Robert Treichler: Verf…t im Weißen Haus

Robert Treichler: Verf…t im Weißen Haus

Was beim Versuch, Donald Trump loszuwerden, alles schiefgehen kann. Eine Warnung.

Während seines Wahlkampfs brüstete sich Donald Trump in einem Interview mit dem TV-Sender Fox News mit seinen Leadership-Qualitäten: „Ich hatte noch nie Probleme damit, Leute zu führen. Wenn ich sage, macht es, dann werden sie es machen.“ Vergangene Woche stellte sich heraus, dass diese schmeichelhafte Selbsteinschätzung des US-Präsidenten, wie viele andere auch, auf einem gewaltigen Irrtum beruhen könnte. In der „New York Times“ bekannte sich eine anonym bleibende Person, die von der Redaktion als „hoher Beamter des Weißen Hauses“ bezeichnet wurde, zu ungeheuerlichen Dingen. So würden mehrere ranghohe Mitarbeiter von Donald Trump (darunter die NYT-Quelle selbst) konsequent Pläne des Präsidenten hintertreiben, um Schaden von den USA abzuwenden.

Dieses Geständnis passt zu dem diese Woche erscheinenden Buch „Fear – Trump in the White House“, in dem der Starjournalist Bob Woodward schildert, dass etwa der mittlerweile zurückgetretene Wirtschaftsberater des Präsidenten, Gary Cohn, „einen Brief von Trumps Schreibtisch gestohlen“ habe, um zu verhindern, dass Trump ein Handelsabkommen mit Südkorea aufkündige. Nicht wenige enge Mitarbeiter des Präsidenten halten laut Woodwards Recherche den mächtigsten Mann der Welt für einen „Idioten“, einen „Fünft- oder Sechstklässler“, einen „verfickten Lügner“ – und das Weiße Haus für „Crazytown“.

Selbstverständlich folgten auf diese Berichte jede Menge Dementis. Vize-Präsident Mike Pence ließ etwa ausrichten, er sei nicht der Verfasser des Kommentars in der „New York Times“, Außenminister Mike Pompeo verneinte ebenfalls; Stabschef John Kelly verwahrte sich dagegen, Trump einen „Idioten“ genannt zu haben.

Der Aufruhr ist auf jeden Fall immens. Eine Gruppe angeblicher Maulwürfe, die im Weißen Haus die Aktivitäten des Präsidenten sabotiert; eine Administration, die ihren Chef als Gefahr für das Wohl des Staates sieht – es scheint, als könnten die USA in eine Staatskrise schlittern. Der anonyme Autor des Textes in der „New York Times“ schreibt vielsagend, er und seine Komplizen würden ihr geheimes Werk fortsetzen, „bis es – auf die eine oder andere Weise – aus ist“.

Erleben die USA tatsächlich einen öffentlich angedeuteten Versuch, den Präsidenten zu stürzen? Und wäre das wünschenswert?

Trump-Gegner sehen mehrere gute Gründe für ein vorzeitiges Ende seiner Amtszeit: die schwelende Russland-Affäre, möglicherweise illegale Wahlkampffinanzierung in Form von Schweigegeldzahlungen an Frauen, mit denen Trump Sex hatte, und nun die Hinweise aus Trumps engster Umgebung auf eine charakterlich-intellektuelle Amtsunfähigkeit des Präsidenten.


Die bittere Wahrheit lautet: Ein unlauterer Versuch, Trump loszuwerden, kann den Schaden, der durch seine Wahl angerichtet wurde, noch vergrößern.

Doch Trumps Ende auf diese Weise herbeiführen zu wollen, wäre unzulässig. Keines der bisher von Sonderermittler Robert Mueller zutage geförderten Indizien rechtfertigt ein Amtsenthebungsverfahren, und dass sogar enge Mitarbeiter den Präsidenten für einen Idioten und Lügner halten, sollte die Öffentlichkeit zwar erfahren, aber das reicht beileibe nicht für eine (zumal komplizierte) Feststellung der Amtsunfähigkeit gegen den Willen des Präsidenten, wie sie in Punkt 4 des 25. Zusatzartikels der US-Verfassung geregelt ist (der bisher noch nie angewendet wurde).

Das heißt allerdings nicht, dass die ständige Destabilisierung des Präsidenten und damit auch des Weißen Hauses nicht zu einem veritablen Drama führen könnte. Aber selbst das kann sich niemand wünschen, dem am Wohl der amerikanischen Demokratie gelegen ist. Ein um sich schlagender Donald Trump, der sich mit einer immer kleiner werdenden Zahl an engsten Vertrauten verschanzt und allen anderen misstraut, würde unabschätzbar großen Schaden in den USA und der ganzen Welt anrichten. Der kluge Bob Woodward sagt in einem aufgezeichneten Telefonat am Ende des Gesprächs zu Trump: „Weil Sie der Präsident sind, wünsche ich Ihnen viel Glück.“

Die bittere Wahrheit lautet: Ein unlauterer Versuch, Trump loszuwerden, kann den Schaden, der durch seine Wahl angerichtet wurde, noch vergrößern. Sollte kein juristisch zwingendes Verfahren gegen ihn geführt werden können, ist es jedenfalls besser, für seine Abwahl 2020 zu kämpfen – falls Trump überhaupt noch einmal kandidiert.

Noch etwas sollte uns Sorgen bereiten: Trump steht in den Umfragen längst nicht so schlecht da, wie man es angesichts der immer neuen Enthüllungen erwarten könnte. Ein Trump-Anhänger schrieb vergangene Woche auf der Facebook-Seite der rechtsnationalistischen News-Webseite Breitbart.com: „In dem New-York-Times-Artikel steht nichts, was wir nicht schon gewusst haben. Er (Trump, Anm.) ist impulsiv. Er geht seinen eigenen Weg. Wisst Ihr was? Deshalb hat er gewonnen.“

Die gute Nachricht zum Schluss: Bei den Kongresswahlen am 6. November kann eine deutliche Niederlage der Republikaner Trump entzaubern, ihn erstmals zum Verlierer stempeln, seine Handlungsfähigkeit einschränken und seine Niederlage 2020 einläuten. Dann wird Politikberichterstattung wieder ohne den Terminus „verfickter Lügner“ auskommen.

robert.treichler@profil.at
Twitter: @robtreichler