Reza Aslan: „Jesus muss ein Unruhestifter gewesen sein”

Reza Aslan: „Jesus muss ein Unruhestifter gewesen sein”

Der muslimische Religionswissenschafter Reza Aslan über die wahren Gründe für die Kreuzigung Christi, seine Verehrung für Papst Franziskus und einen grundsätzlichen Irrtum von Sarah Palin.

Interview: Michael Hesse

Wenn man Reza Aslan folgt, dann wäre Jesus Christus heute möglicherweise ein Ziel für einen Drohnenangriff: ein Aufständischer, der im Kampf gegen eine Supermacht zu Gewalt aufruft oder gar selbst an Gewalttaten beteiligt ist. So beschreibt der US-Religionswissenschafter Aslan in seiner Biografie "Zelot“ die Rolle des "Messias“ im historischen Kontext.

Das Buch hat in den USA eine heftige Kontroverse ausgelöst, die sich zunächst an der Person des Autors entzündete: Aslan ist Muslim. Komplizierter noch - er wuchs als Sohn iranischer Eltern muslimisch auf, besuchte eine Jesuiten-Universität, konvertierte zum Christentum und danach zurück zum Islam.

Ob sich so einer über Jesus äußern dürfe, fragte nicht nur der stockkonservative US-Sender Fox News voller Empörung. Das Buch des 41-Jährigen, der zuvor bereits mit einer kritischen Betrachtung des Islam unter dem Titel "Kein Gott außer Gott: Der Glaube der Muslime von Muhammad bis zur Gegenwart“ für Aufsehen gesorgt hatte, wurde zum Bestseller und ist vor Kurzem auch auf Deutsch erschienen*.

profil: Warum ein neues Buch über Jesus? Ist über sein Leben nicht bereits alles bekannt?
Reza Aslan: In den vergangenen zwei Jahrhunderten gab es in der Tat keine neuen Erkenntnisse über das Leben von Jesus. Allerdings wird Jesus von fast 90 Prozent der Forschungsliteratur aus der Perspektive des christlichen Glaubens beschrieben. Ich wollte die erste populäre Biografie verfassen, deren Quelle nicht das Evangelium ist, sondern das Palästina des ersten Jahrhunderts.

profil:
Und das reicht, um eine ganze Biografie füllen zu können?
Aslan: Die Wahrheit ist, dass wir nur sehr wenig über den historischen Jesus wissen. Es gibt eine Übereinstimmung nur in Bezug auf sehr wenige Fakten. Erstens: Er war ein Jude. Zweitens: Er lebte irgendwann in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Drittens: Er wurde von den Römern gekreuzigt. Das ist alles. Aber selbst wenn wir über Jesus nur wüssten, als dass er gekreuzigt wurde, wüssten wir genug.

profil:
Warum?
Aslan: Eine Kreuzigung war eine Strafe, die Rom ausschließlich für Gewalt gegen den Staat vorsah. Wer daran glaubt, dass Jesus gekreuzigt wurde, muss also gleichzeitig einräumen, dass er wegen einer Rebellion gegen den Staat ans Kreuz geschlagen wurde.

profil: Er war also kein weltabgewandter Heiliger, kein guter Hirte?
Aslan: Als solcher wäre Jesus von Rom völlig unbeachtet geblieben. Man musste den römischen Staat schon herausfordern, um gefangen genommen, gefoltert und gekreuzigt zu werden. Jesus muss ein Unruhestifter gewesen sein.

profil: Aus historischen Quellen geht hervor, dass die römischen Herrscher zu Jesu Lebenszeit immer nervöser wurden.
Aslan: Es gab in Palästina dutzende von Aufständen und Rebellionen, viele von ihnen mit messianischem Hintergrund, wie die von Jesus zu dieser Zeit. Rom registrierte aufmerksam jeden Versuch einer Rebellion durch die Juden. Und sie hatten Recht mit ihrer Vorsicht, denn im Jahr 66 nach Christus, rund 30 Jahre nach Jesu Tod, führte eine dieser Rebellionen zum Ziel: Die Römer wurden aus dem Heiligen Land geworfen.

profil: Jesus sagte, er sei der Messias. Sah er sich damit als Gottes Sohn?
Aslan: "Sohn von Gott“ zu sein, ist in der Bibel keine Beschreibung einer Tatsache, sondern ein Titel. Die Heilige Schrift berichtet von vielen Menschen, die als "Sohn Gottes“ bezeichnet wurden. Dieser Titel wurde Königen verliehen. Jesus selbst bezeichnete sich als Messias. Wenn er sagte: "Ich bin der Messias“, dann bedeutete das für die Juden seiner Zeit: "Ich bin ein Nachkomme von König David.“ Keiner seiner Zeitgenossen hätte das nur annähernd so verstanden wie "Ich bin Gott“. Das ist eine viel später entstandene, christliche Interpretation. Das zeigt wieder, wie wichtig es ist, den historischen Jesus in seiner Zeit zu verstehen. Jesus war ein Jude, der anderen Juden den Judaismus predigte. Nur wenn man dies begreift, versteht man ihn richtig.

profil: Wer war Jesus dann? Ein Unruhestifter, ein Sozialrevolutionär, der gegen Rom vorging?
Aslan: Jesus wollte König Davids Thron wiedererrichten. Dafür musste er den römischen Kaiser stürzen. Das war eine Revolte. Aber was er predigte, ging noch weit über Landesverrat hinaus.

profil: Inwiefern?
Aslan: Was Jesus predigte, war so revolutionär, dass er in der Folge dafür getötet wurde. In seiner Lehre wurde die soziale Ordnung auf den Kopf gestellt. Jesus predigte, dass die Reichen arm und die Armen reich werden sollten. Die Ersten würden die Letzten, die Letzten die Ersten sein. Das ist eine sehr attraktive Vorstellung, wenn man ganz unten ist. Und es ist eine glaubwürdige Drohung, wenn man ganz oben ist. Das ist der Grund, weshalb er letztlich getötet wurde. Würde Jesus heute leben und genau das predigen, was er damals sagte, wäre es erneut sehr gefährlich für ihn.

profil: Er steht dem jetzigen Papst Franziskus also sehr nahe.
Aslan: Exakt. Der Papst hat einige wichtige Bemerkungen über Einkommen, Gleichheit und unfairen Kapitalismus gemacht. Einige der Politiker in den USA, Sarah Palin inbegriffen, kritisierten den Papst für diese Bemerkungen hart. Ich habe ihnen in einem Artikel für die "Washington Post“ geantwortet: Wenn ihr ein Problem damit habt, was der Papst sagt, habt ihr ein Problem mit Jesus - denn beide sagen exakt das Gleiche.

profil: Sie waren Christ und sind zum Islam konvertiert. Nun schreiben Sie ein Buch über den säkularen Jesus. Wie kommt das?
Aslan: Ich hatte die Gelegenheit, Jesus aus der Perspektive des Glaubens und der Tatsachen zu betrachten. Das gab mir die Perspektive für den Blick auf Jesus den Menschen und Jesus den Christen. Ich habe auf der einen Seite einen großen Respekt vor jenen, die in Jesus den Sohn Gottes sehen, auf der anderen Seite konnte ich mich aber von Lehre und Dogmatik befreien und von einem objektiven Standpunkt aus auf Jesus blicken. Mein Glaube war auf lange Sicht vorteilhaft für mich.

profil: Hat die Arbeit an diesem Buch Ihre Sichtweise auf Jesus geändert?
Aslan: Heute interessiert mich an ihm, was auch für Atheisten spannend sein kann: sein politischer Einfluss. Die Ironie ist, dass ich nun wesentlich hingebungsvoller gegenüber Jesus als Mensch geworden bin, als ich es jemals gegenüber Jesus Christus war. Ich meine besonders seinen Kampf, wie man soziale Ungleichheit überwinden könnte. Das ist heute genauso von Relevanz wie vor 2000 Jahren. Dieser Jesus ist so hinreißend, dass man zu seinem Anhänger werden kann, auch ohne ein Christ zu sein. Für mich selbst gilt das definitiv.

profil: Sie sind Muslim und haben das Buch "Kein Gott außer Gott“ über den Islam geschrieben. Sehen Sie viele Ähnlichkeiten zwischen den Worten von Jesus und der Lehre des Islam?
Aslan: Wenn man die Botschaft von Jesus mit jener des Propheten Mohammed vergleicht, sind sie sehr nahe beieinander. Oder besser: Sie sind der Botschaft aller großen Propheten sehr nahe.

profil: Die Botschaft von Jesus oder Mohammed und selbst Buddha wird oft von Fundamentalisten missbraucht.
Aslan: Absolut. Die Fundamentalisten in jeder Religion - christliche, jüdische und muslimische - haben mehr miteinander gemeinsam als mit ihrer eigenen jeweiligen Religion. Ein christlicher Fundamentalist ist einem muslimischen Fundamentalisten ähnlicher als einem modernen aufgeschlossenen Christen.

profil: Wenn Sie Jesus mit den anderen vergleichen, die als Messias auftreten: Wer war, historisch gesehen, wirkungsvoller?
Aslan: Es gab zu dieser Zeit viele, die sich als Messias bezeichneten, die meisten von ihnen waren viel erfolgreicher und wirksamer als Jesus. Ein Messias, sein Name war "Der Ägypter“, hatte 1000 Anhänger. Aber 2000 Jahre später haben wir die anderen vergessen und erinnern uns nur an Jesus.

profil: Warum ausgerechnet an ihn?
Aslan: Wer stirbt, ohne das Königreich Davids wiedererrichtet zu haben, konnte nicht der Messias sein. Auch Jesus konnte also nicht der Messias sein. Es sei denn, man ändert die Definition und Erwartung bezüglich des Messias. Und das taten die Menschen in dieser Zeit. Sie predigten das neue Konzept des Messias - nicht den Juden, aber den Römern. Und so wurde der Begriff des Messias römischer und griechischer. Der Grund also, warum Jesus als Symbol des Messias überlebte und die anderen nicht, lag daran, dass die Definition des Messias verändert wurde.

profil: Welche Reaktionen gab es auf Ihr Buch?
Aslan: Das Buch wurde zu einer Art von globalem Phänomen. Es gibt einige Missverständnisse bei den Christen, denn es ist nicht Gott, den ich in diesem Buch beschreibe, sondern ein Mensch. Diese Christen hatten bis jetzt nicht die Gelegenheit, diese Person in ihrer Zeit kennenzulernen. Die bedenklichste Reaktion kam von der politischen Rechten, mehr noch als von religiöser Seite. Gerade viele Politiker in Amerika, die im Namen Jesu zu sprechen vorgeben, stehen in Wahrheit seiner Lehre diametral entgegen. Jesus wäre sicher verwirrt über das, was heute in ihm gesehen wird.

Reza Aslan: "Zelot: Jesus von Nazaret und seine Zeit“. Rowohlt 2013, 384 Seiten, 23,60 Euro