Feuer in Australien: "Es ist zu spät, zu gehen"

Buschfeuer in East Gippsland

Buschfeuer in East Gippsland

Die in Wien lebende Journalistin Kim Traill über die Vernichtung des Naturparadieses ihrer Familie durch die Buschfeuer in Australien.

Die Natur Australiens war schon immer die große Leidenschaft meines Vaters. Alte Wälder, das Great Barrier Reef, gefährdete Tiere, seltene Pflanzenarten: Mein Vater hat sie gefilmt, fotografiert, studiert und gegen ihre Zerstörung protestiert – in der Sache so vehement, wie man es von diesem an sich so leisen und heute 84 Jahre alten Mann nicht erwarten würde.

Als er es sich leisten konnte, kaufte er 200 Hektar abgelegenes Buschland in Wangarabell, Region East Gippsland, im äußersten Osten des Bundesstaates Victoria. Das einzige Zeugnis von Zivilisation dort ist ein winziges Haus mit Solarzellen und Regenwassertank. In dieser Wildnis wanderte er bis spät in die Nacht mit einer Taschenlampe und suchte nach Possums, Zuckerseglern, Pinselschwanz-Phascogalen und Eulen. Er hat einen Baby-Nasenbeutler, Fledermäuse und Vögel aufgezogen. Riesige giftige Warane fraßen ihm aus der Hand.

Für ihn und für mich ist dieser Ort ein Heiligtum. Er verkörperte das unaufhaltsame Ringen darum, möglichst viel von der Umwelt seines geliebten Landes vor der Erschließung und zügellosen Abholzung zu retten.

Das war einmal.

Das E-Mail, das ich voller Angst erwartet hatte, kam am 2. Jänner. Wangarabell war auf drei Seiten von einer massiven, sich schnell bewegenden Feuerfront bedroht. Zum Glück war mein Vater nicht dort, sondern in unserem Familienhaus nahe Melbourne. Seiner Nachricht entnahm ich, dass er die Hoffnung aufgegeben hatte, dass sein Stück Paradies das Inferno, das derzeit East Gippsland verschlingt, überleben könnte. Nach Jahren der Dürre waren die Eukalyptusbäume ausgedorrt. Die Flammen wüteten unkontrolliert wie nie zuvor.

Seit die ersten Brände der Saison – viel früher als sonst – im September 2019 aufflammten, klebte ich jeden Tag an den Nachrichten. Freunde waren gezwungen, Häuser gegen die Brände zu verteidigen oder gar aufzugeben, weil sie evakuiert wurden. Fassungslos hatte ich ihre Geschichten gelesen, schockiert ihre Fotos und Videos betrachtet: rußschwarzer Mittagshimmel, Flammenwände, verkohlte Landschaften, verletzte und tote Wildtiere. Verängstigte Kinder und Erwachsene vor brennenden Bäumen, die über Straßen gestürzt waren und den Fluchtweg blockierten.

Und jetzt Wangarabell. Ein Ort, den ich kannte und liebte, war dabei, ausgelöscht zu werden.

Ich aktualisierte die Karte der Notfalldienste, die auf meinem Handy schon seit Tagen geöffnet war. Die dicken schwarzen Linien, die die Brandherde anzeigen, erweiterten sich stündlich. Die graue Zone der Zerstörung bedeckte allein in East Gippsland eine Fläche, die fast halb so groß war wie Österreich. Evakuierungswarnungen blitzten auf: „Sie sind in unmittelbarer Gefahr und werden betroffen sein.“

Über dem Grundstück meines Vaters stand ein Satz wie ein Todesurteil: „Es ist zu spät, zu gehen.“ Nur 25 Kilometer entfernt, in der Küstenstadt Mallacoota, waren Tausende von Einheimischen und Urlaubern an einen Strand geflüchtet, als eine Flammenfront Häuser und den umliegenden Nationalpark niederwalzte.

Buschfeuer sind Teil des australischen Lebens, aber die rekordverdächtigen Temperaturen und die Dürre der letzten Jahre haben die Gefahr auf ein neues Niveau gehoben.

Die Nachrichten aus meinem Land sind ein nicht enden wollender Strom apokalyptischer Bilder, verzweifelter Bitten um Hilfe für verletzte Koalas und andere einheimische Tiere – und vor allem vernichtender Kritik daran, dass der kohleliebende Premierminister Scott Morrison noch immer nicht auf Experten hört, die seit Jahren vor einer Krise wie dieser warnen.

Der Verlust ist unfassbar. 28 Menschen sind bereits tot, 2.000 Häuser und elf Millionen Hektar Land zerstört. Mehrere Tierarten wurden an den Rand des Aussterbens gedrängt. Wildtiere, die die Feuerstürme überlebt haben, drohen nun langsam zu verhungern. Und der Sommer ist noch nicht einmal zur Hälfte vorüber.

Ein gerettetes Känguru.

Ein gerettetes Känguru.

Und mein Vater? Der bereitet sich jetzt im Familienhaus nahe Melbourne auf das Schlimmste vor. Auch dort hat er über Jahre konsequent versucht, ein Vorstadt-Anwesen in Wildnis und ein Paradies für Kängurus und andere heimische Arten zu verwandeln – sehr zum Missfallen der Nachbarn. Und auch dieses Haus ist vom Feuer bedroht.

Nach Wangarabell wird er viele Wochen nicht kommen können. Die einzige Hauptstraße in East Gippsland ist blockiert. Kleinere Waldwege müssen erst geräumt werden. Und selbst wenn das geschehen ist, wird er bei sengender Hitze zehn Kilometer gehen müssen, um zu sehen, was von seinem Sehnsuchtsort geblieben ist. Aber die unheilvollen Punkte auf den digitalen Karten der Regierung zeigen die fast sichere Vernichtung aller Wildtiere an, die er seit Jahrzehnten zu schützen versucht hat. Und damit auch das Ende seiner Hoffnung. „Der Wendepunkt ist überschritten“, sagt er. Er kann die Trauer in seiner Stimme nicht verbergen.