Augenzeugenbericht vom Anschlag in Halle: "Ich versperrte die Tür"

Christina Feist

Christina Feist

Ein Attentäter versuchte am Mittwoch in die Synagoge der deutschen Stadt Halle einzudringen. profil-Mitarbeiterin Christina Feist war zu diesem Zeitpunkt in dem Gebetshaus. Sie erzählt, wie sie den Anschlag erlebt hat.

Ich kam am Dienstagabend mit Freunden aus Berlin nach Halle, um dort in der kleinen örtlichen Gemeinde Jom Kippur, den höchsten jüdischen Feiertag, zu feiern. Wir waren etwa 20 Leute, vor allem Studenten. Am Mittwoch trafen wir uns gegen 8:30 Uhr mit den Gemeindemitgliedern in der Synagoge. Insgesamt waren da vielleicht 50, 60 Gläubige. Wir begrüßten einander, redeten und begannen gegen 9:00 Uhr mit dem Gebet.

Wir hatten vor, den ganzen Tag in der Synagoge zu verbringen, mit Pausen zwischendurch, um spazieren zu gehen und uns zu entspannen. Am Abend wollten wir schließlich das Fasten brechen und gemeinsam feiern. Wir hatten Essen mitgebracht.

Mitten in der Thora-Lesung hörte ich draußen eine Explosion und sah vor dem Fenster eine Rauchwolke. Gleich darauf eine weitere Explosion. Dann ging alles sehr schnell. Der Kantor, der das Gebet leitete, stand auf einem Podest, und als er sich umdrehte, konnte er durch die geöffnete Flügeltür den Bildschirm sehen, der in dem kleinen Eingangsbereich angebracht ist. Auf den werden die Bilder einer Videokamera übertragen, die außen am Gebäude montiert ist. So konnte er sehen, dass ein bewaffneter Mann in Kampfmontur versuchte, in die Synagoge einzudringen. Wir hörten, dass er an der Tür rüttelte.

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Neben der Synagoge liegt ein Friedhof, eine Mauer umgibt das ganze Gelände. Offenbar hatte der Mann zunächst Sprengsätze auf das Gelände geworfen.

Der Kantor reagierte rasch. Er rief: „Alle raus, nach hinten und dann rauf!“ Wir beeilten uns, in den hinteren Raum – eine Art Aufenthaltsraum, in dem auch gegessen wird – zu gehen, und von da in den ersten Stock, wo sich eine kleine Wohnung befindet, in der der Kantor am Sabbat übernachtet. Einige der Gemeindemitglieder sind alt, manche gehbehindert, wir mussten also achtgeben, geordnet und sicher in den ersten Stock zu gelangen. Zum Glück brach keine Panik aus.


Ich war während des Anschlags auf Adrenalin. Ich konnte so klar denken wie noch nie in meinem Leben.

Oben hielten wir uns von den Fenstern fern, manche saßen am Boden, andere standen in einem fensterlosen Raum.

Der Kantor und ein paar andere verbarrikadierten unten die Vordertür mit Tischen und Stühlen. Ein anderer machte dasselbe an der hinteren Tür. Ich versperrte die Tür in der Mitte der Synagoge, davor standen bereits Tische. Ich weiß nicht, warum es der Täter nicht geschafft hat, in das Gebäude zu gelangen. Die Türen sind ganz normale Holztüren.

Der Gemeindevorsitzende und ein paar Andere hatten die Polizei verständigt. Sie hatte die Synagoge nicht bewacht. Wir warteten gut 15 Minuten, ehe sie am Tatort eintraf. Während dieser Zeit waren der Kantor und andere telefonisch mit der Polizei und dem Zentralrat der Juden in Deutschland in Kontakt. Die meisten von uns hatten kein Mobiltelefon bei sich. An Jom Kippur beten und fasten Juden und bitten um Vergebung und Versöhnung. Ablenkungen meidet man.

Ich war während des Anschlags auf Adrenalin. Ich konnte so klar denken wie noch nie in meinem Leben. Ich verspürte keine Todesangst, sondern konzentrierte mich nur darauf, was zu tun war. Wir stellten fest, dass eine Frau aus der Gruppe fehlte. Niemand wusste, wo sie war. Auf dem Bildschirm sahen wir, dass vor dem Haus eine Person reglos am Boden lag. Wir konnten an der Kleidung erkennen, dass es sich nicht um die Abgängige handelte. Die hatte in einem nahe gelegenen Park einen Spaziergang gemacht.

Wir konnten am Bildschirm verfolgen, dass die Polizei eintraf. Danach dauerte es allerdings noch einmal 15 bis 20 Minuten bis zur Entwarnung, dass der Attentäter nicht mehr in unmittelbarer Umgebung der Synagoge sei. Und noch einmal eine halbe Stunde später bekamen wir die Information, dass wir die Synagoge verlassen sollten.


Im Krankenhaus von Halle wartete ein riesiges Team von Ärzten und Krankenschwestern. Alle waren großartig und kümmerten sich um uns.

Die Polizei kam herein und teilte uns in Gruppen zu je vier Personen auf. Wir wurden nach draußen begleitet und von dort von Beamten in Empfang genommen, die unsere Personalien aufnahmen und eine Erstaussage notierten. Auch Notärzte und Sanitäter standen bereit. Anschließend wurden wir in Busse gesetzt und zu einem Krankenhaus gefahren. Die Straßen in der Stadt waren bis auf Polizeifahrzeuge völlig leer.

Im Krankenhaus von Halle wartete ein riesiges Team von Ärzten und Krankenschwestern. Alle waren großartig und kümmerten sich um uns. In unserer Gruppe war auch ein Paar mit einem Kleinkind.

Als alle versorgt waren, setzten wir uns in die Cafeteria. Dort sprachen wir das Schlussgebet. Danach brachen wir das Fasten, wie wir es ursprünglich geplant hatten, aber gemeinsam mit den Ärzten und Krankenschwestern. Wir sangen und tanzten ausgelassen.

Am Abend, als ich im Bett lag, las ich in den Medien die anfangs widersprüchlichen Meldungen über Täter, Opfer und Tathergang nach. Da überfiel mich zum ersten Mal an diesem Tag der Gedanke, dass ich einen Terroranschlag überlebt hatte.

Hören Sie hier den profil-Podcast mit Christina Feist.

Hintergrund:

Nach dem Attentat, das am vergangenen Mittwoch für Entsetzen sorgte, nahm die deutsche Polizei den 27-jährigen Stephan B. fest. Er soll ein rechtsextremes und antisemitisches Manifest hinterlassen haben. Für die Tat hatte der überzeugte Gegner von Waffenkontrollen selbst ein Maschinengewehr gebaut, das allerdings mehrmals blockierte. Nachdem er daran gescheitert war, in die Synagoge zu gelangen, schoss B. auf Passanten und einen Kebap-Stand. Er tötete zwei Menschen und verletzte zwei weitere.