Blutrache in Albanien: Das Gesetz der Berge

Blutrache in Albanien: Das Gesetz der Berge

Wie ein archaischer Kodex bis heute das Leben im Norden Albaniens prägt. Impressionen aus der Welt der Blutrache.

Text: Vincenzo Mattei

Es ist eine eiserne Regel, benannt nach dem mächtigen albanischen Fürst Lek Dukagjin im 15. Jahrhundert, und sie lautet: Wenn ein Mensch einen anderen tötet, darf die Familie des Opfers Rache nehmen. Dann soll auch der Mörder mit dem Leben bezahlen, und wenn nicht er, dann jedenfalls ein Mann aus seiner Familie – Frauen sind ausgenommen. So sieht es das Recht auf Vergeltung vor, das im Regelwerk „Kanun“ festgeschrieben steht und im Norden Albaniens weiterhin existiert. Die Blutrache („Gjakmarrja“) zieht sich über Generationen hinweg. Sie ist eine Spirale nie endender Vergeltungsschläge, die viele Menschen in den rauen Gebirgslandschaften dazu zwingt, ein abgeschottetes Leben in ständiger Angst zu führen.
Der „Kanun“ legt die wirtschaftliche und soziale Ordnung in der Gemeinschaft fest. Sie wurde ursprünglich als Instrument gegen das Töten geschaffen: Die hohe Strafe für Mord sollte als Abschreckungsmaßnahme dienen. Der kommunistische Herrscher Enver Hodscha verbot das Prinzip. Mit dem Sturz des Regimes 1991 begann seine Rückkehr. Mit den althergebrachten Regeln hat die heutige Auslegung aber kaum noch etwas zu tun. Inzwischen reicht ein Autounfall, ein böses Wort für eine blutige Fehde. „Es gibt heute einen Lücke zwischen den Generationen: Die Kinder leiden, weil sie über die sozialen Netzwerke mitbekommen, was sich in der Welt draußen tut, während ihre Eltern komplett isoliert, eingebunkert in vier Wänden leben“, sagt die albanische stellvertretende Gesundheitsministerin Milva Ekonomi. Rund 3000 Familien sind in den Vororten der nördlichen Stadt Shkoder von einer Blutfehde betroffen, laut Hilfsorganisationen befinden sich darunter 1500 junge Männer.

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Übersetzung: Christina Feist, Sara Hassan