70 Jahre Israel: Ein Staat für das jüdische Volk

70 Jahre Israel

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Hightech-Nation und "Villa im Dschungel": 1948 verliest David Ben-Gurion die Unabhängigkeitserklärung Israels. Der Konflikt mit den Palästinensern bleibt ungelöst.

Nach dem Grauen des Holocaust ging 1948 für Juden aus aller Welt der uralte Traum von einer eigenen Heimstätte in Erfüllung: Trunken vor Freude tanzten Tausende nach Israels Staatsgründung auf den Straßen, um das "Wunder" zu feiern. "Wir waren völlig aus dem Häuschen vor Freude", erinnert sich der Holocaust-Überlebende Chaim Kozienicki an den Moment, als Staatsgründer David Ben Gurion am 14. Mai in Tel Aviv die Unabhängigkeitserklärung verlas.

Doch unmittelbar danach griffen fünf arabische Staaten Israel an. Der heute fast 90-jährige Kozienicki hatte damals das Ghetto Lodz und das KZ Stutthof bei Danzig überlebt, aber seine Familie im Holocaust verloren. Trotz "Magengrimmen" meldete der junge Mann sich freiwillig bei der Armee, um für den neuen jüdischen Staat zu kämpfen.

70 Jahre Israel

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Für die Palästinenser bedeutete der Freudentag der Juden eine Katastrophe. Rund 700.000 Palästinenser mussten im Zuge der israelischen Staatsgründung fliehen oder wurden vertrieben. Die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge und ihrer Nachfahren ist heute auf mehr als fünf Millionen angewachsen. Denn sie können als einzige ihren Flüchtlingsstatus an die nächste Generation "vererben".

Auch Nachfahren, die in Flüchtlingslagern in den Palästinensergebieten oder umliegenden arabischen Staaten leben, fordern daher ein "Recht auf Rückkehr" auf israelisches Staatsgebiet. Israel lehnt dies ab, weil es aus seiner Sicht die Zerstörung des jüdischen Staates bedeuten würde.

Die Zahl von Juden und Arabern im Bereich des historischen Palästina zwischen Mittelmeer und Jordan ist heute etwa gleich, wie die israelische Cogat-Behörde jüngst mitteilte - jeweils etwa 6,5 Millionen. Das Thema Demografie ist in der Region besonders sensibel, weil es weitreichende Auswirkungen auf die Zukunft beider Völker hat.

Seit mehr als 50 Jahren hält Israel das Westjordanland besetzt, die Zahl der Siedler dort und in Ost-Jerusalem ist bereits auf etwa 600.000 angewachsen. Mitglieder der rechts-religiösen Regierung wollen, dass Israel sich Teile des Westjordanlands einverleibt. Damit wäre das Ziel eines unabhängigen Palästinenserstaates wohl endgültig vom Tisch. Wegen seiner Palästinenserpolitik wird Israel international stark angefeindet, die BDS-Bewegung ("Boycott, Divestment and Sanctions"/"Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen") setzt sich für einen Boykott ein.

Der Konflikt zwischen den beiden Seiten ist bis heute ungelöst - immer neue Anläufe zu einer endgültigen Friedensregelung in der Region liefen ins Leere. Die innere Spaltung der Palästinenser macht das Problem noch komplizierter. Binnen eines Jahrzehnts hat Israel sich mit der im Gazastreifen herrschenden radikalislamischen Hamas drei Kriege geliefert.

Sechs Nahostkriege

Seit 1860 sind mehr als 23.500 israelische Soldaten, Zivilisten und jüdische Untergrundkämpfer im Konflikt um den Landstrich am Mittelmeer getötet worden. Sechs Nahostkriege tobten seit 1948 in der Region, zwei Palästinenseraufstände forderten auch Tausende von Todesopfern auf der anderen Seite.

Trotz des Dauerkonflikts hat sich das kleine Israel in den 70 Jahren seit dem Tag seiner Geburt vom sozialistischen Agrarstaat zur hochmodernen Start-up-Nation entwickelt. In dieser Zeit hat sich die Zahl der Einwohner mehr als verzehnfacht - von 806.000 auf mehr als 8,8 Millionen. Etwa drei Viertel davon sind Juden, gut 20 Prozent Araber. Israels Zentrales Statistikbüro erwartet, dass das Land an seinem 100. Geburtstag mehr als 15 Millionen Einwohner haben wird. Denn Israel hat die höchste Geburtenrate der westlichen Welt - mit durchschnittlich drei Kindern pro Frau.

Das ist besonders erstaunlich, weil Israel nicht nur mit externen, sondern auch mit internen Problemen zu kämpfen hat. Während des 20. Jahrhunderts gab es in Israel noch eine klare Mehrheit säkularer, westlich orientierter Juden. Diese ist jedoch zunehmend geschrumpft.

In einer Aufsehen erregenden Rede sprach Präsident Reuven Rivlin 2015 von einer "neuen Ordnung" in Israel mit "vier Stämmen": Strengreligiöse Juden, nationalreligiöse Juden, säkulare Juden und Araber. Entlang dieser Grenzen ist auch das Bildungssystem getrennt - die Kinder der einzelnen Gruppen besuchen eigene Schulen. Die Gräben vertiefen sich immer weiter. Israelis kämpfen zudem mit extrem hohen Lebenshaltungskosten und einer großen Kluft zwischen Arm und Reich.

Start-up-Stadt Tel Aviv

Dennoch bescheinigte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) der israelischen Wirtschaft zuletzt eine "bemerkenswerte Performance, mit starkem Wachstum, niedriger Arbeitslosigkeit und soliden öffentlichen Finanzen".

Aufzug einer israelischen Flagge in Jerusalem im Jahr 1948.

Aufzug einer israelischen Flagge in Jerusalem im Jahr 1948.

Das leichtlebige Tel Aviv gilt heute als Zentrum für Start-ups, in kaum einer anderen Stadt werden so viele neue Unternehmen gegründet. Reisegruppen aus aller Welt kommen in die Küstenmetropole, um sich vom unerschrockenen Gründergeist der Israelis inspirieren zu lassen.

In Israel gibt es fast 6000 Start-ups und rund 300 Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen multinationaler Unternehmen. Unterstützt wird die Szene von Inkubatoren und Acceleratoren und mehr als 370 Investoren. Der bisher größte Deal in Israels Hightechindustrie war der Kauf von Mobileye, das auf Roboterauto-Kameras spezialisiert ist. 15,3 Milliarden Dollar (12,4 Mrd Euro) zahlte der US-Chip-Gigant Intel für das Unternehmen aus Jerusalem.

"Villa im Dschungel"

Der frühere Regierungschef Ehud Barak hat den Begriff von Israel als "Villa im Dschungel" geprägt: Ein hochmodernes Biotop, umgeben von feindseligen, unberechenbaren Nachbarn. "Es ist ein Ort, an dem andere Gesetze gelten - es gibt keine Hoffnung für jene, die sich nicht verteidigen können und keine Gnade für die Schwachen", sagte Barak schon 1996, damals Außenminister.

Israel sei "das Bollwerk der Freiheit im Nahen Osten", sagte Regierungschef Benjamin Netanyahu im vergangenen Jahr. Im "Kampf der Zivilisationen" wollten radikale Islamisten Israel zerstören und dann die Welt erobern, meint er.

Für Yossi Beilin, einen der Architekten der Friedensabkommen mit den Palästinensern, gibt es jedoch auch heute keine Alternative zu einer Friedenslösung in der Region. "Ich denke, in den kommenden zehn Jahren wird es eine Entscheidung geben", sagte Beilin. "Die Situation so beizubehalten, wird unmöglich." Ideal wäre seiner Meinung nach ein Staatenbund zwischen Israel und einem unabhängigen Palästina. Zwei Staaten, die durch Einrichtungen, etwa in der Landwirtschaft oder der Infrastruktur, verbunden sind.

Diese Vision könnte wohl nur Wirklichkeit werden, wenn es nicht nur ein endgültiges Abkommen mit den Palästinensern gäbe, sondern auch die arabischen Staaten Israel anerkennen würden. Die Gründung des "zionistischen Gebildes", wie Israels Feinde das Land nennen, war auch der Beginn einer tiefen Feindschaft und mehrerer Kriege mit den Nachbarn. Ägypten und Jordanien schlossen zwar vor Jahren Friedensverträge mit Israel - doch das Verhältnis bleibt unterkühlt.

Ausgerechnet ein gemeinsamer Gegner könnte zur einer Annäherung der beiden Seiten führen: Israel und das sunnitische Königreich Saudi-Arabien sind dem schiitischen Iran gleichermaßen feindlich gesinnt und wollen dessen Einfluss in der Region zurückdrängen. So ist zu erklären, dass der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman kürzlich den Israelis das Recht auf einen eigenen Staat zubilligte - überraschende Worte aus dem Mund eines arabischen Herrschers.

Allerdings hatte schon der mittlerweile verstorbenen saudische König Abdullah 2002 eine Friedensinitiative vorgeschlagen, die eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und der arabischen Welt vorsieht. Das arabische Gipfeltreffen vor einem Jahr in Jordanien bekräftigte den Plan noch einmal. Für viele Anführer der Region spielt das Schicksal der Palästinenser längst nur noch eine untergeordnete Rolle. Das zeigten auch die vergleichsweise schwachen arabischen Proteste gegen die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen.