Vatikan: Das Dolce Vita luxussüchtiger Monsignori hat ein Ende

Papst Franziskus - Vatikan: Das Dolce Vita luxussüchtiger Monsignori hat ein Ende

Papst Franziskus predigt Armut, die Vatikanbank ist zur Transparenz verdammt. Zwei luxussüchtige Monsignori müssen büßen.

Von Thomas Migge, Rom

Die Liste der von der Polizei beschlagnahmten Gegenstände verriet Geschmack: rund 20 Gemälde, darunter italienische Meister wie Renato Guttuso und Giorgio De Chirico und sechs Ölbilder von Vincent van Gogh; dazu erlesenste Möbel, kostbare Schränke und Truhen, Spiegel und Lampen, vornehmlich aus dem 18. Jahrhundert. Weiters als wertvolle Kuriosität eine Miniatur des Hauptaltars im Petersdom.

Die Besitzer dieser Preziosen mussten Geld haben, sehr viel Geld. Tatsächlich handelte es sich bei den beiden Festgenommenen, denen die Polizei der süditalienischen Stadt Salerno mehrere Betrugsdelikte vorwirft, um zwei Diener Gottes: Nunzio Scarano und Luigi Noli.

"Nicht schlecht für zwei Monsignori, die monatlich jeweils höchstens 2500 Euro verdienen“, so ein Berufskollege von Scarano und Noli, der namentlich nicht genannt werden will und im Governatorato, der Vatikanverwaltung, arbeitet.

Dass sie diesen Luxus nicht mit ihren Gehältern finanzieren konnten, liegt auf der Hand. Ein Monsignore ist zwar kein Dorfpriester, hat aber nicht das Einkommen eines Kardinals. Und die beiden Bewohner der rund 800 Quadratmeter großen Wohnung in Salernos bester Lage stammen auch nicht aus gut betuchtem Elternhaus. Das Geld kam von anderswo her.

Vor wenigen Jahren wäre ein solcher Fall kaum aufgeflogen. Doch seit der Heilige Stuhl wegen des undurchsichtigen Gebarens seiner Bank, dem Institut der religiösen Werke (IOR), international unter Druck geraten ist, werden alle Kundendaten überprüft. Eine Aufsichtsbehörde wurde geschaffen, und erstmals veröffentlichte das IOR einen Geschäftsbericht.

Dass Monsignore Nunzio Scarano und sein Freund Monsignore Luigi Noli keine armen Leute sind, wurde bereits am 31. Jänner des Vorjahres öffentlich. Damals erhielten sie Besuch von Einbrechern. Diese nahmen Kunst und Sammlerstücke aus dem 18. und 19. Jahrhundert mit. Die beiden Kirchenmänner erklärten den Beamten der Polizei in Salerno gegenüber, dass die geklauten Gegenstände einen geschätzten Wert von fünf bis sechs Millionen Euro hätten.

Dolce-Vita-Priester
"Uns hier im Vatikan wundert die Geschichte über die beiden Dolce-Vita-Priester nicht“, sagt der Priester aus dem Governatorato: "Das sind ja keine Einzelfälle!“ Doch die zwei Busenfreunde, von Italiens Zeitungen "i carissimi amici“ (die liebsten Freunde) genannt, scheinen es doch ein wenig zu toll getrieben haben. Um ihre Komplizenschaft zu beweisen, hat die Staatsanwaltschaft intime SMS beschlagnahmt: "Mamma mia, dieser Abend ist unvergesslich. Du bist zum Tier geworden.“

Vorwürfe: Betrug und Korruption
Für Scarano handelt es sich um die zweite Verhaftung in nur wenigen Monaten. Im Juni 2013 war der 1952 geborene, ehemalige Rechnungsprüfer der vatikanischen Güterverwaltung Apsa, der sich immer smart und elegant kleidet, unter Hausarrest gestellt worden. Die Vorwürfe: Betrug und Korruption. Er soll er über Konten bei der Vatikanbank IOR Gelder befreundeter Geschäftsleute an der Steuer vorbeigeschleust haben. Nun kam es abermals zu einer Verhaftung: Wieder soll der Geistliche betrogen haben; dieses Mal aber, so der gravierende Vorwurf, geht es auch um Geldwäscherei.

Vor allem sollen Scarano und auch sein Freund Noli in zahlreichen Fällen dem Unternehmer Cesare D’Amico behilflich gewesen sein. Gegen ihn wird wegen Steuerhinterziehung ermittelt. Für alle Genannten gilt die Unschuldsvermutung.

Den Ermittlungen zufolge hat D’Amico die beiden Geistlichen für ihre Hilfeleistungen nicht nur mit Geld belohnt - zwei bis drei Prozent der gewaschenen Geldsummen -, sondern auch mit teuren Kunstwerken. Zwischen fünf und 20 Millionen Euro aus unklaren Quellen soll der Unternehmer mit geistlicher Hilfe über das IOR gewaschen haben. Außerdem wurden Spendengelder von Geschäfts- und Privatleuten - Quellen aus der Staatsanwaltschaft in Salerno sprechen von zirka fünf Millionen Euro - von den beiden Geistlichen nicht etwa karitativen Einrichtungen und einem Altenheim in Salerno zugeführt, sondern sind angeblich auf ihren Privatkonten gelandet.

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Aufwendiger Lebensstil
Und Geld brauchten die Monsignori für ihren aufwendigen Lebensstil. Die Ermittler sprechen von Partys, bei denen Zeugenaussagen zufolge nicht nur bester Champagner in Strömen floss, sondern auch illustre Gäste aus Showbiz und VIP-Kreisen anreisten. Darunter Ex-"Wetten dass..?“-Moderatorin Michelle Hunziker und Albert von Monaco. Geld brauchte Scarano auch, um seinen ganz privaten Wahrsager, einen gewissen Emilio Zanotti, zu befragen, mindestens einmal täglich und via Telefon.

Dank ihrer mutmaßlichen Betrügereien finanzierten die beiden Busenfreunde auch Fernreisen und Immobiliengesellschaften. "Nicht ein einziger Cent scheint in fromme Werke geflossen zu sein“, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Ein Freund des Monsignori-Duos, der ebenfalls verhaftete Landi Magno aus Salerno, erklärte der Staatsanwaltschaftschaft gegenüber, dass sich "im Vatikan niemand über Scaranos Lebenswandel wunderte“, weil dieser "doch die Güter des Vatikans verwaltete, unbegrenzten Kredit und Zugang zum Papst hatte“.

Seit Papst Franziskus den Ton angibt und nicht nur bei IOR und Apsa, sondern auch in der einst allmächtigen Kurie aufräumt, besteht im Lebenswandel vieler Hirten Reformbedarf. Die Devise lautet: downgrading. Schmuddel ist das neue Gold. Der Papst selbst trägt alte Schuhe aus Argentinien, um den Hals ein einfaches Metall- oder Holzkreuz. Opulent bestickte sowie kostspielige Gewänder sieht er nicht so gern.

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Das hat sehr konkrete Folgen. "Seit rund einem Jahr verkaufen wir weniger Kaseln (liturgische Gewänder, Anm.), die teuer bestickt sind“, erklärt Gabriele Barbiconi: "Im Vatikan ist jetzt die neue Bescheidenheit ausgebrochen.“

Die Familie von Barbiconi schneidert seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts Priesterkleidung und alles, was zur Liturgie gehört, und bietet es in ihrer Boutique in der Via Santa Caterina da Siena feil, nur einen Katzensprung vom Pantheon entfernt. Hier und in der nahen Via dei Cestari befindet sich die klerikale Shoppingmeile Roms.

Biedere Unterwäsche für Nonnen, edle Schirme, samtene Hüte und mit Edelsteinen besetzte Manschettenknöpfe für den eleganten Priester, vergoldete Reisealtäre und handbemalte Madonnenskulpturen in Lebensgröße: Hier gibt es alles Irdische, was das Herz der Geistlichen höher schlagen lässt.

"Unter dem eher eitlen Ratzinger mochte man es im Vatikan prunkvoll“, so ein Mitarbeiter im Geschäft Ghezzi in der Via dei Cestari: "Damals nähten wir jeden Monat mindestens zehn kostbare Mitren für Bischöfe und Kardinäle.“ Und heute? "Nichts, fast gar nichts mehr!“

"Skandale wie die von Scarano und seinem Freund“, so ein anderer Geschäftsmann in der kirchlichen Modestraße Roms, "machen uns das Geschäft kaputt, denn solche Geschichten sorgen dafür, dass dieser Papst noch mehr darauf achtet, dass kein Geld für teures Tuch, für Mitren und edelsteinbesetzte Kruzifixe ausgegeben wird.“ Aber, fügt er hinzu und blickt hoffnungsvoll gen Himmel: "Auf jeden Papst folgt ja ein anderer.“