Nelson Mandela „hat uns alle befreit”

Südafrika - Nelson Mandela „hat uns alle befreit”

Der ehemalige Gefängnis­wärter Christo Brand über seine Zeit als Aufseher von Nelson Mandela und die Freundschaft, die sich ­daraus entwickelte.

Interview und Foto: ­Johannes Dieterich, ­Kapstadt

profil: Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Nelson Mandela?
Christo Brand: Ich hatte den Namen Nelson Mandela noch nie gehört, als ich mit einer Gruppe von 21 jungen Gefängniswärtern im November 1978 nach Robben Island kam. Dort wurde ich der B-Sektion der Haftanstalt zugeteilt, in der die Führer der politischen Häftlinge saßen. Weil Mandela sehr groß war, ragten seine Füße immer über die Matte auf den Zement hinaus. Er stand auf und grüßte freundlich. Im Lauf des Tages fragte ich jemanden, warum diese Leute denn eingesperrt seien. Man sagte mir: „Das sind Terroristen. Sie versuchen, die Regierung zu stürzen, und töten unsere Kinder.“

profil: Sie hatten keine Ahnung, wer Nelson Mandela war?
Brand: Ich bin auf einer Farm groß geworden, und meine Eltern sprachen nicht über Politik. Ich selbst hasste die Häftlinge zunächst. Ein Freund von mir war ein Jahr zuvor an der namibischen Grenze im Gefecht mit schwarzen Befreiungskämpfern umgekommen: Ich schwor mir, zu diesen gefährlichen Leuten Distanz zu halten.

profil: Wie hat sich das in der Folge verändert?
Brand: Allmählich. Ein Zwischenfall, der mir Mandela als Mensch näherbrachte, war wohl besonders wichtig: Seine Frau Winnie hatte für einen Besuchstermin ein Baby in einer Decke auf die Insel geschmuggelt, es war ein Enkel Mandelas. Winnie fragte mich, ob sie Mandela das Kind zeigen könne. Das war mir aber zu riskant, denn Winnie hätte das bestimmt Journalisten erzählt, und dann wäre ich dran gewesen. Kinder waren auf Robben Island verboten. Also sagte ich nein. Doch am Schluss des Besuchs musste Winnie noch etwas erledigen und drückte mir das Baby in die Arme. Ich wollte mich wehren: Schließlich hatte ich bis dahin noch nie ein schwarzes Baby gehalten. Winnie ließ sich davon allerdings nicht beeindrucken. Als sie draußen war, nahm ich die Chance wahr, ging zu Mandela und gab ihm das Kind. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Danach war unser Verhältnis anders: Wir fingen an, über persönliche Dinge zu reden.

profil: Zum Beispiel?
Brand: Er fragte mich, woher ich käme und welche Ziele ich im Leben hätte. Er wollte von allen Wärtern wissen, warum sie sich nicht weiterbildeten. Er versuchte zu motivieren, selbst wenn man sein Feind war. Einmal schmuggelte er eine Tafel Schokolade mit einem Brief an meine Frau aus dem Gefängnis, in dem er sie aufforderte, mich zum Studieren anzuhalten.

profil: Er selbst studierte die ganze Zeit.
Brand: Ja. Ich war sogar sein „Studienbeauftragter“. Ich beaufsichtigte ihn bei seinen Examen für die Fernuniversität und half ihm bei der Anmeldung. Er übte mit mir auch sein Afrikaans. Er war viermal in diesem Fach durchgefallen und forderte mich auf, nur noch Afrikaans mit ihm zu sprechen. Auf meine Anregung hin schrieb er einen 500 Worte langen Essay auf Afrikaans über seinen ersten Spaziergang am Strand von Robben Island.

profil: Dass Mandela Afrikaans lernte, lag vermutlich nicht nur an seinen Studien. War es nicht auch Teil seiner Taktik, die Gefängniswärter auf seine Seite zu bringen?
Brand: Das ist richtig. Wenn ein Schwarzer Englisch mit dir spricht, versuchst du, ihn zu ignorieren. Wenn er Afrikaans spricht, hast du mehr Respekt vor ihm. Mandela lernte unsere Sprache, um uns besser zu verstehen.

profil: …was ihm auch später zugute kam.
Brand: Nicht zuletzt aus diesem Grund verlief der Übergangsprozess so störungsfrei. Mandela kannte die Ängste der Weißen, die Furcht, von den Schwarzen ins Meer geworfen zu werden. Er hatte sie an uns Gefängniswärtern studiert. Er verstand es, die Weißen zu beruhigen und auf diese Weise die Versöhnung einzuleiten.

profil: Trainierte er mit Ihnen, was er später bei den Verhandlungen einsetzte?
Brand: Ja, wir haben oft über Politik geredet. Mandela machte uns klar, dass die Schwarzen für ihre Rechte und ihre Freiheit kämpften. Ich fragte mich: Warum stellt uns die Regierung auf die eine und die Schwarzen auf die andere Seite? Für mich war die Apartheid Blödsinn.

profil: Hatte Mandela die Ausstrahlung einer Führungspersönlichkeit?
Brand: Nein, er war nüchtern und unkompliziert. Er schaffte es immer, dass sich die Menschen um ihn herum wohl fühlten – selbst als er Präsident war. Als ich ihn in dieser Eigenschaft einmal im Gang im Parlament sah, rief ich: „Hallo, Nelson!“ Seine Leibwärter fauchten mich an, dass ich den Präsidenten nicht mit Vornamen anreden könne. Er rief mich jedoch zu sich, legte seinen Arm um mich und sagte: „Das ist Herr Brand, den müsst ihr immer zu mir durchlassen.“

profil: Sie nannten ihn Nelson?
Brand: Ja, Nelson oder Mandela.

profil: Und er nannte Sie Herr Brand?
Brand: Als ich zum Sergeant ernannt wurde, nannte er mich sogar Sergeant Brand. Er respektierte immer meinen Rang.

profil: Sie waren selbst kein Rassist?
Brand: Mein Vater war arm. Als armer Weißer wurde man wie ein Schwarzer behandelt. Wir durften reiche Farmer nicht durch den Haupteingang ihrer Farmhäuser aufsuchen, sondern mussten wie die Schwarzen den Hintereingang benutzen. Ich wusste, wie Schwarze fühlten.

profil: Zu Ihrer Aufgabe gehörte es auch, Mandelas Briefe zu zensieren. Ließen Sie öfter absichtlich etwas durchgehen?
Brand: Nein, das ging nicht. Von allen ­Briefen wurden Kopien an die Sicherheits­polizei geschickt. Es wäre zu riskant gewesen, Briefe aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Außerdem wurden alle Telefonleitungen von Robben Island abgehört. Und wenn ich das Wochenende frei hatte, wurde ich gelegentlich beobachtet. Ab und zu bekamen auch meine Freunde Besuch von der Sicherheitspolizei: Sie wollten wissen, was ich meinen Freunden von der Insel erzählte.

profil: Haben Sie manche Briefe von Mandela einfach behalten?
Brand: Auch das ging nicht. Im Juli 1978, zu Mandelas 60. Geburtstag, kamen tausende von Postkarten aus aller Welt an: Die verbrannten wir alle. Nur sechs persönliche Briefe aus der Familie gingen durch.

profil: Haben Ihre Kollegen Ihnen manchmal vorgeworfen, zu nett zu den Gefangenen zu sein?
Brand: Ein Gefängnisdirektor pflegte mich Kaffir-Boetjie zu nennen („Kaffer-Bub“, ein Schimpfwort für Weiße mit guten Beziehungen zu Schwarzen, Anm.). Noch vor einem Jahr, als wir uns zufällig über den Weg liefen, fragte er mich: „Na, Kaffir-Boetjie, wie geht es deinen Freunden?“ Noch heute gibt es Leute, die wegen meiner Freundschaft mit Mandela nichts mit mir zu tun haben wollen.

profil: Sie haben tiefe Einblicke in Mandelas Privatleben gewonnen, haben alle seine Briefe gelesen und waren bei den Besuchen seiner Familie dabei ...
Brand: ... und ich habe auch manchen Familienstreit miterlebt. Einmal war Mandela sehr zornig, weil seine Tochter die Ausbildung an der Universität in Kapstadt abbrach, die er für sie arrangiert hatte.

profil: Hatten auch Sie manchmal Streit mit ihm?
Brand: Ich erinnere mich an zwei Fälle: Als ein Wärter Mandelas Zeitung nicht zurückgab, die er ausgeliehen hatte. Und als ein Besuch Winnies nicht zum „Kontaktbesuch“ erklärt worden war, das heißt, Mandela musste sie hinter einer Scheibe sehen. Das waren die zwei einzigen Anlässe, bei denen ich Mandela richtig wütend erlebte.

profil: Wenn Sie auf die 17 Jahre zurückblicken, in denen Sie Mandelas Wärter waren: Was tut Ihnen da leid?
Brand: Ich hätte die Häftlinge sicher noch besser behandeln können. Ich musste aber meinen Job tun. Generell finde ich es sehr schade, dass Mandela so lange im Gefängnis saß. Er hätte früher freigelassen werden sollen, dann wäre das mit der Versöhnung auch noch besser gelaufen.

profil: Würden Sie Mandela als Freiheitskämpfer bezeichnen?
Brand: Er war ein Freiheitskämpfer für sein Volk.

profil: Nur für sein Volk? Hat er die weißen Südafrikaner nicht befreit?
Brand: Damals hätte ich das nicht so gesehen. Aber heute weiß ich, dass er uns alle befreit und für das neue Südafrika vorbereitet hat. Mich selbst hat er zu seinem Botschafter gemacht, der das Evangelium der Freiheit verkündigt.

Zur Person
Christo Brand, 53, wuchs auf einer abgelegenen Farm in Südafrika auf, wo damals noch das Apartheid-System herrschte. Im Alter von 18 Jahren begann er als Justizwache­beamter auf der Gefängnisinsel Robben Island zu arbeiten. Von da an war er 17 Jahre lang für die Bewachung des südafrikanischen Befreiungshelden Nelson Mandela zuständig.