Timothy Garton Ash: "Man soll Verhetzung nicht per Gesetz verfolgen"

Timothy Garton Ash: "Man soll Verhetzung nicht per Gesetz verfolgen"

Der britische Historiker Timothy Garton Ash über politische Korrektheit, Facebook und eine Humortherapie für den Nahen Osten.

Der Himmel über Oxford ist grau. Dunkle Wolken ballen sich über dem Hort der Meinungsfreiheit. In der englischen Universitätsstadt, die zu den intellektuellen Zentren Großbritanniens zählt, läuft die Diskussion über politische Korrektheit aus dem Ruder. Seit einiger Zeit gewinnt das "Safe Space Network" immer mehr Anhänger im angelsächsischen Raum. Zu seinem Konzept gehören "sichere Zonen" an Unis, in Studentenverbindungen, aber auch in intellektuellen Debatten. Es soll nicht mehr alles gesagt werden dürfen, was andere kränken oder traumatisieren könnte.

"Mikroagressionen" nennt man die angeblich latente Gewalt von Worten in den USA, wo die "Bewegung der Beleidigten" entstand. Inzwischen hat sie auch Großbritannien erfasst. Auf Druck von Studierenden wurde an einer ostenglischen Universität vergangenes Jahr verboten, von einem mexikanischen Schnellimbiss verteilte Sombreros zu tragen -Mexikaner könnten dies als rassistisch interpretieren.


Selbstzensur der Studenten

Gegen die neue Empfindsamkeit regt sich Widerstand. Wer vom Zentrum von Oxford mit seinen prachtvollen mittelalterlichen Gebäuden 20 Minuten Richtung Norden spaziert, erreicht am Ende des St. Antony College das European Studies Centre. Dort sitzt Timothy Garton Ash unter einem Poster der polnischen Solidarność-Bewegung aus den späten 1980er-Jahren. Nach Einschätzung des 61-jährigen Professors für Europäische Studien grenzt die Diskussion über "sichere Zonen" an Unversitäten an "Selbstzensur der Studenten".

Ash hat ein Projekt ins Leben gerufen, das für die Meinungsfreiheit weltweit kämpft: freespeechdebate.com. Universitäten, NGOs, Privatpersonen, Digital Natives -alle können sich am Versuch beteiligen, den Chancen und Gefahren des Internetzeitalters gerecht zu werden. Das Recht auf Redefreiheit soll genauso geschützt werden wie die Würde der Andersdenkenden. Ash will eine global vernetzte Zivilgesellschaft stärken, um Hasspostern und Volksverhetzern die Stirn zu bieten und dabei Zensur zu vermeiden.

Zu diesem Projekt gehört auch Garton Ashs neues Buch "Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt" (Hanser Verlag, 687 Seiten, 28,80 Euro), das er am Dienstag dieser Woche auf Einladung des Instituts für die Wissenschaft vom Menschen (IWM) im Wien Museum vorstellt.

Im Interview mit profil spricht Timothy Garton Ash fehlerfreies Deutsch. Nur einmal stockt der Professor: "Wie sagt man ,echo chambers' auf Deutsch?"- gemeint sind die sogenannten "Echokammern" im virtuellen Raum, in denen immer nur die eigenen Meinungen widerhallen, bis sie als einzig gültige Wahrheit angenommen werden. Genau gegen diese geschlossenen Räume in Medien und Gesellschaft will Ash ankämpfen.

Timothy Garton Ash über ...

... die Gefahr, dass "sichere Zonen" an Universitäten zu Selbstzensur führen

"Die übertriebene Empfindlichkeit, die aus dem Konzept der ,sicheren Zonen' spricht, ist bedenklich. Jedes Wort kann anstößig sein. In Amerika wurde einem Studenten verboten, zu einer gemischten Gruppe ,You guys' zu sagen, weil er damit die Frauen in der Gruppe verletzen könnte. Das ist völlig absurd! 'Guys' ist doch längst ein Begriff, der Männer und Frauen einschließt. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der wir jede Minute ängstlich aufpassen müssen, was wir sagen oder nicht. Das ist für uns in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten ein großes Problem geworden. Wir müssen aber auch differenzieren.

'Rhodes muss fallen' (eine Kampagne zur Entfernung eines Denkmals für den Brachial-Imperialisten Cecil Rhodes, auf den die Gründung des heutigen Zimbabwe zurückgeht, Anm.) hier in Oxford ist meiner Meinung nach eine legitime Bewegung. Sie hat eine Diskussion über die koloniale Vergangenheit Großbritanniens angestoßen.

Wenn die Einführung von "sicheren Zonen" in Universitäten aber heißt, dass die bekannte Feministin Germaine Greer ausgeladen wird, weil manche an ihrer Meinung zu Transgender-Menschen Anstoß nehmen, dann sollten wir das als liberale Universität nicht akzeptieren. Das ist eine studentische Zensur, die wir nicht zulassen dürfen. Es sollten mehr Stimmen gehört werden, nicht weniger."

... die Gründe für das Entstehen der "Bewegung der Beleidigten"

"Dazu gibt es etliche Hypothesen. Eine lautet, dass diese Generation so behütet aufwuchs, dass sie es nicht gewohnt ist, herausgefordert zu werden - von kritischen, aber auch von bösartigen Meinungen. Manche geben der Welt des Internets die Schuld, weil dort anonyme Beschimpfungen ganz normal seien. Die Menschen wollten sich deshalb in 'sichere Räume' zurückziehen. Da widerspricht die erste Hypothese der zweiten: Sind die Jugendlichen heute zu behütet oder zu sehr den Gefahren des Internets ausgesetzt? Die dritte Hypothese: Jung sein heißt dagegen sein -gegen das, was ist. Wir haben heute eine liberale Orthodoxie. Die Studenten bäumen sich gegen diese Orthodoxie auf, indem sie das Liberale ad absurdum führen."

... die Idee seines Projekts und den Rückzug der Meinungsfreiheit

"Wir sind alle Nachbarn geworden in unserer vernetzten Welt -aber nicht unbedingt gute Nachbarn. Wir müssen nicht nur in Betracht ziehen, was wir hier im Westen denken, wir müssen mitdenken, was in China passiert. Das Freespeechdebate-Projekt will alle einbinden: Universitäten, Journalisten, NGOs, junge Menschen. Vor fünf Jahren konnten wir unsere Website noch in Peking propagieren. Wir konnten am Tahrir-Platz in Kairo oder im Taksim-Gezi-Park in Istanbul frei darüber diskutieren. Heute? Unmöglich. Wir sind in diesen fünf Jahren in die Defensive geraten.

... die Unvereinbarkeit von Humor und religiösem Fanatismus

"Die größte Bedrohung für die Redefreiheit ist das 'Veto des Attentäters'. Es gibt Fanatiker, die sagen: 'Wenn du das veröffentlichst, bringen wir dich um.' Und sie machen das auch, wie bei ,Charlie Hebdo'. Schuld an einem Mord ist aber immer der Mörder und nicht der Ermordete. Egal, ob man eine Karikatur zeichnen sollte oder nicht - der Autor ist nicht schuld an seinem eigenen Tod. Die Satire ist seit der Antike ein Spezialgebiet. 'Charlie Hebdo' und Jan Böhmermann gehören dazu. Wenn wir den Sinn für Humor verlieren, dann verlieren wir sehr viel. Der israelische Schriftsteller Amos Oz sagt, er habe nie einen Fanatiker getroffen, der Humor hatte - und nie jemanden, der Humor hatte und gleichzeitig ein Fanatiker war. Deshalb spricht er sich für die großflächige Verbreitung von 'Humor-Pillen' im ganzen Nahen Osten aus."

... Facebook und die Zivilgesellschaft

"Man soll Verhetzung nicht per Gesetz verfolgen, das bewirkt wenig. Ich propagiere eine robuste Gegenrede in der Zivilgesellschaft und in den Medien. Ohne uns gibt es kein Facebook und kein Google. Ohne uns gibt es kein Anzeigengeschäft. Also müssen wir klarmachen, was wir wollen. Wir haben Potenzial. Denn wir sind genauso wichtig - wenn nicht wichtiger - als die jeweilige Regierung. Lichtblicke gibt es überall. In Polen kam es zu einer fantastischen Massenmobilisierung von Frauen gegen das schreckliche Abtreibungsgesetz der rechten Regierung. Die Frauen haben gewonnen, das Gesetz fiel."

... die Problematik der direkten Demokratie

"'Das Volk muss sprechen', heißt es jetzt überall. Das ist nur so lange gut, wie Parlamente und Verfassungen nicht außer Kraft gesetzt werden. Die Idee der britischen Premierministerin, das Ergebnis des Brexit-Referendums vom Parlament nicht bestätigen zu lassen, steht in völligem Widerspruch zum klassischen britischen Verfassungsverständnis. Es kann gefährlich werden, wenn die Souveränität des Parlaments ausgesetzt wird, weil der Volkswille per Referendum gesprochen hat. Das ist unsere Form von Populismus. Das ist aber nicht nur in Britannien so. Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst des Populismus."

Dienstag, 25.10. 18:30
Buchpräsentation Timothy Garton Ash
"Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt"
Wien Museum