Israelische Siedler im Westjordanland: Die Landnehmer

Eljakim und Deborah Haetzni. "Wir sind so glücklich hier."

Eljakim und Deborah Haetzni. "Wir sind so glücklich hier."

50 Jahre nach der Besetzung des Westjordanlandes sind die israelischen Siedler nicht mehr nur eine kleine, radikale Minderheit. Porträts von Menschen, die keinen Frieden mit Palästina schließen wollen.

"Hier ist die Endstation der Juden."

Eljakim Haetzni, 90

Eljakim Haetzni führt mit seiner Frau Deborah durch Haus und Garten. Feigen, Oleander und von der Terrasse eine prachtvolle Aussicht über die Hügel des Westjordanlandes und auf die Stadt Hebron. Haetzni ist 90 Jahre alt, 62 davon war er mit Deborah verheiratet. Er sprüht vor jugendlicher Begeisterung. "Wir sind so glücklich hier", sagt er auf Deutsch: "Es erfüllt mich mit Freude, dass wir Teil eines Abenteuers sind, das einmalig ist in der Geschichte der Menschheit."

Der israelische Rechtsanwalt meint damit nicht allein das zionistische Experiment. 1926 in Kiel geboren, floh er mit seinen Eltern Ende 1938 vor den Nazis nach Palästina. Er wurde Rechtsanwalt und baute den Staat Israel mit auf. Nach 2000 Jahren Diaspora ins gelobte Land zurückzukehren, noch dazu in einen demokratischen Staat mit jüdischem Charakter - das war an sich schon ein kolossales Projekt, für das es sich zu kämpfen lohnte.

Doch Haetzni hat es nicht dabei belassen. Im Juni 1967 eroberte die israelische Armee im Zuge des Sechstagekrieges das Westjordanland. Und da, sagt er, "traf es mich wie ein elektrischer Schlag. Wir konnten endlich zurück nach Hebron!" So begann die Geschichte der israelischen Siedlerbewegung. Was anfangs eine kleine radikale Gruppe von Pionieren war, ist heute auf rund zehn Prozent der jüdischen Bevölkerung Israels herangewachsen. In den ersten Monaten nach dem Sechstagekrieg erlaubte die israelische Regierung keine Ansiedlungen von israelischen Zivilisten im Palästinensergebiet. Politisch war man sich nicht sicher, ob man das Land gegen Frieden mit den arabischen Nachbarn tauschen oder lieber als Sicherheitszone besetzen sollte. Doch die nationalistische, religiös verbrämte Begeisterung von Siedler-Aktivisten wie dem Agnostiker Eljakim Haetzni und seinem ultraorthodoxen Gleichgesinnten Rabbi Mosche Levinger war stärker als die unentschlossene Regierung. Nachdem sie als Touristen ins palästinensische Parkhotel in Hebron gekommen waren, um dort das Pessachfest im April 1968 zu feiern, weigerten sie sich, nach Israel zurückzufahren.

Hebron ist nicht zufällig zum Brennpunkt des Nahostkonfliktes geworden. Hier im historischen Judäa liegt das Grab von Abraham, dem biblischen Stammvater. Dieser ist sowohl Juden als auch muslimischen und christlichen Palästinensern heilig. Schon deshalb herrscht um das Grab Abrahams und seiner Frau Sarah ein echtes Gedränge.

Das moderne Hebron ist eine palästinensische Stadt, in der immer eine orthodoxe jüdische Minderheit lebte -bis 1929, als von arabischer Seite ein Massaker an 67 Juden verübt wurde. Für Siedler wie Eljakim Haetzni war die Rückkehr der Juden nach Hebron deshalb von höchster Priorität. Er hat seine erste Heimat Deutschland wegen der Nazis verloren. Das soll die letzte von vielen Vertreibungen in der Geschichte des Judentums gewesen sein: "Hebron darf nie wieder verloren gehen." Egal, ob damit ein möglicher Kompromiss mit den Palästinensern untergraben wird. In allen Plänen für eine Zweistaatenlösung ist Hebron als Teil von Palästina vorgesehen.

In der Stadt selbst leben heute 200.000 Palästinenser und 500 israelische Siedler. Um Letztere aus der Innenstadt von Hebron hinauszukomplimentieren, schlug die Armeeführung Anfang der 1970er-Jahre vor, eine Siedlung am Stadtrand zu gründen. Die Haetznis zogen 1972 dort ein. Vor ihrem Haus ist heute eine Bushaltestelle. Leben in der Vorstadt eben. Der radikale Kern der israelischen Siedler hat allerdings auch die Häuser in der Innenstadt von Hebron nie verlassen. Unter schwerer Armeepräsenz kämpfen sie dort Jahr für Jahr um jeden Zentimeter . "Verstehen Sie?", fragt Siedlerführer Haetzni rhetorisch: "Die Endstation der Juden ist hier."

"Dieses Land gehört uns."

Manya Hillel, 39

Manya Hillel trägt die Mode der nationalreligiösen Siedlerinnen. Ein farbiges Kopftuch, dazu wadenlanger Rock und Schlabber-T-Shirt. Fast immer in unmittelbarer Nähe: ein Kinderwagen. Die 39-Jährige hat sechs Kinder und eine Berufung. Sie will mit ihrer Präsenz Tatsachen in diesem umstrittenen Land schaffen. Manya kam vor 15 Jahren mit ihrem Mann David, der im Eigenverlag religiöse E-Bücher verlegt, nach Amona. Dieser Vorposten von Ofra in Samaria in der Westbank liegt eine halbe Stunde nördlich von Jerusalem auf einem Hügel mit Blick über das Jordantal. "Araber leben nicht, so wie wir, oben auf den Hügeln. Sie bauen ihre Dörfer unten im Tal."

Die Palästinenser bauen zwar lieber windgeschützt im Tal, was aber nicht heißt, dass sie keinen Anspruch auf die Hügel erheben -genau wie die arabischen Besitzer, denen der Oberste Gerichtshof nach einem gemeinsam mit der israelischen NGO Jesch Din (Es gibt ein Gesetz) ausgefochtenen Verfahren recht gegeben hat.

Manya Hillel. "Die Araber sollen die Suppe auslöffeln, die sie sich selbst eingebrockt haben."

Manya Hillel. "Die Araber sollen die Suppe auslöffeln, die sie sich selbst eingebrockt haben."

Nach jahrelangem Gezerre wurde Manyas Haus im Februar dem Erdboden gleichgemacht. "Ich habe die kleinen Kinder vorher weggebracht, sie sollten das nicht mitansehen müssen", erzählt die Siedlerin mit Tränen in den Augen. Stromleitungen, Mauern - alles weg. "Dort drüben ist es", seufzt die Mutter und zeigt auf einen Hügel in der Ferne. Doch da steht nur noch die Gartenmauer. Die Hillels sind mit Sack und Pack im benachbarten Ofra untergekommen, in zwei kleinen Gästezimmern ohne Küche und Bad. "Es ist so hart", sagt die Siedlerin erschöpft.

Die Regierung hat Entschädigung versprochen, aber passiert ist bisher nichts. Warum gibt sie den Kampf gegen die eigene Regierung nicht auf, packt ihre Kinder ins Auto und fährt eine Stunde Richtung Westen? An der Küste könnten sie und ihre Sprösslinge sich doch vom Kampf um das biblische Land erholen. Manya Hillel versteht die Frage nicht. Es gibt keine Waffenpause in diesem Krieg der Zivilisten, die um das Land kämpfen, als ginge es um ihr Leben. So unterschiedlich die israelischen Siedler sind, eines verbindet sie alle: die Überzeugung, das Westjordanland sei ihr Land. Je länger sie bleiben, umso tiefer wird dieses Gefühl. Je weniger die israelischen Regierungen der Bewegung entgegensetzen, umso geringer werden die Chancen auf eine Zweistaatenlösung.

Die Kinder von Manya Hillel werden wie sie in einer Siedlung aufwachsen. Sie sind die dritte Generation der israelischen Siedler seit dem Sechstagekrieg 1967. Die Hillels werden in Ofra ausharren, bis ihnen ein neuer Außenposten winkt. "Wir haben den Sechstagekrieg nicht begonnen. Die Araber sollen die Suppe auslöffeln, die sie sich selbst eingebrockt haben", sagt sie mit fester Stimme: "Dieses Land gehört uns."

Weitere Porträts lesen Sie im profil 21/2017 vom 22. Mai 2017