Flüchtlinge: Was ist wirklich los im Lager Idomeni?

Flüchtlingslager Idomeni

Flüchtlingslager Idomeni

Das Elend wirft Fragen auf: Mehr als 10.000 Flüchtlinge harren in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze aus. Warum tun sie das?

Warum harren die Flüchtlinge unter widrigsten Umständen im Lager von Idomeni aus?

Das Lager liegt unmittelbar an der mazedonischen Grenze. Es war nur ein Durchgangslager, bis die Staaten nördlich von Griechenland ihre Grenzen abschotteten. Mazedonien ist fest entschlossen, die Sperre aufrechtzuerhalten – und Durchbrüche notfalls auch mit nicht-letalen Waffen zu verhindern. Die Flüchtlinge harren aus, weil sie immer noch daran glauben, dass sich der Übergang irgendwann doch öffnen wird.

Wie erklärt sich diese auf den ersten Blick irrationale Erwartung?

Viele der Menschen in Idomeni haben Erfahrungen hinter sich, vor deren Schrecken die Zustände in Idomeni verblassen. Dazu gehören Belagerungen mit ständigen Luftangriffen auf Wohngebiete und Hungersnot; lange Wanderungen durch unwegsames Terrain im syrisch-türkischen Grenzgebiet. Menschen aus dem Nahen Osten haben oft die Erfahrung gemacht, dass Grenzübergänge und Checkpoints über Wochen geschlossen sein können und dann völlig willkürlich von Behörden und Milizen geöffnet werden.

Hätten die Flüchtlinge in Idomeni überhaupt Alternativen?

Im Prinzip schon, zumindest auf individueller Basis. Die griechische Regierung hat in den vergangenen Wochen neue Aufnahmekapazitäten in Nordgriechenland und Athen geschaffen. Das Idomeni am nächsten gelegene Lager auf dem Flugplatz von Nea Kavalla ist bereits voll, soll aber ausgebaut werden. Würden jedoch plötzlich alle 10.000 bis 12.000 Flüchtlinge in Idomeni entscheiden, in eines der regulären Camps zu ziehen, dann würde das nicht funktionieren. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt freilich bei null. Zudem hält der Flüchtlingszustrom weiter an. Im März kamen im Schnitt rund 1250 Asylsuchende pro Tag nach Griechenland. Mit Stand vergangenen Donnerstag befanden sich 44.000 Flüchtlinge im Land, 9000 davon auf den Inseln.
Könnten die Flüchtlinge Premierminister Tsipras’ Angebot folgen und sich in Verteilungszentren
registrieren lassen?

Die Registrierung in Verteilungszentren wäre für die Flüchtlinge erst dann einigermaßen attraktiv, wenn auf die Registrierung auch eine Verteilung auf andere europäische Länder folgte. Eine solche steht aber in den Sternen. Im vergangenen Herbst beschloss der EU-Rat, 160.000 Flüchtlinge aus Italien und Griechenland über Europa zu verteilen – bisher ist das erst in etwas mehr als 600 Fällen geschehen. Ein weiteres Problem besteht darin, dass immer noch sehr viele Flüchtlinge ausdrücklich nach Deutschland wollen – zumeist, weil sie Verwandte haben, die schon dort sind.

Kinder im Flüchtlingslager Idomeni

Kinder im Flüchtlingslager Idomeni

Von wem werden die Flüchtlinge in Idomeni versorgt?

Idomeni wird ausschließlich von NGOs versorgt. Federführend ist die Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF), die mit 180 Mitarbeitern und Freiwilligen vor Ort ist. MSF hat wetterfeste Großzelte aufgestellt und mobile Toiletten, Wasserstellen und Wasch-Container hingebracht. Sie bezahlt griechische Unternehmen, die den Müll wegbringen und die Klos reinigen, und sie betreibt eine kleine Klinik für medizinische Versorgung. Flüchtlinge, die keinen Platz mehr in den Großzelten fanden, haben von Ärzte ohne Grenzen kleine Camping-Zelte und Decken erhalten. Zahllose griechische und internationale NGOs und Freiwillige helfen bei der Essensversorgung. Sie verteilen Sandwiches und Obst, betreiben Suppenküchen und schenken Tee aus. Das UN-Flüchtlingshilfswerk Unhcr ist nur als Beobachter und Anlaufstelle für Asylberatung präsent.

Woher bekommen die Flüchtlinge Informationen und woher stammt das Flugblatt des „Kommandos Norbert Blüm“?

Viele haben Smartphones und Tablets dabei und informieren sich, kommunizieren und verabreden sich über das Internet, über soziale Foren und Applikationen wie WhatsApp. Andere sind wiederum völlig uninformiert und folgen dem, was die anderen machen. Vor dem sogenannten „March of Hope“ – dem am vergangenen Montag gescheiterten Versuch, in großer Zahl über die „grüne Grenze“ nach Mazedonien durchzubrechen – diskutierten junge syrische Männer ein, zwei Stunden lang im Zentrum des Lagers. Sie bildeten dann die Spitze des Marsches. Das ominöse Flugblatt mit der Skizze einer Fluchtroute und der Aufforderung in arabischer Sprache, in Massen die Grenze zu übertreten, war zu diesem Zeitpunkt nicht erkennbar in Umlauf.

Über die Urheberschaft des Flugblattes gab es bis zu Redaktionsschluss keine gesicherten Erkenntnisse. Die Signatur „Kommando Norbert Blüm“ ließ den Verdacht auf Elemente der deutschen autonomen Szene fallen, aus der tatsächlich viele junge Leute als freiwillige Helfer nach Idomeni gekommen sind. Es könnte aber auch ein Geheimdienst dahinterstecken, dessen Spezialisten die Expertise haben, den Jargon der Autonomen zu imitieren. Norbert Blüm, der frühere deutsche Arbeitsminister der CDU, der in Idomeni aus Solidarität mit den Flüchtlingen übernachtet hat, weist jegliche Verantwortung von sich. Der griechische Premier Alexis Tsipras nannte die Aufforderung, die Grenze unter widrigen Umständen zu überqueren, einen „inakzeptablen Vorfall“.

Die drei Flüchtlinge, die beim Versuch, nach Mazedonien zu gelangen, ertranken, waren nicht mit dem organisierten „March of Hope“ unterwegs, sondern bereits zuvor alleine aufgebrochen.

Ist zu erwarten, dass Flüchtlinge aus Resignation aufgeben?

Bis jetzt nicht nicht in signifikanter Zahl. Nur wenige ziehen ab, mindestens ebenso viele Neuankömmlinge treffen ein. Gleichzeitig ist auch zu beobachten, dass mehr und mehr Flüchtlinge verschwinden: Der große Zug löst sich in kleine Gruppen auf, die – wie schon vor der Eskalation der Krise – mithilfe von Schleppern über die Grenze gelangen.