Helmut Kohl (1930–2017): Der schwarze Riese

HELMUT KOHL: Im Wendejahr 1989 ergriff der deutsche Kanzler den Mantel der Geschichte mit beiden Händen.

HELMUT KOHL: Im Wendejahr 1989 ergriff der deutsche Kanzler den Mantel der Geschichte mit beiden Händen.

Rendezvous mit der Geschichte: Zum Tod von Helmut Kohl (1930–2017).

Wer in den 1980er-Jahren vorausgesagt hätte, der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl werde einmal als großer Staatsmann in die Geschichte eingehen, wäre verlacht worden. Vergangenen Freitag ist Kohl im Alter von 87 Jahren verstorben und wird nun in unzähligen Nachrufen und Trauerbekundungen gerade als das gerühmt: als der Politiker, der Deutschland wiedervereinigt, fest in Europa verankert und der Welt die Angst vor den Deutschen genommen hat.

Wie wurde seinerzeit über den rheinland-pfälzischen CDU-Ministerpräsidenten gespottet, der 1982 dem sozialdemokratischen Hanseaten Helmut Schmidt im Kanzleramt gefolgt war. Die Satire-Zeitschrift „Titanic“ karikierte den groß gewachsenen, übergewichtigen Politiker als runde Birne mit Brille. Dem so verspotteten katholischen Provinzpolitiker, über dessen dröge verlispelte Reden man sich lustig machte, hätte niemand zugetraut, bestenfalls mehr zustandezubringen, als Deutschland anständig zu verwalten.

Dann kam das Wendejahr 1989. Und Helmut Kohl agierte auf der Höhe der Zeit. Er ergriff den Mantel der Geschichte mit beiden Händen. Ihm gelang etwas, was kaum jemand für möglich gehalten hätte: Kohl erreichte die Zustimmung der vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges zur Wiedervereinigung Deutschlands und dessen Einbindung in die NATO.

Er war der "Kanzler der Einheit": Helmut Kohl ist tot

Damals wurden auch die Weichen für die Zukunft der EU gestellt. Die Angst vor einem deutschen Sonderweg war nach wie vor groß. Der französische Präsident François Mitterrand stimmte der Wiedervereinigung nur unter der Bedingung zu, dass Europa zu einer „Vertiefung der Wirtschafts- und Währungsunion“ voranschreite.

Und so geschah es: Entgegen der allgemeinen Stimmung in Deutschland, wo die Menschen an ihrer D-Mark als nationalem Identifikationssymbol hingen, sagte Kohl Ja. Und so stand er an der Wiege des Euro. Die Perspektive der gemeinsamen Währung sollte zur Triebfeder der sich in den 1990er-Jahren beschleunigenden Integration Europas werden. Andererseits: Die Entscheidung für die monetäre Einheit Europas war eine politische und keine ökonomische. An diesem Geburtsfehler des Euro laboriert die EU bis heute.


Nicht zuletzt Kohls klar proeuropäische Orientierung war ein Grund dafür, dass in Deutschland, im Unterschied zu anderen europäischen Ländern, radikale nationalistische Strömungen lange Zeit kaum eine Chance bekamen.

Der so biedere und scheinbar gemütliche „schwarze Riese“ hatte sich als mutiger und entscheidungsstarker Staatsmann mit einem klaren politischen Kompass erwiesen. Für ihn war die europäische Einigung ein historischer Imperativ. Das unterschied ihn von späteren Politikergenerationen. Und er verstand, wie wichtig die Versöhnung Deutschlands mit seinem „Erbfeind“ Frankreich war.

Nicht zuletzt Kohls klar proeuropäische Orientierung war ein Grund dafür, dass in Deutschland, im Unterschied zu anderen europäischen Ländern, radikale nationalistische Strömungen lange Zeit kaum eine Chance bekamen. Rechtspopulisten oder Rechtsexteme, die anderswo sogar in Regierungen sitzen, gelangten nicht einmal in die Nähe von Parlamentsmandaten.

Helmut Kohl war von 1973 an ein Vierteljahrhundert lang Vorsitzender der CDU, von 1982 bis 1998 „Langzeitkanzler“. Die Grundlagen für die Erfolgsgeschichte, die Deutschland nicht nur zur ökonomischen, sondern auch zur politischen Führungsmacht Europas machte, wurden zweifellos in der Kohl-Ära geschaffen.

Dass Helmut Kohls Abgang vor 19 Jahren von einer undurchsichtigen Parteispendenaffäre überschattet wurde, schmälert seine historische Bedeutung nicht. Es war Angela Merkel, die sein politisches Ende besiegelte. Dennoch steht sie als seine Erbin, der man anfangs auch kaum Großes zutraute, auf Kohls Schultern. Wir befinden uns – wie in den Jahren 1989/1990 – in einer Wendezeit. Auch jetzt sind Rendezvous mit der Geschichte angesagt. Es wird sich zeigen, ob die heute Verantwortlichen, so wie Kohl damals, zu diesen Treffen pünktlich erscheinen.