Das Wort Gottes: Der Koran bleibt bis heute rätselhaft

Das Wort Gottes: Der Koran bleibt bis heute rätselhaft

Der Koran ist die Richtschnur für ein Fünftel der Menschheit. Vieles darin bleibt bis heute rätselhaft, selbst für gläubige Muslime. Christa Zöchling über die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte eines hochbrisanten Buches.

Wer, wenn nicht die Jugend, darf auf Dispens hoffen für ein heißes Herz und eine radikale Gesinnung? Dafür zu sterben, ist freilich in unseren Breiten ein neues Phänomen, archaisch und romantisch zugleich. Es fügt sich zu Bildern, die uns erschrecken. Ein Video, das als besonders hip gilt und tausendfach geliked wird, zeigt einen bekannten Hassprediger aus Deutschland, der drohend den Zeigefinger auffährt und brüllt: "Die Umma brennt."

Die Umma ist die islamische Gemeinschaft. Auch über andere Begriffe aus dem Koran wie "shirk" (die Sünde der Vielgötterei),"shaitan" (der Satan) oder "kuffar" (die Ungläubigen) stolpert man neuerdings auf Facebook ebenso häufig wie über die Kürzel OMG ("Oh My God") und WTF ("What The Fuck") - zumindest solange man sich unter Halbwüchsigen bewegt.

Der ehemalige deutsche Rapper Deso Dogg, der sich den Terrormilizen der IS angeschlossen hat, rezitiert Verse aus dem Koran, mit denen nachgestellte Kampfszenen untermalt werden. IS-Krieger reiten wie Jedi-Ritter in schwarzer Montur mit hochgereckten Maschinengewehren in die untergehende Sonne. Blutjunge Kämpfer sterben mit einem glückseligen Lächeln auf den Lippen. Die Jungfrauen sind schon nahe, verkündet der Liedtext.

Das ist Pop-Dschihad, und er hat heitere Helden. Ihr Markenzeichen ist die kalligrafierte Schahāda, das islamische Glaubensbekenntnis auf schwarzem Tuch; "Dawlat al-Islam Qamat" ("Meine Gemeinde, die Morgendämmerung ist bereits angebrochen") heißt ihre inoffizielle Hymne im Internet: ein mit Pferdegetrappel und knallenden Schüssen unterlegter Gesang, der zu vielstimmigem Klang anschwillt. Die Melodie geht ins Ohr; sie hätte das Potenzial, in die Charts zu kommen.

Es ist noch immer eine kleine Minderheit, die tut, was andere nur gutheißen. Der Verfassungsschutz spricht derzeit von 160 Jugendlichen, die von Österreich aus nach Syrien und in den Irak aufgebrochen sind. Dutzende sind dort gestorben. Innerhalb des vergangenen Jahres hat sich ihre Zahl verdreifacht.

Die jugendlichen Dschihadisten berufen sich auf den Koran, als wäre er eine Einübung in den Tod. Sie hören Gott durch ihn sprechen. Sie halten von Menschen gemachte Gesetze für fehlerhaft und die Scharia für unfehlbar. Sie diskutieren im Internet, was erlaubt und verboten und wann ein Muslim verpflichtet ist, in den bewaffneten Kampf zu ziehen, wem Kriegsbeute zusteht, welche Frauen versklavt werden dürfen, wie viele Punkte man braucht, um ins Paradies zu gelangen, woran man einen Ungläubigen erkennt und wie mit ihm zu verfahren ist. Sie beteiligen sich an einem fundamentalistischen Aufstand gegen die Moderne, von der sie glauben, dass sie keine Verwendung für sie hat.

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ihre Hintermänner die modernsten Kommunikationstechnologien nützen und gleichzeitig eine Tradition verteidigen, die einst dem Buchdruck aus religiösen Gründen abschwor.

"Gewissensbisse erziehen zum Beißen", sagte der Philosoph Friedrich Nietzsche. In seiner konservativsten Ausprägung hat der Islam dem Christentum in der Erzeugung und Pflege schlechten Gewissens längst den Rang abgelaufen. Heute werden Koran und Sunna, die überlieferten Sprüche des Propheten, als Instrumente der Vollstreckung missbraucht.

Nach islamischem Selbstverständnis stand der Koran auf einer Tafel im Himmel geschrieben und wurde erstmals im Jahr 610 n. Chr. in der sogenannten "Nacht der Bestimmung" im neunten Monat des Mondjahres, dem Ramadan, auf einen glücklich verheirateten Kaufmann und Karawanenführer in Mekka, den späteren Propheten Mohammed, herabgesandt. Die göttliche Botschaft soll über zwei Jahrzehnte hinweg verkündet worden sein -in welcher Weise genau, ist unter Theologen umstritten. Mohammed selbst schilderte den Vorgang so: "Manchmal ist es wie das Läuten einer Glocke, und manchmal kommt der Engel Gabriel in Gestalt eines alten Mannes und spricht zu mir."

Da die Tafel laut einer weit verbreiteten Lehrmeinung als Ganzes vom Himmel kam, sind sowohl Inhalt als auch Form - die Verse in arabischer Sprache - göttlichen Ursprungs. Ein frommer Muslim darf den Koran, streng genommen, in keiner anderen als der arabischen Sprache lesen, geschweige denn rezitieren. Die Kinder müssen in islamischen Kindergärten und Schulen die Suren des Korans im Original auswendig lernen, auch wenn sie kein Wort davon verstehen. Eine Übersetzung darf nicht als "Koran" bezeichnet werden. Deshalb steht auf den Gratis-Exemplaren, die von Salafisten in Wiener Einkaufsstraßen verteilt werden, nicht schlicht "Koran", sondern "eine ungefähre Bedeutung des Korans".

Das Festhalten an der Göttlichkeit der Worte hatte für Sprache und Gesellschaft in der arabischen Welt schwerwiegende Folgen. Durch die sakrale Bedeutung, die der arabischen Hochsprache innewohnt, wurde ihre Entwicklung gehemmt, nahezu eingefroren. Die politischen Führer im Einflussbereich des Islam reden, sofern sie sich der Hochsprache bedienen, in altertümlichem Pathos. Wer immer das Arabische an die Moderne anpassen wollte, hatte den Vorwurf zu gewärtigen, sich an Heiligem zu vergreifen.

Der Koran umfasst 144 Suren, die nicht chronologisch, sondern ihrer Länge nach geordnet sind; die kürzeren stehen am Ende. Sie pendeln zwischen Aufrufen zur Gewalt und Ermahnungen zur Toleranz. Einige Suren wurden in Mekka offenbart, wo Mohammed unter den einander bekriegenden Stämmen, die allen denkbaren Göttern anhingen, eine kleine, verschworene Anhängerschaft um sich scharte; andere Suren kamen nach seiner Flucht nach Medina und der späteren Eroberung von Mekka zustande. Je nach Situation spiegeln sie Verfolgungswahn, Demütigung, Toleranz oder Rachedurst.

Die Kaaba in Mekka war zu Mohammeds Zeiten ein polytheistisches Heiligtum, in dem auch Bilder von Jesus und Maria hingen. Die Geschichten des Alten und Neuen Testaments wurden in die neue Religionsbewegung integriert. Die Suren, die in den Jahren kurz nach Mohammeds Flucht in Medina offenbart wurden, sind "friedlicher" als die späteren. Sie zielen auf Regeln des Alltags und des Zusammenlebens. Sie gründen auf dem, was schon da war, etwa die jüdische Halacha (arabisch: Scharia) mit ihren Reinigungsund Gebetsritualen und Essensvorschriften. Damals wurde auch noch in Richtung Jerusalem gebetet.

Im Laufe der Jahre und Kämpfe wurde die Sprache im Koran feindselig gegenüber Andersgläubigen. Juden und Christen waren nun "diejenigen, die Gott verflucht hat und denen er zürnt und von denen er einige zu Affen und Schweinen und Götzendienern gemacht hat".

Der Islam entstand in einer Zeit von Stammeskonflikten und wechselnden Bündnissen - eine Kriegsreligion, die am Ende die Oberhoheit gewann. Zu Lebzeiten des Religionsstifters gab es den Koran im eigentlichen Sinn noch nicht. Die erste Sammlung der Suren, die auf losen Blättern notiert worden waren, nahm der eifrigste Koranschreiber seiner Zeit, ein enger Gefährte Mohammeds, der auch dessen letzte Koranrezitation im Jahr seines Todes bezeugen konnte, in Angriff. Sieben Abschriften des Korans wurden hergestellt und in die wichtigen Städte des islamischen Einflussgebietes gesandt. Sie hatten weder Interpunktions-noch Vokalisierungszeichen, und da die arabische Schrift nur Konsonanten kennt, waren verschiedene Lesarten möglich, die durch den jeweils richtigen mündlichen Vortrag autorisiert wurden. Schon damals wurde vor der Fälschung der Worte des Propheten gewarnt. Der Kult der mündlichen Überlieferung stellt heute vielleicht das größte Problem für die Etablierung eines europäischen Islam dar.

Für Europäer ist der Koran seit jeher eine fremde Welt, keine einfache und schon gar nicht vergnügliche Lektüre. Liest man eine deutsche Übersetzung, staunt man bisweilen über die unzusammenhängenden Berichte, die Schlichtheit des Gesagten, ermüdende Wiederholungen, rätselhafte Metaphern und dunkle Dialoge, die offen lassen, wer das Wort an wen richtet.

Der französische Aufklärer Voltaire fand den Koran ein "unverständliches Buch, das den gesunden Verstand auf jeder Seite erschauern lässt". Der Orientfreund Johann Wolfgang von Goethe klagte über "grenzenlose Tautologien und Wiederholungen" und zeigte sich, "so oft wir auch daran gehen, immer von neuem angewidert". Zugleich aber konnte der Dichter eine gewisse Faszination nicht leugnen.

Muslime, die des Arabischen kundig sind, erleben den Koran anders. "Gott ist schön", nannte der deutsche Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani 2000 seine umfangreiche Studie über die Rezeptionsgeschichte des Korans: Schönheit und Vollkommenheit der Verse seien für Muslime in allen Zeiten der "stärkste Beweis für das Wunder der Offenbarung" gewesen. Der poetisch strukturierte Text werde in seiner musikalischen Rezitation als ästhetischer Genuss erlebt, mehr Rausch der Sinne als Erkenntnis.

Angeblich löste der Koran selbst bei jenen, die nicht Arabisch sprachen, einen Schauer aus, wenn sie ihn hörten. Wer nicht verführt werden wollte, musste sich wie Odysseus vor den Sirenen die Ohren zustopfen. So weit die Überlieferung. Aber auch ein Mythos kann die Gegenwart erhellen. Die Botschaft des Korans wurde mündlich weitergegeben, was ursprünglich in allen Religionen der Fall war, doch nur in der islamischen Welt war allein die Verbreitung über handschriftliche Kopien erlaubt. Nach einer kurzen Blüte der Wissenschaft und Künste vom 10. bis zum 13. Jahrhundert ging die europäische Aufklärung an der islamischen Welt sang- und klanglos vorüber. Der Historiker Dan Diner spricht vom "Niedergang der Kultur durch das Verbot des Buchdrucks".

Nach dessen Erfindung in Europa war das gedruckte Buch in der islamischen Welt drei Jahrhunderte lang verboten gewesen. Islamische Rechtsgelehrte hatten die Einführung der Druckerpresse aus religiösen Gründen verhindert. Während die im osmanischen Reich beheimateten Juden und Christen ihre Texte mechanisch vervielfältigten - bei den Juden wurden nur die liturgisch verwendeten Texte, etwa Thora-Rollen, weiter handschriftlich angefertigt -, verpasste der Islam die Revolution der Wissenskultur. 50 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks gab es bereits acht Millionen gedruckte Bücher, weit mehr, als alle Kopisten Europas in über 1000 Jahren in mühsamer Handarbeit jemals abgeschrieben hatten. Die Reformation war nicht vorstellbar ohne die gedruckte Lutherbibel.

Der Koran wurde erst im Jahre 1828 von Muslimen für Muslime mechanisch vervielfältigt, jedoch nicht in der als christlich geltenden Technik des Bleisatzes, sondern nach dem Prinzip der Lithografie. Das kam der Ästhetik des handschriftlichen Originals am nächsten. Bis heute wird der Koran nicht mit beweglichen Schrifttypen gedruckt, sondern photomechanisch vervielfältigt. Generell herrschte in der islamischen Zivilisation lange Zeit ein Misstrauen gegenüber allem Schriftlichen; es galt als unnatürlich, nicht authentisch.

Als Mohammed im Jahr 632 in Medina starb, hinterließ er keinen deklarierten Nachfolger, doch zigtausende "Hadithe", angeblich von ihm persönlich überlieferte Aussprüche mit detaillierten Anwendungen für alle Lebensbereiche. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen um die Interpretation seiner Lehre und zur Spaltung in die sunnitische und schiitische Richtung des Islam.

Die meisten Hadithe wurden im 1. Jahrhundert nach dem Tod Mohammeds aufgeschrieben, andere später. Es gibt lange Überlieferungsketten, in denen sich einer auf das Hörensagen des anderen beruft. Hadithe sind heute die Grundlage für die Koran-Exegese; sie werden "Offenbarungsanlässe" genannt. Man geht hierbei davon aus, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen einem bestimmten historischen Vorfall und einem Vers im Koran. Ein Hadith soll die Hintergründe der Botschaft erläutern: warum bestimmte Aussagen so und nicht anders "offenbart" wurden.

Freilich sind auch Hadithe eine Frucht der Ideologie, eingebettet in eine historische Situation und politische Machtverhältnisse. Salafisten berufen sich gern auf gewisse Hadithe, die den Alltag eines frommen Muslims reglementieren: Verbot von Instrumentalmusik, Ganzkörperverhüllung von Frauen, Bartpflicht und Ähnliches. Das üble Punktesystem, mit dem man angeblich den Eintritt ins Paradies erwirbt, geht auf solche Aussagen zurück; oder der sagenhafte Märtyrerlohn von 72 Jungfrauen, von denen jede ihrerseits 70 schöne Dienerinnen besitzt, die ebenfalls einem Märtyrer zur Verfügung stehen.

Hadithe sind nach islamischer Lehrmeinung nicht in den Worten Gottes überliefert und bieten deshalb mehr Interpretationsspielraum als der Koran. Reformorientierte Theologen und Islamwissenschafter stehen vor dem Problem, dass sie mit Texten umgehen, die göttlichen Charakter haben. Sie werden mit dieser Aufgabe weitgehend allein gelassen. Denn wer die theologisch fundierte Ansicht äußert, Gott habe zu Mohammed in Metaphern gesprochen, die auf die heutige Zeit zu übertragen sind, wird von konservativen Gelehrten im arabischen Raum schnell der Häresie bezichtigt und auch von hiesigen Konservativen im Stich gelassen.

Keine andere Religion in Westeuropa wächst so rasch wie der Islam. Dennoch gibt es seitens der Europäischen Union keine Bemühungen, einen Islam europäischer Prägung zu etablieren. Denn das würde Investitionen in den Aufbau theologischer Fakultäten und entsprechende Studiengänge erfordern.

Besonders schwierig wird eine Reform in feindlichem Umfeld und vergiftetem Klima, wenn Rechtsparteien ihr Mütchen an den Andersgläubigen in der Gesellschaft kühlen. Derzeit kursiert ein Film von Islamhetzern im Internet, der anschaulich zeigt, wie niederträchtig diese Gruppen agieren. Darin werden abwechselnd Bilder von friedlich betenden Muslimen in einer Moschee in Deutschland mit Propagandafotos der IS-Milizen verschnitten, darunter auch solche von ausgesuchter Brutalität. Eine Stimme leiert in deutscher Sprache Suren aus dem Koran herunter -nur die blutrünstigsten Passagen natürlich, und bewusst aus dem Kontext gerissen. Am Ende wird der Koran zerfetzt und im Klo hinuntergespült.

Wer so handelt, mag den Koran wohl gelesen haben, aber sicher nicht verstanden. Die allermeisten Österreicher haben ihn noch nicht einmal gelesen. All die erregten bis nervtötend akademischen Debatten über Islam und den Islamismus, die Gefahr des Terrorismus und Religionskriege in unseren Breitengraden bis hin zur Zukunft der Migration überhaupt, geführt in Zeitungen, Talkshows, am Arbeitsplatz und in der Familie oder im Freundeskreis, finden ohne Kenntnis der Sache selbst statt: jenes heiligen Buches, auf das sich alle Muslime berufen.