Wie Kim lernte, die Bombe zu lieben

Kim Jong-un nach einem Test der Rakete "Hwasong-14".

Kim Jong-un nach einem Test der Rakete "Hwasong-14".

Mit jedem neuen Raketentest, den Nordkorea durchführen lässt, steigt die Angst vor einem Atomkrieg – nicht nur in Asien, auch in den USA. Dem unberechenbaren Diktator in Pjöngjang kommt das sehr gelegen.

Es gibt wenige Despoten, über die sich so gut lachen lässt wie über Kim Jong-un. Die Pausbacken, die Topffrisur, der wuchtige Körper: Mit seinem kindlichen Grinsen sieht der nordkoreanische Führer aus wie ein überzeichneter Comic-Bösewicht. Seine aus der Zeit gefallene Propagandamaschine erledigt den Rest: Kim sei ein Meisterschütze, der beste Golfspieler der Welt – und im Übrigen ein Heiliger. Dazu kommen unzählige Fotos, auf denen der pummelige Diktator mal ernst, mal leutselig zu sehen ist; im Hintergrund drängen sich Militärs mit riesigen Uniformkappen und notieren eifrig in ihre Blöcke.

Ein übler Diktator – aber eben auch eine Witzfigur.

Deswegen war es nicht weiter verwunderlich, dass viele die Schulter zuckten, als Nordkorea vor einer Woche wieder einmal einen Raketentest durchführte: Eine Hwasong-14 flog 47 Minuten und landete nach mehr als 900 Kilometern vor der Küste Japans. Die meisten europäischen Zeitungen berichteten routiniert, auf Twitter und Facebook wurde gescherzt. Kann man das ernst nehmen? Warum sollte Nordkorea die Welt - und damit auch sich selbst - an den Abgrund bringen, indem es einen Krieg anzettelt? Die nordkoreanische Dauerkrise klingt für hiesige Ohren wie eine Geschichte aus einer längst überlebten Vergangenheit, als an jeder Ecke der Welt stalinistische Diktatoren von Atombomben träumten, um damit den kapitalistischen US-Satan in die Knie zu zwingen. Damals ging ja alles gut - warum sollte es jetzt anders sein?

Ganz anders wird die Situation in den Vereinigten Staaten bewertet. "Die dringlichste und gefährlichste Bedrohung für Frieden und Sicherheit ist Nordkorea", ließ US-Verteidigungsminister John Mattis im Juni wissen - nicht etwa der islamische Terrorismus, der Iran, Syrien, Jemen, Irak oder Afghanistan. Der Ex-General gilt im Gegensatz zu Donald Trumps impulsiven Polit-Marionetten als erfahrener Mann. Auch unter Politanalysten, Diplomaten und Thinktank-Strategen steht Nordkorea an erster Stelle der Agenda. "Das schlimmste Problem auf Erden", titelt das US-Magazin "The Atlantic" in seiner aktuellen Ausgabe. "Es könnte passieren", titelte der britische "Economist" am Freitag, darunter die Illustration eines Atompilzes, aus dem die Gesichter Kims und Trumps aufsteigen.

Ist das Panik? Berechtigte Sorge? Gar Kriegsgeheul?

Die "Demokratische Volksrepublik Korea" – wie das Land offiziell heißt – ist selbst ein riesiges Fragezeichen. Viel wird geredet und geschrieben, doch so gut wie nichts lässt sich überprüfen. Was über das Land bekannt ist, stammt oft aus Geheimdienstberichten, Analysen der Staatspropaganda, Erzählungen von Überläufern oder Satellitenaufnahmen. Und die wenigen, die Nordkorea besuchen dürfen, können nie sicher sein, was sie zu sehen bekommen und warum.

Von der Hauptstadt Pjöngjang aus herrscht die Familie Kim in dritter Generation über einen totalitären Staat, der einen Großteil seiner Energie, seiner Zeit und seines Gelds dafür verpulvert, eine militarisierte Gesellschaft aufzubauen. Rund 25 Millionen Menschen leben in diesem System, das von Staatsgründer Kim Il-sung nach dem Zweiten Weltkrieg erdacht wurde und auf einer bizarr anmutenden Mischung aus Realsozialismus und Privatmythologie basiert.

In diesem Staat wurde Kim Il-sung zu einer Art Gott verklärt. Es gibt viele Gründe, warum die Welt seinen Enkel Jong-un ernst nehmen sollte.

1. Die Nordkoreaner sind technisch sehr weit

Rund 30 Minuten würde es dauern, bis eine von der koreanischen Halbinsel gestartete Interkontinental-Rakete die amerikanische Westküste erreicht. Einen derartigen Marschflugkörper will das Regime am 29. Juli erfolgreich getestet haben. Aufgrund seiner steilen Flugbahn landete die Rakete vor der Küste Japans. Wäre sie in einem flacheren Winkel abgeschossen worden, hätte sie Los Angeles oder sogar Chicago erreichen können, mutmaßen US-Experten. Sie sprechen von einem "Game Changer", einem Wendepunkt. Ein atomarer Angriff auf US-amerikanisches Festland erscheint durchaus möglich.

Ganz so schnell dürfte es aber noch nicht gehen. Erstens ist nicht klar, wie zuverlässig Kims Raketen funktionieren. Zweitens sind die Nordkoreaner wohl noch nicht in der Lage, einen Nuklear-Sprengkopf zu bauen, der so klein ist, dass er auf eine Interkontinental-Rakete passt. Drittens dürfte es Probleme geben, diesen Sprengkopf so zu schützen, dass er beim Sturzflug auf sein Ziel nicht vorzeitig auseinanderbricht.

Wann diese drei Hindernisse überwunden sind, weiß niemand. Die Schätzungen reichen von 2018 bis 2020. Das Regime in Pjöngjang hat seine Anstrengungen in den vergangenen Monaten jedenfalls merklich erhöht; seit Neujahr testete es im Schnitt alle zwei Wochen eine Rakete. Was nach einigen ruhigeren Jahren der Grund dafür sein könnte, ist unklar. Die Lernkurve der nordkoreanischen Atomraketentechniker soll aber steil nach oben zeigen.

Unabhängig davon stehen Tausende Artilleriegeschütze bereit, um die südkoreanische Hauptstadt Seoul in Schutt und Asche zu legen, sollte sich Kims Herrscherclique bedroht fühlen. Die Zehn-Millionen-Einwohner-Metropole liegt nur wenige Dutzend Kilometer von der gemeinsamen Grenze entfernt – und damit ähnlich nahe wie Wien an Bratislava.

Nordkoreas Interkontinentalrakete, Hwasong-14

2. Sie werden noch weiter kommen

Können die USA in dieser Situation verhindern, dass Kim eine atomar bestückte Rakete bauen lässt, deren Reichweite den Pazifik überwindet? Die Antwort: Kaum, wenn die Regierung in Washington nicht Millionen Menschenleben riskieren will.

Der US-Präsident befehligt die größte Armee der Welt - ein Feldzug gegen Nordkorea würde allerdings einen hohen Preis fordern. Der "Atlantic" klopfte in seiner Covergeschichte drei denkbare militärische Optionen ab: einen Angriffskrieg, die gezielte Bombardierung von Raketensilos und gewagte Kommando-Aktionen, um Kim und dessen Führung auszuschalten. Das Ergebnis in jedem Szenario: Chaos, gewaltige Flüchtlingswellen und Millionen Tote.

Gerüchteweise versuchen die USA auch, die nordkoreanischen Raketen von außen zu sabotieren. Dies habe die Entwicklung vielleicht verzögert, aber nicht aufgehalten. Unternimmt Washington gar nichts, wird Kim Jong-un seine interkontinentale Nuklearrakete bauen und damit immer gefährlicher werden. Ob die USA das zulassen können, hängt auch davon ab, ob ihre Eliten glauben, dass ein Krieg mit Kims Regime vermieden werden kann oder über kurz oder lang gar unausweichlich ist.

3. Kim Jong-un braucht die Bombe

Ein Problem in der Krise rund um Nordkorea ist der oberste Führer selbst. Bis heute besteht das, was über die Biografie von Kim Jong-un bekannt ist, aus Bruchstücken und Gerüchten. Lange war nicht einmal sein Geburtsdatum eindeutig klar. Er und seine Brüder sollen Privatschulen in der Schweiz besucht haben, doch selbst das ist umstritten. Die Geheimniskrämerei dient dazu, einen Mythos um die drei Männer der Familie Kim zu zimmern, der sie gottgleich macht. Als Großvater Kim Il-sung geboren wurde, habe ein Stern hell geleuchtet, heißt es in den Annalen; als er starb, sei die Sonne vom Himmel gefallen. Was der Staatsgründer berührte, wurde zur Reliquie erklärt, wenn er sich bei seinen Wanderungen auf Steinen niederließ, wurden sie geflissentlich umzäunt.

Es ist ein Kult, der auf Außenstehende absurd wirkt. Das muss aber nicht bedeuten, dass Kim Jong-un selbst an die ihm zugeschriebene Allmacht glaubt und deswegen irrationale Entscheidungen trifft. Das Atomwaffenprogramm kann – aus seiner Sicht – als vernünftiger Zug betrachtet werden: Das Drohpotenzial dient ihm als Überlebensversicherung und Trumpf in zukünftigen Verhandlungen.

In den 1990er-Jahren sah es so aus, als könnte ein nuklear bewaffnetes Nordkorea mit den Mitteln der Diplomatie in die Schranken gewiesen werden. Doch die Nordkoreaner schummelten und George W. Bush reihte das Land 2003 neben dem Iran und dem Irak in die "Achse des Bösen" ein – das Regime in Pjöngjang schreckte auf. Als Kim Jong-un nach dem Tod seines Vaters Kim Jong-il Ende 2011 an die Macht kam, hatte er das Schicksal von Saddam Hussein und Muammar Gaddafi vor Augen. Ersterer hatte nie Atomwaffen besessen, der andere seine einschlägigen Ambitionen im Gegenzug für Handelsdeals aufgegeben – beide wurden vom Westen oder mithilfe des Westens gestürzt. Das sollte den paranoiden Kims nicht passieren. Noch unter Kim Jong-il fand im Jahr 2006 der erste nordkoreanische Atombombentest statt, bis heute folgten vier weitere.

Menschen in Pjöngjang beobachten die Übertragung eines Tests.

4. China wird sich nicht gegen Kim stellen

Kann die Staatengemeinschaft Sanktionen verhängen? Ja, und sie tut es bereits. Nur scheinen sie nicht sehr viel zu bringen. In der Vergangenheit bewies das Regime zudem, dass es bereit ist, sein Volk weit über die Grenze des Unerträglichen hinaus leiden zu lassen. Bislang kam es damit auch durch.

In den 1990er-Jahren mussten die Nordkoreaner für die Ziele der Kims sogar eine lange Hungersnot erdulden. Mit dem Ende der Sowjetunion brach damals nicht nur die Wirtschaft ein, sondern auch der sowjetische Schutzschild, auf den Pjöngjang zählen konnte. Kim Jong-il rüstete auf, das Volk darbte für den Führer. Wie viele Menschen damals starben, ist nicht genau geklärt.

Heute spielt China in dem Konflikt eine besondere Rolle. Es ist heute der größte Handelspartner des Landes: 85 Prozent der Importe kommen über die nördliche Landesgrenze, der wichtigste ist Öl. Drehen die Chinesen den Hahn zu, würde das Regime unter massiven Druck geraten. Allerdings scheint Peking kein besonderes Interesse daran zu haben. Dafür werden von Beobachtern drei Gründe genannt: Ein Regimewechsel in Pjöngjang könnte die koreanische Halbinsel ins Chaos stürzen, die Chinesen müssten sich auf Millionen Flüchtlinge einstellen. Zweitens fürchtet Peking ein wiedervereinigtes Korea, das vom wirtschaftlich starken Süden – und damit von US-Alliierten – dominiert würde.

Drittens dürfte China in Nordkorea nicht ein so großes Problem sehen wie die USA. Ein stabiler Nachbar ist ihnen offenbar lieber als ein weniger verrückt erscheinendes Regime in Pjöngjang. Sollte Kim doch einmal jemanden angreifen, ist es aus Chinas Sicht zudem besser, wenn die Raketen nicht auf Peking zielen.

Nordkorea verschärft mit Raketentest Spannungen mit den USA

5. Die USA und Nordkorea verhandeln nicht

Sollten es die Nordkoreaner schaffen, ihr Nukleararsenal einsatzfähig zu machen, ergibt sich eine Situation wie jene, die lange den Kalten Krieg beherrschte: Zwei erbitterte Feinde besitzen Waffen, die ein derartiges Zerstörungspotenzial haben, dass niemand daran interessiert sein kann, sie einzusetzen. Das macht es unabdingbar, dass die Regierungen miteinander sprechen, um Missverständnisse zu vermeiden.

Vor Kurzem untersagten die USA ihren Staatsbürgern alle Reisen nach Nordkorea. Mit ein Grund dafür war nicht zuletzt der Fall des Studenten Otto Warmbier, der bei einer Reise nach Pjöngjang wegen eines Bagatelldelikts festgenommen, in einem Wachkoma aus der Haft in die USA entlassen wurde und kurz danach starb.

Diplomaten aus Washington und Pjöngjang trafen seit einigen Jahren nicht mehr in offiziellen Runden aufeinander. Seit dem US-Regierungswechsel wurden außerdem Hunderte wichtige Posten im US-Außenministerium noch nicht nachbesetzt.

Unterdessen provoziert das Trump-Kabinett die Nordkoreaner, um dann wieder zu beschwichtigen. Eine klare Strategie ist noch nicht erkennbar. Dass diese Situation gefährlich sein kann, unterstreicht eine Serie von Tweets, die Trump vor mehr als einer Woche absetzte. "Nach Beratungen mit meinen Generälen und Militärexperten, nehmt bitte zur Kenntnis, dass die Regierung der Vereinigten Staaten es nicht akzeptieren oder erlauben wird …", stand im ersten. Erst neun Minuten später kam die Fortsetzung, in der sich aufklärte, dass der US-Präsident zukünftig keine Transgender in der US-Armee zulassen will.

US-Generäle erzählten Journalisten danach, sie hätten für neun Minuten gebangt, dass Trump gerade den Nordkoreanern den Krieg erklären würde – eine Situation, die bislang undenkbar war: Dem unberechenbaren Kim Jong-un sitzt nun ein unberechenbarer US-Präsident gegenüber.

6. Die USA wirken ratlos

"Little Boy" und "Fat Man" hießen die einzigen zwei Nuklearbomben, die bislang in einem bewaffneten Konflikt eingesetzt wurden. In diesen Wochen jähren sich zum 72. Mal die Tage, an denen die USA sie über Japan abwarfen, Hunderttausende Menschen starben in nur wenigen Minuten. Das alles passierte nur einige Hundert Kilometer östlich von Pjöngjang.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass es ausgerechnet diese Waffe mehr als ein halbes Jahrhundert später einem brutalen Diktator wie Kim Jong-un erlauben könnte, seine Macht abzusichern. Kim muss wissen, dass er Suizid betreibt, wenn er die Atombombe zuerst einsetzen und die USA damit zu einem vernichtenden Gegenschlag zwingen sollte. Das wiederum müsste heißen, dass es wenig sinnvoll wäre, einen Angriff auf die Vereinigten Staaten zu starten. Garantie gibt es dafür jedoch keine.

"Hört auf zu sagen, dass es keine guten Optionen für Nordkorea gibt", meint hingegen der US-Diplomat Tom Malinowski im Magazin "Politico". Zwar würde Kim seine Atomwaffen niemals aufgeben, weil sein Überleben davon abhänge. Doch es gebe ein Druckmittel: Information. Immer kleiner werdende Datenträger machen es einfacher, Filme oder die schon jetzt überaus populären südkoreanischen Seifenopern in den Norden zu schmuggeln. Wenn die um ihre Privilegien fürchtenden Eliten mitbekämen, wie ihre Brüder und Schwestern im Süden leben, könnten sie allmählich ihre Scheu vor einem Regimewechsel verlieren. Korea müsste auf die Zeit nach Kim vorbereitet werden – und die Welt das nukleare Patt bis dahin ertragen, so gut es eben geht.

Trumps Regierung scheint das anders zu sehen. "Die Zeit für Gespräche ist vorbei", sagte Nikki Haley, US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, vergangene Woche. Was sie damit genau meinte, erklärte sie nicht. Trump wiederum ließ nach den nordkoreanischen Tests Ende Juli zwei US-Bomber aufsteigen. "Wir werden Nordkorea regeln", kündigte der US-Präsident vor wenigen Tagen gegenüber Journalisten im Weißen Haus an: "Wir werden in der Lage sein, das zu regeln. Sie werden … Es wird geregelt. Wir regeln alles."

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