Carl Bernstein über Trump: "Ein gewaltiger Moment in der amerikanischen Geschichte"

Carl Bernstein

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Carl Bernstein deckte den Watergate-Skandal auf, der US-Präsident Richard Nixon 1974 zum Rücktritt zwang. Die 73-jährige US-Reporterlegende über Donald Trumps jüngsten Eklat: die überraschende Entlassung von FBI-Direktor James Comey.

profil: Der US-Präsident feuert den FBI-Direktor, der gegen sein Umfeld ermittelt. Empfohlen wird ihm das vom Justizminister, der in dieselbe Affäre verstrickt sein soll. Welchen Stellenwert hat dieser Vorgang in der politischen Historie von Amerika?
Carl Bernstein: Man muss alle Ereignisse der Geschichte in ihrer Zeit sehen. Der Präsident feuerte die Person, die für eine Untersuchung verantwortlich war, die Aktivitäten seiner engsten Mitarbeiter betreffen könnte und vielleicht ihn selbst - das Wort "vielleicht“ ist wichtig. Es ist seit einiger Zeit klar, dass Trump alles getan hat, um eine enorm wichtige Untersuchung zu verhindern, zu untergraben und als unbedeutend darzustellen, die eine Destabilisierung des Wahlprozesses durch eine feindliche, ausländische Macht betrifft (gemeint sind Angriffe russischer Hacker während des US-Wahlkampfes gegen Hillary Clinton, Anm.). Das ist ein gewaltiger Moment in der amerikanischen Geschichte, wenn man die Beweise betrachtet, die von den verschiedenen Geheimdiensten gesammelt wurden. Die Vorstellung, dass der Präsident nicht alles macht, um dieser Untersuchung zu helfen, und sie stattdessen untergräbt, kann dazu führen, dass es wie eine Vertuschung aussieht.

profil: Der Rauswurf des FBI-Direktors James Comey wird mit Nixons "Saturday Night Massacre“ im Jahr 1973 verglichen. Damals entließ der Präsident einen Sonderermittler, der gegen ihn in der Watergate-Affäre ermittelte. Halten Sie diesen Vergleich für zulässig?
Bernstein: Es gibt Parallelen, aber auch wichtige Unterschiede. Damals gab es mehr Beweise für die Komplizenschaft des Präsidenten als derzeit. Wir kennen die Fakten nicht. Wir haben die Beweise nicht. Insofern vergleicht man Äpfel mit Orangen.

profil: Nach dem "Saturday Night Massacre“ bekam die Watergate-Affäre jenes Momentum, das zum Beginn eines Amtsenthebungsverfahrens gegen Nixon führte. Glauben Sie, dass Comeys Entlassung nun zu einem Momentum gegen Trump führt?
Bernstein: Ich bin Reporter. Ich konzentriere mich auf Dinge, die passieren, nicht auf welche, die passieren könnten. Offensichtlich ist diese Handlung brandstiftend, wir müssen nun sehen, was hinter dem Rauch steckt.

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profil: Hat es Trump mit den Medien einfacher als Nixon?
Bernstein: Wir leben in einem komplett anderen medialen Umfeld und in einer komplett anderen politischen Kultur. Die Menschen interessiert es heutzutage nicht mehr so sehr, nach der Wahrheit zu suchen. Sie suchen nach Informationen, die unterstreichen, was sie schon glauben. Sie wollen in ihrem Glauben bestärkt werden, anstatt nach der besten erhältlichen Version der Wahrheit zu suchen.

profil: Sollte Trump seines Amtes enthoben werden?
Bernstein: Wir müssen viel mehr wissen. Alles muss in einer Untersuchung mit offenem Ende aufgedeckt werden. Der Präsident muss in dieser Untersuchung kooperieren. Es gibt aber keinen Hinweis darauf, dass er das tun wird.