Britischer Ex-Parlamentssprecher Bercow: "Sei ein guter Junge!"

John Bercow

John Bercow

Er kam von weit rechts, rückte in die politische Mitte und war zur Überparteilichkeit verpflichtet. In Zukunft will John Bercow, abgetretener Sprecher des britischen Unterhauses, wieder klar Position beziehen.

Zehn Jahre lang war John Bercow der Dompteur der „big beasts of politics“: Er brachte den großen Tieren der britischen Politik im Unterhaus Manieren bei. Auch nach seinem Rücktritt lässt der ehemalige Sprecher des Parlaments es sich nicht nehmen, seine eigenen Wege zu gehen. Obwohl seine Berater ihn zur Eile drängen, blickt Bercow aufmerksam um sich, steuert dann auf die profil-Reporterin zu und sagt: „Und Sie? Woher kommen Sie?“

Der leutselige Bercow freut sich über eine Österreicherin genauso wie über die Australier bei seiner Abschiedspressekonferenz in der Carlton House Terrace, einem georgianischen Londoner Stadtpalais aus dem 18. Jahrhundert, in dem üblicherweise Hochzeiten stattfinden. Der 56-Jährige, der auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere abtritt, genießt das Rampenlicht sichtlich. Bercows Memoiren werden schon Anfang 2020 erscheinen, und da seine Sprache ebenso blumig ist wie seine Krawatten, darf man farbenfrohe Anekdoten erwarten. Mit seinem gewohnt listigen Grinsen stellt er klar, dass er in Zukunft auch inhaltlich nicht für dezente Töne zu haben sein wird: „Ich muss nicht mehr unparteiisch sein.“

Zehn Jahre lang war der Nordlondoner „Speaker“ des Unterhauses, also Parlamentspräsident. Traditionell muss der Sprecher neutral sein, weshalb Bercow 2009 bei Amtsantritt aus der konservativen Partei austrat. Im Zuge des sich verschärfenden Brexit-Chaos wurde Bercow zunehmend kritisch gegenüber den konservativen Regierungschefs. In der Krise der vergangenen Jahre ist deutlich geworden, wo nach der ungeschriebenen Verfassung des Vereinigten Königreichs die Macht im Staat zu Hause ist: nicht im Buckingham Palace oder in Downing Street 10, der Adresse des Premierministers, sondern vielmehr um die Ecke im Palast von Westminster, dem Sitz der beiden Parlamentskammern.

Beschützer der Rechte des Parlaments

Bercow wuchs in dieser Zeit über die vorgesehene Rolle als Moderator des Parlamentsgeschehens hinaus. Er gefiel sich als Beschützer der Rechte des Parlaments und nutzte das britische Gesetzeswesen schlau für diese Zwecke. Im Frühling 2019 verhinderte er, dass Premier Theresa Mays EU- Scheidungsabkommen mit der EU ein zweites Mal zur Abstimmung vorgelegt wurde, indem er sich auf eine parlamentarische Entscheidung aus dem Jahr 1604 berief.

Humorvoll, aber auch oberlehrerhaft präsentierte sich der Mann im schwarzen Talar gerne in geradezu koboldhaften Auftritten auf dem Sitz des Sprechers. Dass der Job heute als so einflussreich gilt, will Bercow nicht auf sich allein beziehen – wobei: ein wenig vielleicht doch. „Kann sein, dass jemand meine bunten Krawatten und meinen Stil mochte, aber ich werde meinem Kopf nicht erlauben, deshalb noch größer zu werden“, scherzt er: „Im Prinzip ist es so: Parlamentsdebatten werden heute viel mehr verfolgt. Das Unterhaus hat durch den Brexit an Gewicht gewonnen.“

Dank seiner schillernden Persönlichkeit wurde sogar Bercows Privatleben zum Thema. Eine Affäre seiner Frau Sally mit seinem Cousin Alan wurde 2015 von der Schmuddelpresse genüsslich breitgewalzt. Sally und die gemeinsamen drei Kinder erwähnt Bercow gerne und oft. Die Scheidungsgerüchte sind vertagt. Vielleicht wurde auch deshalb so süffisant über den gehörnten Ehemann geschrieben, weil Bercow den Zorn der EU-feindlichen Boulevardmedien auf sich gezogen hatte.

„Ich wollte den Brexit nicht stoppen“, sagt Bercow: „Ich habe meinen Job immer so verstanden: Es ging darum, die parlamentarische Arbeit zu erleichtern.“ Er habe Abänderungsanträge zugelassen, wenn er annehmen musste, dass es Chancen auf eine Mehrheit im Unterhaus dafür gab.

„Elf zu null“

In seinen letzten Wochen im Amt kam es zum Showdown zwischen Bercow und Boris Johnson im Unterhaus. Als der Premierminister im September dem Parlament eine Pause verordnete, um das Vereinigte Königreich ungestört in einen EU-Austritt ohne Abkommen steuern zu können, nannte Bercow dies „einen verfassungsrechtlichen Skandal“. Dann hob der Höchste Gerichtshof die Suspendierung mit elf Stimmen einstimmig auf. „Elf zu null“, sagt Bercow auch Wochen später mit hörbarer Genugtuung.

Der gedemütigte Premierminister musste die Abgeordneten zurückrufen. Dann ließ Bercow einen Antrag auf eine Gesetzesänderung zu, der dem Premierminister einen Austritt ohne Abkommen per Parlamentsentscheidung untersagte. „Sei ein guter Junge!“, beschied Bercow Johnson während eines heftigen Redegefechts im Unterhaus. Der Regierungschef musste sich dem Ordnungsruf beugen und in Brüssel um eine Verlängerung der Verhandlungsfrist ansuchen.

Was er in Zukunft machen wird, kann John Bercow noch nicht sagen. Der Weg zurück in seine angestammte politische Heimat ist versperrt. Eine ironische Pointe liegt darin, dass der einst sozial-liberale Boris Johnson heute eine nach rechts gerückte
Tory-Partei führt, während Bercow, der politisch einst auf dem rechten Flügel begann, heute zur linksliberalen Mitte gezählt wird.

Die Abgeordnete des Wahlkreises in Nordlondon, in dem Bercow aufwuchs, hieß Margaret Thatcher. Als Student engagierte er sich im „Monday Club“, einem rechtsradikalen Verein, der sich gegen farbige Einwanderer aussprach. Doch als der stramme Tory seine spätere Frau Sally kennenlernte, die sich für die Labour-Party engagierte, begann seine politische Transformation. 2002 verließ er das Tory-Schattenkabinett, weil er nicht gegen den Vorstoß von Labour, unverheirateten Paaren die Adoption zu erlauben, stimmen wollte. Als er 2009 zum Speaker gewählt wurde, fürchteten einige seiner konservativen Kollegen bereits, dass sie es mit einem verkappten Linken zu tun hatten.

Temperament und Verletzlichkeit

Kritiker halten Bercow Selbstherrlichkeit vor. Im Parlament musste er sich einer Untersuchung stellen, weil Mitarbeiter ihm vorwarfen, sie schikaniert zu haben. Der temperamentvolle Mann hat oft Mühe, sich selbst zu zügeln, und versteckt sich gern hinter einem eleganten Wortgerüst. Doch immer wieder blitzt eine Verletzlichkeit durch, die nach so vielen Jahren im harten britischen Parlamentsgeschäft erstaunt. „Meine Kollegen in der konservativen Partei finden es hart, jemandem zu verzeihen, wenn er einen Fehler gemacht hat“, sagt Bercow: „Ganz unmöglich aber ist es, jemandem zu verzeihen, der recht hatte.“

Jetzt kann er sich endlich als „Remainer“ outen. „Der Brexit ist schlecht für unseren internationalen Status. Er ist der größte außenpolitische Fehler der Nachkriegszeit“, sagt Bercow.

Nach den Neuwahlen am 12. Dezember wird sich eine neue Mehrheit im Unterhaus konstituieren – entweder für oder gegen den EU-Austritt. Erhält jedoch keine Seite eine eindeutige Mehrheit, folgt noch mehr Chaos. John Bercow wird das Geschehen dann als Außenstehender verfolgen: „Selbst wenn ein Austrittsabkommen irgendwann angenommen wird, ist erst die Phase eins erledigt.“ Dann beginne die harte Arbeit: „Bis wir unsere Beziehungen zur EU geklärt haben, wird es fünf Jahre dauern. Oder zehn. Oder 15.“

Boris Johnson ist den widerspenstigen Widersacher im Parlament jedenfalls los. Zum neuen Speaker wurde der Labour-Abgeordnete Lindsay Hoyle bestimmt. War Bercow ein bellender Hund, der auch gerne mal zubiss, so ist die Wahl von Hoyle ein Zeichen dafür, dass die „Honourable Ladies and Gentlemen“ im Unterhaus wieder etwas mehr Zurückhaltung von ihrem Sprecher erwarten, auch politisch. Hoyle war der einzige Kandidat für den Posten des Sprechers, der nicht sagen wollte, wie er beim EU-Austritts-Referendum 2016 gestimmt hat.