"Schrecklich alltäglich": Internationale Pressestimmen zu Chemnitz

"NZZ": Fähigkeit zu differenzieren muss bewahrt werden - "de Volkskrant": Eine Machtdemonstration der extremen Rechten - "Komsomolskaja Prawda": In Chemnitz gießen alle Öl ins Feuer.

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Die Ausschreitungen in Chemnitz beschäftigen auch Kommentatoren im Ausland. Einige Pressestimmen im Überblick:

"Neue Zürcher Zeitung":

"Der Begriff "Nazi" ist im Deutschen nicht steigerungsfähig. Er markiert das Ende jedweder Gemeinschaft. Denn was soll man mit einem Nazi noch besprechen? Er gehört bekämpft, mit allen Mitteln. Das ist die Lehre der Geschichte. Wer die Sachsen als Nazis und Nazi-Kollaborateure beschimpft, drückt damit aus, dass er sie als Mitbürger aufgegeben hat und sie am liebsten wegsperren würde.

Dies ist nicht die Sprache von wehrhaften Demokraten, sondern von Hysterikern. Sie relativiert nicht nur auf schwer erträgliche Weise die Verbrechen der Nationalsozialisten, sie sorgt auch dafür, dass sich die Moderaten unter den Angegriffenen radikalisieren. Diese Gefahr gilt es zu bannen. Die demokratische Mitte der Gesellschaft muss sich die Fähigkeit zu differenzieren bewahren. Die Gewalttäter gilt es zu ächten, die Übrigen gilt es zu überzeugen."

"de Volkskrant" (Amsterdam):

"Die Ausschreitungen zeigen, dass die Unterstützung für die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel begrenzt ist. Sie verdeutlichen ein gestiegenes Gefühl der Unsicherheit, aber auch die immer offener gezeigte Fremdenfeindlichkeit. Und sie sind eine Machtdemonstration der extremen Rechten. Nicht zuletzt wird in solchen Fällen auch die Ohnmacht der Polizei ein Diskussionsthema. (...)

Das Zusammengehen von Rechtsextremisten und Hooligans in Ostdeutschland ist berüchtigt. Kritiker werfen dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) seit Jahren vor, dieses Problem zu bagatellisieren und ohnehin zu viel Verständnis für die ängstliche und feindselige Haltung gegenüber Flüchtlingen aufzubringen. Eine Kritik, die nach den Ereignissen in Chemnitz nur noch zunehmen wird."

"Komsomolskaja Prawda" (Moskau):

"Bei den Demonstrationen gingen die Bürger auf die Straße - alteingesessene Deutsche. Es waren normale Menschen, einfache Arbeiter, die auf die westliche Toleranz mit Ratlosigkeit schauen. Die Menschen forderten, dass die Regierung ihre Migrationspolitik ändert oder zumindest strenge Kontrollen für das von Flüchtlingen überschwemmte Land einführt.

Öl ins Feuer goss aber auch eine andere Seite - linke Aktivisten, die bei Demonstrationen Rassismus sogar im Tragen von Nationalfahnen sehen. Sie haben mit alternativen Protesten begonnen, die beinahe in eine Schlacht zwischen "Rechten" und "Linken" gemündet ist. Bei dem ganzen Lärm ist nicht ersichtlich, wer wen geschlagen haben soll. (...) Und das offizielle Berlin gibt - natürlich - die ganze Schuld der "xenophoben" Gesellschaft."

"La Vanguardia" (Madrid):

"Kanzlerin Merkel hat die gewalttätigen Ereignisse ohne Umschweife kritisiert. Anders als das Verbrechen, das diese ausgelöst hat - ein Streit zwischen verschiedenen Menschen - haben diese Ausschreitungen eine deutlich ausländerfeindliche Komponente (...) Die Kanzlerin hat recht. Es ist unbestreitbar, dass die Migrationskrise, der Merkel mit einer humanitären Haltung begegnet ist, unerwünschte Effekte hat. Es ist ebenso unbestreitbar, dass die Fähigkeit Europas zur Aufnahme von Flüchtlingen begrenzt ist.

Aber die Haltung der Kanzlerin kann keine andere sein. Man darf nicht tolerieren, dass Ultrarechte auf Kundgebungen sich selbst zum "Volk" ernennen, da die große Mehrheit der Deutschen eine ganz andere Sicht der Dinge hat. Und man kann auch nicht akzeptieren, dass diese Demonstranten bei ihren Krawallveranstaltungen Losungen wie diejenige der "Lügenpresse" ausrufen, die seinerzeit von den Nazis erfunden und benutzt wurde. Das Migrationsproblem ist derzeit in Europa schwerwiegend. Aber es werden nicht die Fremdenfeinde und Nazi-Nostalgiker mit ihrer Jagd auf Ausländer sein, die dieses Problem lösen."

"Tages-Anzeiger" (Zürich):

"Angriffe von Rechtsextremen auf Ausländer sind in Deutschlands Osten schrecklich alltäglich. In kleinen sächsischen Städten wie Freital, Heidenau, Clausnitz oder Bautzen hat es in den vergangenen zwei Jahren ebenfalls pogromhafte Jagden gegeben wie nun in Chemnitz. Besonders an dem Vorfall von Sonntag sind vor allem die Größe des Mobs, dessen straffe Organisation und die Tatsache, dass er die Straßen einer ziemlich großen Stadt an einem Wochenendnachmittag in Besitz zu nehmen wagte, als sich auch viele unbeteiligte Passanten dort aufhielten."

"La Repubblica" (Rom):

"Als die Neonazis die Hand zum Hitlergruß hoben, war die Situation in Chemnitz schon außer Kontrolle. (...) Der Tag der harten Zusammenstöße zwischen Demonstranten der extremen Rechten und Antifaschisten endete mit einigen Verletzten. Das, was in der Stadt - die ironischerweise einst Karl-Marx-Stadt hieß - passiert ist, sind Szenen, die man in Deutschland seit längerem nicht gesehen hat. Und die Neonazis haben sich für ihr Treffen - weitere Ironie - ausgerechnet die Statue des Vaters des Kommunismus ausgesucht."

"Kommersant" (Moskau):

"Von Ausländern begangene Straftaten sind in Deutschland in den vergangenen Jahren immer wieder Hauptnachrichtenthema gewesen. Knapp ein Jahr nach den massenhaften Angriffen auf Frauen in Köln in der Silvesternacht wurde in Freiburg ein Afghane festgenommen, der eine 19-jährige Studentin vergewaltigt und ermordet hatte. 2017 überfiel ein Palästinenser, der in Deutschland kein Asyl bekommen hatte, einen Supermarkt in Hamburg, erstach einen Menschen und verletzte sechs. In diesem Sommer gelang es den deutschen Behörden, einen irakischen Flüchtling zurückzuholen (Anm. für sein Gerichtsverfahren), der in Wiesbaden ein Mädchen ermordet hatte."