierung verhindert die Kompetenzentwicklung"

Konrad Paul Liessmann: "Kompetenzorientierung verhindert die Kompetenzentwicklung"

Der Philosoph Konrad Paul Liessmann über das Verschwinden der Literatur im Unterricht, die Infantilisierung der Gesellschaft und die Wichtigkeit klassischen Wissens.

profil: Wie lautet Ihre Hauptkritik an der Kompetenzorientierung?
Konrad Paul Liessmann: Dass sie stärker als bisherige Lehrpläne das natürliche Neugierverhalten von Kindern zerstört. Wer einmal ein kompetenzorientiertes Lehrbuch angesehen hat, dem vergeht jede Lust am Lesen. Ständig wird kontrolliert, ob die Leser alle Kompetenzen erfüllen. Deshalb auch das Verschwinden der Literatur aus dem Unterricht. Natürlich sollen Kinder lesen lernen, aber gerade die Kompetenzorientierung verhindert die Kompetenzentwicklung, das ist meine These.

profil: In Ihrer Idealvorstellung sind Unis und Schulen Orte der "reinen Bildung", die sozialpolitische Fragen ausklammern. Wieso ist das Ihrer Meinung nach erstrebenswert?
Liessmann: Ich meine nur, dass Bildung nicht ausschließlich an Kriterien wie Nutzen, Anwendbarkeit und Effizienz gemessen werden kann. Das große Erfolgsrezept der Wissenschaften, denen wir alles verdanken - vom Mobiltelefon bis zur modernen Lebenswelt -, war es, sich von den Vorgaben der Kirche, später von Politik und Ökonomie, loszulösen. Wenn wir das rückgängig machen, fallen wir ins Mittelalter zurück.

profil: "Wissen um des Wissens willen" also - ist das nicht eine sehr idealisierte Einstellung?
Liessmann: Alle Menschen, schrieb schon Aristoteles, streben von Natur aus nach Wissen. Kinder kennen die Welt noch nicht, sie müssen erst rausfinden, was der Kosmos, die Biologie, oder Sprachen sind. Dabei darf man nicht im Hinterkopf haben, zu was es einmal nützlich sein sollte. Ich habe selbst unterrichtet und weiß, wie begeisterungsfähig die Schüler für altägyptische oder mittelalterliche Geschichte sind. Die Frage, wie das Universum entstanden ist, ist kein aktuell anwendbares Wissen. Dennoch stecken wir Milliarden in die Antwort dieser Frage. Nur dem theoretischen Wissen verdanken wir, dass wir nicht in Höhlen leben.

profil: Gerade in einer Zeit des radikalen Wandels und der Technologisierung solle man besser auf variable Fähigkeiten setzen, anstatt Fakten auswendig zu lernen, lautet das Argument.
Liessmann: Man glaubt immer, dass sich die Zeit, in der man lebt, ganz schnell verändert und deshalb altes, "totes" Wissen verzichtbar ist. Wenn wir uns das Lebensgefühl der jungen Kommunisten in der Sowjetunion hernehmen - die dachten, sie wären die Speerspitze des gesellschaftlichen Fortschritts, und in Wirklichkeit hat es sich als totalitäres System herausgestellt. Natürlich müssen wir lernen, mit neuen Technologien umzugehen, aber dafür bedarf es keiner "Kompetenzorientierung". Niemand hat mir "Radiohören" beigebracht.

profil: Aber der Umgang mit Computern verlangt ja auch nach aktiven Tätigkeiten wie Programmieren.
Liessmann: Im Gegenteil, das wird immer unwichtiger, weil die Technologien zunehmend konsumentenfreundlich werden. Heute lädt sich jeder Laie Apps runter, nur einige wenige müssen sie programmieren können. Dass der Umgang mit Computern je eine allgemeine Kulturtechnik wird, wie etwa Lesen oder Schreiben, halte ich für Unsinn. Ich glaube, dass diejenigen, die etwas von Wissenschaft und Technik verstehen, eine ganze Zivilisation am Laufen halten werden, so wie uns die Bauern mit Nahrung versorgen - vier Prozent reichen aus, damit wir alle satt werden.

Konrad Paul Liessmann | Die verblassende Idee von Bildung (NZZ Standpunkte 2014)

profil: Welche Fähigkeiten brauchen junge Leute Ihrer Meinung nach, um sich in unserer Zeit erfolgreich zurechtzufinden?
Liessmann: Im Grunde liefert der klassische Wissenskanon alles, was wir brauchen: Nämlich ein grundlegendes Verständnis für unsere Welt im wissenschaftlichen, politischen und historischen Sinn. Prognosen für jene Bereiche, in denen es in Zukunft sichere Jobs geben wird, halte ich für fragwürdig. Daher ist es doch logisch, sich in Zeiten des ungewissen Wandels sichere Wissensfundamente anzueignen. Doch viele Universitäten klagen, dass es den Schulabgängern an diesen Grundkenntnissen mangelt.

profil: Verdummt unsere Gesellschaft?
Liessmann: Eine gewisse Tendenz zur Gegenaufklärung ist zu beobachten - man denke an die Vielzahl von Verschwörungstheorien und esoterischen Weltanschauungen, die sich im Internet tummeln. Es droht die Gefahr, in eine Form selbstverschuldeter Unmündigkeit zurückzufallen, um es mit Immanuel Kant auszudrücken. Der kompetenzausgebildete Mensch ist noch nicht mündig. Kompetenzen sind ja nur Fähigkeiten, die man einsetzen kann, wenn wer anderer sagt, wofür. Bei den Aufgaben für die Deutsch-Matura werden Sie sehen, dass junge Menschen heute nur mit Fragen konfrontiert werden, die sie zu beantworten haben. Wozu die erlernten Kompetenzen eingesetzt werden sollen, das bestimmt ein anderer. Man traut 18-Jährigen nicht mehr zu, eigenständig einen Gedanken zu entwickeln.

profil: War das denn jemals anders?
Liessmann: Bei meiner Deutsch-Matura hatte ich die Aufgabe, einen Aufsatz über folgendes Thema zu schreiben: ein Zitat aus Goethes Faust II, "Dass sich das größte Werk vollende, genügt ein Geist für tausend Hände". Mehr nicht.

Konrad Paul Liessmann, 62, ist Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien, Autor und Literaturkritiker.
Geisterstunde - Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift. Zsolnay Verlag, 17,90 Euro