Der Koran: Verse für Krieg und Frieden

Der Koran: Verse für Krieg und Frieden

Aus dem Koran und seinen Begleittexten können Aufrufe zur Gewalt und Ermahnungen zur Toleranz herausgelesen werden - je nach Gusto, denn eine verbindliche Interpretation gibt es nicht.

Muslime haben ein Problem. Wer die Gewaltsprache im Koran stets kleinredet, indem er darauf hinweist, dass es auch "andere“ Stellen gibt, wird irgendwann nicht mehr ernst genommen. Wer sich dagegen kaum auskennt mit dem Koran und irgendwelchen Predigern auf den Leim geht, hat erst recht eines.

Nach islamischem Selbstverständnis stand der Koran auf einer Tafel im Himmel geschrieben und wurde erstmals im Jahr 610 unserer Zeitrechnung in der sogenannten "Nacht der Bestimmung“ im neunten Monat des Mondjahres, dem Ramadan, auf einen glücklich verheirateten Kaufmann und Karawanenführer in Mekka, den späteren Propheten Mohammed, herabgesandt. Die göttliche Botschaft soll über zwei Jahrzehnte hinweg verkündet worden sein - in welcher Weise genau, ist unter Theologen umstritten.

Der Koran umfasst 114 Suren (in 6660 Versen) die nicht chronologisch, sondern ihrer Länge nach geordnet sind; die kürzeren stehen am Ende. Sie pendeln zwischen Aufrufen zur Gewalt und Ermahnungen zur Toleranz. Einige Suren wurden in Mekka offenbart, wo Mohammed unter den einander bekriegenden Stämmen, die allen denkbaren Göttern anhingen, eine kleine, verschworene Anhängerschaft um sich scharte; andere Suren kamen nach seiner Flucht nach Medina und der späteren Eroberung von Mekka zustande. Je nach Situation spiegeln sie Verfolgungswahn, Demütigung, Toleranz oder Rachedurst. Der Islam entstand in einer Zeit von Stammeskonflikten und wechselnden Bündnissen - eine Kriegsreligion, die am Ende die Oberhoheit gewann. So sind auch die Suren zu lesen. Im Koran finden sich Verse für den Krieg wie für den Frieden. Einmal sind Andersgläubige, Christen und Juden "Leute der Schrift“, dann wieder diejenigen, "die Gott verflucht hat und denen er zürnt und von denen er einige zu Affen und Schweinen und Götzendienern gemacht hat“.

Dschihadisten berufen sich gern auf Verse aus der 4. Sure: "Wer auf dem Weg Gottes kämpft und wird getötet - oder siegt - dem werden wir gewaltigen Lohn geben“. Oder sie fühlen sich dadurch bestätigt, vermeintliche Apostaten und Abtrünnige massakrieren zu dürfen: "Wenn sie sich abkehren, dann ergreift sie und tötet sie, wo immer ihr sie findet“. Oder Sure 9: "Bekämpfe die Ungläubigen und die Heuchler und behandle sie hart.“

Die Attentäter von Paris berufen sich möglicherweise auf die 4. Sure, Vers 140 und wollten Gottes Willen etwas nachhelfen: "Er hat euch (doch) bereits im Buch offenbart: wenn ihr hört, dass man Allahs Zeichen verleugnet und sich über sie lus-tig macht, dann sitzt nicht mit ihnen (zusammen), bis sie auf ein anderes Gespräch eingehen. Sonst seid ihr ihnen gleich. Gewiss, Allah wird die Heuchler und die Ungläubigen alle in der Hölle versammeln.“

Als Mohammed im Jahr 632 in Medina starb, hinterließ er keinen deklarierten Nachfolger, doch zigtausende "Hadithe“, angeblich von ihm persönlich überlieferte Aussprüche mit detaillierten Anwendungen für alle Lebensbereiche.

Es gibt lange Überlieferungsketten, in denen sich einer auf das Hörensagen des anderen beruft. Hadithe sind heute die Grundlage für die Koran-Exegese; dazu gehören auch die sogenannten "Offenbarungsanlässe“, das sind Texte, die auf eine konkrete Situation eingehen, in der bestimmte Verse "offenbart“ wurden. Diese Art der Koran-Exegese ist bei konservativen Theologen im Verruf: zu empirisch, zu weltlich, zu banal.

Dabei könnten gerade diese Texte teilweise das Verständnis des Koran erleichtern. So kann etwa die auf den ersten Blick frauenfeindliche Passage 2. Sure, 223: "Eure Frauen sind für euch ein Saatfeld. Sie kommt zu eurem Saatfeld, wann und wie ihr wollt“ auch anders verstanden werden. Der "Offenbarungsanlass“ dazu berichtet nämlich von folgendem Disput unter Männern: "Eine Gruppe der Gefährten des Propheten unterhielt sich. Ein jüdischer Gelehrter hörte ihnen unbemerkt zu: Einer sagte: ‚Ich werde mit meiner Frau in liegender Stellung intim sein.‘ Ein anderer sagte daraufhin: ‚Meiner Frau werde ich stehend beiwohnen.‘ Der dritte meinte: ‚Ich werde mich meiner Frau kniend von der Seite nähern.“ Der jüdische Gelehrte war darüber so entsetzt, dass er seine Beherrschung verlor und die Menschen anschrie: ‚Ihr seid keine Menschen, sondern nur Tiere!‘ (…) Die Anhänger Mohammeds suchten nach diesem Vorfall den Propheten auf und konfrontierten ihn mit der Frage, ob der jüdische Gelehrte wohl recht hätte? Daraufhin kam dieser Vers und widersprach allen bis dahin gepflegten sexuellen Tabus im Eheleben.“ (Koran-Exegese nach Tabari).

Aus ähnlich überlieferten Berichten aus dieser Zeit weiß man, dass die Bürger von Mekka als Städter damals viel freier mit der Sexualität umgingen als die bäuerlich geprägten Bewohner von Medina.

Freilich sind auch Hadithe und selbst "Offenbarungsanlässe“ eine Frucht der Ideologie, eingebettet in eine historische Situation und politische Machtverhältnisse. Salafisten berufen sich gern auf gewisse Hadithe, die den Alltag eines frommen Muslims reglementieren: Verbot von Instrumentalmusik, Ganzkörperverhüllung von Frauen, Bartpflicht, die körperliche Züchtigung von Kindern, ab welchem Alter man Kinder schlagen darf und mit welchen Gegenständen. Das Punktesys-tem, mit dem man angeblich den Eintritt ins Paradies erwirbt, geht ebenso auf Hadithe zurück wie der sagenhafte Märtyrerlohn von 72 Jungfrauen, von denen jede ihrerseits 70 schöne Dienerinnen besitze, die ebenfalls einem Märtyrer zur Verfügung stehen.

Islamische Theologen, welche die Ansicht äußern, Gott habe zu Mohammed in Metaphern gesprochen, die auf die heutige Zeit übertragen werden müssen, werden von Gelehrten im arabischen Raum schnell der Häresie bezichtigt. Solche Lehrmeinungen haben es auch in Europa nicht leicht. Der österreichische Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide wurde wegen seines 2013 erschienenen Buches "Islam ist Barmherzigkeit“ von Dutzenden muslimischen Verbänden in Deutschland angegriffen und aufgefordert seine Professur zurückzulegen. Ähnlich ergeht es dem Wiener Religionspädagogen Ednan Aslan, der meint, es genüge nicht, wenn sich Muslime von Terrorattentaten dis-tanzieren. "Wir müssten uns von den religiösen Inhalten distanzieren, auf die gewaltbereite Muslime sich berufen.“ Aslan ist wegen solcher Aussagen Shitstorms von konservativen muslimischen Pressuregroups ausgesetzt und bekommt Morddrohungen.

Ranja Ebrahim, wissenschaftliche Assis-tentin des Studiengangs, möchte manchmal verzweifeln, wenn sich Befürworter und Gegner des Islam gegenseitig Suren aus dem Koran an den Kopf werfen, um die eigene Position zu untermauern: "Es gibt verschiedene Auslegungsarten. Die salafistische Auslegung lässt keine Interpretation zu und nimmt es wörtlich. Aber auch viele andere klassische Auslegungen sind das Produkt politischer Interessen und Macht. Es ist kaum möglich, etwas gut darzustellen, was in einer Kriegssituation entstanden ist.“

Wie etwa sollte man auch die 5. Sure, Vers 33, gutheißen, die da lautet: Wer Krieg führt gegen Gott, solle "getötet oder gekreuzigt werden“, dem sollten "Hände und Füße wechselseitig abgehackt werden“.