Der Vater, die Kinder - und Josef, der Geist

Der Vater, die Kinder - und Josef, der Geist

Ein Tischler aus Oberösterreich, ein abgeschiedener Hof in den Niederlanden und eine siebenköpfige Familie ohne Kontakt zur Außenwelt: Die Hintergründe des bizarren Falls von Ruinerwold.

"Spookgezin": auf Niederländisch heißt das "Geisterfamilie". Am Sonntag, dem 13. Oktober, tauchte ein verwahrloster junger Mann in einem Gasthaus der niederländischen Gemeinde Ruinerwold auf wie ein Gespenst aus einer anderen Welt.

Der 25-jährige Jan van D. erklärte dem geschockten Wirt unter Tränen, er werde seit Jahren unter menschenunwürdigen Bedingungen auf einem nahegelegenen Hof festgehalten - gemeinsam mit einem bettlägrigen Vater und fünf Geschwistern, die angeblich unter der Fuchtel eines Österreichers namens Josef B. standen. Seither beschäftigt die "Geisterfamilie", wie der Fall in den Niederlanden umgehend genannt wurde, nicht nur die Behörden, sondern auch Sektenexperten und Psychologen. Ein religiöser Endzeitkult? Ein Verbrechen wie jenes des Josef Fritzl, der im niederösterreichischen Amstetten seine Tochter und sieben durch Vergewaltigung gezeugte Kinder im Keller eingesperrt hatte? Das, was in Ruinerwold vor sich ging, hat Elemente von beidem und ist doch nicht damit vergleichbar. Welche Rolle Josef B. dabei spielt, ist bislang aber nur ansatzweise klar.

Der Lebenslauf des mittlerweile 58-Jährigen konnte vorerst ebenfalls nur lückenhaft rekonstruiert werden: 1961 in Waldhausen (Bezirk Perg, Oberösterreich) geboren. Tischlerlehre in Grein an der Donau, danach Bundesheer. Er lässt sich in Wien nieder und zieht später nach Japan, wo er auch heiratet. Angeblich stammen aus dieser Beziehung Zwillingstöchter. Nach dem Jahr 2000 kehrt B. wieder nach Oberösterreich zurück und bezieht in der Gemeinde Pabneukirchen ein kleines Bauernhaus, das er von seiner alten Tante auf Leibrente geerbt hat. In diesem "Sacherl" richtet er sich eine kleine Tischlerwerkstatt ein. "Einmal hat er uns seine Dienste angeboten. Abgesehen davon, dass er ins Gemeindeamt gekommen ist, um seinen Meldezettel auszufüllen, war das aber der einzige Kontakt", erinnert sich Bürgermeister Johann Buchberger gegenüber profil.

"Recht alternative Lebensweise"

"Er schwebte durch den Ort wie ein Phantom", wird der langjährige Hauptschuldirektor Josef Kaiserreiner in den "Oberösterreichischen Nachrichten" zitiert. "Er war ein cleverer Bursche, aber mit einer recht alternativen Lebensweise. Das ist schon aufgefallen. Und mit den Zimmerleuten auf der Baustelle ist er recht forsch umgegangen", berichtet dort ein Nachbar über Josef B.

Nach und nach verkauft er die Grundstücke rund um das "Sacherl". Das sei unangenehm aufgefallen, sagt ein Gemeindevertreter. Die Leute tuscheln. Es ist von Schulden die Rede und von einem Religionskult. "Er war bei einer Sekte, ist sich selber besser vorgekommen als der Jesus", sagt sein Bruder Franz gegenüber der "Krone". Um welche Gruppierung es sich handeln könnte, bleibt allerdings unklar.

Von seiner Familie kapselt sich Josef B. jedenfalls immer mehr ab. Als Jahre später seine Mutter stirbt, können ihn seine Verwandten nicht mehr ausfindig machen.

Auffallend isoliert

2010 verlässt Josef B. Pabneukirchen und wandert in die Niederlande aus. Dort dürfte er aber bereits Jahre zuvor Fuß gefasst haben. Er mietet sich in einem Reihenhaus in der Kleinstadt Hasselt ein. Nebenan wohnt Gerrit-Jan van D. mit seiner Frau und neun Kindern - schon damals sehr zurückgezogen. Der Niederländer ist ein ehemaliger Anhänger der Vereinigungskirche (auch bekannt als "Moon-Sekte"), hat diese Bewegung nach Angaben seines Bruders Derk van D. aber bereits 1987 im Streit verlassen und anschließend auch mit seiner Familie gebrochen. Wim Kotsier, Pressesprecher der niederländischen Vereinigungskirche, sagt gegenüber profil, dass Gerrit-Jan van D. laut Erzählungen von älteren Gemeindemitgliedern eine eigene Gruppierung habe gründen und auch anführen wollen.

Spekulationen über aktuelle Verbindungen zur Vereinigungskirche lassen sich vorerst jedenfalls nicht belegen. Was man bislang von den Verhältnissen in Ruinerwold weiß, passt ohnehin nicht zu dieser Bewegung: "Bei ihren Anhängern findet man eher keine weltabgewandten Aussteiger und Selbstversorger", sagt Sektenexpertin Schiesser: "Weltumspannende Bewegungen wie die Vereinigungskirche sind zudem sehr auf ihren Ruf bedacht." Sprich: Sie wollen mit Spinnern, wie es die Bewohner des abgelegenen Hofes wohl waren, am besten nicht in Verbindung gebracht werden.

Van D. ist wie Josef B. im Holzhandwerk tätig, beide tragen langes Haar und auffällige Vollbärte. Man freundet sich an, der Kontakt wird immer enger; erst recht, nachdem die Mutter der Familie 2004 an Krebs erkrankt und stirbt. "Im Garten wurde eine Verbindungstür installiert, damit man jederzeit von einem Grundstück auf das andere gelangen konnte", berichtet eine Nachbarin gegenüber dem "Kurier". In einer Gesellschaft wie der niederländischen , in der - nicht zuletzt wohl auch aus calvinistischer Tradition - Wert auf maximale Offenheit nach außen gelegt wird, fällt die Isolation der Familie umso mehr auf. Irgendwann schlägt sogar ein Schuldirektor der Kleinstadt Alarm, weil die Kinder das Haus kaum verlassen. Währenddessen kommen Josef B. und die van D.s wohl durch Tischlerarbeiten und als fahrende Händler über die Runden. Unter anderem verkaufen sie laut der Zeitung "de Volkskrant" Holzspielzeug und Kleinmöbel auf diversen Märkten. Wo und wie der Österreicher und die niederländische Familie in dieser Zeit leben, darüber gehen die Angaben auseinander.

Drei Kinder flüchten

Jener Sohn von Gerrit-Jan van D., der vor wenigen Tagen den Fall ins Rollen gebracht hat, berichtet auf Facebook, er sei 2005 und 2008 umgezogen. Gesichert scheint nur, dass 2010 alle gemeinsam den abgeschiedenen Hof in Ruinerwold übernehmen und sich endgültig von der Welt verabschieden. Alle, bis auf Josef B.: Er eröffnet in einer nahegelegenen Kleinstadt wieder einmal eine Tischlerei und macht per Wohnwagen Kundenbesuche.

Auf dem von Bäumen und Hecken blickdicht umgebenen Anwesen legt die Kommune einen Selbstversorgergarten an und hält Nutztiere. Dass offenbar keines der Familienmitglieder dort polizeilich gemeldet ist, könnte erklären, warum die bizarren Verhältnisse auf dem Gehöft den Behörden in den vergangenen neun Jahren nicht aufgefallen sind.

Bereits ein Jahr nach der Übersiedelung nach Ruinerwold flüchten drei Kinder von Gerrit-Jan van D. aus der Isolation und wenden sich an die Geschwister ihres Vaters. Diese fallen aus allen Wolken, als sie erfahren, wie groß die Familie inzwischen geworden ist. Kontakt mit Gerrit-Jan suchen sie aber nicht. "Er hat uns geraten, keinen Versuch zu unternehmen, seinen Wohnort aufzusuchen", heißt es in einer nunmehr von ihnen abgegebenen Erklärung.

Welche Ideen hinter dem Rückzug nach Ruinerwold standen, bleibt vorerst nebulös. Religiöse Überzeugungen hätten für die Kommune zwar eine Rolle gespielt - allerdings nicht die entscheidende. Das berichtet die niederländische Zeitung "De Telegraaf" unter Berufung auf einen Drucker aus der Kleinstadt Meppel, der mit seinem Betrieb im gleichen Gewerbegebäude eingemietet war wie Josef B. mit seiner Tischlerei. Das Weltbild des Österreichers sei geprägt von der Angst vor übermächtigen Konzernen und Regierungen, gentechnisch veränderten Pflanzen, Chemie in der Nahrung, Gift im Wasser und in der Luft. "An das Ende der Welt hat er nicht geglaubt, soweit ich weiß. Aber er wollte seine Welt beschützen, damit er niemanden brauchte. Er wollte die Farm autark machen", zitiert "De Telegraaf" den Mann.

Wer kontrollierte wen?

Möglicherweise sei es auch nicht Josef B. gewesen, der über die Gruppe herrschte - sondern vielmehr Gerrit-Jan van D., der inzwischen nach einem Schlaganfall ans Bett gefesselt ist.

Seine sechs verbliebenen Töchter und Söhne lebten - als Erwachsene im Alter zwischen 18 und 25 Jahren - jedenfalls in einem abgetrennten Bereich des Bauernhofs, in dem sie sich eigene Räumlichkeiten eingerichtet hatten. Schulen besuchten sie nicht, ärztliche Betreuung blieb ihnen versagt. Die niederländischen Behörden ermitteln unter anderem wegen Freiheitsberaubung und Misshandlung, Josef B. und Gerrit-Jan van D. sind derzeit in Haft. Ob die beiden Männer die sechs Mädchen und Burschen auf dem Gehöft einkerkerten oder mit psychischem Druck dafür sorgten, dass sich keiner von ihnen nach draußen wagte, wissen derzeit nur die Betroffenen selbst. "Vielleicht war die Familie in gewisser Weise eingesperrt, aber nicht bei verschlossener Tür", mutmaßt der Drucker. Dazu würde auch passen, dass die Isolation nicht vollständig war oder im Laufe der Zeit brüchig wurde. Im vergangenen Sommer begann einer von Gerrit-Jans Söhnen, der 25-jährige Jan, im Internet aktiv zu werden. Anfang August postete er Informationen über ein Projekt zur "kreativen Verwendung" von Holz. Auch Zugang zu einem Smartphone hatte der junge Mann offenbar. Anfang Oktober scheint Jan zum ersten Mal seit neun Jahren den Bauernhof verlassen zu haben. Offenkundig wusste er nicht, wo er sich befand: Am vorvergangenen Samstag stellte er zwei spät abends oder nachts gemachte Fotos ins Netz - eines von einem Backsteingebäude, möglicherweise einer Kirche, mit der Frage: "Wo wurde dieses Bild aufgenommen?" Und ein zweites, auf dem das Ortsschild von Ruinerwold zu sehen ist.

Am Sonntagabend betrat er schließlich ein Gasthaus in der Gemeinde. Trank fünf Bier. Bat dann den Wirt um Hilfe. Und brach in Tränen aus.